Haltbar

Ist dies der Anfang vom Ende der Frauenförderung?

18. Juni 2012, von Prof. Günter Buchholz

Politik fordert: Arbeiterkinder in die Hochschulen!

Taxifahrer oder Ingenieur?

Angesichts des herrschenden neoliberalen Zeitgeists, der nicht nur rechts von der Mitte weht, ist in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 13. 06. 2012 ein Artikel erschienen, der bemerkenswert ist und der wie folgt betitelt und eingeleitet wird:

„Arbeiterkinder in die Hochschulen - Wo die Eltern nicht zum Studium ermutigen, sollen die Studenten übernehmen / Uni und HAWK starten Projekte.

Nur bis zu zwölf Prozent der Studenten kommen aus den sogenannten ´bildungsfernen Schichten´ - das sind Arbeiter- und Handwerkerhaushalte,  in denen die Universitätsausbildung eher misstrauisch beäugt wird.

´Das ist im europäischen Vergleich zu wenig, wir müssen etwas daran ändern´, sagt Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU).

Ihr Ministerium finanziert bis Ende 2013 ein Modellprojekt mit einer Million Euro: Fünf Hochschulen versuchen, junge Leute aus ´bildungsfernen Schichten´ gezielt für ein Studium zu motivieren. Mit dabei sind die Universität Hildesheim und die Fachhochschule HAWK."

Im Folgenden werden zwei Probleme thematisiert: die Finanzierung und die sogenannten Schwellenängste. Letztere werde besonders betont:

„Die Gründe für die Schwellenängste sind im Detail zwar nicht erforscht, doch Wolf Dermann von der Organisation ´Arbeiterkind.de´ , die sich dieses Thema zur zentralen Aufgabe gemacht hat, sieht eine bestimmte Erfahrung: ´Immer dann, wenn jemand gegen Widerstände doch den Weg zum Studium beschritten hat, gibt es jemanden, der ihn an die Hand genommen und gefördert hat.´

Solche Vorbilder könnten etwa gleichaltrige Studenten sein. Daher komme es darauf an, sogenannte `Mentoren` in die Schulen zu schicken, deren Aufgabe es sein soll, Mut zum Studium zu machen.

Insgesamt hatten sich elf Hochschulen um die Förderung beworben. Ausgewählt wurden auch die Universitäten Göttingen und Oldenburg sowie die Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel."

Bemerkenswert ist dieser Artikel aus mehreren Gründen. Erstens wird damit ein wichtiges Thema der 68-Studentenbewegung aufgegriffen, die von unseren postmodernen Zeitgeistern üblicherweise gern diffamiert wird.

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Zweitens fällt auf, dass es Frau Prof. Dr. Johanna Wanka (CDU) ist, die das Projekt präsentiert, auch wenn damit noch nicht gesagt ist, dass sie es konzipiert hat.

Drittens wird hier implizit von der "feministischen Dichotomie" Abschied genommen: es geht um Studenten, und nicht etwa nur um weibliche Studenten. Und es geht stattdessen wieder und völlig zu Recht um soziale Schichtung.

Viertens hindert das Frau Ministerin Professorin Dr. Johanna Wanka ansonsten nicht daran, sich dennoch der feministischen Sichtweise zuzuordnen.

Fünftens ist es kein Zufall, dass die nicht-monetären Möglichkeiten - insbesondere das aus der feministischen Politik entlehnte Mentoring - hervorgehoben werden. Denn in Zeiten der sogenannten Schuldenbremse und des Fiskalpakts sind zumindest die sozial- und bildungspolitischen Weichen nicht zuletzt von der CDU auf finanzielle Kürzung gestellt worden. Diese Austeritätspolitik ist aus theoretischer Sicht falsch, und sie ist praktisch zum Scheitern verurteilt; ein Blick auf die derzeitige europäische Entwicklung belegt das. Man vergleiche hierzu im Einzelnen die zahlreichen Beiträge mit Verweisen, die auf den Nachdenkseiten (www.Nachdenkseiten.de) erschienen sind.

Die Austeritätspolitik wirkt im Hinblick auf die Kapitalakkumulation (das sogenannte "Wachstum") als Bremse, und sie verhindert zum Beispiel die notwendigen Zukunftsinvestitionen von Bund, Ländern und Gemeinden. Im Widerspruch hierzu wäre mehr Geld nötig, um Kindern aus bildungsfernen Schichten die Aufnahme eines Studiums zu ermöglichen und zu erleichtern. Das heißt, Studiengebühren müssten abgeschafft und Stipendien (Bafög-Gesetz) müssten erhöht werden. Ersteres wäre Landes-, letzteres wäre Bundespolitik. Beide Veränderungen bleiben aber bis auf weiteres ideologisch, interessen-, finanz- und steuerpolitisch blockiert.

Die Lehre für und die Förderung von Studenten aus bildungsfernen Schichten (nicht zuletzt Migranten) ist für Fachhochschulen nichts Neues. Dieser Personenkreis hatte hier immer schon einen großen bis sehr großen Anteil. An den Universitäten dürfte sich das jedoch anders darstellen. Gesehen werden muss, dass die Hochschulen und die Hochschullehrer sich in besonderer Weise auf die Studenten einstellen müssen, weil die Studierfähigkeit nicht selten eben nicht einfach vorausgesetzt werden kann, sondern durch zusätzliche Lehrangebote und Trainings erst gezielt hergestellt werden muss. Denn Studenten aus bildungsfernen Schichten bringen kein familiengebundenes Wissen mit um das, was ein Studium eigentlich ist, nämlich ein prinzipiell selbstbestimmter, proaktiv zu gestaltender Bildungs- und nicht nur ein fremdbestimmter Ausbildungsprozess - und was es vom einzelnen fordert, aber in einer Lebensperspektive auch weit über das Ökonomische hinaus ermöglicht.

Werden solche Lücken erfolgreich geschlossen, dann können sich die Befähigungen der Studenten aus bildungsfernen Schichten voll entfalten. Das gilt jedenfalls, wenn der Zugang zum Studium nicht durch Studiengebühren oder unzureichende Stipendien erschwert wird. Ist dies jedoch – wie gegenwärtig - der Fall, dann resultiert ein Zwang, während des Studiums nicht nur nebenbei der Erwerbsarbeit nachzugehen.

Wenn wegen fehlender finanzieller Mittel der Herkunftsfamilie während einer Studienwoche mehrere Tage für Erwerbsarbeit genutzt werden müssen, dann verkürzt sich entsprechend die für das Studium zur Verfügung stehende Zeit. Aus dem offiziellen Vollzeitstudium wird inoffiziell ein faktisches Teilzeitstudium. Und das wird in der Regel zu einer quantitativ oder quantitativ verringerten Studienleistung führen. Deshalb genügt es nicht, durch Mentoring mehr potenzielle Studenten zum Studium zu motivieren, sondern es müssen von der Politik vor allem die finanziellen und die didaktischen und studienorganisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden, damit eine solche Werbung nicht zu Enttäuschungen auf allen Seiten führt.

Sechstens ist anzumerken, dass eine Quotenregelung für Arbeiterkinder, an die im Zeitalter der dritten Frauenbewegung leicht hätte gedacht werden können, etwa bei der Zulassung zum Studium, nicht hilfreich wäre, weil die soeben benannten realen Probleme dadurch gerade nicht gelöst würden. Sie wäre überdies schädlich, weil sie das Niveau des Studiums beeinträchtigen würde.

Erfreulicherweise scheint sie diesmal von der Politik nicht in Erwägung gezogen worden sein. Vielleicht - und das ist zu hoffen - ist damit das Ende der Quotenpolitik überhaupt in Sicht.

Kommentare   

 
mira
+1 # mira 2012-06-29 00:00
Ich stimme dem Artikel zu.

Da ich selber im Moment noch studiere, und als "Spätstudiererin" erheblich unter den Studiengebühren, wie auch die mangelnde Finanzierung leide, wie auch problematischen Familienverhältnissen, wobei ich selber dazu noch auf mein "Privatleben" teilweise verzichte, um diese Defizite aufzuarbeiten.

Der Preis den ich momentan für mein "Recht auf freie Berufswahl" bezahle ist sehr hoch. Ich bin ein Kind der "der guten Bürgerschicht".

Studieren hat als solches massiv an Wertschätzung verloren. Wer studiert ist was besseres und nicht weil Wissen im Vordergrund steht, sondern es ist momentan perse eine "Ausbildung für Reiche".
Wer ein wirtschaftsorientierte Hochschule will (wie die FDP bzw. CDU ermöglicht hat), die nach Exzellenz strebt und dabei auf Inhalte verzichtet, darf sich nicht wundern, dass dieser Hochleistungsmarathon nur noch die wenigsten bestehen und inhaltslose Hochleistungssportler Akademiker. Diese sind nicht mehr in der Lage ihre eigenen Schwerpunkte und Interessen benennen zu können, aber hübsch aussehen und souverän Bullshit labern, um dafür als Managerinnen viel Geld zu bekommen.

Albert Einstein wäre heute in unserem Bildungssystem in der Sonderschule verreckt oder in Gerontopsychiatrie auf Haldol ruhiggestellt.

Es macht mich sehr wütend und sprachlos, wenn ich über das Hochschulsystem in Deutschland nachdenke. Dabei betrifft es die Zukunft.

Wobei der Fachkräftemangel, schon alleine daraus resultiert, dass zu viele (besonders Jungen!) auf Sonderschulen landen und keinen Zugang zu einer qualifizierten Ausbildung bekommen. Statt stumpfsinnig einfach nur aus anderen Ländern Fachkräfte einzustellen, wäre eher das selektive Ausbildungsystem abzuschaffen, damit Fachkräfte ausgebildet werden können.

Ich will momentan nicht wissen, wie viele Potentiale Deutschland mit dieser miesen Bildungspolitik an die Wand gefahren hat.
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Chomsky
0 # Chomsky 2012-06-19 16:32
@Günter Buchholz

Den Text finde ich gut: Was mir persönlich weniger gefällt ist der Begriff "bildungsfern" und hierzu würde es wohl unterschiedlichste Gründe geben. Aber der nachfolgende Text listet m.E. schon einige gute Gründe auf.

"Wer bitte ist hier bildungsfern?
Warum das Offensichtliche zugleich das Falsche ist"
von Erich Ribolits, Bildungswissenschaftler

www.gew-berlin.de/blz/22795.htm
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Günter Buchholz
+2 # Günter Buchholz 2012-06-18 14:38
Das Sprichwort weiß: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Ich habe deshalb bloß eine Hoffnung ausgesprochen, kann aber dem - gewiß nicht unbegründet skeptischen - Kommentator nur zustimmen.
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Michael Klein
-3 # Michael Klein 2012-06-18 12:19
Als Arbeiterkind und Hochschulabsolvent aus "bildungsfernen Schichten" kann ich den paternalisierenden Grundton dieses Artikels einfach nicht so hinnehmen. Warum wollen Sie aus Arbeiterkindern neue "Sozialfälle" machen, die an der Universität gleich durch Sonderbehandlung stigmatisiert werden müssen? Selbst Bourdieu und Passeron, die den Professoren-Habitus beklagt haben, haben daraus nicht den Schluss gezogen, man müsse Arbeiterkinder sonderbehandeln, sondern den Schluss, Professoren müssten sich ändern. Auch darüber kann man meiner Meinung nach anderer Ansicht sein, denn ich sehe Universitäten nach wie vor als Orte des Lernens und des Erkenntnisgewinns, auch wenn es zunehmend schwieriger wird, dieses Bild aufrechtzuerhalten, Sie sind jedoch keine verkappten Sonderschulen, an denen man sein Hilfsbedürfnis nunmehr über Arbeiterkindern ausgießt.

Aber das alles ist - wie man in England sagt: academic, denn solange Arbeiterkinder bereits in den Grundschulen aussortiert werden, übrigens aus den selben Gründen, aus denen Sie eine Sonderbehandlung an Universitäten einführen wollen und aus den selben Gründen, aus denen Arbeiterkinder als "bildungsfern" stigmatisiert werden, um Sonder- und Hauptschulen zu füllen, ist es müsig, sich darüber zu unterhalten, ob man Arbeitkinder, es sind eher 8% as 12% übrigen, besonders fordern muss.

Ich kann es langsam nicht mehr ertragen, dass in Deutschland nahezu jeder Diskurs unmittelbar dazu missbraucht wird, um sich als hilfewütiger Gutmensch zu inszenieren, dem das Wohl von wem auch immer am Herzen liegt. Die Welt wäre mit Sicherheit eine bessere, wäre sie befreit von all diesen selbsternannten Wohlmeinenden, die anderen unbedingt und ungebeten helfen wollen.
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Günter Buchholz
+7 # Günter Buchholz 2012-06-18 21:55
Erstens: ich habe mich, beginnend in den späten 60er Jahren, selbst auf dem 2. Bildungsweg entwickeln müssen, und ich war mit vergleichsweise ungünstigen ökonomischen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen seitens meiner Herkunftsfamilie ausgestattet. Ich weiß also aus eigener Erfahrung, was das bedeutet. Und wie Sie habe ich die damit verbundenen Probleme schließlich - mit erheblichen persönlichen Anstrengungen - gemeistert.

Zweitens: was ich schreibe, schreibe ich aus einer mehrjährigen Erfahrung als Assistent an einer Universität und einer siebzehnjährigen Erfahrung als Hochschul-lehrer an zwei Fachhochschulen. Zur Situation an den Fachhochschulen habe ich einen cuncti-Artikel veröffentlicht, in den diese Erfahrung eingeflossen ist.

Drittens: Natürlich wünsche ich mir so wie alle meine Kollegen Studenten, die nicht nur eine formale Studienzugangs-berechtigu ng haben, sondern tatsächlich studierfähig sind. Leider ist die Welt aber oftmals nicht so. Sollen wir Ihrer Meinung nach nun gnadenlos alle heraus-prüfen, wie das an Universitäten zumindest teilweise wohl gemacht wird, oder sollten wir, wie ich meine, nicht besser versuchen, Brücken zu bauen und eine Chance zu geben, noch vorhandene Startlücken zu schließen, um dann ganz normal studieren zu können? Meine Erfahrung ist, dass sehr viele Studenten sich ausgesprochen positiv entwickelt haben, wenn die Hochschullehre am Beginn des Studiums auf diese weder von den Studenten noch von den Hochschulen zu verantwortende soziale Sachlage angemessen eingegangen sind. Wieso Sie das wütend als "Paternalisimus" denunzieren, das ist mir unbegreiflich. Es geht lediglich um einen gewissen und sowieso unvollständig bleibenden Ausgleich für eine gesellschaftlich bedingte soziale Ungleichheit. Falls dann in der ersten Studienphase der Motivationsmotor dennoch nicht zündet, dann ist das Spiel für diese Person ohnehin gelaufen, und das verantwortet sie dann mit allen Konsequenzen selbst. -

Viertens: die Politik setzt - abgesehen vom Frauenquotenthema - seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Hochschul-politik mehr oder weniger nur das um, was "die Wirtschaft" will. Und so ist das auch bei der "Offenen Hochschule", im Hinblick auf die auch ich Bedenken habe; ich habe dazu in der Zeitschrift "Die Neue Hochschule" Stellung genommen. Dieses von Ihnen kritisierte Handeln der Politik ist übrigens direkter Ausdruck einer neoliberalen (im Sinne von Hayek & Friedman) Hegemonie. Unter dem Titel "Die Zukunft der Hochschulen" finden Sie im Netz meine dazu veröffentlichte Analyse.
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Michael Klein
-4 # Michael Klein 2012-06-19 10:48
Sehr geehrter Herr Buchholz,
ich will es kurz machen.
Die Klage von Professoren darüber, dass die meisten Studenten nicht "studierfähig" sind, selegiert nicht nach sozialer Herkunft. Warum ist es Ihnen so wichtig, Studenten nach ihrer sozialen Herkunft zu selegieren? Warum soll ein Student aus einer Arbeiterfamilie, der das Abitur erreicht hat, nicht in gleicher Weise zum Studium befähigt sein, wie ein Student aus der Mittelschicht? Machen Sie Aufnahmetests und vergleichen die Ergebnisse von Studenten aus der Arbeiterschicht mit den Ergebnissen von Studenten aus der Mittelschicht oder haben sie mehr persönliche Motive, sich besonders um Studenten aus der Arbeiterschicht zu kümmern?

Glauben Sie im Ernst, dass ihre "Sonderbehandlung" (ich meine das tatsächlich so, wie ich es schreibe) den entsprechenden Studenten dabei hilft, erfolgreich zu studieren bzw. sich erfolgreich in die Studentengemeinde zu integrieren? Was ist mit den Studenten, die sich ihre Variante von affirmative action verbieten und nicht damit in Verbindung gebracht werden wollen? Was machen Sie mit diesen Studenten, die Sie bereits umfassend als hilfsbedürftig eingeordnet haben?

Und wie ist das im nach FH-Leben, betreuen Sie die Studenten dann im besonders schwierigen Übergang zwischen FH und Arbeitsplatz weiter? Wenn Sie sich eigenständig und über den zweiten Bildungsweg "empor"gearbeitet haben und Ihnen dabei vermutlich niemand geholfen hat, dann frage ich mich, warum Sie diese Erfahrung der Selbstwirksamkeit anderen verweigern wollen.

Welche Startlücken, ausser der sozialen Herkunft, sehen Sie eigentlich zwischen Studenten aus der Arbeiterschicht und Studenten aus der Mittelschicht? Das interessiert mich jetzt wirklich!

Neoliberal ist übrigens ein Begriff, der im Rahmen der Freiburger Schule und um Walter Eucken herum begründet wurde. Er hat mit Hayek nur am Rande, mit Friedman überhaupt nichts zu tun. Ich wäre daher vorsichtig, nebenbei bemerkt, wenn ich derartig zweideutige und ideologische Kampf-Begriffe wie "Neoliberalismus" verwende!

Und wer um aller Götter Willen ist "die Politik". Ich denke, diese Begriffsverwendung macht einiges deutlich. Für Sie gibt es offensichtlich kollektive Akteure, die man als "die Politik" zusammenfassen kann. Für mich gibt es nur Individuen und deshalb werde ich so ärgerlich, wenn jemand daher kommt, und Studenten zuerst in Bausch und Bogen nach sozialer Herkunft zusammenfasst, um sie dann zur Gruppe der Bedürftigen zu erklären, der man helfen muss.
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Günter Buchholz
+13 # Günter Buchholz 2012-06-19 12:01
Sehr geehrter Herr Klein,
erstens: ich denke, dass Sie mich mißinterpretiert haben. Was Sie sich da vorstellen, das hat so nie statt-gefunden; könnte es sich um eine Projektion handeln?
Wenn ich im ersten Semester in das Studium einführte, dann zeigte sich im Prozess der Lehre, der persönlichen Kommunikation und der Erarbeitung der Prüfungsleistung empirisch, wer in hinreichender Weise auf das Studium vorbereitet und dafür motiviert war - und wer eben nicht, und diesen Personen habe ich mich dann besonders zugewandt, um sie zu motivieren und ggf. punktuell zu unterstützen, um damit eine weitere Unterstützung überflüssig zu machen.
Ich habe dazu nicht ihre soziale Herkunft erfragt, wie Sie anzunehmen scheinen. Aber mit der Zeit zeigen sich eben bestimmte Regelmäßigkeiten.
Ich sehe genau das als eine Aufgabe von Hochschullehrern an.
Zweitens: woher wissen Sie (wie Margret Thatcher), dass es angeblich nur Individuen gibt? Es gibt aber außer Individuen auch Gruppen (z. B. Familien), soziale Schichten und soziale Klassen, und es gibt sogar eine ganze Gesellschaft.
Die Berufspolitiker bilden in unserem Land m. E. eine solche gut bestimmbare Schicht. Die Presse spricht meist abkürzend von der "politischen Klasse" oder kurz "der Politik", und ich bin ihr diesmal gefolgt. Frau Wanka operiert nicht individualistisch, sondern in einem politischen Feld gemeinsam mit anderen, und wenn sie politisch handelt, dann betrifft das das gesamte politische Feld - was für andere Politiker natürlich ebenso gilt.
Ähnlich wird von "der Wirtschaft" gesprochen, und dann sind in der Regel die einflußreichen Konzerne, Verbände und Unternehmerpersönlichkeit en gemeint.
Drittens: Der Neoliberalismus hat sich tatsächlich nach dem 2. Weltkrieg mit dem Freiburger Zentrum gebildet, aber er war seinem Selbstverständnis nach ein Ordoliberalismus (Eucken, Röpke, Müller-Armack), dem man Hayek wegen inhaltlicher Unterschiede wohl nicht zuordnen kann, auch wenn er dem Umfeld zuzurechnen sein dürfte.
Hayek´s Mont-Pélerin-Gesellschaft (vgl. hierzu die Bücher von Walpen, sowie von Nordmann)wurde schon in den späten 30er Jahren in Paris gegründet und stellt einen eigenständigen Entwicklungsstrang dar, der sich in den 70er Jahren mit dem Monetarismus Milton Friedmans und dessen Anknüpfung an die neoklassische Gleichgewichtstheorie kombinierte; die beiden Nobelpreise für Friedman und Hayek zeigen das an.
Wenn Sie Friedman lesen, werden Sie unschwer feststellen, dass er in gesellschaftspolitischer Hinsicht ein Libertärer (vgl. hierzu: Wikipedia) war, und eben deshalb sehr nah bei Hayek. Die Wiederbelebung des Neoliberalismus nach dem keynesianischen Intermezzo von ca. 1965 - ca. 1980 wird deshalb kurz Neoliberalismus oder richtiger und treffender Rechtsliberalismus genannt, weil es beträchtliche Unterschiede zum Ordoliberalismus (und sicherlich auch zum Linksliberalismus) gab und gibt;
vgl. in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Washington Consensus der 90er Jahre oder auch das gespannte Verhältnis zum bürgerlichen Staat, der für die Ordoliberalen mindestens partiell ein positive Rolle spielte (Kartellgesetze). -
Es gibt hierzu übrigens eine lesenswerte "Kleine Geschichte des Neoliberalismus" von David Harvey.
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Michael Klein
-11 # Michael Klein 2012-06-19 12:16
"Zweitens: woher wissen Sie (wie Margret Thatcher), dass es angeblich nur Individuen gibt? Es gibt aber außer Individuen auch Gruppen (z. B. Familien), soziale Schichten und soziale Klassen, und es gibt sogar eine ganze Gesellschaft."

Nun, bislang habe ich es nicht geschafft, mit einer Gruppe in Interaktion zu treten, immer nur mit Personen. Ich weiß wohl, dass es ab und zu Post von Ämtern gibt, aber wenn man dann dort anruft, ist immer ein Individuum und nie das AMT am Telefon. Insofern sind Gruppen und sonstige kollektive Akteure schlicht kollektive Halluzinationen und somit Gegenstand sozialpsychologischer Forschung. Es mag eine kognitive Erleichterung darstellen, in kollektiven Stereotypen (um nichts anderes handelt es sich) zu sprechen, aber das ändert nichts daran, dass es DIE Deutschen sowenig gibt wie DAS AMT oder DIE Arbeiterkinder.

Danke für die Einführung in den Neoliberalismus/Ordoliber alismus. Ich bevorzuge jedoch die Arbeiten von Viktor Vanberg zu diesem Thema. Und ich darf Ihnen meinerseits die Constitution of Liberty von Hayek empfehlen, wenn Sie das dann mit den Grundsätzen der Wirtschaftspolitik von Eucken vergleichen, werden sie feststellen, wo die Unterschiede zwischen Ordoliberalismus/Neoliber alismus und Liberalismus wie er von Hayek vertreten wird, zu finden sind. Ich mag diese ganzen Begrifflichkeiten nicht sonderlich, aber gut, wenn Friedman ein Libertärer ist, dann frage ich mich gerade, was Nozick dann wohl ist?

Und zum Schluss noch Baroness Thatcher im O-ton, um ihren Bezug fortzuführen:
"In my lifetime, all our problems have been come from mainland Europe and all the solutions have come from the English-speaking nations of the world". Schauen wir mal, wie die Eurokrise gelöst wird...
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Günter Buchholz
+3 # Günter Buchholz 2012-06-19 17:33
Sehr geehrter Herr Klein,
ich möchte - in aller Ruhe - auf folgende Punkte hinweisen:
1. Von einem biologischen Standpunkt aus gibt es tatsächlich nur Individuen. Aber schon Aristoteles wußte, dass Menschen ein zoon politikon oder ein gesellschaft-liches Wesen sind. Und diese Gesellschaftlichkeit ist real. Es gibt dafür eine Wissenschaft, die Soziologie.
2. Die Finanzkrise ist bekanntlich vom Banksystem der USA ausgegangen (Subprime-Krise). Und ja, bei der Konzeption des EURO-Raums wurden Fehler gemacht, die jetzt manifest geworden sind. Aber über die kausale Rolle (nicht Schuld!) des deutschen Exportmodells wird öffentlich geschwiegen; vgl. hierzu die Bücher von Flassbeck.
3. Auf die Irrtümer der Chicago School of Economics, z. B. die Theorie der rationalen Erwartungen (Lucas), kann ich leicht verzichten. Übrigens ist David Harvey Amerikaner.
4. Gehört zur Wissenschaftlichkeit nicht immer auch die Skepsis, und die Vorläufigkeit unserer Erkenntnisse?
Ich zweifle z. B. mit (!) Ihnen sehr ernsthaft daran, dass die Vorstellungen, die im 19. und frühen 20. Jh. in einer linken Denktradition bezüglich des Begriffs des "Patriarchats" formuliert wurden, jemals wirklich tragfähig waren.
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Michael Klein
-4 # Michael Klein 2012-06-20 09:33
Lieber Herr Buchholz,

dann will ich Ihnen in aller Ruhe antworten.

1. Das zoon politikon ist, wie Sie wissen, obwohl es von Aristoteles stammt, nicht unumstritten. Ich halte es, was die "Sozialität" von Menschen angeht, lieber mit Oliver Williamson und seinem Hinweis, dass Menschen opportunistisch und nicht sozial handeln werden, wenn sie die Gelegenheit dazu haben.

2. Ich will diesen Punkt nicht zu weit ausdehnen, aber ohne öffentliche Banken, die nachdem Ihen von der EU die Anstalts- und Gewährträgerhaftung entzogen wurde, wie wahnsinn in ABS investiert haben, um auf diese Weise doch noch irgendwie Gewinn zu machen, wäre die Suprime-Mortgage Krise mit Sicherheit nicht in der Weise in Deutschland angekommen, wie sie es ist. Ich sehe den Ausgangspunkt der SMC u.a. in der Intervention der Regierung Bush (Jedem Amerikaner sein Haus), dem vielen leicht und frei verfügbaren Kapital, das aus Europa und Asien den amerikanischen Markt überschwemmt hat und darin, dass die Risiken, die sich mit Einzeltiteln verbinden, auf mehrere Schultern verteilt werden, so wie das jetzt im ESM der Fall ist, übrigens nichts anderes als ein Special purpose vehicle und somit identisch mit den securities-providern, die die SMC ausgelöst haben.
4. Ich glaube, hier haben wir keinerlei Dissens.
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Günter Buchholz
+1 # Günter Buchholz 2012-06-21 09:42
Lieber Herr Klein,
ich beschränke mich zum Abschluß meinerseits auf einen Quellenhinweis: www.fakultaet4.fh-hannover.de/.../gb-02-11.pdf
Zum theoretischen Verständnis der Finanzkrise hat m. E. Hyman P. Minsky bereits in den 70er und 80er Jahren sehr wichtige Beiträge geliefert. Die reale Entwicklung, also die Deregulierung der Finanzmärkte, ist jedoch interesse-getrieben in die entgegengesetzte Richtung verlaufen. Das reale Ergebnis kennen wir.
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Kommentar
+7 # Kommentar 2012-06-18 08:27
Abwarten, Herr Buchholz!

Die notwendige, fundamentale Delegitimation des Gleichstellungsparadigmas für die gesellschaftlichen Filetstücke ist eine Frage von Jahrzehnten und Generationen.

Leider ist davon auzugehen, dass diejenigen, die dem "Genderwahn" aufgesessen sind, nicht ruhen werden, bis überall dort, wo prestigeträchtige Positionen verteilt werden, 50:50 erreicht ist.

Wenn es 90% Kapitäne gibt, wird dies rasch skandalisiert und Abhilfe gefordert.
Wenn 99% der Matrosen auch Männer sind, stört dies in der Öffentlichkeit niemanden, da deren Arbeitsplätze nicht attraktiv erscheinen, da hier schwer malocht werden muss, ohne Aufstiegsperspektive, Gestaltungsspielraum, besondere Anerkennung oder hohe Entlohnung.

Problematisch im Hochschulbetrieb ist auch, dass noch immer nahezu ausschließlich Frauenförderung in den MINT-Studiengängen und auf dem Weg zur Professur betrieben wird, während Frauen inzwischen die gesamte Univerwaltung dominieren, als Angestellte auf sicheren, gut bezahlten, angenehmen Jobs zu Abertausenden an jeder Uni den Alltag bestimmen und in zahlreichen, wichtigen, komplexen Fächern mit guten Karriere- und Gehaltsaussichten praktisch unter sich sind, wie in Medizin, Psychologie oder allen Lehramtsstudiengängen.

Dabei ist gerade darin wegen der NC-Lastigkeit der Vergabe am schwierigsten ein Studienplatz zu bekommen, während die MINT-Fächer überhaupt keine Beschränkungen kennen.

Mittlerweile ist es so, dass es an den Unis überhaupt nur noch auf Professuren und im mathematisch-naturwissens chaftlichen Bereich einen nennenswerten Anteil Männer gibt, der relativ ebenfalls ständig schrumpft.

Eine Gesellschaft ohne Ärzte, Psychologen, Lehrer, Geisteswissenschaftler, Journalisten etc. wird in bedenkliches Fahrwasser geraten, da 'das Weibliche' schon heute die sozialen Konventionen prägt, weil alle Bildungs- und Sozialeinrichtungen feminisiert wurden und sich dieser Trend binnen Generationenfrist auf alle Lebensbereiche ausdehnen wird, ohne, dass 'den Frauen' (wie gerne kollektiverend gesagt wird) besondere Husarenstücke zur Steigerung des Innovationspotenzials dieser Gesellschaft gelungen wären.

Damit sind nicht nur Patentanmeldungen oder Unternehmensgründungen gemeint, sondern auch in der Medizin und sogar in der Pädagogik sind selbst in jüngster Zeit sämtliche neue Entwicklungen, Hintefragungen des Vorhandenen, Reflektion und Evolution von Systemen beinahe ausschließlich von Männern ausgegangen, auch in Fächern, in denen fast keine Männer mehr studieren.

Der Umgang mit 'dem Männlichen' an Schulen und Universitäten, die Wahrnehmung von Jungen als Trägern von Defiziten, als Hürden für Mädchen auf ihrem Weg zu vollendeter Selbstentfaltung, als potenzielle Verursacher allen Leids, als das personifizierte Böse, als diejenigen, die es 'in Schach' zu halten und zu domestizieren gilt, ist skandalös!

Wir brauchen eine neue Kultur der Anerkennung der positiven Wirkungen von Männlichkeit bei der Erziehung von Kindern genauso wie für den Erhalt und die Akkulmulation unseres enormen materiellen wie geistig-ideellen Wohlstands, der ohne männliche Pioniere und ohne selbstbewusste Jungen nicht einmal im Ansatz realisierbar gewesen wäre bzw. fortzuschreiben sein wird.
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