Streitbar

Was will das Weib, was soll die Quote?

Was will das Weib?21. Juni 2012, von Dr. Cora Stephan, zuerst erschienen in derStandard.at

Warum die neuerdings wieder forcierte Debatte um die angebliche Dringlichkeit eines höheren Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorstandsgremien oder sonst wo an den tatsächlichen Problemen unserer Lebens- und Arbeitsrealität völlig vorbeigeht

Noch nie waren sie so wertvoll wie heute. Alle Welt möchte Frauen - vor allem in den Aufsichtsräten und Vorstandsetagen der Nation. Warum sie da nicht längst schon sitzen, die Angehörigen des besseren Geschlechts? Weil die Männer lieber unter sich sind und Frauen wegbeißen, die Anstoß an ihren schlechten Manieren nehmen könnten? Weshalb wir uns regelmäßig die Frisur an der "gläsernen Decke" ruinieren, an die wir stoßen, wenn wir nach oben wollen?

Plötzlich findet sie überall Fürsprecher, die Quote. Wenn die Männer nicht wollen, muss man sie eben zwingen. Prima. Das Problem ist nur, dass man auch die Frauen zwingen muss, ihr Glück in den Vorstandsetagen zu suchen. Ahnen sie, dass man nur deshalb nach ihnen ruft, weil angesichts der Altersstruktur der Gesellschaft ohne sie das Niveau des gesellschaftlichen Wohlstands nicht zu halten ist?

Unerfreulich und komplexe Wahrheit

Nun, die Wahrheit ist komplex und also unerfreulich. Denn das Weib weiß auch Jahrzehnte nach Freud noch immer nicht, was es will, obwohl es doch alles darf und soll. Auch Frauen heute zeigen sich entscheidungsschwach: Wollen sie Kinder, Küche, Kerl? Oder doch lieber Karriere? Oder beides? Alles auf einmal? Eins nach dem anderen? Bei vielen hält der Zweifel so lange an, bis sich die Frage durch den Gang der Dinge von selbst erledigt hat.

Und daran ist mal nicht die Unterdrückung durchs Patriarchat schuld, im Gegenteil: seit den Frauen wenigstens hierzulande niemand mehr sagt, was sie müssen; seit sie endlich auch dürfen, was sie wollen, scheinen sie sich selbst ein Rätsel geworden zu sein.

Frauen können rechnen

Gut also, dass sich neuerdings wieder mächtige Stimmen erheben, die den Weibern sagen, wo's lang geht. Diesmal sind es allerdings nicht Landes- und Kirchenfürsten, die ihnen bei ihrer Willensfindung beistehen, sondern die Frauen, die Mütter, ach was: die Großmütter der Bewegung, die den richtigen Weg ausleuchten. Doch was die sagen, kündet nur vom alten Dilemma: Frauen können alles und machen es niemandem recht - nicht sich selbst, nicht den Männern, nicht anderen Frauen, mit den Müttern angefangen. Aber vor allem nicht den Übermüttern der Frauenbewegung.

Cora Stephan: Angela Merkel - ein IrrtumAllen Ermahnungen und öffentlichen Kampagnen zum Trotz wird nur eine verschwindend kleine Minderheit der Frauen Ingenieur oder macht eine Maurerlehre. Frauen streben keineswegs massenhaft in die Aufsichtsräte der Republik und an die Schalthebel der Macht. Obwohl ihnen alle Wege offen stehen, entscheiden sich die meisten Frauen für klassische Frauenberufe. Und die, die in einem klassischen Männerberuf Karriere machen? Verlassen ihn oft vorzeitig, weil sie noch anderes im Leben vorhaben. Frauen, konstatieren Forscherinnen, nehmen sich die Freiheit, die sie heute haben, um sich anders zu entscheiden als Männer, weil sie andere Ansprüche ans Leben und ans Berufsleben haben. Männer und Frauen sind nun mal unterschiedlich.

Da geht dann der Streit gleich wieder los. Wer sich die Freiheit nimmt, Frauen in ihren Lebensentscheidungen ernst zu nehmen, wer daraus auf Geschlechtsunterschiede schließt und gar die Biologie, die Hormone, die "Natur" zitiert, darf mit erbittertem Widerstand rechnen. Frauen selbst trauen ihren Geschlechtsgenossinnen nicht zu, freie Entscheidungen getroffen zu haben, wenn sie Kinder und Haushalt wählen oder selbstbewusst dem sozialen Beruf statt der lukrativen Karriere den Vorzug geben.

Frauen sind weder blöd noch Opfer und die meisten von ihnen können rechnen. Manche von ihnen sind durchaus kühl kalkulierende Subjekte: Sie schicken den Mann frühmorgens zum Geldanschaffen aus dem Haus, dessen Bereitschaft dazu im übrigen steigt, sobald Kinder da sind. Nicht, dass die Damen nun sämtlich zuhause säßen bei Milchkaffee und Maniküre. Aber wer behauptet eigentlich, dass die Freude an Küche und Kindern nicht ebenso groß sein kann wie die Erfüllung, die der Mann in seinem Beruf findet? Zur Freiheit der Frauen gehört auch, etwas zu wählen, was gerade kein uraltes Rollenmodell ist, sondern eher eine Errungenschaft der Neuzeit. In der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts kämpfte man dagegen, alle und alles in die große Tretmühle des Frühkapitalismus zu geben und empfand die Hausfrauenehe als Freiheit.

Und die Rente, für die Hausfrau und Mutter nicht einzahlt? Und was, wenn er sie irgendwann verlässt, weil er was Frischeres hat? Dagegen helfen Voraussicht und ein Ehevertrag und im übrigen das deutsche Scheidungsrecht, das nicht dafür bekannt ist, dass es die Männer begünstigt.

Frauen mögen also feige sein, wenn es um Berufskarrieren geht, Opfer im Hausfrauenkittel sind sie nicht. Und dass es die Männer wären, die sie an einer Karriere hinderten, so sie denn eine wollen, stimmt immer wieder - und immer wieder nicht. Gut ausgebildete Frauen werden umworben wie nie zuvor.

"Doppelbelastung" und "Rabenmütter"

Die Demografie und der Fachkräftemangel arbeiten ihnen zu: Unternehmen bezahlen heute fast jeden Preis, um ihre qualifizierten Mitarbeiterinnen zu halten. Doch selbst der reicht oft nicht aus, um Frauen die "Doppelbelastung" mit Kindern und Karriere schmackhaft zu machen. Frauen verdienen im Schnitt nicht deshalb weniger als Männer, weil man ihnen etwas vorenthält, sondern weil sie Teilzeitmodelle wählen und weniger Zeit am Arbeitsplatz zu verbringen.

Der Weg aus dem Dilemma ist gar nicht so steinig und deutet sich längst an. Er heißt: Wertschätzung der Älteren. In einer Welt, in der man mit 40 etwas sein muss, weil man sonst nichts mehr wird, sind Frauen in der Tat diskriminiert, sofern sie Kinder möchten und dem Vorwurf der "Rabenmutter" entgehen wollen, der umso lauter ertönt, desto seltener Nachwuchs geworden ist.

Die Quote ist Quatsch

Erst wenn Frauen nicht mehr fürchten müssen, beruflich ins Aus zu geraten, wenn sie ihre Kinder eine Zeit lang wichtiger nehmen als ihren Beruf, könnte gelingen, was Politiker bislang mit Geld nicht zustandebringen: dass Frauen wieder Kinder kriegen. Die Karriere dann eben später - und wenn man sie sich anschaut, die Lagardes und Merkels, die auf ihre je eigene Weise eine verdammt gute Figur machen, dann möchte man sich glatt darauf freuen.

Die Quote ist Quatsch. Die Diskussion darüber tut so, als ob noch immer der Kampf der Geschlechter unser Leben bestimmt. In Wirklichkeit sind es unsere Lebens- und Arbeitsstrukturen, die nicht mehr passen. Auch wenn man damit nicht die Welt rettet: hier läge die Möglichkeit, sie zumindest zu verändern.

 

Bildnachweis: Alexandre Jacques Chantron (1891) Danae

Kommentare   

 
Kommentar
+6 # Kommentar 2012-06-21 10:30
Super Artikel, Frau Stephan!

Ich stimme Ihrer Konklusion im Wesentlichen zu!

Drei etwas abweichende Anmerkungen möchte ich Ihnen und allen weiteren Besuchern dieser Seite aber dennoch nicht vorenthalten:

1.) Fachkräftemangel

Die meisten Frauen zählen NICHT zu der Art Fachkräften, die unsere Volkswirtschaft benötigt.
Dies stellen Sie ja selbst völlig zutreffend fest, denn mehr als 4 von 5 Absolventen der Ingenieursstudiengänge sind Männer - das Verhältnis stagniert trotz aller Frauenförderung/-bevorzugung.

Deshalb spielten und spielen Frauen für die Erarbeitung, den Erhalt und die Evolution unseres materiellen (!) Wohlstands nahezu keine Rolle.

Beinahe alle Erfindungen, Patente, Ideen, Systemfragen etc. werden von Männern getätigt, angemeldet und gestellt.
Ebenso gehen ein Großteil der Unternehmen, Parteien, Arbeitsplätze, Steuerzahlungen, die dauerhaft erfolgreich sind und etwas "abwerfen", ebenfalls im Verhältnis 3:1 - 98:1 auf das Konto von Männern.

Unsere Volkswirtschaft ist nämlich primär durch Innovationen, angewandte neue Forschungsresultate, qualitativ hochwertige Produkte/Dienstleistungen und Vorreiterschaften so erfolgreich, für die praktisch ausschließlich männliche Forscher, Ingenieure etc. verantwortlich zeichnen und nicht wegen des Heeres an Germanistinnen, Kommunikationwissenschaft lerinnen, Verwaltungsfachangestellt en und sonstigen öffentlich Bediensteten in Teilzeit.

2.) "Rabenmütter"

Der Wind hat sich längst gedreht.
Heute werden nicht mehr Frauen, die trotz kleiner Kinder arbeiten gehen, schräg angesehen, sondern diejenigen, die das nicht tun.
Gesamtgesellschaftlich gibt es in Deutschland inzwischen einen partei-, lager-, schichten- und generationenübergreifende n Konsens darüber, dass alles dafür getan werden soll und wird, Frauen nach der Geburt so schnell wie möglich wieder in die Erwerbstätigkeit zu bekommen.
Augenscheinlichste Maßnahme hierfür ist insbesondere die angestrebt KiTa-Vollversorgung (1000 Euro im Monat pro Kind aus Steuergeldern), am besten schon für kleinste Babys.
Das Betreuungsgeld (150 Euro) hingegen wird weithin barsch abgelehnt.
So viel zur "Wahlfreiheit".
Meines Erachtens haben sich die Intoleranzen nur gewandelt.
Das neue Rollenbild für Frauen ist, wie das frühere, ebenfalls reichlich starr und begleitet von Tabuisierungen jeglicher Kritik.
Grund hierfür ist nicht nur die von Ihnen mehrfach genannte Demographie, sondern v.a. die feministische Annahme, dass Gleichberechtigung und die Emanzipation der Frauen ausschließlich über deren vollständige Implementierung in das Arbeitsleben zu erreichen ist.
Das Hausfrauendasein - so die Ideologie - schwäche die Rolle der Frauen in der Gesellschaft generell.
Daher auch der Wunsch nach "Karriere".

3.) Filetierung

Dies bringt mich abschließend zu einem weiteren, wichtigen Punkt, den Sie, Frau Stephan, bereits streifen, aber nicht so recht problematisieren:
Den Umstand, dass viele führende Feministinnen, inzwischen aber auch der Mainstream der Gesellschaft und die meisten PolitikerInnen, unter Gleichberechtigung keineswegs die Übernahme der Hälfte der bislang von Männern getragenen Lasten durch Frauen verstehen, sondern lediglich die weibliche Partizipation an den "Filetstücken" unserer Gesellschaft, den prestigeträchtigen, angenehmen, einflussreichen Positionen mit ihren Gelegenheiten zu weiterem Aufstieg und narzisstischen INSTANT-Befriedigungen, ein hohes Einkommen selbstverständlich vorausgesetzt.
Dass alle körperlich anstrengenden Arbeiten, alle psychisch besonders herausfordernden Tätigkeiten, dass überall dort, wo Gefahren drohen, Unannehmlichkeiten, Entbehrungen zu ertragen sind, fast nur Männer arbeiten, scheint keine/n zu stören.
Das ist bigott!
Denn dem, von Ihnen völlig zutreffend beschriebenen, Phänomen, dass Frauen oft mit Teilzeitstellen oder der Haushaltsführung zufrieden sind, viel Zeit mit ihren kleinen Kindern verbringen wollen etc., liegt - wie selbstverständlich - die Annahme zugrunde, dass Männer - sozusagen naturgegeben - lebenslang Vollzeit erwerbstätig sein wollen, zu sein haben und ihre Frauen vollständig materiell versorgen müssen, sogar unabhängig von Trennungen/Scheidungen, so dass sich die Frauen "überlegen" können, wie sie ihr Leben nach ihren Vorstellungen und Prioritätensetzungen gestalten möchten.
Ebenso wird nach wie vor davon ausgegangen, dass Frauen Jahre Zeit gegeben werden müssten, nach Geburten von Kindern mit der Arbeit auszusetzen und danach weitermachen zu können, als hätten sie all ihre Energien in ihren beruflichen Aufstieg gesteckt.
Für einen Mann sind derartige Wahloptionen und Lebensperspektiven nicht einmal Wunschträume.

Gleichberechtigung bedeutet jedoch ganz wesentlich, Verantwortung für die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen zu übernehmen, Mut zu beweisen, Risiken einzugehen, Unsicherheiten zu ertragen, Frustrationen auszuhalten und ggf. auch zu scheitern an und mit dem, was man/frau vorhat(tte), so, wie es für Männer seit jeher unhinterfragter Alltag war und ist.

Deshalb würde ich es sehr begrüßen, wenn Sie weiter so großartige Texte schreiben würden!
Womöglich dann sogar unter Berücksichtigung der von mir ergänzten/stärker fokussierten Aspekte;-)
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