Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org

Die Liste der Autoren, die dem deutschen Bildungssystem attestieren, Kinder nach den unterschiedlichsten Merkmalen ihrer Herkunft zu diskriminieren, ist lang und wird jährlich länger – und dies ganz unabhängig von den regelmäßigen Schreckensberichten, die die OECD zum deutschen Bildungssystem veröffentlicht. So haben Forscher regelmäßig und ausführlich darauf hingewiesen, dass das deutsche Schulsystem Kinder aus Migrantenfamilien (Diefenbach, 2010), Kinder aus der Arbeiterschicht (Becker, 2007), also nach sozialstrukturellen Merkmalen diskriminiert und dass die Bildungschancen mit dem Vorhandensein oder Fehlen der entsprechenden Merkmale steigen oder schwinden.

Seit 2002 (Diefenbach & Klein, 2002) ist mit dem Geschlecht eine weitere Variable bekannt, die die Bildungschancen determiniert und Jungen diskriminiert. Entsprechend hat Geißler (2005, S.95) die Ungleichheitsstruktur des deutschen Bildungssystems mit seinem Typus des Migrantensohns aus der Unterschicht zusammengefasst, was letztlich bedeutet, dass Jungen, Migranten und Kinder aus der Unterschicht im deutschen Schulsystem diskriminiert werden.

In den 1960er Jahren hat Milton Friedman seine Idee der Bildungsgutscheine (school vouchers) entwickelt, bei der es ihm zum einen darum ging, den Einfluss des Staates auf die Bildung zu minimieren, zum anderen darum, die Leistung des Systems schulischer Bildung zu verbessern, also z.B. Chancenungleichheiten, wie die oben beschriebenen und im staatlichen deutschen Bildungssystem endemischen, zu beseitigen. Regierungen sollten demnach eine Mindestdauer der Schulbildung festsetzen und für diese Zeit Eltern mit Bildungsgutscheinen für ihre Kinder ausstatten. Diese Bildungsgutscheine können Eltern dann in Schulen ihrer Wahl einlösen. Schulanbieter kann nach Ansicht von Friedman jeder sein, der bestimmte Gütekriterien erfüllt, darunter auch Bildungsunternehmen, die einen Profit anstreben – profitable Schulen: “The educational services could be rendered by private enterprises operated for profit, or by non-profit institutions. The role of the government would be limited to ensuring that the schools met minimum standards …” (Friedman, 2002[1962], S.89). Ein Vouchersystem sowie die Öffnung des Systems schulischer Bildung für private, profitorientierte Anbieter führt dazu, dass durch den Wettbewerb der Anbieter um Schüler, die Qualität der angebotenen Leistungen steigen und die Chancenungleichheit reduziert wird. Ersteres wird dadurch erreicht, dass sich Schulen auf bildungsrelevante Inhalte konzentrieren müssen, um erfolgreich zu sein, was “… courses in basket weaving, social dancing, and the numerous other special subjects that do such credit to the ingenuity of educators” (Friedman, 2002 [1962]) obsolet werden. Letzteres wird dadurch erreicht, dass auch Kinder aus armen Familien oder Unterschichtsfamilien eine freie Schulwahl haben und nicht lokalen kommunalen Schulen und der mit ihnen verbundenen “Ghetto-Bildung” ausgeliefert sind.

Das von Friedman skizzierte Modell der Bildungsgutscheine wurde 1992 in Schweden eingeführt. Bildungsgutscheine gehen in Schweden einher mit der Möglichkeit,  dass jeder, der Mindeststandards erfüllt, eine Schule gründen kann. Seit 1992 finden sich in Schweden öffentliche Schulen neben privaten profit und non-profit Schulen, so dass es möglich ist zu untersuchen, ob die von Friedman gemachten Prognosen über die Performanz des Schulsystems eintreten. Gabriel H. Sahlgren (2010) hat eine entsprechende Bestandsaufnahme gemacht und kommt zu den folgenden Ergebnissen:

  • Eltern von Kindern an privaten Schulen (profit und non-profit), sind mit den Schulen und der Leistung der Schulen zufriedener als Eltern von Kindern an öffentlichen Schulen.
  • Lehrer an privaten Schulen werden besser bezahlt als Lehrer an öffentlichen Schulen und sind mit ihrer Arbeit zufriedener als Lehrer an öffentlichen Schulen.
  • Schüler an privaten Schulen und vornehmlich an profitablen Schulen zeigen bessere Leistungen als Schüler an öffentlichen Schulen.
  • Schulen, die darauf ausgelegt sind, Profit zu erwirtschaften, haben eine deutlich geringere sozial ungleiche Zusammensetzung ihrer Schülerschaft als öffentliche Schulen oder private Schulen, die auf keinen Profit abzielen.
  • Schulen, die einen Profit anstreben, sind besonders erfolgreich, wenn es darum geht, Schüler aus der Unterschicht oder Migranten zu einer guten Schulausbildung zu verhelfen, sie sind viel erfolgreicher als öffentliche Schulen oder private Schulen, die keinen Profit anstreben.
  • Schließlich finden sich in Schulen, die einen Profit anstreben, im Vergleich zu anderen Schulen, keine Geschlechtseffekte, d.h. keine Nachteile von Jungen.

Man kann also feststellen, dass private Schulen, die einen Profit anstreben, die Effekte zeigen, die Friedman erwartet hat: Sie zeigen eine höhere schulische Qualität als öffentliche Schulen, was insgesamt die Qualität schulischer Ausbildung erhöht. Sie diskriminieren ihre Schüler nicht nach sozialer Herkunft oder nach deren Geschlecht und tragen entsprechend dazu bei, soziale Ungleichheit abzubauen und Chancengleichheit herzustellen, kurz: Sie sind das ideale Mittel um ein sozial stratifiziertes Schulsystem wie das deutsche, das die Lebenschancen von Kindern anhand von Herkunft und Geschlecht bestimmt, zu einem fairen und gerechten Schulsystem umzubauen.

Angesichts der in deutschen Politikerkreisen so beliebten Ausrichtung an skandinavischen Ländern fragt man sich, warum ausgerechnet die Vorteile profitabler Schulen in Deutschland nicht thematisiert werden und statt dessen lieber versucht wird, durch Sprachakrobatik, die unter dem Schlagwort der Diversifizierung betrieben wird, Chancenungleichheiten, die z.B. zwischen Jungen und Mädchen oder zwischen Arbeiter- und Beamtenkindern bestehen, dadurch hinwegzureden, dass behauptet wird, die Ungleichheit würde verschwinden, wenn man die Gruppe der Arbeiterkinder oder die Gruppe der Jungen nur lange genug “diversifizieren” würde. Über die Gründe kann an dieser Stelle nur gemutmaßt werden. Die traute Eintracht von Regierung, Opposition und Gewerkschaft in dieser Frage lässt jedoch vermuten, dass die Gründe in einem Phänomen zu finden sind, das Gordon Tullock (2005) als rent seeking bezeichnet hat: zu viele leben zu gut von einem ineffizienten Bildungssystem, dessen Aufgabe aus deren Sicht nicht darin besteht, Kinder mit Lebenschancen zu versorgen, sondern darin, das eigene Auskommen zu sichern. Solange derartige Interessen die deutsche Bildungslandschaft bestimmen, wird sich an der Tatsache, dass Kinder aus der Unterschicht, Jungen und Migranten diskriminiert werden, nichts ändern.

Literatur

  • Becker, Rolf (2007). Soziale Ungleichheit von Bildungschancen und Chancengleichheit. In: Becker, Rolf & Lauterbach, Wolfgang (Hrsg.). Bildung als Privileg? Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.161-194.
  • Diefenbach, Heike (2010). Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien im deutschen Bildungssystem. Erklärungen und empirische Befunde. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Diefenbach, Heike & Klein, Michael (2002). “Bringing Boys Back In” Soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Bildungssystem zuungunsten von Jungen am Beispiel der Sekundarschulabschlüsse. Zeitschrift für Pädagogik 48(6): 938-958.
  • Friedman, Milton (2002[1962]). Capitalism and Freedom. 40th Anniversary Edition With a New Preface by the Author. Chicago: The University of Chicago Press.
  • Geißler, Rainer (2005). Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. Zum Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüpfungen. In: Berger, Peter A. & Kahlert, Heike (Hrsg.). Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert. Weinheim: Juventa, S.71-102.
  • Sahlgren, Garbiel H. (2010). Schooling for Money: Swedish Education Reform and the Role of the Profit Motive. London: Institute of Economic Affairs (IEA), IEA Discussion Paper No. 33.
  • Tullock, Gordon W. (2005). The Rent Seeking Society. Indianapolis: Liberty Fund.

 

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