Familienministerin Kristina Schröder führte im August 2010 anonyme Bewerbungen für ihr Ministerium ein. Die Bewerber sollten im Lebenslauf weder Namen, noch Geschlecht, Alter, Familienstand, Religion, Behinderung oder Nationalität angeben. Erst beim Vorstellungsgespräch ist es notwendig, die eigene Identität preiszugeben. Für Ministerin Schröder soll dieses Bewerbungsverfahren eine Vorbildfunktion haben. Nicht nur in ihrem Ministerium, sondern auch in der Wirtschaft kam es zur Anwendung.

Am bundesweit ersten Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren beteiligten sich drei Unternehmen und drei öffentliche Arbeitgeber. Durch anonymisierte Bewerbungsverfahren soll in erster Linie bzw. in größerem Maße als bis jetzt auf die Qualifikation der Bewerber geachtet werden. Außerdem sollen sie mehr Chancengleichheit und bessere Integration ermöglichen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zog nach einem Jahr eine positive Zwischenbilanz zum Pilotprojekt.

Als Verfechter einer konsequeten „Politik der Qualifikation“, nach der in Bewerbungsverfahren einzig und alleine die fachliche Qualifikation der Bewerber und nicht deren Gruppenzugehörigkeit zählen sollte, halte ich Vorschläge zur Anonymisierung von Bewerbungsverfahren prinzipiell für sinnvoll. Qualifikationen sind Fähigkeiten beziehungsweise Bündel von Fähigkeiten. Achtet man nur auf die Qualifikationen der Bewerber, so sieht man von ihrer Gruppenzugehörigkeit, aber auch von ihrer persönlichen Lebensgeschichte und -situation ab. Achtet man nur auf die Qualifikationen, so kann am besten die Eignung der Bewerber festgestellt werden.

Allerdings ist ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Zu einer Bewerbung gehören neben einem Lebenslauf auch Zeugnisse, Referenzen und andere Leistungsnachweise. Soll der Name des Bewerbers in diesen Dokumenten gestrichen oder zugedeckt werden? Bei Bewerbungen um wissenschaftliche Stellen zum Beispiel muss neben den oben genannten Dokumenten auch die Publikationsliste beigelegt werden. Soll der Name dort auch zugedeckt werden? Sind Angaben zur Person, zum Beispiel über das Alter, das etwas über die Arbeitserfahrung des Bewerbers sagt, wirklich irrelevant? Und schließlich: Macht es wirklich Sinn, den Lebenslauf anonym zu gestalten, wenn spätestens beim Vorstellungsgespräch die Identität des Bewerbers preisgegeben wird?

Doch grundsätzlich sollte über Sinn und Zweck von anonymisierten Bewerbungsverfahren nachgedacht werden. Sinnvoll wären zum Beispiel anonyme Klausuren oder Tests zur Feststellung einiger Qualifikationen. Ein Bewerber müsste auf dem Deckblatt nicht seinen Namen, sondern eine ihm zugewiesene Nummer aufschreiben. Die Gutachter wüssten nicht, von wem die Klasuren geschrieben und die Tests gemacht wurden. Davon wüsste nur die Abteilung oder Person, die dem Bewerber die Nummer zugewiesen hatte. Auf diese Weise könnten nur die Fachkenntnisse des Bewerbers festgestellt werden.

Es stellt sich hier die Frage, ob alleine dieses Verfahren ausreicht, um die Qualifikationen der Bewerber hinreichend festzustellen. In der Wissenschaft zum Beispiel würde man mit dem Einsatz nur dieses Verfahrens entscheidende Leistungen, wie Publikationen und Lehrtätigkeit, außer acht lassen. In der Wirtschaft würde man ebenfalls wichtige Leistungen, die der Bewerber bereits vollbracht hat, wie die Gründung einer Firma oder der Erfolg seiner Firma, umgehen. Anonyme Klausuren und Tests könnten demnach nur als Ergänzung zu bestehenden Verfahren eingesetzt werden. Sie sollten einen wichtigen Stellenwert innerhalb der ganzen Bewerbungsprozedur erhalten. Ich plädiere dafür, da wo es möglich und angebracht ist, anonymisierte Verfahren einzuführen. 

 

Weitere Beiträge

Der feministische (Selbst-)Betrug der SPD


Ich war heute bei der Tagung „Gender-Ungleichheiten und ihre Folgen – Wie arbeiten und wirtschaften wir weiter?” des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der SPD-„nahen” Friedrich-Ebert-Stiftung (FES).
Sieht aus, als wäre der Feminismus primär gescheitert, in der Krise und in der Rettungsphase. (Ich war nur bis etwa 16.30 dort, zu mehr hat mir die Zeit heute nicht gereicht.)
...

Zum Vatertag 2013: Grass als Prophet


Sind Frauen die besseren Männer? Mit seiner Erzählung „Vatertag“, Teil des großen Romans „Der Butt“, hat Günter Grass vor über 30 Jahren eine Prophetie zum deutschen Feminismus geschrieben.
Die jüngsten Rankünen der Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen, zur Durchsetzung der Frauenquote, das Auftreten der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder gegenüber Alice...

Meine Frauenarbeitsmarktneurose


Ich muss zum Psychiater. Das riet mir kürzlich ein Kollege. Vielleicht hat er Recht.
Seine Diagnose stützt sich auf meine Neigung, meine Mitmenschen auf Merkwürdigkeiten in der Geschlechterdebatte aufmerksam zu machen, etwa dass bei Daimler die Männer revoltierten, weil sie sich wegen der Frauenförderung „um ihre Karriere gebracht“ fühlen, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter dem Titel #Macho...

Über feministische Desinformation und Propaganda


Einige Anmerkungen zu den Sendungen: „Anne Will – Polit-Talk“, 17. 04. 2013 im ARD und „Maybrit Illner“, 18. 04. 2013 im ZDF
Die „Frankfurter Erklärung zur Gleichstellungspolitik“ (FE) steht seit Beginn des Jahres 2013 im Netz und hat bis heute über 500 Unterschriften zu verzeichnen. Das ist erfreulich und gibt der Initiative ein gewisses Gewicht.
 

Europäische Meinungsmacher

Wie man Umfrageforschung für seine Zwecke missbraucht
EU-Kommissarin Viviane Reding ist nach eigener Aussgae “zu allem bereit”  [auch zum Rücktritt?]. Die ehemalige Journalistin Viviane Reding hat eine Mission: Sie will den Anteil von Frauen in den Aufsichtsräten großer Unternehmen erhöhen. Nicht von sich aus, versteht sich. Politiker sind bekanntlich altruistisch und tun nichts für sich,...

Frauenquoten und Statistik-Tricks


Die Abstimmung im Deutschen Bundestag über Frauenquoten in Aufsichtsräten könnte auch für Österreich Signalwirkung haben. Wie seriös aber ist die Rechnung, die dem Ansinnen zugrunde liegt?
Oft wird angenommen, dass politische oder andere gesellschaftliche Akteure versuchen, die Öffentlichkeit dadurch zu manipulieren, dass sie falsche statistische Daten in Umlauf bringen, doch diese Vermutung ist...

An der Substanz


Seit Anfang Juli wissen wir, wie sich die Manipulation am italienischen Wahlrecht durch die neue sozialdemokratisch geführte Regierung unter Matteo Renzi bei der Europawahl ausgewirkt hat: Der Frauenanteil unter den italienischen Europaabgeordneten hat sich verdoppelt - von 21% bei der Wahl 2009 auf 40% 2014.
Dies ist einmalig. Bei keiner Europawahl in keinem der Mitgliedsstaaten war eine solche...

Von Natur aus besser? Der Biologismus hinter der Frauenquote in Aufsichtsräten


Das Bundesministerium für FSFJ hat einen freiwillig verpflichtenden Stufenplan erstellt, dem sich Unternehmen erst unterordnen dürfen, dann unterordnen müssen, Ziel: “Mehr Frauen – mehr Vielfalt in Führungspositionen”. Eine Initiative, “Frauen in die Aufsichtsräte”, FidAR e.V., die in Berlin ansässig ist und die vom BMFSFJ finanziert wird, hat nichts anderes zum Ziel, als den Frauenanteil in...