„Was wir über Männerleben wissen, ist oft einseitig, wenn nicht eindeutig falsch.

Dieser Artikel ist eine Replik auf den Artikel “Die Verunsicherten” in der WELT am 4.6.2018. Dort wird über die diesjährige “Männersein”-Konferenz berichtet, an der auch Gerald Hüther über Männer als das “schwache” Geschlecht sprach. Die Schwäche sei im männlichen Chromosomensatz zu suchen

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Wer erinnert sich noch an Robert Bly, der 1991 die amerikanischen Jungmänner in die Dickichte der Wälder des Bundesstaates Maine gelockt hat, um sie mit ihrer wilden Natur in Verbindung zu bringen? Männer sollten das Verborgene in sich wiederentdecken. Sie haben geheult wie die Wölfe und Ähnliches wird jetzt aus Berlin berichtetet. Nicht aus den Wäldern, sondern einem Tagungszentrum. Selbstergründung von Männern im Geraune des Urschreis und der Wälder hat eine Prämisse. Der Mann, so wie er ist, ist nicht der Mann, der er sein will oder sein könnte und wie er sein sollte; nämlich nach den Erwartungen von „den Frauen“!

Was wir über Männerleben wissen, ist oft einseitig, wenn nicht eindeutig falsch. So seien sie die Verwalter der Gewalt gegen Frauen und deren Kinder; ein Mythos, den die Wissenschaft vor 30 Jahren erstmals widerlegt hat. Der aber nicht untergehen darf, denn täte er das, könnten Frauen nicht länger mehr Opfer sein. Genderideologen, Bundesministerien und linke Gruppen kämpfen deshalb für seinen Erhalt.

Männliche Lebenserschwernisse...

Jede Frau – eine unendliche Geschichte der Niederlagen und Erniedrigungen – eben ein Opfer und als solches unschuldig obendrein. Weil das im Sozialstaat nicht nur zu medialer Aufmerksamkeit führt, sondern zu einem Geflecht von offiziellen wie inoffiziellen Bevorzugungen, haben einige Männer vor Jahren bereits daran erinnert, dass es Männern so glänzend auch nicht ergeht. Was Aktivistinnen des Opferkults ihnen stets unterstellen. Männern das gute Leben und Frauen das schlechte zuzuweisen, ist realitätsblind. Weder finden Männer das lustig noch lebenserhaltend. Sie erinnern an die Schwere des männlichen Alltags und seine Langzeitwirkungen. Eine vier bis zehnfach höhere Rate an Selbsttötungen als Frauen, eine kürzere Lebensdauer als Frauen, tödliche Berufsunfälle und Kriegsopfer wie massenhafte Kriegstraumatisierungen. Sie deuten die Arten alltäglicher Lebenserschwernisse an. Wenn Männer das in Erinnerung rufen, fällt den Aktivisten des Opferkults nur eines ein: die wollen einen Teil von unserem Opferkuchen und obendrein ihre Macht über uns Frauen verleugnen.

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Wie kann die Übertragung gewaltorienterten Verhaltens zur nächsten Familiengeneration verhindert werden?

Mit dieser Frage befasst sich die von Prof. Gerhard Amendt initiierte AG Familienkonflikt.

Aber dieser empörte Aufschrei lässt sich auch ganz anders verstehen. Auch wenn das gerne geflissentlich übersehen wird. Männer sollen sich nicht einfallen lassen, ihr Leben beschwerlich zu finden. Denn wo würden dann die Segnungen männlicher Arbeit und wo ihre Dienstfertigkeit für Frauen bleiben: eben das lebenslange Motiv, für die Familie der Brotverdiener zu sein und das vor allem auch in Krisenzeiten zu bleiben. Diese Fürsorge ist der verschwiegene Vorteil der Männlichkeit. Niemand nennt ihn, keiner aber will ihn missen. Und Männer wagen das Selbstverständliche nicht in Erinnerung zu rufen.

Deshalb ist die Spielwiese von Genderstudies und Feminismus nicht nur eine moralische Frage nach dem friedfertigen und dem unfriedfertigen Geschlecht, eben den Guten und den Bösen. Es ist auch eine Frage, wer vom Staat Hilfe erwarten darf und wer nicht. Die zulässige Antwort ist: allein Frauen sind Opfer und legitimiert für staatliche Alimentierung. Beginnend mit der Schule hin zu Quoten im Berufs-, Wissenschafts- und Verwaltungsleben. Bis hin zur Selbstverständlichkeit unliebsame Berufe folgenlos meiden zu können.

Der Bericht der WELT aus Berlin bietet nun Männern eine eigenartige Erklärung für diese Wechselseitigkeit an. Es sei die männliche DNA, die ihnen das Leben erschwere und sie zur Last der Frauen mache. Ganz so, als existiere Biologie ohne Gesellschaft und ohne Individualität. Das Leben in seiner unendlichen Formbarkeit wahrzunehmen, geht dabei verloren. Auch die Lebenserschwernisse von Männern können dann nicht mehr als Folge von offenen, verschwiegenen, individuellen, kollektiven, ethnischen wie geschichtlich sich durchsetzenden Alltagsgepflogenheiten und Übereinkünften erschlossen werden.

Die chromosonale „Unvollständigkeit“ des Männlichen wird unter Gefolgsleuten der polarisierten Geschlechterkosmos Zustimmung finden. Kennt doch jeder das oberflächliche Gerede, dass Männer so sind wie sie sind. Damit müssten wir uns alle eben abfinden. Gegenwärtige Verhältnisse seien auf Ewigkeit gestellt und Frauen blieben deshalb ewig Opfer und die Männer ewig Täter. Jetzt wird die Patriarchatsphantasie durch die unveränderbare Y-DNA ersetzt. Das wird die neuesten SPD-Perspektiven stützen, die Frauen als neue Wählergruppe rekrutieren und unter dem Label vom Opferkollektiv identitätsstiftend zusammenfassen wollen. Allerdings ändert sich die Welt.

Das Opferklischee der Frauen wankt

Zum einen erlebt die Mehrheit der Frauen sich alles andere als Opfer der Männer. Sie kennen ihre eigene Macht. Zum anderen verschieben sich spürbar in den Medien die Prioritäten. An der Goethe-Universität fand erstmals ein Kongress über partnerschaftliche Gewalt statt. Er dokumentierte, dass Männer wie Frauen sich bei Gewalttätigkeiten in nichts nachstehen. Auch nicht gegenüber ihren Kindern. Ebenso zeigt das Gespinst aus Einseitigem und Unwahrem gerade in der bundesministeriellen Forschung, den Genderstudies und Medien sichtbare Risse. Das Klischee von den Frauen als kollektivem Opfer der Männer lässt sich immer schwerer begründen. Das von der Linken verkündete Opfermonopol wankt.

Und hier stampft das “Y- Männlichkeitsdefizit“ wiederbelebende Kräfte für die Besitzstandsbewahrer des Monopols aus dem Boden. Ersetzt man nämlich die Patriarchatsphantasie durch das genetische Männlichkeitsdefizit – vermeintlich mangelnde Feinfühligkeit, Empathie, Mitmenschlichkeit etc. – dann muss man gegen Männer nicht mehr kämpfen. Das Opfermonopol wird genetisch begründbar – die Männer als Schicksalsmacht. Der Y-Mangel bringt den Opferstatus der Frauen als endlose Geschichte hervor.

Und genau das fügt sich in die tendenzielle Verwahrlosung der Debattenkultur ein. Die Kritik, die andere nicht gelten lassen wollen, gilt als Ausdruck von Krankheit. Was Politikern, Kirchen oder Parteien nicht passt, wird zur Pathologie – sprich Krankheit – gemünzt – in Phobien. Putin spricht von Russophobie, katholische Bischöfe von Katholophobie und im Geschlechterdiskurs ist Homophobie eine Allzweckwaffe gegen jedes unwillkommene Argument. Das weibliche Opfermonopol müsste dann nicht mehr mit der Patriarchatsphantasie sondern könnte aus den phobischen Krankheitszustand der Männer hergeleitet werden. Nur: alle politisch verkündeten Phobien sind diagnostischer Unsinn. In Wirklichkeit sind es politische Taktiken der sozialen Ausgrenzung; wie früher in sozialistischen Gesellschaften.

Wie soll es weitergehen?

Linke Politiker wollen an der biologischen Zweiteilung der Gesellschaft in Böse Männer und Gute Frauen festhalten. Sie installieren einen neuen Rassismus auf der Grundlage der Biologie. Und auch die Hoffnung der WELT-Reporterin greift zu kurz: „Die meisten (Männer) sind Gott sei Dank außen hart und innen ganz weich“. Auch diese salomonische Anstrengung führt ins Leere. Was hilft ist eine Debatte über Geschlechterbeziehung jenseits von genderpolitischen und biologischen Klischees. Entlang von Konflikten und jenseits von Feindbildern.

Der Beitrag erschien zuerst bei AGENS

 

 

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