BriefSchreiben lksh7829

Haben Sie schon von einer „öffentlichen Schreibweise“ gehört? Nein, noch nicht? Dann hören Sie mal. Ich meine natürlich: dann lesen Sie bitte weiter.

„Ihre Meinung ist uns wichtig“ – wenn mir jemand so kommt, bin ich sofort misstrauisch und vermute ein vorgetäuschtes Interesse. Wir kennen das. Wir werden gefragt, haben aber nichts zu sagen. Es wird lediglich so getan, als gäbe es einen Hauch von Mitbestimmung, wir werden nur irgendwie miteinbezogen, selbst wenn wir leise murren, wir werden abgeholt und mitgenommen auf eine Reise, bei der das Ziel längst feststeht. Nun ist es passiert. Ich wurde gefragt.

Und? Wie ist meine Meinung zur „öffentliche Schreibweise“? Schwer zu sagen. Ich höre den seltsamen Begriff zum ersten Mal und weiß nicht so recht, was damit gemeint ist. Ich habe allerdings meine Vermutungen. Mit dem verführerischen Charme der Undeutlichkeit soll hier eine Veränderung eingeführt werden, die viel weitreichender ist, als die scheinheilige Befragung erahnen lässt. Ich halte das Zauberwort von der „öffentlichen Schreibweise“ für eine Mogelpackung. Für einen raffinierten Taschenspielertrick. Wie komme ich dazu? Sehen wir uns die beiden Komponenten näher an. Undeutlich ist sowohl das „öffentlich“ als auch die „Schreibweise“. Beide Komponenten setzen eine Spaltung voraus. Schauen wir mal:

Wie hätten Sie denn gerne eine öffentliche Schreibweise?

Der P.E.N. befragt zu dem Thema die „Kolleginnen und Kollegen“. Einer von ihnen, Prof. Dr. Lutz Götze, ist zugleich Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung, und dieser Rat will nun rechtzeitig zu seiner nächsten Sitzung am 26. März ein Papier der Arbeitsgemeinschaft Geschlechtergerechte Schreibung (der Herr Götze ebenfalls angehört) verabschieden, das eine „Empfehlung“ für den oben erwähnten „öffentlichen Schreibgebrauch“ abgeben will. Zur Diskussion stehen dabei folgende Möglichkeiten:

- Doppelnennung: vollständige Paarform: (Schülerinnen und Schüler, jede und jeder)
- Verkürzungen: Schrägstrichvarianten: (Lehrer/in, Lehrer/-in)
- Binnen-I: (LehrerIn, MitarbeiterInnenbüro)
- Doppelpunkt: (Forscher:in)
- Klammer: Lehrer(in)
- Ersatzformen: geschlechtsneutrale übergreifende Formulierungen/Abstrakta: weder Frauen noch Männer sind sprachlich sichtbar (Studierende, Lehrkräfte, Gäste, Direktion)

Varianten geschlechtergerechter Markierung für mehr als zwei Geschlechter sind:

- *Asterisk (Sternchen): (Lehrer*innen, Ärzt*innen). Hier ergibt sich ein Fehler beim Stammmorphem (der *Ärzt)
- Gender-Gap-Varianten: Aufhebung binärer Personenvorstellungen. Männliche und weibliche Personen sowie inter* und trans* sind gemeint:
- Statischer Unterstrich (jede_r Lehrer_in, Bürger_innen)
- Dynamischer Unterstrich (We_lche Mita_rbeiterin)
- x-Form, Plural=xs: (Dix Studierx; Dixs Studierxs)
- Kurzwörter (Azubi, Hiwi, OB)

Was hat Literatur mit Öffentlichkeit zu tun?

Nun dürfen wir gespannt sein, welche dieser Empfehlungen das Rennen machen. Sie sollen speziell für den „öffentlichen Schreibgebrauch“ gelten – für den öffentlichen wohlgemerkt, also nicht für den literarischen. Denn „literarisches Schreiben und persönliche schriftliche Äußerungen (Brief, Karte, e-mail)“ sollen, wie es lakonisch heißt, „nicht betroffen“ sein.

Da fragt man sich: Warum werden dann ausgerechnet die Mitglieder des P.E.N. dazu befragt? P.E.N. ist die Abkürzung für Poets, Essayists und Novellists. Die sind nicht betroffen. Denn den vielen Romanciers, Essayisten und Poeten, die im P.E.N. organisiert sind, geht es um literarisches Schreiben. Sollen sie trotzdem den neuen Empfehlungen für den „öffentlichen Schreibgebrauch“ folgen? Etwa dann, wenn sie nicht literarisch (und nicht persönlich) schreiben, wenn sie beispielsweise Stellungnahmen abgeben oder Solidaritätsadressen verfassen?

Sollen also die Mitglieder im P.E.N. zukünftig einen doppelten Schreibgebrauch pflegen, so dass sie in ihren Novellen weiterhin von inhaftierten „Journalisten“ schreiben, bei ihrem „öffentlichen Schreibgebrauch“ jedoch von „Journalistinnen und Journalisten“, von „Journalist*innen“, von „Journalist_innen“, „Journalist:innen“, „JournalistInnen“ oder „Journalistx“?

"Öffentlichkeiten“ gibt es nicht im Plural

Es heißt: „öffentlicher Schreibgebrauch“. Wenn es um Öffentlichkeit geht, dann sind Schriftsteller natürlich betroffen. Sie wollen ihre Werke schließlich veröffentlichen. Alle „bücherschreibenden Personen“, wie aktuell „Autoren“ definiert werden, drängen an die Öffentlichkeit, sie wollen keinesfalls davon ausgeschlossen werden. Neuerdings scheint es jedoch zwei Öffentlichkeiten zu geben, in denen jeweils verschiedene Schreibgebräuche gelten.

Moment … Das geht nicht. „Öffentlichkeiten“ gibt es nicht im Plural. Das hat das Rechtschreibprogramm von meinem Computer sofort erkannt und entsprechend angemahnt. Öffentlichkeit ist ein Singularetantum. Das sehe ich auch so. „Öffentlichkeiten“ kommt mir falsch vor. Es gibt nur eine Öffentlichkeit.

Also gut – dann haben wir eben nur eine einzige Öffentlichkeit, in der allerdings zwei verschiedene Standards für den Schreibgebrauch gelten. Das erscheint mir genauso falsch.

Wir kennen das vom Sprechen. Da kann es zu üblen Szenen kommen. Ich erinnere mich, in meiner Jugend von fiesen Bleichgesichtern gelesen zu habe, die sehr zum Missfallen von Winnetou mit „gespaltener Zunge“ gesprochen haben. Das waren die Bösen. So sollte man nicht sprechen. Wir kennen es auch vom Predigen. Erinnert sei an die üblichen Verdächtigen, die öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken. Das ist verlogen und betrügerisch, das sollte man lieber nicht tun. Pfui! Und wir kennen es vom Flüstern der Duckmäuser, vom Sprechen hinter vorgehaltener Hand; wenn wir – wie wir es heute tun – im privaten Kreis anders reden als in Zusammenhängen, bei denen wir fürchten müssen, dass ein missgünstiger Lauscher mithört, etwas in den falschen Hals kriegt und versucht, uns zu schaden. Das ist schlimm. Das sind Zustände wie in einer Diktatur, in der die Freiheit verloren gegangen ist. Pssst!

Das gab es bisher beim gesprochenen Wort. Dass nun auch beim geschriebenen Wort – also beim Schreiben – eine Spaltung eingeführt werden soll, ist neu, und das ist gar nicht gut. Dann haben wir genau die beklagenswerten Zustände, wie wir sie beim Sprechen im Kontext von Verbrechen, Heuchelei, Unterdrückung und Denunziation haben, auch beim Schreiben. Dann haben wir es schriftlich. Deshalb war auch stets vom „Schreibgebrauch“ die Rede.

Wie passt das zusammen?

Das kam mir gleich verdächtig vor. Vielleicht haben Sie „Schreibgebrauch“ gelesen und gedacht, dass damit „Sprachgebrauch“ gemeint ist. Das passiert leicht. Mit einem alleinstehenden Schreibgebrauch fremdeln wir noch. Wir kennen natürlich die Zweierpackung: „Sprach- und Schreibgebrauch.“ Die leuchtet sofort ein. Beides gehört zusammen. Es geht darum, wie man spricht und wie man es schreibt. Mir war sofort verdächtig, dass hier der Schreibgebrauch unabhängig vom Sprachgebrauch auf einem Bein hüpfend ins Feld geführt wurde. Kann man denn die beiden Elemente voneinander trennen?

Wohl nicht. Andererseits beziehen sich die beiden Teile aus dem Doppelpack nicht so reibungslos aufeinander, als hätten wir es mit zwei Bierdeckeln zu tun, die man deckungsgleich übereinanderlegen kann, so sehr wir uns auch eine klare und einfache Zusammengehörigkeit wünschen mögen.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die umstrittene Lernmethode „Schreiben nach Gehör“, die vor etwa zwanzig Jahren ausprobiert wurde und uns den „Fata“ und die „Muta“ beschert hatten. Ein Irrweg. Eine Studie im Jahr 2013 stellte fest, dass das Experiment zu einer Verarmung des Wortschatzes und zu deutlich größerer Fehlerhäufigkeit geführt hatte (vorher: 7 Fehler aus 100 Wörter / nachher: 17 Fehler aus 100 Wörter).

Wie predigte einst der Kohlrabi-Apostel?

Dem Scheitern ging bereits ein Scheitern aus den zwanziger Jahren voraus, von dem man offenbar nichts gelernt hat. Wer kennt ihn noch? Der als „Kohlrabi-Apostel“ bekannte Carl Gustaf Adolf Nagel, ein leicht bekleideter Naturmensch, Wanderprediger, Barfußläufer und Reformer, der sich gemäß seiner eigenen „ortografi“ schlicht „gustaf nagel“ schrieb, hatte sogar eine eigene Partei, die „Deutsche kristliche Folkspartei“, die bei der Reichstagswahl 1924 ganze 0,01 Prozent der Stimmen erringen konnte. Zu seinen Forderungen gehörte eine grundlegende Rechtschreibreform nach dem Motto: „schreibe wi du sprichst“. Nun ja, das war wohl nix. Was allzu schlicht ist, scheitert.

Ich bin übrigens auch ein Opfer der Vorstellung, dass man alles einfach so schreiben kann, wie man es spricht. Wir hatten einen Deutschlehrer, an dem wahrscheinlich ein großer Schauspieler verloren gegangen war. Er hatte eine dermaßen prononcierte Aussprache, dass man bei offenem Fenster vermutlich noch auf der gegenüberliegenden Straßenseite jeden Konsonanten identifizieren konnte. So hatte ich beim Diktat geschrieben: „Er zock sein Hempt an.“ So hatte es der Lehrer gesagt. Mir wurden dafür mehrere Fehler angekreidet, man hat mir diese kleinen Vergehen nicht großzügig als Flüchtigkeitsfehler durchgehen lassen, als Flüchtlingskind hatte ich damals keinen Bonus.

Am Anfang war das Wort – das gesprochene Wort

So einfach ist es also nicht. Dann eben nicht. Und dennoch gehören Sprechen und Schreiben zusammen wie Pech und Schwefel. Wenn vom Sprachgebrauch die Rede ist, denken wir den Schreibgebrauch automatisch mit. Er ist nachgeordnet. Erst kam das Sprechen, dann das Schreiben. Sprachgebrauch war zuerst da. Den pflegen auch Analphabeten, auch wenn es davon keine schriftlichen Zeugnisse gibt. Der Schreibgebrauch regelt nachträglich, wie wir aufschreiben und festhalten können, was wir gesprochen haben.

Nun haben wir eine neue Situation. Die Reihenfolge ist auf den Kopf gestellt: Der vorgeschlagene neue Schreibgebrauch mit Sternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt ist nicht aus dem tatsächlichen Sprechen hervorgegangen, sondern aus der Tastatur des Computers aufgestiegen. Die Formel „Schreibgebrauch first, Sprachgebrauch later“ stellt uns vor das Problem, dass wir nicht wissen, wie wir das Geschriebene – das Getippte – aussprechen sollen. Das ist auch nix.

Sprachgebrauch und Schreibgebrauch werden geschieden

Das einbeinige Wort-Ungeheuer „Schreibgebrauch“ ist vergleichsweise neu – doch so neu nun auch wieder nicht. Im Jahr 2013 wurde das Projekt Schreibgebrauch gestartet, im Jahr 2016 wurde es beendet. Es wollte ein Instrumentarium entwickeln, um die „tagtägliche Produktion von Schriftdeutsch für orthografische Untersuchungen auszuwerten“, auf dass sie dem Rat für deutsche Rechtschreibung als „Bausteine für die künftige Normierungsarbeit“ dienen können.

In anderen Worten: Man hat nachgesehen, wie die Leute heutzutage schreiben. Dabei wurden, wie es ausdrücklich heißt, nicht nur „Zeitungen, Zeitschriften und Bücher von ‚professionellen Schreibern‘, sondern auch Schülertexte und Internetbeiträge etwa in Blogs und in Foren“ ausgewertet. Erstaunlicherweise stehen die „professionellen Schreiber“ in Anführungsstrichen, als wollte man sich von diesen Leuten distanzieren.

Genau das hat man auch getan. Denn in der unübersichtlich großen Produktion von Schriftdeutsch in Romanen, Essays und Gedichten – ob von Autoren im P.E.N. oder nicht – wird sich kaum etwas gefunden haben, was dem Rat für Rechtschreibung als Baustein für eine künftige Normierungsarbeit nützlich gewesen sein könnte. Eine Schieflage bei der Gewichtung der Datenlage war da unvermeidlich. Die Literatur von professionellen Schreibern blieb den Germanisten überlassen. Die wiederum haben ihre eigene Terminologie, zu der ein Begriff wie „Schreibgebrauch“ nicht gehört – jedenfalls gehörte er nicht dazu, als ich das studiert habe.

Mehr und mehr trennte sich das Sprechen vom Schreiben

Das Projekt Schreibgebrauch wurde besonders bei schriftlichen Äußerungen fündig, in denen die gendergerechte Sprache vorangetrieben wurde, von der es umso mehr gab, je mehr der Journalismus von Frauen dominiert wurde. Je mehr die gendergerechte Sprache durch Gleichstellungsbeauftragte in einer Politik verankert wurde, die grundsätzlich zwischen Frauen und Männern trennt. Die Gendersprache hat sich umso stärker durchgesetzt, je mehr der Nichtgebrauch mit sozialer Ächtung und Nachteilen (beispielsweise an Universitäten) verbunden war. Die Spaltung der Öffentlichkeit, die ich weiter oben beklagt habe, wurde schon an dieser Stelle vorbereitet. Dieses war der erste Streich.

Da speziell Internetforen erfasst wurden, hatte es das Projekt Schreibgebrauch mit Texten zu tun, die Sonderzeichen enthielten, die ohne Rücksicht darauf benutzt wurden, ob sich die neuartigen schriftlichen Produktionen überhaupt in gesprochene Sprache umsetzen lassen. Um Sebastian Krämer aus dem Lied „Deutschlehrer“ (auf das ich gleich näher eingehen werde), zu zitieren: Das Internet wurde zum Ort, „wo die Schriftlichkeit ihre triumphale Renaissance bar jeder Orthographie erlebt, ich kozze ab mit zwei Zett …“ Das also war der zweite Streich. So kam es zu einer weiteren Spaltung – zu einer vom gesprochenen zum geschriebenen Wort.

Nun haben wir den Salat. Mehr und mehr trennte sich das Sprechen vom Schreiben und die „öffentliche Schreibung“, die mit dem Projekt Schreibgebrauch mit unverdächtigen Absichten aus der Taufe gehoben wurde, bereitete auf lange Sicht die Trennung der Öffentlichkeit in zwei Lager – und damit auch die Spaltung der Gesellschaft.

Schlechter Rat muss nicht billig sein

Vielleicht hatten sie noch nie von dem Projekt Schreibgebrauch gehört, aber dass es einen Rat für deutsche Rechtschreibung gibt, in dem auch der oben erwähnte Prof. Dr. Götz tätig ist, haben Sie vermutlich undeutlich in Erinnerung und haben sich womöglich schon gewundert, wieder davon zu hören. Womöglich haben Sie sich im Stillen gefragt: Gibt es den etwa immer noch? Was macht der überhaupt?

Die umstrittene Rechtschreibreform, die uns der Rat seinerzeit eingebrockt hat, liegt ja nun schon ein Weilchen zurück. Richtig. Die gab es 1996. Vor mehr als zwanzig Jahren also. Damals gab es sehr viel Wirbel um die richtige Schreibweise von Worten (Delfin, Nessessär, Wandalismus). Erinnert sich noch jemand? Wenn ja, dann vermutlich ungern.

Sebastian Krämer hat ein dramatisches Lied zu dem Thema geschrieben, aus dem ich schon zitiert habe. Es hatte trotz seiner ungewöhnlichen Form erstaunliche Popularität gewonnen. „Deutschlehrer“, schimpft er, „ihr hättet die neue Rechtschreibung verhindern können …“ Wie wir inzwischen wissen, haben sie es nicht getan. „Schande über euch, Schande, Schande …“ Lange ist es her. Wie lange, sieht man unter anderem daran, dass in einem kurzen Schwenk ins Publikum Kurt Beck (wer war das noch?) zu erkennen ist.

Der Sprachfrieden hat nicht lange gehalten

Im Jahre 2004 wollte der Rat für deutsche Rechtschreibung, wie es hieß, „Sprachfrieden“ herstellen, denn es herrschte bereits ein regelrechter „Rechtsschreibkrieg“; der Duden wurde als „das meistgehasste Buch“ bezeichnet. Zu den Friedensangeboten, die schließlich im Jahr 2017 verkündet wurden, gehörte es, dass bei der „Goldene Hochzeit“ das vorangestellte „Goldene“ weiterhin großgeschrieben werden kann, dass es Yoga heißt und nicht „Joga“, und dass der Grizzlybär auf die Schreibweise „Grislibär“ verzichtet. Es war auch das Ende der Majonäse. Mayonnaise schreibt man nun weiterhin so, wie sie schmeckt. Nun war Frieden. Die Wellen sind geglättet.

Die Rechtsschreibreform sieht man heute als Unglück, an das man nicht dauernd erinnert werden möchte. Die Luft ist raus. Günter Grass – damals wohl das prominenteste Mitglied im P.E.N. und einer der schärfsten Kritiker der Rechtschreibreform – lebt nicht mehr. Wir haben uns zähneknirschend an die Folgen dieser Reform gewöhnt. Das Publikum wünscht sich zwar immer wieder das Lied „Deutschlehrer“ als Zugabe, doch Sebastian Krämer hat keine rechte Lust, dem Publikum den Gefallen zu tun. Auch er hat mit dem Thema abgeschlossen. Die Luft ist raus. Jedenfalls war sie eine Zeit lang raus.

Nun ist die Luft wieder drin. Heiße Luft. Wer nach dem historischen Sprachfrieden anno 2017 gedacht hatte, dass wir bei der Rechtsschreibreform noch mal mit einem blauen Auge davongekommen seien und dass es alles noch viel schlimmer hätte kommen können, steht jetzt als blauäugig da: Es kommt noch schlimmer. Der Rat für Rechtschreibung ist wieder da – da, wo er nicht hingehört.

Wenn es schlechte Schüler gibt, wie schreibt man das richtig?

Die Empfehlungen, um die es nun geht, gehören nämlich nicht in den Zuständigkeitsbereich des Rates Rechtsschreibung, auch wenn immer wieder von „Schreibung“ die Rede ist. Das lässt sich leicht zeigen. Eine Frage der Rechtschreibung wäre es, wenn wir festlegten, dass die Schreibweise „Schühler“ nicht korrekt ist, auch „Schüla“ nicht – was an die berüchtigte Methode „Schreiben nach Gehör“ erinnert.

Nach den zur Debatte stehenden Empfehlungen zum gendergerechten Schreibgebrauch sieht es jedoch anders aus: Die „Schüler“ würden dann zu „Schülerinnen und Schüler“, zu „Schüler*innen“, zu „Schüler_innen“, „Schüler:innen“ oder „SchülerInnen“. Oder zu „zur Schule Gehende“, auch wenn sie zu Hause bleiben müssen. Inzwischen sind auch „Vater“ und „Mutter“, die kurzzeitig nach Gehör zu „Fata“ und „Muta“ mutiert waren, durch „Elter 1“ und „Elter 2“ ersetzt worden. Erkennen Sie den Unterschied? Wir haben es hier nicht mit einer neuen Rechtschreibreform zu tun.

Es geht keinesfalls um Rechtsschreibung, sondern um inhaltliche Vorentscheidungen zu Geschlechterfragen, die in die „öffentliche Schreibung“ implementiert werden sollen, um weitere Diskussionen zu dem Thema abzuwürgen.

Wenn ich das Fleisch nicht essen will, mag ich auch nicht über das Dressing reden

Hier zeigt sich, wie tückisch die Betonung auf „Schreibung“ und die Vermeidung des Wortes „Sprache“ war. Damit wurde so getan, als ginge es um eine eher unbedeutende Frage der Rechtschreibung, obwohl es in Wahrheit um die Einführung der gendergerechten Sprache geht, die uns feministische Denkmuster vorschreiben will.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Vegetarier und würden regelmäßig in ihrem Lieblingslokal zum Mittag essen. Eines Tages sagt der Kellner: „Das Fleisch, das Sie bestellt haben, kommt gleich. Welches Dressing möchten Sie: Knoblauch, Kräuter oder Mayonnaise?“ Dann sagen Sie hoffentlich: „Ich will nicht über das Dressing mitbestimmen dürfen, ich habe das Fleisch nicht bestellt und will es auch nicht essen.“

So lautet auch meine Antwort als Mitglied im P.E.N.: Über die Schreibweise von der Mayonnaise lasse ich gerne mit mir reden, da halte ich mich an das, was die Öffentlichkeit am besten versteht, doch ich will die gendergerechte Sprache nicht, die unter der falschen Flagge der „öffentlichen Schreibung“, mit der signalisiert wird, dass es sich lediglich um ein nachgeordnetes Problem der Schreibung handelt, abgesegnet werden soll, so dass man nachher in aller Bequemlichkeit sagen kann: Ja, ja, es gab da schon einige kritische Stimmen, aber eine Befragung der „Kolleginnen und Kollegen“ hat wichtige Bausteine ergeben, die der Rat für Rechtschreibung nun in seine Arbeit einbeziehen kann. Er kann nun Empfehlungen geben, die viel mehr als Empfehlungen sind, sondern Öl im Feuer.

Die Spaltung wird vertieft. Die Stimmung wird gereizter

Ich fürchte, dass es genau so kommen wird. Herr Götze ist, wie gesagt, Mitglied im Rat für Rechtschreibung, ebenso in der Arbeitsgemeinschaft Geschlechtergerechte Schreibung und außerdem im P.E.N. Er kann alle Türen aufhalten, damit ein Durchzug entsteht und die gendergerechte Sprache kräftig Wind in die Segel kriegt.

Dabei kann man jetzt schon erkennen, dass sich die Spaltung dramatisch zuspitzt, dass ein Diskurs immer schwieriger wird. Die Markierungen der „öffentlichen Schreibung“ sind längst zu Erkennungszeichen geworden, um nach dem armseligen Aschenputtel-Prinzip (die Guten ins Töpfchen …) die Gesellschaft zu spalten.

Wer die „öffentliche Schreibung“ nicht nutzt, gehört zu denen, auf die man mit dem Finger zeigt. Zu denen, die ausgestoßen werden. Zu denen, die man als zumindest rechtsgerichtet, wenn nicht gar als Gefahr für die Demokratie beschimpfen und wegen Diskriminierung verklagen kann. Eine Sprech- und Schreibweise, die sich frei hält von den Erkennungsmerkmalen der gendergerechten Sprache, gilt als „AfD-Sprech“.

Henning Lobin warnt uns: „Die ‚Neue Rechte‘ missbraucht die deutsche Sprache.“ Dabei besteht der Missbrauch hauptsächlich darin, dass die ‚Neue Rechte‘ sich der Gendersprache verschließt. Dahinter stecke, so Lobin, eine politische Agenda. „Die Ablehnung einer Gendersprache“, erklärt er, „stehe für eine traditionelle Vorstellung von Familie und Gesellschaft allgemein“. Das ist schlecht. Jedenfalls in seinen Augen.

Ich gehöre zu den Kritikern

Ich fürchte, dass es genauso kommen wird, wie ich beschrieben habe, weil Herr Götze mit einer deutlichen Vorentscheidung an die Sache herangegangen ist. Er nutzt demonstrativ die Doppelnennung und schreibt wiederholt „Kolleginnen und Kollegen“, was übrigens nicht alle im P.E.N. tun; manchmal kriegt man auch Schreiben, in denen die Kollegen „Kollegen“ genannt werden.

Auch die damalige Präsidentin Doris Ahnen im Rat für Rechtschreibung befand, dass der Rat in seiner Zusammensetzung eine hohe Pluralität aufweisen kann, was sie als „faires Angebot insbesondere an die Kritikerinnen und Kritiker“ bezeichnet hat. Ich verstehe das so, dass Kritik willkommen ist, sofern die Doppelnennung beibehalten wird, an die sich die meisten inzwischen gewöhnt haben (ich nicht).

Ich gehöre zu den Kritikern, die sich in einer Gruppe finden, die sich einfach „Kritiker“ nennt und in der es egal ist, welche geschlechtliche Identität jemand hat, der sich zu welchem Thema auch immer äußert.

Ich will einen Vorschlag zur Güte machen. Eingangs erwähnte ich, dass es in dem Fragebogen zur „öffentlichen Schreibung“ hieß , dass das literarische Schreiben „nicht betroffen“ ist.

Ein Attest für Literaten

Hier nun mein Vorschlag: Der P.E.N. stellt für seine Mitglieder ein Attest aus, das auch andere Schriftsteller beantragen können, die sich dem literarischen Schreiben verpflichtet fühlen. Denen wird bescheinigt, dass sie vom gendergerechten Schreibgebrauch befreit sind und in ihrer literarischen Arbeit, in ihren persönlichen sowie in allen sonstigen an die Öffentlichkeit gerichteten Schreiben ein und dieselbe Schreibung benutzen dürfen.

Dieses Attest könnte auch auf dem Handy geladen werden, so dass jeder, der so ein Freistellung hat, in Diskussionen, in denen die „öffentliche Schreibung“ der gendergerechten Sprache auch im Sprachgebrauch zum Ausdruck kommt, sich nach dem Vorzeigen des Attestes zu Wort melden und sich damit auf eine Art und Weise einbringen und kann, wie es zu seinen literarischen Arbeiten passt.

Wie wäre das?

Der Artikel erschien zuerst auf Achse des Guten.

 

 

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