23. Februar 2014, von Prof. Günter Buchholz

Bascha Mika, die frühere Chefredakteurin der taz, ist jetzt in der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau, wie diese unter der Überschrift „Bascha Mika und Arnd Festerling neue redaktionelle Spitze“ berichtet.

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Wir kennen Bascha Mika nicht nur durch Ihre Mitgliedschaft bei dem Frauen-Lobbyverein ProQuote, die ihre neue Rolle in der FR sicherlich stürmisch begrüßen wird, sondern auch durch ihre kritische Biographie von Alice Schwarzer.

Die wird sich über diesen Text ihrer Kollegin eher wenig gefreut haben. Aber nach ihrer selbst verschuldeten Steueraffäre und den folgenden noch offenen Nachforschungen dürfte Alice Schwarzer als moralische Instanz des Feminismus am Ende sein.

Das macht nichts, denn es gibt bereits unausgesprochen eine designierte Nachfolgerin, Bascha Mika  nämlich. Und Bascha Mika hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt „Mutprobe“ und Spiegel-Online hat dazu ein Interview mit ihr geführt.

Das ist in Ordnung, aber man wünschte sich doch, dass auch andere, wenigstens ebenso bedeutsame Personen interviewt würden, z. B. Gerhard Amendt mit seinem wichtigen neuen Buch „Von Höllenhunden und Himmelswesen“.

Bascha Mika ist Jahrgang 1954, ist oder wird also in diesem Jahr 60 Jahre alt. Mit dem 60. Geburtstag geht man, so sehe ich das, durch das Tor zum Alter, das dann spätestens nach einer weiteren Dekade unabweisbar da ist. Ebenso wie mir ist auch ihr aufgefallen, dass das Älterwerden und das Altern zwar gewisse Vorteile, aber eben auch Nachteile mit sich bringt, und das Ende der Geschichte ist sowieso bekannt.

Was Bascha Mika in ihrem Interview beschäftigt, das sind weniger die Nachteile des Alterns im allgemeinen, zu denen ich als der Ältere einiges beisteuern könnte, sondern, wie überraschend, nur diejenigen, die sich aus ihrer Sicht für Frauen ergeben. Sie sagt – irritierenderweise - z. B.:

„Natürlich gibt es die Liebe auf den ersten Blick, und auch, dass Menschen sich begehren, von denen man das nie erwarten würde. Wenn mir ein Mann gefällt, dann denke ich, das ist meine persönliche Geschichte, die mich zu ihm hinzieht. Aber unser Begehren ist kulturell und gesellschaftlich geformt. Es ist keine Frage der Biologie, dass die Paarung ältere Frau und junger Mann so selten vorkommt, während es umgekehrt gang und gäbe ist.“

Ach ja, die Welt ist ungerecht. Die Schönheit vergeht, und die weibliche Schönheit anscheinend besonders früh. Das erotische Kapital, das so oder so eingesetzt werden konnte, es wirkt kaum mehr jenseits der Menopause. Aber das hat nichts, aber auch gar nichts mit Hormonen zu tun. Nein! Wir wissen das doch von den Gender Studies! Also taucht es prompt wieder auf, das unvermeidliche feministische Stichwort der „Diskriminierung“, hier der „Altersdiskriminierung von Frauen im Berufsleben“. "Alter" ist für Mika ein soziales Konstrukt. Man könnte das für eine fixe Idee halten. Und für einen Ausdruck eines beim Blick in den Spiegel gekränkten Narzissmus und seiner bösen Folgen – wie im Märchen „Schneewittchen“. Schließlich könnte man angesichts dieser luxurierenden Selbstverliebtheit an eine Blindheit gegenüber den wirklichen sozialen Problemen denken. Und die sind gewaltig.

Denn die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 schlägt aufgrund der bestehenden Machtverhältnisse gesellschaftlich auf die unteren Schichten durch. Und sie schwelt weiter. Die fälligen Verluste der Banken und der privaten Vermögenden wurden vermieden, indem sie als Staatsschulden sozialisiert wurden. Die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa ist dramatisch angestiegen, die Lage in Griechenland ist schlicht verzweifelt. Und in Deutschland breiten sich prekäre, unsichere Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit und nicht auskömmliche Niedriglöhne sowie Unsicherheit aus, die als ein Lohndumping wirken und die fragwürdige Austeritätspolitik mit ihren fatalen Folgen erst ermöglichen. Der Sozialstaat wurde schon in der ersten Dekade zurückgebaut (Agenda 2010), und die soziale Infrastruktur (z. B. Bildung) sowie die Verkehrsinfrastruktur werden schwächer. Nötige öffentliche Investitionen unterbleiben, weil rechtspolitisch eine „Schuldenbremse“ bzw. ein „Fiskalpakt“ durchgesetzt worden ist. Ob die Große Koalition diese Tendenzen weiter treiben oder sie stoppen wird, das bleibt abzuwarten.

Aber was interessieren diese schwerwiegenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Menschen schon eine vermutlich gut verdienende Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau? 

Aber die Altersdiskriminierung. Nur von Frauen. Ein Jammer das alles. Wirklich. Der antike Chor der Klageweiber betritt wieder einmal vor versammeltem Publikum die Bühne und singt schon wieder: „Ach, wir Armen...“. Und alle, oder fast alle, applaudieren. Und danach gehen sie dann nach Hause und lesen bei Hans Christian Andersen das Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“.

Bild: Tomasz Sienicki - The princess and the pea (CC BY 2.5)

 

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