Zahlreiche Medien berichten dieser Tage – wie immer in diesen Fällen gutgläubig, grundnaiv und ohne Gegenrecherche – über ein aktuelles virales Video, das sexuelle Übergriffe darzustellen scheint, und geben das dort Gezeigte wieder, als ob es sich um unzweifelbare Fakten handeln würde.

Video-ghfz7568 So schreibt etwa der Schweizer "Blick" in dem Beitrag Wie eine Betrunkene zu Freiwild wird:

Eine junge, attraktive Frau geht offensichtlich betrunken durch Los Angeles. Wie Männer darauf reagieren, wird mittels versteckter Video-Kamera festgehalten. Die «Hilfsangebote» sind eindeutiger Natur.

In dem Artikel Wir Widerlinge der "Süddeutschen Zeitung" kommt sich der Autor Jan Stremmel durch solche Videos einen Moment lang ungerecht behandelt vor:

Waren wir nicht schon mal weiter, als diese blöden Randerscheinungen unserer Geschlechterunterschiede mit versteckter Kamera rauszukitzeln? Müssen wir ernsthaft zehn Stunden Spaziergang auf die anstrengendsten 116 Sekunden zusammenschnurzeln, damit wir das checken? Und warum diese freiwillige Opferrolle, die die Frauen da gewählt hatten?

Aber schon ein kurzes Gespräch mit "ein paar Frauen" bringt ihn wieder in die Spur. Auf den Gedanken, dass das Video gefaket sein könnte, kommt Stremmel keine Sekunde. Muss echt sein, steht ja im Internet.

Bemerkenswert ist der Auftritt der BILD. Dieses Blatt schlagzeilt empört So machen sich Männer an eine betrunkene Frau ran! und berichtet entsprechend über die Im Video gezeigten Szenen:

Eine junge, betrunkene Frau? Ein leichtes Opfer! Das haben sich angeblich auch diese Männer gedacht, als sie den Lockvogel entdeckten und abschleppen wollten!

Dumm nur, dass sich das Ganze dann als großer Fake herausstellt, wie die BILD im selben, offenbar nachträglich umgeschriebenen Artikel zugibt:

Die junge Dame, die stark schwankend nach der Bushaltestelle fragt, um nach Hause zu kommen, ist in Wahrheit eine Schauspielerin – und die Reaktionen der Testosteron-Helden sind nur gespielt. Auch sie wurden vorher gecastet, enthüllt die Seite "The Smoking Gun". (...) Im Internet machte das Video die Runde, viele internationale Nachrichtenseiten machten die Aktion zum Thema. Auch BILD berichtete zunächst von einem vermeintlichen "Video-Experiment".

Genaueres efährt man hier.

Medien wie die Huffington Post korrigieren ihren irreführenden Artikel direkt darunter durch ein "Update"; das feministisch geprägte Magazin Salon widmet dem Fake anständigerweise einen eigenen Artikel.

Die letzte große Medienente über angeblich sexuelle übergriffige Männer ist übrigens erst ein paar Wochen alt. Wer gehofft hatte, dass unsere Medien bei diesem Thema lernfähig sind, hat sich dabei übel geschnitten.

Wenn es irgendeine andere Gruppe als "weiße, heterosexuelle Männer" wäre, über deren angebliche sexuelle Übergriffigkeit es immer wieder gern kolpotierte Falschmeldungen gäbe, wäre das gerade in der linken Szene ein Thema vielfacher Kommentare und Analysen. Richtet sich die Stimmungsmache aber gegen solche Männer, herrscht in solchen Fällen kurz betretetenes Schweigen, und dann geht es schnell wieder weiter damit.

Vielleicht hätte Jan Stremmel seine Überschrift "Wir Widerlinge" besser für sich und seine Kollegen als für sich und seine Geschlechtsgenossen verwenden sollen. Denn es ist eine bestimmte sexistische - männerfeindliche - Erwartungshaltung im Journalismus, die solche Fakes überhaupt erst so erfolgreich macht.

Der Beitrag erschien zuerst auf Genderama.

 

Weitere Beiträge

Von wem geht hier wirklich Sexismus aus?


Wenige Wochen vor dem Erscheinen von Anne Wizoreks Buch "Weil ein Aufschrei nicht reicht" erklärte die US-amerikanische Professorin für Geistes- und Medienwissenschaft Camille Paglia, Feminismus sei im Jahr 2014 nicht mehr als "ein Haufen gemeiner Mädchen auf Twitter".
International sammeln die jungen "Women Against Feminism" immer mehr Anhängerinnen. Und wenige Tage vor dem Erscheinen des Buches...

Von der Frauenemanzipation zur Frauenprivilegierung


Warum die Gleichstellungspolitik keine linke, sondern eine rechte Politik ist
Gleichheit meint in logischer Hinsicht immer die Gleichheit des Verschiedenen, denn sonst würde es sich um Identität handeln. Nur was verschieden ist, kann gleich sein. Gleichheit meint weder Identität noch enthält sie den Impuls, Ungleiches gleich machen zu wollen, sondern sie betont die Gleichwertigkeit der...

Die Angst vor der Objektivität


Der Begriff der Objektivität ist in Verruf geraten. Postmoderne und feministische Autoren entwickeln ihre Positionen in Abgrenzung zur metaphysischen bzw. absoluten Objektivität.
Doch sollten wir deshalb auf Objektivität verzichten? Oder lässt sich ein Begriff von Objektivität finden, der nicht-metaphysisch wäre und an dem sich die wissenschaftliche Forschung orientieren könnte?
...

Geschlecht und Neid

 
Neid tritt nicht nur im Verhältnis eines Individuums zu einem anderen Individuum auf. Er hat darüber hinaus gesellschaftliche Dimensionen und äußert sich auf unterschiedlichen Politikfeldern. Neid ist eine Grundlage des Feminismus und der feministisch geprägten Frauenpolitik.
Doch was ist Neid? Kann ein spezifischer Neid von Frauen auf Männer festgestellt werden? Wie manifestiert sich Neid in der...

Die Angst vor dem Feminismus


Befragt nach dem Grund seiner Zustimmung zu dem seltsamen „Herr Professorin“-Beschluss, antwortete der Senats-Vicechef der Uni Potsdam: „... es hätte sonst Ärger mit Feministinnen gegeben“.
Diese seltsame Kapitulation und die fehlende Zivilcourage verblüffen. Es zeigt: Ein Phänomen geht um. Es ist die A n g s t vor Folgen, nicht politisch korrekt zu handeln. Folgen, die nicht nur ein...

What if Women Rule the World?


Vom 12. bis zum 14. April fand an der Volksbühne „ein soziologisches Experiment, bei dem wir etwas über Humanität lernen können“ statt - so zumindest die Erläuterung der Regisseurin über ihre eigene semi-fiktionale Theater-Performance. Und wie sieht so etwas aus? Fünf reale Expertinnen und fünf Schauspielerinnen sitzen an einem runden Tisch, um eine globale Katastrophe zu verhindern. Das Stück:...

Unser täglich Einheitsbrei gib uns heute


Liebe Journalisten,
in aller Regel nehme ich von anderen Menschen zunächst das Beste an, bis mir das Gegenteil bewiesen wird. Aber ihr macht es einem wirklich nicht leicht.
Ich kann mir gerade eben noch vorstellen, dass das Weglassen der einen oder anderen relevanten Information aus Unwissenheit geschieht. Etwa in einem Artikel über männliche Unterhaltspreller nicht darauf hinzuweisen, dass von...