Im amerikanischen Nebraska ist man unlängst auf die Idee verfallen, die Schulkinder nicht mehr länger als Buben und Mädchen anzusprechen. Sie werden hinfort als nette Hasen, liebe Katzen, quirlige Goldfische oder eben kleine Pinguine angeredet.

Pinguine-njhu8756 Hintergrund ist die nicht gerade neue Erkenntnisse, dass es neben Frauen und Männern auch solche Menschen gibt, die sich weder als das eine noch als das andere fühlen.

Sogenannte Transsexuelle. Zwar bewegt sich deren Anzahl in einem verschwind geringen Promille-Bereich; aber in unseren Zeiten „politischer Korrektheit“ darf man sich auch gegenüber noch so winzigen Minderheiten keinen Fehltritt erlauben. Lieber behandelt man die übergrosse Mehrheit als Idioten. Denn so fühlen sich Buben und Mädchen in Nebraska, wenn sie mit Tiernamen angesprochen werden. Das berichten  protestierende Eltern. Es hätte ja vielleicht auch den vernünftigeren Weg gegeben, im Unterricht  zu verdeutlichen, dass wir heute im Gegensatz zu früheren Zeiten in einer Gesellschaft freierer Sexualität leben. Doch Vernunft – in der Gender-Debatte – ist nicht erwünscht.

Was in Nebraska eine Art Pionierprojekt ist, hat in Schweden auf etwas andere Art bereits allgemeine Verbindlichkeit. Ob Junge oder Mädchen – alle werden inzwischen als „hen“ angesprochen. Das ist nun eigentlich gar nicht schwedisch, sondern es ist ein Kunstwort. Jedenfalls ist der Zweck erreicht, dass es keine Mädchen und keine Jungen mehr gibt, selbstredend auch keine Frauen und Männer, sondern nur noch Menschen – geschlechtsneutral versteht sich. Zu dieser Politik gehört, dass in Vorschulen die „Hens“ nur noch unter Aufsicht spielen dürfen; zu gross sei die Gefahr, dass die Kinder in „stereotypisierte Geschlechtsrollen“ zurückfallen könnten. So wurde den Buben verboten, mit Spielzeug zu spielen, dass sie als „männlich“ verstehen  – Autos zum Beispiel.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Schweden - bisheriger Spitzenreiter bei Pisa-Studien – geradezu dramatisch abgefallen ist. Vor allem die Buben. Verweigerungshaltung? Nicht ganz unerheblich mag auch sein, dass Schweden weltweit das Land ist, in welchem die meisten Ehen mit Thai-Frauen geschlossen werden. Reaktion auf eine Form von Genderwahn?

Eigentlich müssten wir es inzwischen besser wissen. 1965 wurden im kanadischen Winnipeg eineiige Zwillinge geboren – beide mit einer Vorhautverengung. Bei der notwendigen Operation wurde der Penis des einen Buben – Bruce - so stark verletzt, dass ein Experte zur Amputation riet. Das war John Money- damals hoch im Kurs. Er empfahl, den Jungen nun als Mädchen zu erziehen. Mit der Gabe der nötigen Hormone sei das absolut kein Problem. Der Junge würde zum Mädchen und sich dementsprechend fühlen. Die theoretische Gebrauchsanweisung war, dass die Natur bei der Herausbildung der Geschlechtsidentität sowieso keine Rolle spiele – einzig die Erziehung.  

Alice Schwarzer – bekannt dafür, komplexe Sachverhalte je schon immer auf den simpelsten aller Nenner zu bringen – war begeistert und feierte Money jahrelang als Pionier der Geschlechterforschung. Bruce war es weniger. Trotz Hormonen, Mädchenkleidern etc. wehrte er sich. Er wollte lieber mit Jungen spielen, Jungenkleider tragen und eben ein Junge sein. Offenbar ist die Natur doch nicht so irrelevant. Das Ganze endete tragisch. Bruce kam mit den  ganzen Veränderungen und Widersprüchen nicht klar und brachte sich um. Der amerikanische Journalist John Colapinto hat sein Schicksal nachgezeichnet („Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“).

Es ist wohl einfach gefährlich, Rollenbilder am Schreibtisch aufzulösen –  nur weil es einer bestimmten Ideologie entspricht. Eigentlich müsste es ja so schwierig auch nicht sein: Mädchen sind Mädchen; Buben sind Buben. Und eben keine Pinguine.

Walter Hollstein, em. Prof. für politische Soziologie; letzte Buchpublikation: Was vom Manne übrig blieb (2012)

Der Artikel erschien zuerst in Basler Zeitung 5.12.2014

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Kommentare  

0 # MakingUsmile 2015-06-02 07:07
Thanks in support of sharing such a nice opinion, post is fastidious, thats why i have read it
completely
Antworten
Weitere Beiträge

Polemischer antifeministischer Backlash, gruselige Verschwörungstheorien ...

... und andere sachliche Worte der Zeit für Kritik an den Gender Studies
In der Zeit hat die Kulturjournalistin und Deutschlandradio Kultur-Redakteurin Catherina Newmark gerade einen Text veröffentlicht, in dem sie Kritikern der Gender Studies vorwirft, ihre Kritik lediglich Aus Angst vor einem anderen Leben zu üben: aus Angst also vor einer Änderung bestehender Verhältnisse, aus Angst davor,...

Über den Gender-Begriff (1)


Den Begriff „gender“ haben Sie wahrscheinlich schon einmal gehört oder gelesen. Feministinnen verwenden ihn häufig und gern. Aber wissen Sie eigentlich, was mit „gender“ gemeint ist?
Ich meine, wissen Sie, was genau damit gemeint, und was eben nicht? Damit sie verstehen, wovon Feministinnen wirklich reden oder schreiben? Nun, wir haben es mit einem englischen Begriff zu tun, und die Übersetzung...

Männliche Erzieher – ein Praxisbericht


Geschichte
In Waisenhäusern und Erziehungsanstalten wurden Kinder und Jugendliche ab dem 19. Jahrhundert außerhalb von Familien erzogen. In Waisenhäusern betreuten vor allem Ordensschwestern unter der Leitung von Pfarrern die Kinder. In staatlichen Heimen wurden häufig Kinder und Jugendliche untergebracht, die “auffällig” geworden waren. In Erziehungsanstalten sollten sie zu vollwertigen...

Massenvergewaltigungen, Versklavung, Gendercide


Wenn in unserer Gesellschaft Männerrechtler darüber sprechen, wie sie und ihre Geschlechtsgenossen diskriminiert werden, führen sie von der Ausgrenzung der Väter bis zur Jungenkrise gerne Beispiele aus ihrem direkten Umfeld an. Aber ist das nicht ein verengter Blick? Die internationale Perspektive auf die Benachteiligung von Geschlecht geht dabei häufig verloren. Wie sieht es denn in den Staaten...

Gender Mainstreaming. Der Zahn der Zeit


Gestern schickt mir ein Freund den Link zu einem Artikel im FOCUS. Ein 560 000 Jahre alter Zahn ist gefunden worden, geschätzte 100 000 Jahre älter als der 1971 gefundene "Mensch von Tautavel", in der "Höhle von Arago", nahe Tautavel, bei Perpignan. Selbstverständlich steht darüber schon ein Artikel im Lokalblatt L'Indépendant, und so weiß ich das längst. Wer den Zahn Arago Nr. 149 gefunden hat, steht...

Anmerkungen zur 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) - Teil II


Die institutionelle Stabilität des traditionellen deutschen dreigliedrigen Schulsystems ist wirklich ungewöhnlich. Sie hat ganze historische Epochen überstanden: das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik, das sogenannte „Dritte Reich“, und auch innerhalb der Bundesrepublik hat sich diese Struktur mit kleineren oder größeren Modifikationen bis in die Gegenwart behauptet.
Weder pädagogische...

Familienbilder in Deutschland und Frankreich - Monitor Familienforschung 34/2015


In ihrer aktuellen Stellungnahme zum Monitor Familienforschung 2015 vergleicht Frau Bundesministerin Manuela Schwesig die unterschiedlichen kulturellen Herangehensweisen zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland und unserem Nachbarland Frankreich. Dabei weist sie zu Recht darauf hin, dass diesseits des Rheins in den letzten Jahren große Verbesserungen erzielt werden konnten.
Ich...

Hochschulen: Füllhorn für Frauenförderung


Zunächst die Fakten: Studentinnen überholen Studenten, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. betragen die Frauenquoten  im Vergleich zu 1992[1] bei den Immatrikulationen:  49,5 %, den Studienabschlüssen 51,8% und den Promotionen 44,1%.
Damit liegt die Frauenquote innerhalb der Studentenschaft bei beachtlichen fast 50% , die Nachwuchs-Förderung von Akademikerinn müßte eigestellt werden –...