Er ist gerade mal 20 Jahre alt und schon ein ´geschlagener´ Mann.

poor-eyes

Seine Stimme ist ruhig und sanft. Eher bedächtig abwägend formuliert er seine Sätze. Vorsichtig tastet er sich mit seinem Anliegen voran und argumentiert dabei doch klar und nachvollziehbar. Ich entdecke in seinen Aussagen Gemeinsamkeiten mit meinen Erfahrungen und freue mich einem Mann zuhören zu können, der zusammenfasst, was ich bruchstückartig in den vergangenen 10 Jahren aufgesammelt habe. Er spricht für eine Gemeinschaft von Jungen und Männern, die das alles nicht mehr einfach so hinnehmen möchten, sagt er mir.

Er sei mit seinem Bruder bei seiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Viele von uns, sagt er, hätten keine Väter, keine männlichen Vorbilder gehabt. In seiner Schulzeit sei er nicht genügend gefördert worden. Es kommt ihm so vor, als hätte dies System. Jungen werden gezielt und bewusst nicht mehr gefördert, findet er und es gäbe immer weniger Ausbildungsplätze für die Jungen mit schlechtem oder niedrigem Bildungsabschluss. Im Nachhilfeunterricht würden manche der Jungs, für die er spricht, von jungen Referendarinnen lernen, wie man einen Hartz IV Antrag ausfüllt, aber nicht, wie man besser werden kann.

Wegen eines schlechten Realschulabschlusses blieben ihm nur wenige Möglichkeiten auf einen Ausbildungsplatz. Der Berufsberater hätte gesagt, dass viele Jungen ´schlechte Karten´ hätten und große Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt bekommen würden. Er hätte einen Ausbildungsplatz gehabt, musste diesen aber wegen einer Allergie aufgeben. Nun sei er in der Leiharbeit. Er würde sehr wenig verdienen und käme mit dem Geld nicht über die Runden. Jungs sollen billige Arbeitskräfte sein, meint er, es kommt ihm so vor, als würden sie gezielt zu billigen Hilfsarbeitern gemacht.

Seine Vorgesetzten seien zu 100 % Frauen. Seine derzeitige Chefin sei sehr streng. Er war mal bei einer privaten Arbeitsvermittlerin, die Jungs wie ihn gar nicht mehr vermittelt. ´An euch Jungs verdien ich nix´, hätte sie gesagt. Die Betriebsleiterin für die er im Moment arbeitet würde herablassend mit ihm und seinen Kollegen umgehen. Er berichtet von einer Chefin, die mehrere Gruppenleiterinnen beschäftigt, die wiederum fast 100 Männer losschicken, um zu ´drücken´. Er hätte gehört, wie die Chefin einmal am Telefon sagte ´treibt diese Jungs mehr an, die müssen mehr einbringen´.

Es gibt Jungs, die davon berichtet hätten, von der Vorgesetzten geschlagen worden zu sein. Sie seien nicht so redegewandt. Ein junger Mann sei nach Warschau ausgeliehen worden. Auf den Feldern war es ein tägliches Kommen und Gehen. Auch dort waren die Vorgesetzten Frauen. Das Ganze kommt ihm vor wie Männerhandel, als ob Frauen einen Händlerring gegründet hätten, der Jungen und Männer mit geringem Bildungsstand ausbeutet. Prekäre Arbeit wird männlich sagt er und zitiert damit eine Unterstützerin, die auch meint, das Matriarchat käme subtil daher, wie ein Spinnennetz. Es ist für diese jungen Männer schwer, dem zu entkommen. Ein freundlicher Berufsberater hätte einmal gewarnt, passt auf, dass ihr nicht in der Gosse landet.

Seine Zukunftsaussichten sind schlecht, findet er. Finanziell hängt er, trotz Vollzeitarbeit, in der Armut. Viele von uns sind so arm, dass sie sich nix leisten können, sagt er. Wie soll es da privat bergauf gehen? Wir sind zu nichts mehr zu gebrauchen, fasst er zusammen, auch für Frauen nicht. Neulich hätte er eine Szene in der S-Bahn beobachtet. Zwei Frauen plauderten miteinander. Eine zitierte aus der Zeitung, die sie gerade las. Männer würden immer unfruchtbarer, hieß es da. Lauthals setzt sie nach ´Männer sind nicht einmal mehr als Besamer zu gebrauchen´ und lacht.

Wir wissen, dass es in den USA bereits Netzwerke und Männerhäuser gibt, sagt der junge Mann. Viele Männer in den USA seien obdachlos und viele gehen aufs Land, hätte er gehört. Wir würden uns gern darüber informieren, aber wir können schlecht Englisch. Viele von uns vereinsamen und leben nur noch, um zu arbeiten, meint er.

Er würde mit zwei weiteren jungen Männern in einer Wohngemeinschaft leben und hätte sich via Internet mit mehreren Hundert Jungs und Männern zwischen 15 und 30 Jahren locker zusammengeschlossen, weil es ihnen allen ähnlich geht und sie etwas dagegen tun möchten.
Gern würden sich diese Jungs öffentlich äußern, über Facebook zum Beispiel oder auf Internetblogs, aber sie haben Angst. Einmal vermuten sie, dass ihnen ihre Chefinnen das übel nehmen würden und sie ihren Arbeitsplatz loswerden könnten. Zum anderen glauben sie, dass sich Menschen über ihre Situation lächerlich machen könnten. Es ist schwer sich zu wehren, sagt der junge Mann in dem Gespräch mehrere Male.

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Weitere Beiträge

Petition zur Förderung von Jungen - Das Potential von Jungen begreifen

Petition an Manuela Schwesig
Liebe Unterstützer/innen, wir bedanken uns recht herzlich für eure Unterstützung zur Jungenförderpetition im Bildungsbereich.
Eine ehrliche und effektive geschlechterspezifische Bildungsförderung muss beide Geschlechter und damit auch Jungen im Blick haben, denn auch Jungen sind Kinder und was aus Kindern wird, dafür sind wir Erwachsene verantwortlich. 785 Menschen haben unsere...

OK, Kill Their Boys. Bring Back Our Girls.


Im Juni 2013 tötete die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram 42 Jungen bei einem Angriff auf eine Schule: Die Jungen wurden zusammengetrieben, dann warfen die Mörder Sprengstoff auf sie.
Im September 2013 griffen Boko Haram-Terroristen nachts das College of Agriculture in Gujiba, Nigeria, an - sie attackierten gezielt die Schlafsäle der jungen Männer und töteten 44 von ihnen.
Im Februar 2014...

Ohne Kapitalismus kein Respekt

- zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Derzeit ist es en vogue, sich vom Kapitalismus zu distanzieren. “Die Krise heißt Kapitalismus” titelt die “Gruppe soziale Kämpfe” deren Ziel darin besteht, Re-Kommunalisierung und Verstaatlichung durchzusetzen, also Sozialismus einzuführen.
Eine andere Sektion der so genannten “Occupy Bewegung” ist gar der Ansicht “Echte Demokratie – das geht nur ohne...

Geschlechterdebatte: „Ein wesentlicher Teil der Natur von Jungen wird nicht akzeptiert"

Während allenthalben von der Benachteiligung von Frauen gesprochen wird, kommt das Thema der Benachteiligung von Jungen in den Schulen zu kurz, meint Pädagogik-Professor Wolfgang Tischner. Heute gelten Mädchen als „Standardmodell des guten Schülers."
Interview mit Professor Wolfgang Tischner
Cuncti: Herr Professor Tischner, soweit ich Simone de Beauvoir und ihr Buch"Das andere Geschlecht" in...

Die Männerrechtsbewegung – grenzenlos


In der momentanen Propagandaschlacht gegen die Männerrechtsbewegung werden aus strategischem Interesse die verschiedensten Falschbehauptungen gestreut. Eine besonders beliebte: Die Männerrechtsbewegung sei sehr winzig und umfasse lediglich wenige hundert Mann, weshalb sie eigentlich völlig unwichtig sei und es sich gar nicht lohne, sie in ständig neuen "Expertisen", Büchern und EMMA-Artikeln zum Thema zu...

Burkhard Oelemann: „Die Lynchaufrufe sind ein logisches Produkt jahrzehntelanger Dämonisierung“


Das folgende Interview mit dem Anti-Gewalt-Berater und -Pädagogen Burkhard Oelemann hatte ich bereits geführt, bevor das Thema häusliche Gewalt durch seine skandalöse Behandlung durch die Zeitschrift Chrismon noch einmal besonders aktuell wurde. Deshalb habe ich Burkhard Oelemann nicht eigens dazu befragt (er fand meine Analyse der Chrismon-Artikel allerdings "sehr, sehr gut", was nahelegt, dass er...

#Aufschrei: Das Schweigen der Männer und vegane Schweinshaxen


Ich wollte ja immer schon einmal einen Text über „Gender Mainstreaming“ schreiben, hatte dabei aber das kleine Problem, dass ich auch nach langen Überlegungen und der Lektüre vieler Texte noch immer nicht so recht weiß, was das ist.
Also habe ich auf der Seite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nachgesehen, weil dort Gender Mainstreaming ja engagiert vorangetrieben...

Die Champions-League des Sexismus - es geht los!


Was, schon wieder Sexismus? Ja, aber diesmal ist es nicht irgendein aufgebauschter Provinzblatt-Sexismus. Wir wollen den dreistesten, den größten, den sexistischsten Sexismus aller Sexismuszeiten küren. Es ist die „Champions-League des Sexismus“.
Warum? Sexismus gegen Männer gäbe es nicht oder zumindest weniger. So heißt es in den Medien. Ohne Beleg, ohne Beweis, einfach so, ohne kritisch zu...