Geschlechterdebatte:

Frauendämmerung – über die Unlust des modernen Mannes

Wir hassen, wir grenzen aus, wir erniedrigen. Das Andere treibt uns stetig um und spornt uns an – zum Hass. Aber warum? Die Frage ist dumm, denn sie ist unnötig. Oder käme uns die Frage in den Sinn, warum wir gerne essen oder Sex haben? Es dient der Erhaltung unsererselbst. Jemand anderen auszusondern, ist uns ein Machtgewinn und macht auch darum Freude.

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Schön ist diese Einsicht nicht, sie lehrt uns nämlich, dass das Bedürfnis, andere unterzuordnen, unserer Natur immanent ist, und dass wir Gefahr laufen, es immer wieder zu tun. Und so wiederholt sich die Geschichte – wieder und wieder. Hass ist wie ein Parasit, der in einem Menschen haust. Und stirbt der Mensch, so geht der Parasit zum nächsten Wirt über. Heute halten wir uns für aufgeklärt – wir leben schließlich im Zeitalter von Antidiskriminierungsgesetzen und Affirmative Action. Aber ich sage Ihnen, es ist schon wieder passiert, Teufel aber auch!

Die Frage „Warum“, will ich, aus genannten Gründen nicht beleuchten. Stattdessen erkläre ich Ihnen das „Wie“. Wie funktioniert dieser Hass, und vor allem: weshalb sind wir immer erst hinterher schlauer? Das Objekt meines Interesses ist dabei eine Sphäre, in welcher Sie solcherlei wohl am wenigsten vermuten würden: Das Zusammenleben von Männern und Frauen.

Ein Spaziergang

Ein Frühlingstag – wohlig lau, sattes Grün, die Welt wird hell. Ein Freund und ich unternehmen einen Spaziergang, es gibt das eine und andere zu besprechen. Wir lassen uns auf einer Bank nieder, unweit eines Parkplatzes. Ein junger Mann und eine junge Frau bereiten sich dort mit Dehnungsübungen auf einen Dauerlauf vor. Ihr Gespräch plätschert vor sich hin, Banalitäten über das Leben der anderen, Beziehungskram, Männer und Frauen sind das Thema. Zwischendurch hört man etwas Geschnaufe, Geächze und Gestöhne – wegen der Dehnungsübungen. Es tönt ein wenig wie rostige, eiernde Scharniere – die jungen Leute sind auch nicht mehr sonderlich vital, zu viel Fastfood, zu viel I-Phone, zu viel Fernsehen. Insbesondere das miserable Fernsehprogramm scheint bei der schnaufenden, ächzenden, stöhnenden Frau tief sitzende, mentale Beschädigungen hinterlassen zu haben. Denn mit einem Male bricht es aus ihr heraus:

„Männer! Wozu gibt es die überhaupt? Ohne Männer gäb's keine Wirtschaftskrise, müssen sich immer wichtig machen. Aber wenn's hart auf hart kommt, sind sie so klein. Die Gefängnisse sind auch voller Männer. Immer nur Männer sind gewalttätig. Und dann missbrauchen sie kleine Kinder. Das machen auch nur Männer, gehen nur auf Schwächere los ...Schwanz ab, ganz einfach!“

Ein Sturmfeuer billigster Klischees – eigentlich kaum zu glauben, und so unerwartet. Das ist aber nicht das Schlimmste. Fast gruselig ist vielmehr der Umstand, dass Sie all dies nicht im Zorn sagt – kein Hauch davon. Sie sagt es mit ruhiger Stimme, mit Überzeugung und einer gewissen Kühle, keine Empörung, keine Erregung und männlicherseits – das verleiht der Szene etwas Unheimliches – auch keine Erwiderung. Der Fluss ihres Gespräches setzt sich unbekümmert fort – friedvoll belangloses Geplätscher, Ächzen, Stöhnen, Schnaufen, eiernde Scharniere.

Mein Begleiter, der mit einer beneidenswert robusten Ruhe ausgestattet zu sein pflegt, – so sehr, dass man gewiss von Phlegmatismus sprechen kann – hakt das Erlebte mit einem Satz ab: „Kaputte Weiber gibt's überall“. Nun – kaputte Typen auch, könnte man entgegnen und die Angelegenheit wäre damit erledigt.

Der misandrische Code

Dennoch, glaube ich, hat mein phlegmatischer Freund etwas übersehen. Was mich an der Sache verwundert, ist weniger das gesprochene Wort, weniger das was man hört. Von größerem Interesse ist für mich das, was man sieht. Die verbalen Ausdünstungen dieser Frau geben in der Tat keinen Anlass zu komplexeren Grübeleien. Denn wir vernehmen darin nicht weniger als den Widerhall eines um sich greifenden, kulturellen Phänomens. Hierzulande und jenseits davon dominiert das Bild des schlechten Vaters, dem seine Kinder nichts bedeuten – des prügelnden oder zumindest eigensüchtigen Ehemannes – der doppelt und dreifach belasteten Mutter – der Alleinerziehenden, welche die heroische Märtyrerin des Geschlechterkrieges und dessen ewig unterdrücktes Opfer zugleich ist. Während die weibliche Sexualität bis zur Lächerlichkeit sakralisiert wird, werden normale, sexuelle Verhaltensweisen von Männern stetig problematisiert. Männliche Sexualität mutiert so zum Dämon, als Ausdruck von Dominanz und Gewalt. Männer stehen immer und immerdar unter Generalverdacht eben nur weil sie Männer sind, stets angehalten, ihre Unschuld zu beweisen. So etablierte sich auch ein neuer, leidlich schaler Herrenwitz: „Wurden Sie heute schon gekachelmannt?“. Sexuelle und soziale Kompetenz wie auch jede Form von Empathie gilt bei Männern als atypisch. Kurzum: „Der Mann ist sozial und sexuell ein Idiot“. Mit zuletzt genannter, wohlgeformter Weisheit beschenkte uns der Schriftsteller Volker Elis Pilgrim in seinem „Manifest für den freien Mann“. Diese allgegenwärtige Hassideologie „kroch jahrzehntelang wie Gas durch alle Ritzen“, diagnostiziert hierzu der Psychiater und Psychoanalytiker Dieter Katterle. Darum ist die willfährige, stillschweigende Zustimmung des Mannes auf dem Parkplatz auch so wenig überraschend. Dieses „Gas“ hat alles dermaßen durchdrungen, dass Männerfeindlichkeit inzwischen ein festes Element des gesellschaftlichen Codesystems geworden ist. Wohlwollend über Frauen und boshaft über Männer zu sprechen, gehört simplerweise zum guten Ton. Spricht man zu kritisch über das Weibliche oder ungenügend schlecht über das Männliche, so gibt sich der gewöhnliche Zeitgenosse verstört – ganz so, als ob man bei Tisch rülpst oder pfurzt. Es geziemt sich eben nicht.

schlagseite-buchDurchaus aufschlussreich und beunruhigend zugleich sind allerdings all die abseits des Gesprochenen versendeten Signale des Mannes, ebenso wie die ihren. Hierfür sind feine Sinne von Nöten – es gilt, auf Kleinigkeiten und augenscheinliche Nichtigkeiten zu achten. Derweil die Frau all dies männerfeindliche Gedonnere von sich lässt, wird sein Blick heller, er signalisiert Aufmerksamkeit, die Kopfhaltung bedeutet positives Interesse. Garniert wird das Ganze mit seinerseits bedächtigem Kopfnicken. Sie erwidert, indem ihr Körper sich ihm nun zuwendet, sie streckt die Brust heraus, Blick und Haltung sind geöffnet, sie streicht sich die Haare hinter das Ohr. Er – oder zumindest ein tief verborgener, präevolutionärer Teil seines Gehirns – hat ihr abgrundtief dümmliches Geschwätz gebilligt. Und einem nicht weniger dümmlichen Teil ihres Gehirns gefällt wiederum diese Billigung. Diese Dinge erzählen Bände, sie lassen uns etwas erspähen, was meist ungesehen bleibt. Es bedeutet nämlich einen erheblichen Unterschied, ob man sich lediglich einer Etikette fügt, oder das eigene Tun – wie uns Gestik und Mimik in diesem Falle verraten – einer tief verwurzelten Intuition folgt.

Nun umzeichnet dies nicht mehr als ein kleines Erlebnis – irgendwo, irgendwann am Rande eines mehr als ordinären Alltags. Es lässt uns allerdings die Antwort auf eine seither ungestellte Frage erkennen. Wie kommt es, dass Männerfeindlichkeit überhaupt funktioniert? Diese Frage erscheint ungewöhnlich, gleichwohl ist sie berechtigt. Feindseligkeiten oder gar Hass gegen ganze Bevölkerungsgruppen sind nichts Besonderes. Gehasst wird überall und jederzeit. Ich zum Beispiel hasse meinen Nachbarn, der links von mir zwei Häuser weiter wohnt und von dem alle sagen, er sei ein frauenfeindlicher, homophober Nazi. Es gibt aber durchaus einen plausiblen Einwand, weshalb gerade Männerhass im Kern nicht tragfähig sein kann.

Männerfeindlichkeit: Hass auf Umwegen

Eine unabdingbare und ebenso triviale Voraussetzung für funktionierenden Hass ist die Externalisierbarkeit der verhassten Gruppierung. Letztere muss entweder aus einer Minderheit bestehen oder weit entfernt sein. Es gestaltet sich leicht, Schwarze, Moslems, Schwule oder meinen Nachbarn zu hassen, da man diese Menschen hierzulande – sofern man will – im Alltag problemlos übersehen kann. Heterosexuelle, weiße, westliche Männer sind hingegen weder weit entfernt noch befinden sie sich in der Minderheit. Warum aber setzt der Mann auf dem Parkplatz den Kapriolen seiner Begleiterin nichts entgegen? Weshalb nimmt er alles gleichmütig bis wohlwollend hin, wenngleich der Vorgang mit vertauschten Geschlechtern undenkbar wäre?

maennerbeben-bannerWo Externalisierung nicht möglich ist, dort bedient sich unser Verstand bisweilen hinterhältiger Mechanismen. Es ist unabänderlich, dass Männer die Hälfte der Bevölkerung stellen und überall präsent sind. Man müsste sie schon ausrotten oder zumindest hinreichend dezimieren, so wie sich das die Hardcore-Feministin Valerie Solanas in ihrem „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ einst erdachte. Die Hemmnisse, welche in diesem Falle einer Externalisierung entgegenstehen, können nicht aufgelöst werden. Die einzig verbleibende Möglichkeit besteht in ihrer Überlistung.

Wer die List solcher Mechanismen durchschauen will, bedarf eines sezierenden Blicks. Wo immer sich misandrische Rhetorik ausbreitet und besagtes, giftiges Gas verströmt, dort wird dem geübten Beobachter gewahr, dass Spott und Diffamierung selten dem männlichen Geschlecht als Ganzes entgegen geworfen werden. Zumeist – und hierin liegt die eigentliche Kunst verborgen – sind nur Minderheiten von Männern gemeint. Besondere, erlesene, kleine Gruppen von Männern, wie etwa die gierigen und machtgeilen Manager, die Vergewaltiger und Lüstlinge oder die muslimischen Männer, jeder von ihnen ein mutmaßlicher Pascha und Frauenknechter. Bei der letztgenannten Gruppe vermengt sich in symbiotischer Weise Männerfeindlichkeit mit Fremdenhass.

Der durchschnittliche Mann muss sich hier nicht angesprochen fühlen, denn er gehört meist keiner der genannten Gruppen an. Dennoch ist er unausgesprochen mitgemeint. Denn die Gier des Managers, die Lasterhaftigkeit und Wollust des Lüstlings, die Gewalt des Vergewaltigers, die Dominanz des Paschas, all dies hat unsere Kultur als Repertoire typisch männlicher Eigenarten verinnerlicht. Es mag wohl sein, dass der eigene Vater, der eigene Freund oder Ehemann, der eigene Bruder, der eigene Sohn und all die anderen Männer, die uns nahestehen, weit von diesen männlichen Karikaturen entfernt sind. Aber ein wenig Lüstling, ein potentieller Vergewaltiger, ein bisschen Pascha und Gierschlund steckt doch in jedem Mann, so jedenfalls die unterschwellige, hinter einem falschen Augenzwinkern getarnte Botschaft.

Der Manager, der Lüstling, der Vergewaltiger und der Pascha – sie sind nicht weniger als künstliche, typisierte Figuren, welche extreme, angeblich rein männliche Eigenschaften repräsentieren. Und so geschieht es, dass eine Feindseligkeit, welche scheinbar nur einzelne Minderheiten unter den Männern trifft, von diesen auf die Gesamtheit der Männer zurück reflektiert wird, ganz so, als leuchte man mit einer Taschenlampe in ein Katzenauge. Die Gesamtheit der Männer ist eben doch versteckt mitgemeint und somit wird das Kernproblem der Externalisierung in gleichsam hinterlistiger wie genialer Weise umwunden.

Aus diesem Trug speist sich dann auch das bei Frauen häufig anzutreffende „Aber meiner ist ganz anders“-Phänomen. Frauen nennen das dann „eine gute Wahl“ oder schlicht „Glück gehabt“, unsereins nennt es Externalisierung. Auch die Männer externalisieren im selben Maße, allerdings auf ihre eigene Weise. Bernhard Lassahn, Schriftsteller und Texteschreiber der Kinderfigur Käpt'n Blaubär, setzt sich mit einer ähnlich gelagerten Erscheinung in seinem Aufsatz „Ein gewaltiges Missverständnis“ auseinander. Wo immer über die Männer als Kollektiv hergezogen wird, scheinen sie sich – ganz im Gegensatz zu den Frauen – nicht angesprochen zu fühlen. Sie „ziehen sich den Schuh nicht an“, konstatiert Lassahn. Nicht anders handhabt es jener junge Mann auf dem Parkplatz: Er externalisiert fleißig und blickt über den Lassahn'schen Schuh, der ihm da vor die Füße geworfen wird, harmlos lächelnd hinweg. Seine Gefährtin jedoch missdeutet seine ausbleibende Empörung als Eingeständnis. Diese fatale, kommunikative Fehlleistung führt zu eben jenen grotesken Hierarchien, welche heute dem Geschlechterdiskurs seine missratene Form verleihen. Männern wird ein Büßerhemd übergestülpt, das ihnen nicht gerecht wird. Frauen hingegen werden auf einen Thron gehoben, den sie nicht verdient haben.

Frau Pauer und der Knuddel-Flauschebart

Viele Männer sind kaum im Stande, ihren Zustand zu intellektualisieren. Sie wachen nicht eines Tages als zwölf- oder dreizehn-jährige Teenager auf, blicken an sich herunter, stellen fest, dass sie geschlechstreif geworden sind, um schließlich, nach gewissenhaft reflektierten, ausgiebigen gesellschaftskritischen Erwägungen zu dem wohlgereiften Schluss zu gelangen, dass sie die M-Karte gezogen haben. Nein, Pupertät funktioniert anders, sie ist kompliziereter. Pupertät bezeichnet jene Phase im Leben von Eltern, in welcher ihr Kind sich in einen riesigen Kaktus verwandelt, ihnen die Arme entgegenstreckt und sagt „Mama, Papa, umarmt mich“. Es gibt freilich Komfortableres, als Kakteen zu umarmen, und von daher erschließt sich, dass ein liebesbedürftiger, voll im Saft stehender Kaktus wohl andere Sorgen als die meinen hat. Nachdem der männliche Adoleszent über viele Jahre diese misandrische Grundsubstanz unserer Kultur wie ein Kaktus das Wasser in sich aufgesogen und gespeichert hat, wird er weiterhin zumeist unwissend sein. Was ihm bleibt, ist ein eher verschwommenes Unbehagen, eine irrationale Scheu davor, sich allzu schnell allzu fest zu binden. Irgendwie hat ihn diese Substanz vergiftet, er weiß nur nichts davon.

In der Folge lassen sich junge Männer wie jener auf dem Parkplatz viel Zeit mit dem Heiraten, dem Kinderkriegen, überhaupt mit allem. Sein argloses Lächeln und sein Gleichmut täuschen. Die Verächtlichmachung alles Männlichen hat es vermocht, dass beinahe jede Rolle, welche ein Mann einnehmen kann – die des Partners, des Ehemannes, des Vaters – mit negativen Konnotationen kontaminiert ist. Nun sind die jungen Männer angesichts dessen keineswegs verunsichert oder gar verängstigt, wie spottenderweise gerne gemutmaßt wird. Die Vorstellung zu heiraten, eine Familie zu gründen oder Vater zu werden, ist bei vielen von ihnen schlicht nicht mit dem verknüpft, was man als „Erfüllung“ bezeichnen würde. Es ist vielmehr ein „Kann man machen, muss man aber nicht“ – eine mögliche Option, welche sich gegen andere abwägen lässt, nüchtern, ohne jede Romantik, ohne Flair – entzaubert.

Und so kommt es, dass Frauen in ihren Dreißigern, eben dann, wenn sich ihre Familienwünsche verdichten, zusehends von eher mäßig interessierten Männern umgeben sind. Von weiblicher Seite ist dann zu vernehmen, die Männer wollten nicht erwachsen werden, scheuten sich vor der Verantwortung, typisch Mann eben. Die Reaktion auf den männlichen Widerwillen birgt in sich somit dieselbe misandrische Substanz, welche zugleich die Ursache des Problems ist. Diese ungewillten Männer üben nun auf Frauen eine solch irrsinnige Irritation aus, dass sich beispielsweise eine gewisse Nina Pauer darüber sogar in der „Zeit“ auslässt und uns einen langen Artikel über diese „Schmerzensmänner“ beschert – so bezeichnet Frau Pauer diese Gattung Mann. Ihr sind die neuen Männer zu „lieb“, zu „melancholisch“ und zu sehr „mit sich selbst beschäftigt“. Vor allem in Liebesangelegenheiten – so liest es sich zwischen den Zeilen – fühlt sich Frau Pauer durch diese neue Männerspezies etwas überfordert. Dabei schreibt sie sich nicht nur ihren eigenen Frust von der enttäuschten Seele, vielmehr spricht sie stellvertretend – und das ist keine Anmaßung – für eine ganze Generation junger Frauen.

Sensibel soll er sein, einfühlsam, kinderlieb, Haushaltsprofie, Karrierist, Haupternährer und in Liebesdingen den Ton angeben. Der Traumprinz einer Frau Pauer und ihresgleichen steckt derart voller Widersprüche, dass er schon nichts Menschliches mehr in sich eint. Nun sind die Pauerfrauen plötzlich in unauflösbare Verwirrung versetzt, jetzt, da sie finalerweise dem männlichen Endprodukt einer jahrzehntelangen emanzipatorischen Odyssee gegenüberstehen. Jene Männer, welche den Pauerfrauen Migräne bescheren, scheinen keine Anstrengungen mehr zu unternehmen, die eierlegende Wollmilchsau, oder besser gesagt, den einfühlsamen, karrierebewussten, allzeit potenten Knuddel-Flauschebart abzugeben. Die Männer haben sich die Dinge ein wenig einfacher gelegt und sich schlichterweise für eine Seite entschieden. Diese Männer haben sich verändert, die Pauerfrauen hingegen sind dieselben geblieben – neue Männer versus alte Frauen?

In Japan kennt man solche Männer ebenfalls, man nennt sie dort aber „Pflanzenfresser“. Die Japaner klagen angesichts nationaler Krisen darüber, dass diese neue Sorte Mann keinerlei Anstalten macht, den guten alten, traditionellen, männlichen Tugenden nachzugehen. Gerade in Japan schafft das nämlich Probleme: Wer soll jetzt in Fukushima Brennstäbe putzen? All das schmutzige und gefährliche Handwerk war seither stets Männerarbeit.

Drängend an dieser Stelle sollten wir erkennen, dass der unbewusste Widerwille der Männer nicht nur Frau Pauer ungenehm wird, sondern auch unsere Gesellschaft im Ganzen komplizierter macht. Der Bürgerrechtler Warren Farrell prägte den Begriff der „Male Disposability“ – zu Deutsch „männliche Verfügbarkeit“. Damit umschrieb er das Phänomen, dass gefährliche, lebensbedrohliche und mit hohem Einsatz versehene Aufgaben beinahe ausschließlich von Männern ausgefüllt werden. Männer werden dahingehend sozialisiert, die eigene Gesundheit und das eigene Leben geringzuschätzen. Sie sind es, denen ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Initiative abverlangt wird. Sie sollen und dürfen nicht bedürftig erscheinen, helfen müssen sie sich selbst. Aufrechterhalten wurde dies seither durch die Konstruktion „männlicher Tugenden“.

Für ihre „Verfügbarkeit“ bekamen Männer zu früheren Zeiten Anerkennung und Wertschätzung. Eben dieser Mechanismus hat aber zusehends seine Wirkung verloren. Denn heute werden Männern doppeldeutige Botschaften übermittelt: Einerseits gelten die „männlichen Tugenden“ als ebenso verpönt wie das Männliche an sich, andererseits wird von Männern wie eh und je verlangt, der aktive Part und unverändert „verfügbar“ zu sein, so wie sich das die klagende Frau Pauer in der „Zeit“ und die strahlenden Japaner im verseuchten Fukushima wünschen. In der Psychologie nennt man das Double-Bind-Kommunikation, ein Mann soll sich zwar wie ein richtiger Kerl benehmen aber er möge sich dabei gleichsam schuldig fühlen. Für den Empfänger sind Double-Bind-Botschaften gefährlich. Sie können ihn auf Dauer labil machen und sein Selbstwertgefühl beugen. Die Schmerzensmänner und Pflanzenfresser halten sich darum unwillkürlich etwas vom Leibe, das ihnen schadet: Frau Pauer und Brennstäbe. Die Brennstäbe bleiben nun ungeputzt und die Pauerfrauen womöglich unbemannt – ein ziemliches Schlamassel.

Bewegte Männer

Neuerdings aber erstarkt eine andere Gruppe von Männern, welche den pflanzenfressenden Schmerzensmännern etwas voraus haben: Sie sind in der Lage, ihren Zustand zu begreifen und daraus partiell sogar konkrete Forderungen abzuleiten. Man nennt sie Männerrechtler, Maskulisten, Antifeministen oder Kontrafeministen. Während die Schmerzensmänner lediglich für Irritation und einsame Frauenherzen sorgen, bereiten die Männerrechtler so manchem zartbeseelten, furchtsamen Zeitgenossen angsterfüllte Stunden.

Männerrechtler gehen mit dem Feminismus und seinen Folgeerscheinung hart ins Gericht, sie kämpfen gegen eine fortschreitende Dämonisierung von Männern, doppelte Gleichstellungsstandards und ungerechte Familienrechtspraxis. Sie betrachten moderne Frauenpolitik als eine rückwärtsgewandte Politik der stupiden Privilegierung unter der scheinheiligen Maske der Gleichberechtigung. Sie sind angesichts feministischer Doppelzüngigkeit verstimmt bis zornig. Zwar fordert der Politfeminismus unermüdlich den neuen Mann. Sollten Männer sich aber erdreisten, hier oder dort ob ihrer Menschlichkeit bedürftig zu sein, so wird ihnen sogleich Larmoyanz unterstellt. Gerade Letzteres erinnert doch sehr an die klagende Nina Pauer und die strahlenden Japaner.

Das sind zweifellos ungewohnte Töne für Zartbeseelte und so kommt es, dass manch einer sich berufen fühlt, diesen eigenartigen Kreaturen namens "Männerrechtler", "Maskulisten" – oder wie sie auch heißen mögen – auf den Grund zu gehen. Wer sind diese Männerrechtler und was wollen sie? Tatsächlich erweist sich die Männerbewegung als außerordentlich heterogen. Es finden sich in ihr Intellektuelle, Menschen aus der Sozialarbeit, der Therapeutischen Praxis, Kinder- und Jugendhilfe, Professoren und Hartz-IV-Empfänger, um nur einige zu nennen. Wer hierin verbissen nach einer Struktur sucht, kann leicht dem Wahn verfallen.

Und so spekuliert ein kleines, ratloses und offenkundig latent verängstigtes Häuflein von Soziologen, Gender-Forschern und Sozialpädagogen darüber, ob diese Männerrechtler wohl frauenfeindlich, homophob oder gar rechtsradikal seien. Wohlweislich, das ist kein Scherz. Dieses kleine, verzagte Häuflein veranstaltet hierzu eigens Workshops, Vorträge, Podiumsdiskussionen und Seminare. Zudem veröffentlichen sie sogenannte „Expertisen“, geschmückt mit bedeutungsschwangeren Titeln wie „Geschlechterkampf von Rechts“ oder „Die antifeministische Männerrechtsbewegung - Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung“. Derlei faulig müffelnde Sekrete werden beispielsweise von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgeschieden.

Wer oder was sind die Männerrechtler nun? Rechtsradikal, frauenfeindlich, oder homophob? Vertreter des kleinen, umtriebigen Häufleins meinen, sie seien schlicht alles von dem Genannten. Zumindest ist es das, was diese Workshops, Seminare, Podiumsdiskussionen und „Expertisen“ vermitteln. Das ist nun ernsthaft ein wenig viel auf einmal und es wird daran ersichtlich, dass sich hier jemand ein Ungetüm in seinem Kopf zusammenbastelt. Es verhält sich wie mit einem Kind, das nachts in seinem Bettchen liegt und sich vor dem Monster im Schrank fürchtet. Jeder Schatten an der Wand, jede Bewegung, jedes Knarren schwillt zum übermächtigen Beweis an: Es ist da – das schmatzende rülpsende Monster im Schrank. Genauso nervös verhält sich das besagte Häuflein von Soziologen, Gender-Forschern und Sozialpädagogen. Doch wie uns der Lyriker Johann M. Altenburg bereits im siebzehnten Jahrhundert angedeihen ließ: „Verzage nicht du Häuflein klein“. Männerrechtler mögen befremdlich und nicht allzu pflegeleicht sein aber wir wollen die Kirche mal im Dorf lassen.

Der Trugschluss des verzagten Häufleins ist indessen durchaus nachvollziehbar: Die Männerbewegung ist, wie erwähnt, ein kunterbunter Haufen. Es finden sich darin Menschen jeder erdenklichen Couleur und Schicht, und demgemäß auch vereinzelt der eine oder andere Radikale, sowohl am einen wie auch am anderen Ende des Spektrums. Das ist allerorts so, wo sich der Querschnitt der Gesellschaft einfindet und muss nicht weiter beunruhigen. Wer aber in diesem Gemisch eine geschlossene Bewegung zu verorten sucht, ist dazu verdammt, mit all seinen Analysen zu scheitern. Denn er wird nicht davon ablassen können, einen Ismus entdecken zu wollen, wo sich selbst beim besten Willen keiner findet. All dieses ziellose Suchen mündet zwangsläufig in notorischem Fabulieren und auf diesem Wege wird letzten Endes das Monster im Schrank geboren: Ein zwischen Wollmantel und Bundfaltenhose zusammen gekauerter, rülpsender, schmatzender, frauenfeindlicher, homophober Nazi, der blutgeil auf Kleiderbügeln kaut.

Epilog

Nun habe ich Sie, mein lieber Leser, auf einen weiten Weg genommen. Aus einem unverfänglichen Frühlingsspaziergang wurde eine bunte Reise, auf der wir sehnsüchtigen Frauen wie Nina Pauer, unwilligen Schmerzensmännern und Pflanzenfressern, ratlosen Japanern, den weisen Worten eines Warren Farrell, den Männerrechtlern und letzten Endes einem zaudernden Häuflein von Sozialwissenschaftlern begegnet sind, die sich vor schmatzenden, rülpsenden Nazis fürchten.

Ob Frau Pauer, die Japaner oder die verängstigten Sozialwissenschaftler – sie alle eint die Sorge um etwas Neues, um Veränderung. Neues wird gern verächtlich gemacht, nicht selten auch in den schlimmsten Farben und Formen ausgestaltet und konsequenterweise bekämpft. Da werden sogenannte Schmerzensmänner schon mal als larmoyant und Männerrechtler gerne mal als Reaktionäre oder gar als Nazis beschimpft. Allerdings – und hier werden alle Pauerfrauen, die zitternden Sozialwissenschaftler und die Japaner zusammenzucken – diese Veränderung ist in weiten Teilen bereits vollzogen, und zwar in einer Weise, die sie unaufhaltsam gemacht hat.

Den Japanern vermag ich an dieser Stelle nicht zu helfen. Aber zumindest den Pauerfrauen und besagten ängstlichen Soziologen, Gender-Forschern und Sozialpädagogen kann ich ein wenig Trost zukommen lassen. Es verhält sich wie mit dem Erwachsenwerden: Es wächst sich alles aus. Die Pauerfrauen werden ihren wohlig flauschigen Traum vom holden Prinzen eines Tages überwinden. Und der Prinz selbst wird – mit wachsendem Alter – zusehends begreifen, dass da kein Monster, kein rülpsender, schmatzender, frauenfeindlicher, homophober Nazi seinen Schrank behaust. Kurzum, die Männer sind im Wandel, das mag so manchen Zeitgenossen befremden und ängstigen, dennoch ist die Veränderung gewiss wie auch natürlich. Es ist nicht mehr und keinesfalls weniger als das gute Recht der Männer, nun alles zu fordern und zu verlangen, was seither stets nur ihnen abverlangt wurde: Gleichberechtigung und Gleichverpflichtung – kein Grund den Teufel, oder besser gesagt, Hakenkreuze an die Wand zu malen.

 

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