Sind Frauen die besseren Männer? Mit seiner Erzählung „Vatertag“, Teil des großen Romans „Der Butt“, hat Günter Grass vor über 30 Jahren eine Prophetie zum deutschen Feminismus geschrieben.

Die jüngsten Rankünen der Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen, zur Durchsetzung der Frauenquote, das Auftreten der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder gegenüber Alice Schwarzer, all dies hat endlich offenbar gemacht, was jedem Beobachter der Emanzipationsbewegung ohnehin schon lange klar war: Es hat eine Änderung der Agenda und vor allem des Vorgehens gegeben.

Während Alice Schwarzer in engagierter Erregung, gewissermaßen also noch mit offenem Visier kämpfte, sind heute aalglatte Bürokratinnen am Werk. Frau Schwarzer war anstrengender, aber Letztere dürften gefährlicher sein. So betrachtet ist Alice Schwarzer fast schon ein liebenswertes Fossil. Erinnern wir uns: Seit 1971 waren sie und Simone de Beauvoir Weggefährtinnen im Kampf für den Feminismus. Natürlich haben diese beiden Frauen die sogenannte Frauenbewegung nicht geschaffen, aber zu ihrer Zeit doch so wesentlich mitbestimmt und angetrieben, bis sie schließlich gegen die Absurditäten des heutigen Gender-Mainstreaming, also des ideologischen, institutionalisierten und mithin bürokratischen Feminismus nicht gefeit war.

1977 erschien „Der Butt“, ein Roman von Günter Grass, der vom durch den Maler Philipp Otto Runge aufgezeichneten niederdeutschen Märchen „Vom Fischer und syner Frau“ angeregt und insofern selber eigentlich ein großes Märchen ist. Grass hat schon seit 1972 an dem Text gearbeitet, der die Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zur Gegenwart quasifeministisch ausdeutet. Er kann daher auch als ein historischer Roman bezeichnet werden. Der Butt ist im Roman eine Art „Motor der männlich definierten Geschichte“, ein „Weltgeist der Männersache“, wie Claudia Mayer und Volker Neuhaus in ihrem Nachwort zum „Butt“ der Luchterhand- Werkausgabe schreiben. Über den Butt sitzen nun die Frauen zu Gericht – das Tribunal heißt bei Grass darum auch treffend Feminal. Nicht wie im Originalmärchen ist es die Frau, die mit dem Leben im Pisspott unzufrieden ist und unersättlich ihren Mann mit immer neuen Wünschen nach größerem Reichtum letztlich ins Unglück stürzt, sondern der Mann bringt mit seinem Fortschrittswahn die Menschheit an den Rand der Apokalypse. Der Butt resigniert am Ende des Feminals und kündigt seinen „Beratervertrag“ mit den Männern.

Seinen Höhepunkt erreicht das in die neun Monate der Schwangerschaft unterteilte Werk mit dem Achten Monat, einer in den 1960er Jahren spielenden Erzählung namens „Vatertag“. Grass gelingt hier eine beklemmende Beschreibung der vor allem in den 1970ern extrem verkrampften und verbissenen, ja verbiesterten Gleichberechtigungsdebatte und eine, wie wir heute wissen, visionäre Schau auf das, was aus dieser Debatte entspringen sollte. Er „erzählt die Fortsetzung und Perfektion des männlich beschlossenen Wahnsinns und impliziert zugleich die Warnung an die Frauen vor der Adaption männlichen Verhaltens“. Grass sieht die Gefahr, „dass die Emanzipationsbewegung darauf hinauslaufen könnte, männliche Verhaltensweise ohne die notwendige Veränderung des herrschenden Macht- und Moralverständnisses zu übernehmen, so dass es bei gleicher Machtausübung keinen qualitativen Unterschied macht, welches der Geschlechter die Macht ausübt.“ Die Frauen wiederholen die Fehler der Männer gesteigert.

Ein Hauptübel des deutschen Feminismus wird hier schon sehr früh von Grass entlarvt, dass nämlich die deutschen „Emanzen“ nicht etwa selbstbewusstere, freiere, aktivere, erfolgreichere Frauen sein wollen, sondern die besseren Männer. Die Behauptung sei gewagt, dass es sich hier um eine deutsche Spezialität handelt, zu der sich kaum eine emanzipierte Frau aus einem anderen Land herablassen würde. Da die Deutschen im Ruf stehen, gewissenhaft bis zur Perfektion zu sein, leider auch in ihren Fehlern, steht vom bürokratischen Feminismus deutscher Prägung nicht viel Erfreuliches zu gewärtigen: Traurige Übertreibungen werden daher künftig auch vom Bundesverfassungsgericht zu erwarten sein, das ja eine bekennende Befürworterin der „Queerversity“ in seinen Reihen hat.

Viele dieser Frauen sehen aus wie Männer, verhalten sich wie Männer, wollen mit Zwang auf allen Gebieten sein wie Männer. Keine Spur von einer wie auch immer neuen, erkennbar anderen, eben weiblichen Alternative in der Machtausübung und beim Verständnis von Moral. Es sind nicht einmal nur Lesben, die sich so geben, sondern auch viele heterosexuelle Frauen in Deutschland. Ein kurzer Spaziergang durch eine französische, spanische oder polnische Großstadt wird den Lesern optisch bestätigen, was ich hier schreibe: In Deutschland gibt es einen wesentlich höheren Anteil solcher monströsen Ausprägungen von „Weiblichkeit“, die nur noch genetisch definiert zu sein scheint. Und das betrifft jetzt nur die Äußerlichkeiten – die entsprechende Einstellung dürften noch wesentlich mehr Frauen haben.

Grass hat hellsichtig auch diese Entwicklung in der „Vatertag“-Erzählung festgehalten. „Das Mäxchen sah aus wie ein menstruierender Junge“, lesen wir da, ihre Frisur „Streichholzlänge, die knisternde Bürste“. „Fränkie kannte man nur mit Herrenschnitt: blauschwarz gefärbt.“ Und: „Keinen Weiberkram mehr, nur noch sachlich von Mann zu Mann.“ Grass geht metaphorisierend noch weiter: Mit einem am Vatertag mitgeführten „Kunststoffprodukt“ kann „durch einen Patentgummiwulst als Saugverschluss das Pißlöchlein kunstgerecht“ angezapft werden, sodass Mäxchen „täuschend ähnlich“ im Stehen gegen einen Kiefernstamm strullen kann. Das führt schließlich zum Wunsch nach der Fähigkeit zur Zeugung, mit der dann die Ungleichheit endgültig aufgehoben und das, was heute als Queerversity bezeichnet wird, erreicht wäre. Gängige Normalitätsvorstellungen sollen beseitigt werden.

Jeder und jede soll nach seiner und ihrer Façon selig werden, keine Frage. Aber in freier Entscheidung, ohne Indoktrination. Es geht mir daher einmal um Grass’ unglaublich wahr gewordene Prophezeiung – den „Butt“ zu lesen ist nicht nur ein literarischer Genuss, sondern ein Grundkurs für die Geschlechterdebatte -, dann besonders um die nun weitgehend institutionell verankerte Gender-Ideologie, deren Höhepunkt zurzeit erreicht scheint und deren Folgen unsere Gesellschaft, Männer und Frauen, leider noch über einen langen Zeitraum werden tragen müssen. Ich bezweifle schlicht, dass eine freie Gesellschaft derlei Gesellschaftsengineering nötig hat. Das erinnert mich unter anderem an den kommunistischen „neuen Menschen“. Ich glaube aber auch, dass solche Auswüchse (denn darum geht es – gegen Vielfalt und Vielheit habe ich gar nichts) langfristig keine Chance haben.

Dieser Beitrag ist eine aktualisierte Fassung eines im Buch des Verfassers („Deutsche Befindlichkeiten“) beim Verlag Die Blaue Eule publizierten Textes.

 

 

Weitere Beiträge

„Though this be madness, yet there is method in’t“


Als der „Berliner Kurier“ - allerdings reichlich spät - am 4. August 2014 seinen Bericht über das „Leitbild zur Gleichstellung und Beteiligung von Frauen und Männern im Kreis Mitte“ (Beschluss der Kreisdelegiertenkonferenz der SPD-Mitte vom 5. April 2014) mit der Überschrift „SPD: Redeverbot für Männer“ aufmachte, dachte der Leser an einen verspäteten Aprilscherz.
Der Spott von Marcus Böttcher, dem...

Die Prinzessin auf der Erbse

23. Februar 2014, von Prof. Günter Buchholz
Bascha Mika, die frühere Chefredakteurin der taz, ist jetzt in der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau, wie diese unter der Überschrift „Bascha Mika und Arnd Festerling neue redaktionelle Spitze“ berichtet.
Wir kennen Bascha Mika nicht nur durch Ihre Mitgliedschaft bei dem Frauen-Lobbyverein ProQuote, die ihre neue Rolle in der FR sicherlich...

Neid und Missgunst – der schwankende Unterbau der Gender Studies


Was ist unerfreulicher? Beneidet zu werden oder selber ein Neider zu sein? Da Neid ein heftiges Gefühl ist, kann es die Seele des Neiders auffressen und dem Beneideten den Spaß am Gegenstand des Neids vergällen. Aber Neid gehört zum Leben dazu und es lohnt sich, diesen nicht nur zu benennen, sondern auch zu fragen, welche Bedeutung er in Gesellschaften annehmen kann. Und zwar auch im guten...

Prostitution: Ein Beruf wie jeder andere


In der Kontroverse um eine Verschärfung des Prostitutionsgesetzes werden Sexarbeiterinnen mit fragwürdigen Argumenten pauschal als Opfer abstempelt. Novo-Redaktionsleiter Johannes Richardt fordert stattdessen, die Prostitution konsequent zu legalisieren.
Der Konflikt um die Prostitution ist wohl so alt wie das Gewerbe selbst. In ihm spiegeln sich gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen...

Was hat das Deutschlandradio eigentlich gegen Menschenrechte?


Die Situation deutscher Mütter ist – von der breiten Öffentlichkeit wie üblich unbemerkt – unerträglich geworden. „Unverheiratete Mütter und ihre Kinder geraten (…) in eine noch nie da gewesene Situation des Ausgeliefertseins an den Kindesvater.“
Durch gesetzlichen Zwang sieht sich die unschuldige Mutter der Willkür eines missgünstigen Vaters ausgesetzt, der sich zwar – wir kennen diese...

Anschlag auf Demokratie in Thüringen vereitelt

 
Mit dem Urteil der Thüringer Verfassungshüter gegen das Paritätsgesetz der rotrotgrünen Koalition (Siebtes Gesetz zur Änderung des Thüringer Landeswahlgesetzes - Einführung der paritätischen Quotierung vom 30. Juli 2019) wurde ein Anschlag auf die Demokratie des Landes vereitelt. Die Verfassungsrichter bereiteten der Regierung Ramelow gleich eine doppelte Blamage:
 

Die Vorurteile der Feministinnen


Prof. Gerhard Amendt hat einen angeblich „furchtbaren“ Artikel mit dem Titel „Die Frauenquote entmündigt das weibliche Geschlecht“ geschrieben und Caroline Engelhardt wird darüber wütend.
Nennt man so etwas in der Psychoanalyse nicht Widerstand? Wäre es so, und der Eindruck drängt sich förmlich auf, dann hätte der Psychologe Prof. Amendt den wunden Punkt exakt getroffen. 
Was ist nun dieser wunde...

Neue EU-„Studie“: Der frei flottierende Wahnsinn


Man mag das Wort “Studie” gar nicht mehr in den Mund nehmen bzw. die Buchstaben auf der Tastatur so aneinanderreihen, dass dabei “Studie” herauskommt.
Seit sich Institutionen, Ministerien, die EU, die Gewerkschaften, Parteien und sonstige Organisationen, denen nichts an Wissenschaft, aber viel an Gefälligkeitsstudien liegt, der “Studien” bemächtigt haben, und immer neue “Studien”...