Jasmin Mittag war in den USA und hat von dort etwas mitgebracht. Sie stellt beunruhigt fest, dass der Feminismus diejenige soziale Bewegung mit dem schlechtesten Image sei: „Sich für Umweltschutz, Tierrechte oder Frieden einzusetzen, ist zum Beispiel wesentlich angesehener“.

feminismus selbstgestrickt

Natürlich ist es ein Mysterium, warum viele Menschen eine halbwegs intakte Umwelt oder die Vermeidung von Atomkriegen für wichtiger halten als etwa eine Quote, die einer kleinen Menge privilegierter Frauen Spitzenpositionen in der Wirtschaft garantiert.

Jedenfalls müsste deutlich sein, dass das so nicht geht und das Image des Feminismus verbessert werden muss – und so wurde Mittags Idee, eine Idee aus den USA zu importieren, von vielen Medien und vielen berühmten Frauen und Männern begeistert aufgegriffen und verbreitet. Nach dem Vorbild der amerikanischen „whoneedsfeminism“-Kampagne erläutern nun auf Facebook, im NDR (siehe oben) und auf er eigens eingerichteten Webseite viele berühmte und weniger berühmte Menschen, warum Feminismus für sie wichtig ist.

Doch leider wird die charmante Idee Mittags von einigen auch kritisiert – und zwar, wie der NDR auf seiner Webseite überrascht feststellt, mehrheitlich von Männern. „Viele von ihnen scheinen sich vom Feminsmus (sic) bedroht und in ihren Rechten eingeschränkt zu fühlen.“ Natürlich hätte mit dieser Paranoia niemand rechnen können – doch so wird zumindest klar, dass der Feminismus (der doch eigentlich nichts anderes möchte als das Gute in der Welt, Frieden und Gerechtigkeit für alle) sein Image-Problem vermutlich männlichem Verfolgungswahn zu verdanken hat.

Ich brauche Feminismus für mehr Gerechtigkeit auf der Welt“ steht auf dem Schild, das Mittag in die Kamera hält. Und so ist auch schon klar, wie das öffentliche Gespräch über den Feminismus geführt werden muss: Es kommt vor allem darauf an, einfach nur geduldig seine schlichte Grundwahrheit zu verkünden und sich durch Einwände nicht beirren zu lassen. So ungefähr funktioniert das Gespräch:

Gerechtigkeitsliebende Feministin: Ich brauche Feminismus für mehr Gerechtigkeit auf der Welt.
Paranoider männlicher Kritiker: Aber warum dann „Feminismus“? Wenn es um Gerechtigkeit für alle geht, geht es doch nicht nur um Frauen, oder?
GF: Ich brauche Feminismus für mehr Gerechtigkeit auf der Welt.
PmK: Okay, seh ich ein. Aber setzt das nicht voraus, dass per definitionem nur Frauen Opfer von Benachteiligungen werden können? Was ist mit den Vätern, die nicht bei ihren Kindern sein können, nur weil die Mütter das so wollen? Was ist mit den Nachteilen von Jungen im Bildungssystem? Was ist mit den riesigen finanziellen Transferleistungen von Männern zu Frauen über die Sozial- und Krankenkassen? Was ist mit den doppelten Standards bei der häuslichen Gewalt, bei denen Gewalt von Frauen gegen Männer systematisch verschleiert wird? Was ist mit der deutlich niedrigeren männlichen Lebenserwartung, der deutlich höheren Selbstmordrate, der deutlich höheren Rate bei der Obdachlosigkeit – könnte es nicht sein, dass es dafür auch strukturelle Ursachen gibt? Was ist mit den Tausenden von sogenannten Gleichstellungsbeauftragten, die sich öffentlich finanziert allein um Frauen kümmern? Was ist…?
GF: (gähnt) Ich brauche Feminismus für mehr Gerechtigkeit auf der Welt.

Endlich bewiesen: Feminismus hilft gegen jedes Übel in der Welt

In ganz ähnlicher Weise sammelt die Webseite der Aktion Statements prominenter Feminismusbedürftiger, die jeweils bekannte Klischees wiederholen. Zum Beispiel Andrea Nahles, die – ähnlich wie etwa Gregor Gysi – den Feminismus braucht, „weil nur eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichgestellt sind, eine moderne Gesellschaft ist." Gleichberechtigung, nicht „Gleichstellung“ ist durch das Grundgesetz garantiert – doch selbstverständlich kann weder von Nahles noch von Gysi verlangt werden, auf die simple Idee zu kommen, dass zwischen beidem ein Widerspruch bestehen könnte.

Wer aber allen Menschen gleiche, freiheitliche Rechte gibt, wird erleben, dass sie aus diesen Rechten ganz Unterschiedliches machen – will man das verhindern und sie „gleichstellen", muss man entweder Gleichberechtigung oder Freiheitsrechte oder beides einschränken. (Dazu ein klärender Text von Günter Buchholz). Der Satz könnte also auch lauten: „Ich brauche Feminismus, weil ich gegen Freiheit und Gleichberechtigung bin." Oder: „Ich brauche Feminismus, weil mich politische Zusammenhänge nicht interessieren.“ Danke, Andrea! Danke, Gregor!

Noch seltsamer ist Christine Lüders, Vorsitzende der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: „Ich brauche Feminismus, weil uns Frauen Gleichstellung nicht einfach zufliegt wie ein warmer Windhauch." Die Vorsitzende macht hier also mal eben in einem einzigen Satz klar, dass es ihr allein um Frauen geht – dass auch sie Gleichstellung favorisiert und Gleichberechtigung der Geschlechter ablehnt – und dass sie zu einer Ideologie steht, deren Protagonistinnen immer mal wieder mit antimännlicher Feindseligkeit arbeiten. Warum lacht eigentlich niemand, wenn ausgerechnet eine solche Frau ausgerechnet Vorsitzende der Antidiskriminierungsstelle wird?

Kaum harmloser sind andere Statements. Sahra Wagenknecht braucht Feminismus, „weil Machos und männliche Arroganz nicht nur in der Politik nervig sind" (weibliche Arroganz ja bekanntlich im Unterschied zur männlichen eine erquickliche Wohltat).

Sharon Adler, Herausgeberin eines Online-Magazins, braucht Feminismus, „solange weltweit jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Gewalt erlebt" (Männer erleben ja bekanntlich keine Gewalt, bzw. es ist ganz okay, wenn Männer Gewalt erfahren, und dass die Rede von „jeder dritten Frau" haltlos ist, hat Sharon Adler sicher ganz einfach noch nie gehört).

Sven Lehmann, Vorsitzender der Grünen NRW, braucht Feminismus, „weil Mannsein mehr ist als Karriere, Herrschaft und Macht." (Ohne den Feminismus wäre sicher nie ein Mann auf diese bahnbrechende Idee gekommen; und Feministinnen andererseits würden ja bekanntlich nie auf die Idee kommen, Männlichkeit mit Macht oder Herrschaft zu verknüpfen.)

Weite Horizonte

Männerrechtler müssen für sich ja durchaus nicht in Anspruch nehmen, dass ihre Perspektive auf feministische Politik die einzig mögliche, angemessene und fundierte ist. Für die Betreiberinnen der Kampagne ist es aber schon ein Problem, dass es überhaupt abweichende Perspektiven gibt. Es ist offenkundig, dass es dabei nicht um eine offene Auseinandersetzung über die Frage geht, ob feministische Positionen überzeugend und sinnvoll sind. Stattdessen wird ein geschöntes feministisches Selbstbild wieder und wieder bestätigt und jedem kritischerem Blick die Legitimation abgesprochen.

Es geht dabei um die Überzeugung der Überzeugten, nicht um die der Kritiker, um eine rituelle Bestätigung der eigenen Glaubensinhalte, nicht um ihre Diskussion – es geht darum, die Reihen zu schließen, Selbstzweifel zum Verstummen zu bringen und die eigene mediale Hegemonie zu exerzieren. Einfach und etwas grob pointiert: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dieser Kampagne perfektionieren die Kunst, sich selber in den Hintern zu kriechen, blicken sich dort fasziniert um und halten die Wände ihres Darmausgangs für den Horizont der Welt (kein Wunder übrigens, dass sie dabei überall „Kackscheiße“ entdecken, deren Existenz den Fortbestand des Feminismus dringend notwendig macht).

Immerhin ehrlich ist Christa Stolle, Vorsitzende von Terre des Femmes: „Ich brauche Feminismus, damit alle Mädchen und Frauen dieser Welt gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei leben können!"

Ähnlich erfrischend macht Angelika Hauser von medica mondiale klar, dass es um Frauen und Mädchen geht und dass die Männer und Jungen sehen können, wo sie bleiben: „Wir brauchen Feminismus, weil Frauen und Mädchen frei von Gewalt und Unterdrückung leben sollen – in Friedens- und Kriegsgesellschaften.“ Darüber werden sich manche Männerrechtler möglicherweise ärgern – ich aber finde es ausgesprochen angenehm, wenigstens nicht auch noch solidarisch einsehen zu müssen, dass der Feminismus doch auch für Männer gut sei.

Auf den Punkt bringt es schließlich Angelika Aliti: „Nicht ich, sondern alle Frauen brauchen Feminismus, denn er bedeutet, auf die eigenen Rechte und Interessen zu schauen.“ Genau – und bloß nicht auf die der anderen. Warum nur könnte irgendjemand etwas dagegen haben?

Occupy feminism!

Männer also sind einfach nicht feministisch genug, und das ist ihr Problem, selber schuld. In den USA haben das viele, die auf die Kampagne reagiert haben, verstanden, und sie elegant okkupiert. Die Webseite „A Voice for Men“ berichtet davon, wie Männer „Who Needs Feminism" ironisierten oder sarkastisch kopierten (und listete zudem unzählige Gründe auf, warum wir eine Männerrechtsbewegung brauchen; die folgenden Statements sind zum Teil frei übersetzt):

Ich brauchte Feminismus, weil mich jemand belehren musste, dass es nur meine Schuld war, als meine Borderline-Ex mich fast in den Selbstmord getrieben hätte.

Ich brauchte Feminismus, um zu begreifen, dass ich eine Freundin aus Afrika nicht aus Liebe oder Zuneigung treffen wollte – sondern dass ich als weißer Junge lediglich auf Trophäenjagd war.

Ich brauchte Feminismus, um zu verstehen, dass meine 50jährige alkoholkranke Tante mich keineswegs vergewaltigte, als ich zehn war – ich vergewaltigte sie! Danke, Feminismus, dass Du mich das gelehrt hast!

Ich brauche Feminismus, damit sich alle Frauen in meinem Büro sicher und stark genug fühlen, offen über ihr Sexleben zu sprechen und Kommentare über die Ärsche der Männer zu machen.

Ich brauche den Feminismus, damit jemand meine Stimme zum Verstummen bringt.

Wir sehen: Das sind genau die Unterstützer, die der Feminismus in seinem Kampf für das Gute und gegen das Schlechte braucht – es wäre eine Sünde, diese Liste nicht fortzusetzen. Hier sind einige Vorschläge:

Ich brauche Feminismus, weil ja irgendjemand meinem Sohn erklären muss, weshalb es nur zu seinem Besten ist, wenn er ohne Vater aufwachsen muss.

Ich brauche Feminismus, um nicht auf die blöde Idee zu kommen, Gewalt gegen Männer sei genauso schlimm wie Gewalt gegen Frauen.

Ich brauche Feminismus, um zu verstehen: Wenn mir im Zug die Frau gegenüber ihre Brüste vor’s Gesicht hält, ist das keineswegs von ihr grenzverletzend – grenzverletzend ist allein mein männlicher Blick.

Ich brauche Feminismus, weil irgendjemand die verdammten zwölfjährigen Machos daran hindern muss, mit ihren traditionellen Männlichkeitskonzepten Erfolg in der Schule zu haben.

Ich brauche Feminismus, weil es irgendwie diskriminierend ist, dass man Gewalt nicht geil finden darf – weil man aber „Schwanz ab“-Sprüche immer raushauen und als „progressiv“ verkaufen kann.

Ich brauche Feminismus, weil die herkömmlichen Standards für Wissenschaftlichkeit irgendwie diskriminierend sind und die Gender-Studies uns davon befreien können.

Ich brauche Feminismus, um zu verstehen, dass meine Wange der Hand meiner Freundin weh tut, wenn sie mich schlägt.

Und noch ein Satz exklusiv für diejenigen feministischen Freundinnen unserer obersten Gleichstellungsbeauftragten, die gern und öffentlich von der systematischen Ermordung aller Männer oder ihrer Reduktion auf einen Bruchteil der Gesellschaft träumen: Ich brauche Feminismus, weil Faschismus gerade irgendwie aus der Mode ist.

Und einer für unsere linken Parteien: Wir brauchen Feminismus, weil wir uns ohne die Ersatzkonflikte des Geschlechterkrieges vielleicht irgendwann mit sozialen Ungerechtigkeiten beschäftigen müssten.

Und noch ein Satz exklusiv für Sven Lehmann, Grüne NRW, den er gern ohne Angabe der Quelle benutzen darf: Ich brauche Feminismus, weil das Reich feministischer Geschlechterklischees der einzige Ort ist, an dem Männer sich noch als mächtige Herrscher beschreiben können, ohne dass jemand lacht.

Männerrechtler sollten also aufhören, den Feminismus zu bekämpfen. Wesentlich besser, geschickter und eleganter ist es, ihn so lange ge- und entschlossen zu unterstützen, bis er zusammenbricht.

Viel Spaß dabei!

PS. Ich wurde auf die Kampagne durch einen Leserkommentar hingewiesen und habe meine Antwort darauf hier ausgebaut.

Der Artikel erschien zuerst bei man tau.

 

 

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