Seit dem Feminismus in den Siebzigerjahren steht der Mann in der Kritik von Frauen. Dabei werden von Frauen Forderungen an den Mann gestellt, neue Männerbilder entworfen und die Erwartungen der Frauen an den Mann beschrieben. Der Mann selber als soziale Wirklichkeit kommt dabei nicht vor, ebenso wenig wie seine Bedürfnisse und Wünsche.

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Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Vorlesungsreihe „Der Mann“, die soeben an der Universität Zürich zu Ende gegangen ist.

Ausschliesslich Frauen haben diese Veranstaltungen konzipiert; die meisten Referentinnen waren Frauen; die wegweisende Abschlussdiskussion „Wann ist ein Mann ein Mann“ wurde von einer Feministin geleitet. Ganz einfach und bescheiden stellt sich die Frage, wie es wohl aufgenommen worden wäre, wenn eine Gruppe von Männern sich erdreistet hätten, einen vergleichbaren Anlass zu offerieren, bei dem sie sich ausgiebig über Frauen ausgelassen und deren Zukunft definiert hätten. Die Antwort erübrigt sich in diesem Falle.

Das zweite Ärgernis betrifft die Einseitigkeit der Themen. Männliche Problemfelder – wie sie die empirischen Sozialwissenschaften schon seit langem ausgewiesen haben – wurden in der gesamten Vorlesungsreihe nicht einmal peripher angesprochen. Nennen wir einige Beispiele: die – im Vergleich zu Frauen – höhere Sterblichkeit und schlechtere Gesundheit, die fast viermal höhere Suizidquote, die seit Jahren höhere Arbeitslosigkeit, der strukturelle Tatbestand, dass klassische Männerberufe immer mehr erodieren und die damit verbundenen Identitätsprobleme für Männer, die Entstehung eines männlichen Prekariats, die gravierenden Probleme nach Trennung und Scheidung, Ungerechtigkeiten im Rechts- und Sozialsystem, die Ignoranz der Geschlechterpolitik gegenüber Männern, Förderungsmassnahmen, die sich exklusiv an Frauen und Mädchen richten, und nicht zuletzt: die zunehmenden und inzwischen stellenweise dramatischen Schwierigkeiten mit dem eigenen Rollenbild.was-vom-manne-uebrigblieb-das-missachtete

Nichts davon, nicht einmal ansatzweise, in dieser Vorlesungsreihe. Kein Wunder. Auf die Frage von Michèle Binswanger, ob der Mann „heute das benachteiligte Geschlecht sei“, reagiert die Initiantin der Veranstaltung, Brigitte Liebig in einem Interview auf Tagesanzeiger.ch, eindeutig und harsch: “In keiner Weise“. Sicher wäre es Unfug, Männer nun universal als das benachteiligte Geschlecht zu bezeichnen; doch der Benachteiligungen gibt es mittlerweile genug – so wie es auch auf Frauenseite spezifische Benachteiligungen gibt. Solches überhaupt nicht einmal in den Blick zu nehmen, ist ein Verstoss gegen die einfachsten Gesetze der Wissenschaftlichkeit. Doris Köhler-Bischof, die lange in Zürich doziert hat, hat dazu an anderer Stelle festgestellt: „Wenn man als empirische Wissenschaftlerin sozialisiert ist, hat man gelernt, Spekulationen nicht für bare Münze zu nehmen, nur weil sie originell klingen. Man bemüht sich, das Regulativ der empirischen Kontrolle zu respektieren, auch wenn es den Erwartungen widerspricht. Die Genderbewegung hat, soweit ich erkennen kann, kein Interesse an Objektivität. Hier scheint ein konstruktivistisches Weltbild vorzuherrschen, dem zufolge so etwas wie eine objektive Wirklichkeit, die es zu erforschen gilt, nicht existiert.“

Das wird bei der monierten Vorlesungsreihe noch dadurch verschlimmert, dass dem Ganzen von vornherein ein feministisches Korsett übergestülpt wird. In diesem Sinne wird das Eingangsreferat vom amerikanischen Soziologen Michael Kimmel gehalten, der sich je schon immer als Feminist verstanden hat und gerade einen feministischen Ratgeber für Männer geschrieben hat. Auf die Frage von Michèle Binswanger an dieser Stelle, was man sich unter Männerforschung eigentlich vorzustellen habe, antwortet die Initiantin der Vorlesungsreihe: „Leitend ist hier das Konzept einer hegemonialen Männlichkeit, wie sie die Männerforscherin Raewyn Connell beschreibt“. Das ist entweder unsinnig oder bösartig oder beides. Männerforschung ist die Analyse der historisch gewachsenen Lebensbedingungen von Männern. „Hegemoniale Männlichkeit“ ist hingegen ein feministisches Konstrukt, das empirisch niemals belegt wurde. Es sei noch hinzugefügt, dass „die Männerforscherin Connell“ bis vor kurzem ein Männerforscher war und sich dann für das andere Geschlecht entschieden hat. Ein im übrigen durchaus konsequenter Schritt, nachdem sie über Jahrzehnte Männerablehnung gepredigt hatte.
Zurück zum Grundsätzlichen. In einem Kommentar zu einem Artikel von Bettina Weber war auf Tagesanzeiger.ch zu lesen: „Genau besehen ist es doch unverschämt, dass sich Frauen die alleinige Deutungshoheit in Geschlechterfragen - und insbesondere in der Klassierung des Mannes - herausnehmen. Oder lasen Sie schon einmal einen Artikel aus der Feder eines Mannes, der sich in gleich infamer Weise über Frauen auslässt, wie dieser hier sich über den Mann?“

Wo er Recht hat, hat er Recht.

Walter Hollstein ist em. Prof. für politische Soziologie, u. a. Gutachter des Europarates für Männerfragen, Autor von "Was vom Manne übrig blieb" (2012).

Der Artikel erschien zuerst auf Tagesanzeiger.ch.

 

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