Eigentlich ist es ja erstaunlich, dass die Aufregung erst jetzt passiert. Und ausgerechnet über das Thema Prostitution. Zu den Hochzeiten des populären Feminismus in den späten Siebzigerjahren sollte ja nicht nur die Prostitution verboten werden, sondern die männliche Sexualität überhaupt.

Auf jeden Fall die genitale. Zärtliches Streicheln, ganz vorsichtig, war noch erlaubt. Ich kann mich lebhaft erinnern: Ich war damals ein ganz junger Soziologie-Prof in den aufgeregten Folgejahren der 68er-Bewegung in Berlin.

In einem früh angelegten Seminar – 8 Uhr cum tempore – streckt eine Studentin gleich zu Beginn auf und meint – wörtlich und ultimativ: «Nicht wahr, Walter, du verzichtest selbstverständlich auch auf den Koitus.» Ich habe ihr und dem Seminar – über 80 Prozent junge Frauen – erklärt, dass ich das mitnichten tun würde. Da ich zu jener Zeit dazu auch schon einiges gelesen hatte, musste ich das Ganze nicht nur mit meiner individuellen Lust begründen.

Für eine populäre, fast ausschliesslich lesbische Fraktion des Feminismus war schon damals die männliche Sexualität der Urgrund allen Übels. Jede Art des männlichen «Eindringens» in eine Frau stelle eine Form der «Vergewaltigung» dar. Alice Schwarzer argumentierte, die Sexualität sei «der Angelpunkt der Frauenfrage». In und mit der Sexualität «fallen die Würfel. Hier liegen Unterwerfung, Schuldbewusstsein und Männerfixierung von Frauen verankert. Hier steht das Fundament der männlichen Macht und der weiblichen Ohnmacht». Sexualität mit einem Mann wird als etwas durchgängig Schreckliches beschrieben. «Viele empfinden ihre sexuellen Kontakte mit dem Ehemann oder Freund als Prostitution.» «Alle Frauen fühlen sich benutzt, reagieren häufig mit Frigidität.» Die männliche Sexualität «dient als Exerzierplatz zum Einüben weiblichen Verhaltens – wie Selbstlosigkeit, Unterwerfung, Minderwertigkeit –, das dann in anderen Lebensbereichen ertragbringend von der Männergesellschaft eingesetzt werden kann».

Es sei in Erinnerung gebracht, dass diese Schwarzer'schen Thesen über die Macht der Sexualität aus jenen Siebzigerjahren stammen, in denen überall im deutschsprachigen Raum die kritischen Theorien des Marxismus, der «Frankfurter Schule» und einer gesellschaftsbezogenen Psychoanalyse neu rezipiert, überarbeitet und auch weiterentwickelt worden waren. Allgemeiner Konsens war dabei, dass ökonomische und politische Verfügungsgewalt erst persönliche Machtverhältnisse bedingen und nicht umgekehrt. Die Sexualität mag dabei ein Instrument sein, das allerdings durchaus von beiden Geschlechtern manipulativ benutzt werden kann. Aus der Sexualität hingegen die Konstitution von Macht und Unterdrückung abzuleiten, ist ebenso naiv wie töricht. Wiewohl inzwischen 40 Jahre vergangen sind, hat Frau Schwarzer nichts dazu gelernt. In ihrem Blog vom 1. September dieses Jahres verkündet sie apodiktisch, dass die (sexuelle) Beziehung zwischen Männern und Frauen immer «eine ungleiche» ist, «also ein Herrschaftsverhältnis».

Je deutlicher sich die lesbische Fraktion innerhalb der feministischen Bewegung artikulierte, desto verschärfter wurde der Kampf gegen die Heterosexualität. Andrea Dworkin bezeichnete den «Penis als Waffe» und männliches Unterdrückungsinstrument. Da sich für solche Aussagen weder bei Männern noch bei Frauen eine empirische Basis finden liess, wurden sie einfach in den Stand des Axioms erhoben, und ein Axiom ist ja bekanntermassen unwiderlegbar: «Die Aversion der Frauen gegen den Penis und gegen Sexualität», kanzelte Dworkin, muss «als Weigerung der Frauen» gewertet werden, «dem wichtigsten Werkzeug männlicher Aggression gegen Frauen zu huldigen». Der Kampf gegen die Prostitution und die Bestrafung der männlichen Freier (es gibt ja auch weibliche) ist in der Optik dieser militanten Autorinnen sicher ein Etappensieg gegen die männliche Sexualität. Unter den Tisch gekehrt wird dabei die Überlegung, ob nicht gerade diese Misandrie und die ihr zugrunde liegende verlogene Moral etwas war, was Prostitution gefördert hat.

Und noch sehr viel Grundsätzlicheres kommt schon gar nicht erst in den Blick. Sexualität ist einfach nichts Nettes, Braves und Anständiges. Sigmund Freud weist mit Nachdruck darauf hin, dass die Genitalien die Entwicklung der menschlichen Körperform zur Schönheit nicht mitgemacht haben; sie seien tierisch geblieben. «So ist auch die Liebe im Grunde genommen heute ebenso animalisch, wie sie es von je her war.» Einige Jahrzehnte später schreibt Georges Bataille: «Wir sind auf jeden Fall Tiere. Zweifellos sind wir Menschen und haben Geist: Doch können wir nicht verhindern, dass das Animalische in uns weiterlebt und uns oft überwältigt. Als Gegensatz zum geistigen Pol bedeutet die Fülle der Sexualität in uns die Fortdauer des tierischen Lebens.» Das heisst im Klartext: Leidenschaft, einbrechende Dämme, Wildheit, Dunkelheit, Rausch und Ekstase.

Das alles kann die Putzkolonne des Banalfeminismus denunzieren; ändern kann sie es nicht.

Der Artikel erschien zuerst im Tagesanzeiger.

 

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