Bestseller-Autor Leon de Winter beklagt eine Entmännlichung der Gesellschaft. Aber Sex- und Gewaltfantasien taugen nicht für ein Revival der Krieger. Eine Antwort.

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Lieber Leon de Winter,

ist es moderner Fortschritt, dass eine Verweiblichung der Gesellschaft sich global ausbreitet? Sie sagen, es sei eine Bedrohung.

Sie beschreiben richtig das Zurückbleiben der Jungs in der Schule, den Vormarsch der Mädchen, die regelmäßig als Klassenbeste abschneiden. Sie haben erkannt, dass unser Schulsystem so lange Mädchen gefördert hat, bis nun das Pendel zu weit ausschlägt und die Jungs massiv zurückfallen. Weil es nie ein Konzept für explizite Jungenförderung gab. Waren sie doch qua Definition die Gewinner im System, heranwachsende Patriarchen, die man nicht noch zusätzlich fördern, sondern bremsen wollte.

Stimmige Analyse

Im Ergebnis haben wir also Jungs, die an weiblichen Maßstäben gemessen werden und damit selbstverständlich nur scheitern können. Die mit ihrem männlichen Verhalten zunehmend stören. Nun explodieren die vermeintlichen ADHS-Diagnosen und das Ritalin wird freimütig verteilt – vor allem an Jungs – damit ist der Klassenfrieden gerettet. So weit, so schlecht – in den Niederlanden offenbar genauso wie in Deutschland.

Ich gebe Ihnen recht in der Analyse, dass Jungs anders sind als Mädchen. Gehöre ich doch ebenfalls der Elterngeneration an, die mit dem Anspruch startete, „alles anders“ machen zu wollen, um dann vor dem innigen Wunsch der eigenen Söhne nach Spielzeug mit Rädern, mächtigen Spielzeugwaffen und Computerspielen zu kapitulieren: Sie sind Jungs, sie sind anders als Töchter und es ist auch gut so.

Machen Sie sich nichts draus, dass man Sie fortan als „Biologisten“ beschimpfen wird für diese Erkenntnis, es trifft jeden, der sich dem durchgegenderten Mantra der universitären Eliten in ihren Elfenbeintürmen widersetzt. Sie werden dort umsonst auf biologische oder gar evolutionäre Realitäten auf Schulhöfen und in Kinderzimmern verweisen. Jungs und Mädchen müssen gleich sein, deswegen darf es keine Unterschiede geben. Dort weiß man angeblich, dass Eltern einfach nur alles falsch machen, dass sie nur „richtig“ und „gendersensibel“ erziehen müssten, dann gäbe es keine Probleme. Was tun gegen so viel Loslösungseifer von der Last des eigenen Geschlechts? Ignorieren wäre eine gute Methode.

Unstimmige Schlüsse

Ja, Sie beklagen also zu Recht eine Entmännlichung der Gesellschaft. Sie erzählen von Ihrem Sohn, von den Söhnen Ihrer Freunde. Es interessiere sie nur „Action, Aggressivität, Gewalt, Bombenlegen“. Sie beklagen eine Domestizierung der männlichen Triebe, das Verschwinden der Krieger. Eine Welt, in der Jungs zwar immer noch „fiebrige Träume voller Sex und Gewalt“ kennen, aber angeblich nur noch durch das Spielen „virtueller Spiele und das Anschauen von Actionfilmen“ lernen würden, mit ihren Aggressionen und Sexfantasien umzugehen.

Als gesellschaftliche Kontrollgruppe zu dem verweiblichten Westen ziehen Sie islamische Gesellschaften heran, wo alles noch ist wie früher. Wo Mann noch Mann sein darf und Frau noch Frau ist. Wo es keine schnöden Computerspiele braucht, damit Männer sich austoben können. Das verlockende Paradies für junge, triebgesteuerte Männer, die noch Krieger sein und als Beute Länder und Frauen heimtragen dürfen, während in „modernen, befriedeten Gesellschaften“ junge Männer ständig darauf hingewiesen würden, dass ihre Triebe nicht toleriert würden und Ideen von Ehre und Heldentum keine Wertschätzung genießen. Nun ist mir Ihre dezidiert islamkritische Haltung bekannt, deswegen verwundert ein bisschen die Romantik, die in den Zeilen schwingt, die alte Zeiten heraufbeschwören, in denen noch alles gut stand um die kriegerische Männlichkeit.

Es hat nichts Ehrenhaftes und auch nichts Heldenhaftes, eine Frau zu unterwerfen oder seine Triebe auszuleben auf Kosten einer Frau. Es ist nur ein schmaler Grat zwischen beschützender männlicher Dominanz, die von Frauen durchaus geschätzt wird, und der Unterdrückung der Frau. Es ist schade, dass die Frage nach dem Ausleben der Männlichkeit, nach dem Zulassen des männlichen Prinzips in unserer Gesellschaft, die Frage nach dem Verbleib der heldenhaften Krieger hier vermischt wird mit dem Anspruch auf sexuelle oder gar gewalttätige Dominanz, die ausgelebt werden will.

Denn genau hier, lieber Herr de Winter, da kann ich mit Ihnen nicht mehr mitgehen, nicht als Frau und nicht als Mutter, obwohl ich leidenschaftliches Plädoyer für mehr Männlichkeit sehr begrüße. Weil ich selbst schon lange danach frage, wo denn all die Männer hin sind, die Helden, die Krieger, die nicht wenige Frauen doch nach wie vor suchen und zunehmend weniger finden – haben wir doch selbst den Männern ihre Männlichkeit ausgetrieben.

Woran soll sich die junge Generation der Söhne orientieren?

Nun bin ich eine Frau und möchte mir nicht anmaßen, darüber zu urteilen, wie oft und wie exzessiv der Durchschnittsmann von gewalttätigen, sexuellen Fantasien heimgesucht wird, die nach Verwirklichung schreien. Es gibt zudem auch Frauen, deren sexuelle Fantasien sich nicht nur auf vibrierende Waschmaschinen reduzieren. Ich halte es allerdings für eine Errungenschaft der Zivilisation, dass wir unsere Triebe kontrollieren können. Dass wir von den „Bäumen runter“ sind und es keine Rechtfertigung gibt für einen Mann, der einer Frau gegenüber seine Triebe nicht unter Kontrolle hat. Es ist nicht heldenhaft, eine Frau sexuell zu überwältigen, es ist erbärmlich.

Sie sagen, wir dürfen die Triebe der Jungs nicht ersticken, wir müssen sie kanalisieren. Ja bitte, gerne, und fangen Sie möglichst schnell damit an. Männlichkeit braucht ein Ventil, und Stadionbesuche beim heimischen Fußballclub reichen nicht aus, um echte Männlichkeit noch zu zelebrieren. Fangen Sie an – Sie, als Mann, als Vater. Es ist eines, darauf hinzuweisen, dass die Dominanz des Weiblichen gerade die Erziehung erobert und dem männlichen Prinzip den Atem raubt.

Wie jede Geschichte hat auch diese eine zweite Seite. Diejenige, dass die Männer es zugelassen haben, dass ihre Präsenz in der Erziehung auf ein Minimalmaß zurückgefahren wurde. Sie haben es zugelassen, dass mit der Domestizierung des männlichen Aggressionspotenzials auch die gute Männlichkeit mit entsorgt wurde. Woran soll sich die junge Generation der Söhne orientieren, wenn ihre Väter nicht mehr bereit sind, Helden zu sein? Jungs brauchen Vater-Helden als Vorbild. Es reicht nicht, die vaterlose Gesellschaft zu beklagen.

Zu Recht weist der Erziehungswissenschaftler Matthias Stiehler in seinem aktuellen Buch „Väterlos. Eine Gesellschaft in der Krise“ darauf hin, dass es in der modernen Familie nicht an Vätern, sondern an Väterlichkeit mangele. An der Bereitschaft, ein Gegenpol zum Familienmatriarchat zu sein, Strenge und Konfliktfähigkeit zu beweisen, anstatt eine zweite Mutter darzustellen. Und so scheint mir die Lösung dieses Dilemmas damit möglich, dass Männer wieder männliche Erziehung beanspruchen und wir Frauen männliche Erziehung auch wieder zulassen müssen. Allerdings jenseits von sexuellen Machtfantasien, denn der Respekt vor der Mutter und allen anderen weiblichen Wesen ist auch eine Erziehungsaufgabe, die gerade von Vätern an ihre Söhne weitergereicht werden muss.

Der Artikel erschien zuerst auf theeuropean.de

 

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