Der „Stromberg“-Film ist sexistisch: Fragt sich nur, gegenüber wem

Bernd Stromberg ist zurück: Noch ein Mal – als Kinofilm. Die Büro-Satire spielt im (vermeintlichen) Alltag europäischer Durchschnittsbürger, in diesem Falle Versicherungsangestellter in Nordrhein-Westfalen.

stromberg-7263481h69d4

So viel vorweg: Ich teile die Ansicht des Schauspielers – und Hauptdarstellers – Christoph Maria Herbst, wonach „Stromberg“ auserzählt sei).

Die Finanzierungsprobleme rund um den Film konnten durch zahlende, am Ende alphabetisch entlang ihrer Vornamen aufgelistete, fast nur männliche Fans offenbar gelöst werden. Die Produktion hält gleichwohl einige Lacher bereit, die durchaus hörenswert sind. Ähnliches gilt für das Bildmaterial mit der ein oder anderen überraschenden Sentenz. Herbst selbst spielt neuerlich stark auf. Ohne ihn wäre die Satire wie der frühere Krimi „Derrick“ ohne Derrick – oder „Wetten, dass…“ ohne Thomas Gottschalk.

Der vorliegende Text ist keine „gewöhnliche“ Rezension eines aktuellen künstlerischen Ergusses. Nein, es geht um eine dezidiert maskulistische Filmkritik: Im Mittelpunkt steht die Darstellung des Geschlechterverhältnisses. Und daran gibt es aus dieser Sicht eine Menge zu deuteln. Die folgenden Zeilen erheben daher in alle Richtungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Ist Stromberg wirklich „sexistisch“? Laut Teaser der Werbung für den Film: JA.

 

Er reiße rassistische und sexistische Witze. Dass dies ein für weiße, heterosexuelle Männer geradezu konventionelles Verhalten ist, scheint im Teaser nicht mal einen erläuternden Halbsatz wert zu sein. So selbstverständlich wirkt die Annahme wohl aus Sicht derer, die sie formulierten. Dem Autor dieser rezensierenden Zeilen zufolge lautet die Antwort ebenfalls: JA.

Im Filmgeschehen ist Stromberg wiederum der Aktivposten, Dreh- und Angelpunkt schlechthin: Alles, was Menschen lächerlich machen kann oder von anderen so empfunden wird, wird ihm zugeschrieben. Er muss jede Menge aushalten, durchstehen, lösen – Clown, Prellbock, Chef und Untergebener, Fußabtreter und Organisator in einer Person. Alle Verantwortung, aber auch eine Menge Einfluss, werden ihm schon während der gesamten Staffelzeit zugeschrieben.

Er „belästigt“ die „Vorständin“ Berkel von Stromberg aufs Platteste: Sie sei ja eigentlich nicht sein (wirklicher) „Chef“, da sie doch eine Frau sei. Zudem machte er Gesten, als wolle er ihr gleich, scherzhaft, an die Brüste fassen (in Analogie zu „Problemlösungen“ – Probleme würden dann mehr Spaß machen, wenn man sie direkt anginge).

Der danebenstehende – männliche – Vorstand greift hingegen sofort ein, natürlich zugunsten seiner Kollegin. Doch das nützt dem Mann mit den nach hinten gekämmten Haaren und der randlosen Brille in den Augen der mächtigen „Sittenpolizei“ der (vermeintlich) politisch Korrekten längerfristig nur wenig …

Noch anorganischer bzw. anachronistischer erscheinen die Äußerungen Strombergs, wonach so aufrichtige Menschen wie er in Vorständen „noch seltener“ zu finden wären als Frauen. Nur kurz auf der Meta-Ebene dieser Rezension zur – hoffentlich klärenden – Erläuterung: Würde „der Bernd“ tatsächlich etwas gegen Frauen als (seine) Chefinnen haben, wäre dieser Satz verdammt ungewöhnlich. Ein essenzielles Charakteristikum von Diskriminierungen ist doch vielmehr, dass sie entweder unbewusst oder – zumindest – unreflektiert verlaufen, zu den sozialen Konventionen zählen, die irgendwann später hinterfragt und ggf. als „ungerecht“ kategorisiert bzw. verändert werden.

„Schirmchen“, eine Kollegin, die Stromberg begehrt, zieht immer wieder über „die Männer“ her, pauschal und kollektiv: Dies gilt für ihren nun Ex-Mann („Andreas ist lateinisch für Arschloch“), der nun erneut heiratete, weshalb sie sich umso mehr ausrangiert fühlte, wie ein „Faxgerät“ im digitalen Zeitalter, und für Stromberg (Alle Männer sind unromantisch“).
 
In einer anderen Einspielung reckt eine Verkäuferin mehrfach den rechten Mittelfinger und verflucht hemmungslos ihren Exmann. Sexuelle Kontakte hätten sich nach femininen Maßstäben zu vollziehen – die sich natürlich ändern können, aber nur, wenn die Frau sich entsprechend entscheidet: Diese Botschaft wird unterschwellig permanent transportiert.

Der Trottel „Ernie“ muss daher ein weißer Hetero-Mann sein. Er wird übrigens auch von allen weiblichen Figuren herablassend behandelt. Niemand würde eine Beziehung mit ihm beginnen.

Ulf wiederum soll einen „ganzen Mann“ darstellen, zumal er jetzt Familienvater ist, und Tanja bei dem „Kerl“ rächen, der es wagte, zu kritisieren, dass „ihr Weiber immer ne Extrawurst bekommt“. Es ging darum, dass sie ihren (Adoptiv)Sohn mit zur Betriebsfeier ins Hotel bringen durfte, er seine Kinder hingegen nicht. Natürlich stellt sich heraus, dass nicht sie, sondern ER im Unrecht ist. Ulf prügelt sich am Morgen nach der Feier am Frühstücksbuffet mit einem anderen Mann, um sich für seine „Schwäche“ vom Vortag zu „revanchieren“: Er hatte sich (noch) nicht überwinden können, für Tanja bei dem Kollegen in IHREM Sinne Klartext zu reden, der sie dafür beneidete, ihren Nachwuchs mitbringen zu dürfen.

Auch die anderen weißen Hetero-Männer bekommen ihr Fett weg, insbesondere das Vorstandsmitglied von vorhin mit den nach hinten gekämmten Haaren und der randlosen Brille – augenscheinlich kein Sympathieträger, wie er dann auch jedem Zuschauer darlegen durfte, indem er sich als Gegner der Frauenquote für Spitzenpositionen outete.

Es folgen Proteste gegen „die da oben“, natürlich nur noch Männer, die ihre jungen Huren aus dem für ein Gelage gemieteten Anwesen scheuchen und von einem Balkon weit oben in Anzügen mit offenen Hemden herabblicken, als die Capitol-Angestellten kommen, um gegen Massenentlassungen zu protestieren: „Mann schmeißt mich (für die Nichtteilnahme an der Sex-Orgie) raus“, betont Stromberg, so, als ob ein Chief Executive Officer (CEO) in der Realität tatsächlich die Teilnahme an derartigen Gelagen als ein Einstellungskriterium ansehe – und so, als ob eine Chefin nicht nach Sympathien bzw. eigenen Befindlichkeiten, auch sexuellen, entschiede.

Völlig unangemessen ist zudem die – dick aufgetragene – Suggestion, wonach der geringe Frauenanteil an Konzernspitzen und in anderen Führungspositionen primär an „Männerbünden“ – „Old boys networks“ – läge. Dass es etwas mit geschlechtsspezifisch im Median divergierenden Dispositionen in Bezug auf Fähigkeiten, Interessen und Lebensprioritäten zu tun haben könnte, wird nicht erwogen. Die im Film mitwirkende Vorständin Berkel verhält sich vielfach ungeeignet für ihre Position – was Angriffspunkte, auch im satirisch-komödiantischen Sinne böte. Trotzdem wird sie rasch aus dem Geschehen genommen – vor der mit der Totschlagskeule erfolgenden Managerschelte.

Müßig zu erwähnen, dass die Proteste im Film wieder von einem (bereits entlassenen) MANN initiiert, angeführt und maßgeblich zum – nicht abschließend geklärten – Erfolg gebracht werden: Stromberg.

Ebenso geradezu selbstverständlich, dass beim Film „Stromberg“ selbst mit Arne Feldhusen ein Geschlechtsgenosse die Regie führt und auch das Drehbuch von einem Mann, Ralf Husmann, stammt. Natürlich werden auch fast alle Stressjobs von essenzieller Relevanz, die – nicht nur – zu diesem Film gehören, von Männern ausgeübt.

Weiße, heterosexuelle Männer schädigen also vorsätzlich weiße, heterosexuelle Männer, indem sie sie, ihre Leistungen, ihre Sexualität, ihr gesamtes Verhalten, wesentliche Charakteristika ihrer für verallgemeinerbar gehaltenen Persönlichkeit systematisch herabwürdigen. Und lassen sich dann – gerne – erklären, wie schlimm weiße, heterosexuelle Männer sind. Von wem? Weißen, heterosexuellen Frauen der oberen Mittelschicht, urbanen Akademikerinnen.

Vielleicht sollten an derartigen Produktionen beteiligte Menschen den Titel bzw. die Titelmusik dieses – trotz allem durchaus sehenswerten – Filmes (noch) ein wenig ernster nehmen und sich diesen Ernst auch für andere gesellschaftspolitische Debatten zum Thema, bspw. zum Sorgerecht, bewahren: „Lasst das mal den Papa machen“.

Der Artikel erschien zuerst auf man tau.

 

Weitere Beiträge

Grüne Staatsrätin fordert: „Schluss mit der Umerziehung von Frauen und Männern!“


"Wir müssen die Geschlechterfrage neu denken!" verkündet das Backcover von Gisela Erlers jüngst erschienenem Buch Schluss mit der Umerziehung!: Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern.

Weiter heißt es dort: "Warum sind Frauen in Spitzenpositionen so spärlich vertreten? Warum sind Jungen so häufig Bildungsverlierer? Es sind unterschiedliche Anreize, die beide Geschlechter antreiben. Frauen...

Die feministischen AufseherInnen von Wikipedia


Grundsätzlich ist die Internet-Enzyklopädie Wikipedia eine begrüßenswerte Einrichtung. Demokratisch verfasstes und verfügbares Wissen, eine tolle Sache. Nun gab es immer schon sachliche Kritik an inhaltlichen Fehlern der Beiträge und auch absurde Beispiele für die Unflexibilität der Plattform.
So wird von dem amerikanischen Schriftsteller Philip Roth berichtet, er habe eine falsche Information...

Warum sorgen entführte Mädchen für internationale Aufmerksamkeit - und brennende Jungen nicht?


"Since the Nigerian Islamic radical group Boko Haram kidnapped over 100 schoolgirls in mid-April, the media and the American government have been up in arms over this outrage. With over 200 girls in captivity, Boko Haram warned that they may sell the children into slavery."
"Beginning the night of the kidnappings on April 16 and continuing ever since, the press has devoted relentless focus to the...

Die Champions-League des Sexismus - es geht los!


Was, schon wieder Sexismus? Ja, aber diesmal ist es nicht irgendein aufgebauschter Provinzblatt-Sexismus. Wir wollen den dreistesten, den größten, den sexistischsten Sexismus aller Sexismuszeiten küren. Es ist die „Champions-League des Sexismus“.
Warum? Sexismus gegen Männer gäbe es nicht oder zumindest weniger. So heißt es in den Medien. Ohne Beleg, ohne Beweis, einfach so, ohne kritisch zu...

Wie man böse Kerle zu netten Jungs umbaut - Progressive Mädchenpädagogik und die „Nice Guys Engine“


Der folgende Text ist ein Beitrag zur Blogparade des Monats Februar, die Geschlechterrollen zum Thema hat. Alle Ähnlichkeiten zu einer Satire sind unbeabsichtigt und ungewollt, aber unglücklicherweise unvermeidbar.
Ein Partnertest. Nicht etwa in der Bravo oder auf einer wenig vertrauenswürdigen Internet-Seite, sondern in einem wissenschaftlichen Angebot für Schulen, erstellt in Zusammenarbeit...

Wussten Sie eigentlich, dass Sie rechts sind?

Über die Hintergründe und Konsequenzen einer kritischen Sichtweise auf den Feminismus
Ich schreibe derzeit an meinem zweiten Essay über den Feminismus. Er ist fast fertig und wird in Buchform wohl eine Länge von 350 bis 400 Seiten erreichen.
Man kann sich denken, dass ich seit Beginn meiner Beschäftigung mit dem Thema, zu datieren auf August 2012, eine Menge von Texten gelesen habe. Die Bücher...

Die weibliche Definitionsmacht


Seit dem Feminismus in den Siebzigerjahren steht der Mann in der Kritik von Frauen. Dabei werden von Frauen Forderungen an den Mann gestellt, neue Männerbilder entworfen und die Erwartungen der Frauen an den Mann beschrieben. Der Mann selber als soziale Wirklichkeit kommt dabei nicht vor, ebenso wenig wie seine Bedürfnisse und Wünsche.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Vorlesungsreihe „Der Mann“, die...

Feminismus als Ideologie


Ideologien sind wie Krankheiten oder böse Geister. Sie beherrschen zeitlang das Denken und Leben der Menschen. Die meisten Menschen können sich ihnen kaum entziehen. Wie narkotisiert folgen sie ihnen. Auch ansonsten aufgeklärte und kritische Menschen sind von ihnen naiv begeistert und schalten bei ihrer Beurteilung ihre Kritikfähigkeit völlig aus.
Moderne Ideologien wie der Feminismus haben aus dem...