Diskursanalytische Bemerkungen zur Wehrpflichtfrage aus Gender­ Perspektive

Es kann darüber gestritten werden, ob zehn Sandkörner noch ein Sandhaufen sind. Man kann auch darüber streiten, ob eine befruchtete Eizelle schon ein Mensch ist. Und es mag auch Verhaltensweisen von Menschen geben, die so unmenschlich sind, dass es gerechtfertigt sein kann, den Ausführenden der Handlung als Schwein zu bezeichnen.

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Aber in allen drei Fällen gibt es eine klare sprachliche Intuition, was ein Sandhaufen und was nur ein Sandkorn, was ein Mensch und was eine Eizelle und schließlich, was ein Mensch und was ein Schwein ist. Gäbe es diese sprachliche Intuition nicht, könnte man schwerlich erklären, was an dem Ausdruck Schwein für einen Menschen beleidigend ist, denn die Beleidigung funktioniert nur, weil man einem Menschen Eigenschaften zuspricht, die man normalerweise einem Tier zusprechen würde.

Im Folgenden wird von einem Fall, von der Wehrpflichtsfrage, die Rede sein, in dem es eine vermeintlich starke sprachliche Intuition zu zwei distinkten Begriffen gibt, sich aber dennoch ein Sprachgebrauch etabliert hat, der in einer Weise entwürdigend ist, dass man ihn analog zum Beispiel der Beleidigung behandeln müsste. Allerdings sind die Empörungen, die normalerweise ausgelöst werden, wenn man einen Menschen ungerechtfertigt als Schwein bezeichnet, bisher ausgeblieben.

Menschen oder Dinge: Der Musterungsbescheid

musterung-41qUBL2l5XL. Worum es bei der Wehrpflicht geht, bekamen junge Männer in Deutschland und bekommen junge Männer in Österreich und der Schweiz und vielen anderen Ländern bereits durch die Vorladung zur Musterung unmissverständlich vermittelt. In einem kühlen und befehlenden Ton ist da die Rede davon, dass man mit der Musterung überprüfen wolle für „welche militärische Verwendung" der junge Mann denn wohl zu gebrauchen sei.

An der Rezeption wird man dann - wenn man Glück hat- nach seinem Namen gefragt, wenn man weniger Glück hat, aufgefordert seine Personenkennziffer anzugeben. Die Art wie Männer anschließend behandelt werden, entspricht auch eher einer Sache, einem Ding oder einem Tier als einem Menschen. Alles wird peinlich genau gemessen, abgetastet, notiert und in Kategorien eingeordnet. Körpergröße, Gewicht, BMI, Krankheiten, Körperfettanteil. Alles bis ins intimste Detail. Alles in entwürdigender Strenge, vorgeschrieben durch ein Gesetz und ohne Ausweg.

Da gibt es keinen Platz für Individualität, für Scham oder Intimsphäre. Schnell muss es gehen. So schnell, dass man oft schon vor dem Untersuchungszimmer in Unterwäsche warten muss. Am Ende gibt es eine Beurteilung, die aus der Kombination aus dem Buchstaben „T" und einer Zahl zwischen eins und fünf besteht. Wer etwa aus wirtschaftlicher Not heraus zum Bund möchte oder muss, hat alles dafür getan, eine möglichst niedrige Zahl vor dem „T" zu erreichen und wer lieber, wie seine weiblichen Altersgenossen, sein Leben selbstbestimmt planen und nicht zur Bundeswehr möchte, hat alles dafür getan, die Ziffer nach dem „T" so hoch wie möglich zu drücken.

Der Grund, warum dieses Spiel so lange gespielt werden kann, ist das bewusst angeordnete Übertreten der Schamgrenze. Durch erzwungene Nacktheit kann man die Würde eines Menschen verletzen, dass er aus Scham unfähig ist sich zu wehren. Nicht einmal reden kann man darüber. Das Tabu besteht bis heute.

Schlachtkörper und Menschenkörperklassifizierung

Es gibt nicht wenige Menschen denen, wenn sie vom Umgang mit Schlachtvieh hören oder lesen, übel wird. Warmgewicht zum Zeitpunkt der Klassifizierung, Muskelfettanteil, Alter und mögliche Krankheiten sind hier die wichtigsten Kriterien. Wer weiß, wie man die Tiere, über die man in solchen Kriterien denkt und spricht, danach behandelt, muss entweder darauf verzichten Fleisch zu essen oder beim Essen den Gedanken daran ausblenden. Die Beurteilung des Schlachtkörpers und des Körpers eines Mannes bei der Musterung erfolgt aber fast analog. Zur Klassifizierung von Rindern benutzt man zum Beispiel eine Kombination aus zwei Buchstaben und einer Zahl. Die erste bestimmt die Kategorie, die zweite die Fleischigkeit und die dritte die Fettklasse.

Aus der Beurteilung leitet sich dann, und auch das gilt analog zur Musterung, die Verwendungsmöglichkeit ab. Aber die frappierendste Gemeinsamkeit ist wohl die Frage der Freiwilligkeit: einen jungen männlichen Wehrpflichtigen zu fragen, ob er militärisch verwendet werden will, scheint in der gleichen Weise überflüssig zu sein, wie es überflüssig ist, ein zum Schlachten bestimmtes Kalb zu fragen ob es geschlachtet werden will.

Ökonomie, Zivildienst und Wehrpflicht

Wer mit Fleisch handelt, den interessiert es im Allgemeinen nicht was für einen Charakter das Tier, das er verkaufen will, wohl gehabt haben mag. Die Entscheidung, ob es sich lohnt eine Tonne Fleisch zu kaufen und sie dann wieder zu verkaufen, hängt im Wesentlichen von Zahlen und Buchstabenkombinationen ab. Analog dazu hängt auch die Verwendung von Wehrpflichtigen von Buchstaben und Zahlenkombinationen ab. Und so verläuft auch die Argumentation für oder gegen die Wehrpflicht.

Von Wehrpflichtgegnern hört man mitunter, eine Armee mit Wehrpflichtigen sei zu teuer. Befürworter argumentieren mit den gleichen rhetorischen Waffen und argumentieren, man müsse Freiwilligen viel mehr zahlen als Wehrpflichtigen. Ganz absurd wird diese unfreiwillige Partnerschaft zwischen Ökonomie und Wehrpflicht, wenn es um den Wehrersatzdienst, den Zivildienst geht. Organisationen wie das Rote Kreuz oder die Caritas haben sich derart an die kostenlosen, männlichen Zwangsarbeiter gewöhnt, dass sie regelmäßig argumentieren, man könne die Versorgung der Pflegebedürftigen nicht aufrechterhalten, wenn man nicht mehr auf Zwangsdiener zurückgreifen könne.

Das hat in etwa so viel Charme, wie wenn ein Sklavenhalter argumentiert, er könne seine Felder nicht mehr bewirtschaften, wenn die Sklaverei verboten würde. Und aus Österreich konnte man kürzlich vernehmen, dass Offiziere beklagen, „dass zu viele aus gesundheitlichen Gründen unbrauchbare Rekruten die Kasernen bevölkern". Als hätten sie sich das ausgesucht.

Der Unterschied zwischen Menschen und Schlachtvieh

Nur Menschen, welchen man Nummern statt Namen gibt, kann man behandeln wie Schlachtvieh. Es gibt mittlerweile eine wachsende Bewegung, welche sich dafür einsetzt, dass man Tiere mit mehr Würde behandelt. Eine Bewegung, die sich dafür einsetzt, dass man junge wehrpflichtige Männer nicht wie Schlachtvieh sondern wie Menschen behandelt, fehlt bis heute.

Es gibt eine gesunde sprachliche Intuition, in welcher sich der Unterschied zwischen einem Sandhaufen und einem Sandkorn oder eben der Unterschied zwischen einem Mensch und einem Schwein konstituiert. Unser sprachliches Empfinden ist immer schon konstitutiv für unser Empfinden der Wirklichkeit gewesen. Wenn man über Menschen in der gleichen Terminologie spricht wie über Schlachtvieh, wird man Menschen auch behandeln wie Schlachtvieh.

Es gehört zu unserem normalen sprachlichen Empfinden, dass wir es als eine Beleidigung empfinden, als Schwein beschimpft zu werden. So sollten wir auch unserer normalen sprachlichen Intuition trauen und uns davon entfernen von Menschen zu sprechen wie vom Schlachtvieh. Denn nur dort wo sich das sprachliche Handeln ändert, kann sich auch das tatsächliche Handeln ändern. Und nur so kann etwas mehr Gleichberechtigung und Frieden zwischen den Geschlechtern Realität werden.

 

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