In der westlichen Welt geht eine neue Mode um. Nach einer Jahrzehnte fortdauernden Hypersexualisierung unserer Kultur, der Pornographisierung einer ganzen Jugend und nach anrüchigen Aufklärungsköfferchen mit putzigen Plüschvaginas und Plüschpenissen für Grundschüler irritiert uns ein neuer Kanon, der sich so gar nicht dem uns Gewohnten fügen mag. Ich nenne es eine Bewegung von Antisexualisten, die uns nunmehr – im Speziellen den Männern – jede sexuelle Regung verbieten will.

Es begann mit dem Dirndl-Gate des FDP-Politikers Rainer Brüderle und einem darauf folgenden teilglobalen Aufschrei, der jedwedes männliches Balzgehabe – oder zumindest als solches Verstandenes – zur Pathologie erklärte. In jüngerer Zeit durchschwemmten „virale“ Videos die sozialen Medien, in welchen Männer in ihren natürlichen Lebensräumen wie possierliche Tierchen observiert und ob ihrer mutmaßlich widernatürlichen Gelüste vorgeführt wurden.

Die Machart solcher Videos ist simpel: Ein junges, stramm geformtes Lockweibchen begibt sich unter eine Kohorte von Männchen, deren wollüstige Reaktionen von einer verborgenen Kamera dokumentiert werden.

Den Anfang machte hierbei ein Video, in dem eine junge Frau eigenem Bekunden nach zehn Stunden lang mit leicht kühl bis grimmiger Mimik durch alle erdenklichen Stadtteile Manhattans spaziert – begleitet von einer versteckten Kamera. Das Video selbst ist selbstredend keine zehn Stunden lang und die Szenerie gehört offenbar beinahe ausschließlich zum problematischen Stadtteil Harlem. Wir sehen darum auch nur farbige Zeitgenossen der unteren sozialen Schichten.

Das Lockweibchen hingegen ist weiß, gutbürgerlich und sie bekommt während ihres Streifzugs so allerhand zu hören, so etwa verbale „Belästigungen“ wie „How you doing today?“, „Smile!“, „What‘s up beautiful?“, „Have a good day“ oder „God bless you“. (Auf Deutsch: „Wie geht es Ihnen heute?“, „Lächle!“, „Was ist los, Schöne?“, „Haben Sie einen schönen Tag“, „Gott segne dich“.

Am Ende dieses Videos steht sodann die Botschaft, dass Frauen wohl nirgends vor Anmache und Belästigung sicher seien. Das mag gemäß dem Video zutreffen – zumindest sofern man als weiße, gutsituierte Frau durch Harlem wandert und sich durch ein „How you doing today?“, „Smile!“, „Have a good day“ oder „God bless you“ in der eigenen Schutz- und Komfortzone bedroht fühlt.

Seines latenten Rassismusses ungeachtet erfreute sich der Clip innerhalb kürzester Zeit großer Beliebtheit und zeugte allerlei Nachahmerinnen. Einer dieser Abkömmlinge war die deutsche Boulevard-Illustrierte „Stern“, die ebenso einen ihrer weiblichen Lockvögel auf den Catwalk schickte.

Das „Stern“-Fazit: Deutsche Männer sind weniger direkt. Anstelle verbaler Anmache dominiert hier eher das beiläufige Beglotzen und Beschielen des wippenden weiblichen Hinterteils. Der „Stern“ konfrontiert uns sodann mit der Frage, wo denn nun die Grenze zwischen „Interesse“ und „Belästigung“ zu ziehen sei. So suggestiv diese Frage vom „Stern“ auch vorgetragen und so unterschwellig tendenziös ihre Beantwortung auch vorweggenommen wurde, so tiefschürfend ist diese Frage denn auch, und wir wollen hier – an Ort und Stelle – versuchen, sie zu beantworten.

Ganz gleich wie echt oder unecht, wie authentisch oder gestellt diese Videos sein mögen, so wollen sie uns doch allesamt dieselbe Botschaft senden: Der Mann ist schlecht, bar jeder Triebkontrolle und er bedarf gründlicher Erziehung.

Nun tut sich aber ein bedeutender Unterschied auf, betrachtet man zunächst das Manhattan-Video und schließlich das „Stern“-Experiment. Ersteres bezeugt verbal und somit bewusst Geäußertes. Zweiteres erzählt uns von Blicken, von vermeintlichem „Interesse“. Erstgenanntes ist sozial, das zweite biologisch determiniertes Verhalten.

Flapsige und anzügliche Sprüche, ein banales „Smile!“ oder „Have a nice day“ kann man sich zur Gewohnheit machen oder auch nicht. Der Verstandesapparat befindet darüber, ob es geäußert wird oder ob sich Enthaltung geziemt. Derweil die Kontrolle hierüber keines allzu großen Zwanges bedarf, liegt der Tatbestand bei den biologisch determinierten Verhaltensformen gänzlich anders: Auf eine exponierte Stelle des anderen Geschlechts zu blicken ist in erster Instanz ein Reflex, der Männern und Frauen gleichermaßen eingepflanzt ist, und kaum von bewusst erlebtem „Interesse“ zeugt.

Ein  geschlechtsspezifischer Unterschied zeigt sich allenfalls darin, dass bei Männern dieses Verhalten fortlaufend geradezu seismographisch aufgezeichnet und problematisiert wird. Männer stehen hier im steten Zentrum argwöhnischer Beobachtung. Bei Frauen hingegen stört uns all dies wenig, es scheint uns nicht einmal aufzufallen.

So erwächst der klischeehafte Irrtum, dass Frauen ein solches Lustgetriebe fremd sei. Die Frau ist aber ebenso wenig wie der Mann eine von sexuellen Bedürfnissen unbewohnte Hülle, auch wenn einige maskuphob-frigide Antisexualisten uns das einreden mögen. Für Letztere sind immerzu nur die Männer beständiger Gegenstand bizarrer Verbots-, Bestrafungs- und Zügelungsfantasien.

Final steht hier folglich triebgeknüpftes Verhalten vor seinen selbsternannten Richtern – Triebe im Sinne von Hunger, Durst und eben auch Sexualität. Gewiss ist der Intellekt fähig, diese Triebe diesseits ihrer gesellschaftlich tolerierten Begrenzungen zu bannen. Gewiss kann erwartet werden, dass ein erwachsener Mensch sich nicht zur Gänze lustgesteuert gibt. Gewiss darf verlangt sein, dass innerhalb bestimmter sozialer Arrangements entsprechende Reflexe unterdrückt bleiben. Genau das ist es, was man gemeinhin unter „Kultur“ versteht.

Ebenso gewiss jedoch folgt hierauf ein großer Einwand. Da Triebe nämlich einer somatischen Quelle entfließen, lässt sich ihr psychisches Aufdrängen stets nur zeitweilig und niemals dauerhaft unterbinden. Somatische Ursprünge trotzen ungerührt allen Erziehungs- und Sozialisationsversuchen. Menschen werden immer Hunger und Durst verspüren. Ebenso werden Kerle immer Weiber und Weiber immer Kerle wollen. Ein fortdauerndes, gewaltsames Niederknechten solcher Bedürfnisse trägt schädliche Folgen – insbesondere dann, wenn dies mit implizierten Schuldgefühlen und einem Bestrafungskult einhergeht, wie es unterschwellig im Kontext dieser Männer-sind-Schweine-Leier fortdauernd geschieht.

Im Ergebnis folgt früher oder später das, was wir gemäß Sigmund Freud eine Neurose nennen – ein unbewusster innerer Konflikt zwischen natürlichem Verlangen und einem fremdgeformten, selbstkasteienden Verstand. Am dystopischen Ende dieses Gedankengangs steht der seelisch verkorkste Mann mit konfliktüberladener Sexualität.

Was misandrischen Antisexualisten vermutlich wohlig viel verheißend in den Ohren klingt und ihnen ein süffisantes Grinsen ins Gesicht malt, sollte indessen jedem normalen Menschen bange machen. Denn zum Lieben und Liebe machen gehören unausweichlich immer noch zwei – mindestens. Und wo der eine nicht kann oder will, da kann der zweite so viel wollen wie er mag und wird es letztlich auch nicht können.

Was Männern und Frauen in dieser endzeitlichen Vision als letztes Refugium wohl noch verbleiben mag, ist die Selbstbefriedigung. Masturbation ist laut Woody Allen durchaus eine gute Sache: Man hat „Sex mit jemandem, den man auch wirklich liebt“. Allerdings sind auf diesem Gebiet die Männer den Frauen womöglich voraus, denn schließlich stehen ihnen Huren und eine weltumspannende Pornoindustrie zur Verfügung – ein Heimspiel für die Männer. Frauen hingegen müssen sich ob ihres libidinösen Wohlergehens womöglich auf sorgenvollere Tage einstellen. Zumindest droht dies, wenn man pessimistisch den Sieg der Antisexualisten vorausnimmt und Männern künftig jeder Blick, jedes mehr oder weniger verstohlene Schielen oder jede anderweitig sexuell konnotierte Regung versagt und bestraft wird.

Den Antisexualisten geht es nämlich mitnichten um den Schutz irgendwelcher Frauen vor irgendwelchen irgendwie gearteten Belästigungen. Das Allermeiste ist nicht mehr und nicht weniger als die giftige Frucht moralinsaurer Selbsterhöhung. Die Stilisierung des Mannes zum dauergeilen, defektgetriebenen Perversling ist dabei nur ein Mittel narzisstischer Befriedigung. Wo immer auch die  Motivation der Antisexualisten zu verorten ist – sie schaffen ein Klima, in welchem Männer sich stets schuldig glauben sollen, ganz gleich, was sie tun oder unterlassen.

Der Artikel erschien auch auf ef-online

 

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