Wir alle kennen sie: die lieben Bürgerinnen und Bürger, die werten Zuschauerinnen und Zuschauer. Gendergerechte Sprache nennt man diese holprige und unliebsame Notwendigkeit. Doch wussten Sie - geschätzte Leserinnen und Leser - dass es einen Unterschied hergibt, ob man gendergerechte oder lediglich geschlechtersensible Sprache gebraucht? 

 "Gender" ist zunächst eine sozialwissenschaftliche Kategorie. Ihr Sinn ist es, solcherlei Vorgänge sichtbar und beschreibbar zu machen, die Geschlecht als kulturelles und soziales Merkmal ausdifferenzieren. Am Beispiel der Wehrpflicht lässt sich dies verdeutlichen. Am Beginn steht ein kleiner aber verhängnisvoller Unterschied. Männer sind Dank ihrer hormonellen Ausstattung etwas kräftiger und wilder als Frauen - zumindest im groben Durchschnitt. Darum eignen sie sich äußerlich eher für das Kriegshandwerk. Folglich waren es Männer, die mit Granaten und Bajonetten hantierten. Wenn sie sich dabei verletzten, waren es hingegen die Frauen, die sie versorgten.

Um Männer ihrer Aufgabe zuzuführen, entwickelte die Gesellschaft ein diffiziles und mitunter schwer zu durchschauendes Geflecht sozialer Regeln und Normen. Es gab Orden, Denkmäler und Lieder für jene Männer, die sich tapfer zeigten - ein Heldenkult verklärte verstümmelte Gesichter und Gliedmaßen zu etwas erstrebenswertem. 

Feiglinge hingegen wurden mit Verachtung gestraft. Im ersten Weltkrieg waren es junge Frauen, die solchen Männern weiße Federn schenkten - als Symbol der Beschämung. Ein anderer Mechanismus war die Pathologisierung Unwilliger. Hierfür schuf man das Störungsbild der "passiven Aggression", um subtile Verweigerungshandlungen von Männern zu bezeichnen. So gab es Männer, die ihre militärischen Aufgaben absichtlich schlecht ausübten, um sich für das Schlachtfeld zu disqualifizieren. Solche Männer galten fortan als abnorm, obwohl sie offensichtlich ausgesprochen clever waren - zu clever für das Militär.

Die passive Aggression wurde zwischenzeitlich - ebenso wie die feminin konnotierte Hysterie - aus den diagnostischen Manuals der Psychiatrie entfernt. Dennoch hat sich die passive Aggression als stigmatisierendes Etikett gehalten und bewährt. Wenn Männer nicht so ticken, wie ihre Frauen das wollen, philosophieren letztere gerne in diversen Internet-Foren in egozentrischer Melodie über ihre passiv-aggressiven Lebenspartner. Der Mann soll dann auf Anraten anderer Forumsdiskutantinnen schnell zum Therapeuten - sozusagen zur Reparatur.

Am Beispiel der Wehrpflicht wird manches deutlich: Zunächst erklärt sich die Weise, nach der biologische Gegeben- und Gewissheiten kulturell überbaut werden. Zudem war die Wehrpflicht oftmals mit bestimmten Bürgerrechten gekoppelt, welche den Männern historisch als sogenannte "Privilegien" angelastet werden. Aus dem kulturellen Überbau erwuchsen demnach ganze juridische, juristische und institutionelle Ordnungen. Diese Ordnung aufrecht zu erhalten scheint vielen Gesellschaften ein notorischer Zwang zu sein. Homosexuelle und Intersexuelle wurden von solchen Gesellschaften wohl auch darum geächtet, weil deren schiere Existenz all das so schön Geordnete herausforderte. Nur weil es sie gibt, sind diese Menschen für andere eine Provokation. In ihrem Hauptwerk "Gender Trouble" spricht Judith Butler darum gerne von der Subversion, dem absichtlichen Spiel mit geschlechtlichen Attributen, im Sinne einer bewussten Provokations-Strategie. Vor allem befassen sie und andere feministische Theoretikerinnen sich mit der Sprache und ihrer ordnenden Funktion.

Der klügstmögliche Weg ist demnach, überhaupt nicht auszudifferenzieren - weder also in männlichen noch weiblichen Formen zu denken und zu sprechen. Darum wäre eine gendergerechte Sprache eine solche, die gänzlich ohne Maskulinum oder Femininum auskommt. Denn wer von den Bürgerinnen und Bürgern spricht, differenziert bereits und schließt im Übrigen zwischengeschlechtliche Menschen explizit aus. Eine solche Genitalsprache ist nicht mehr zeitgemäß.

Darum hat sich auch das substantivierte Partizip mehr schlecht als recht bewährt: Mitarbeitende, Studierende, Politiktreibende, Architekturschaffende, Anwesende, Sterbende. Auch diese Form stößt an sprachliche Grenzen - was machen wir aus den Bürgern und Bürgerinnen? Sind das jetzt bürgerrechtlich Betroffene? Wie sprechen wir von Studierenden im Singular? Ein Studierender oder eine Studierende ist geschlechtlich ausdifferenziert.  

Denkt man diese Problemstellung streng zu Ende, so landet man bei einer Kunstsprache. Eine solche wird von der Gender-Studies-Prominenz Lann Hornscheidt vorgeschlagen: Aus Studierenden und Professoren würden so - ganz geschlechtslos - „Studierx“ und „Professx“. Der Einzelne mag darüber schmunzeln - von allen erdenklichen Varianten ist dies aber die logischste und konsequenteste.

Auch in der sozialdemokratischen Politik wird darüber ernsthaft diskutiert. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Jakob Mierscheid - Mitglied im Gleichstellungsausschuss - kann sich durchaus vorstellen, die X-Form als offizielle Amts- und Gesetzessprache einzuführen. Allerdings sei das nicht unproblematisch. Denn ohne genaue Geschlechtsbezeichnungen - so Mierscheid - seien viele derzeitigen Gesetze nicht mehr anwendbar. Dies betreffe zum Beispiel das Bundesgleichstellungsgesetz, das ausschließlich weiblichen Personen das aktive und passive Wahlrecht für die Gleichstellungsbeauftragte einräume. Ebenso benennt Mierscheid das Grundgesetz, welches die Wehrpflicht immer noch als Männerpflicht definiere. Die Wehrpflicht sei zwar ausgesetzt, im Ernstfall könne man sie aber wieder einsetzen und da möchten viele SPD-Genossen keine Frauen an der Front sehen. Die hätten es schließlich schon schwer genug. Laut Mierscheid könne sich die SPD aber durchaus vorstellen, zukünftig schlicht zwischen Menschen und Männern zu unterscheiden.

 

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Kommentare  

+1 # Leander 2018-01-25 08:26
... Das Studier, Das Lehr. Das Mensch, Das Tier, Das Pflanze. Das Krieg, das Liebe. Das Mann, Das Frau. Und so weiter. Wir streichen einfach 'der' und 'die'. Das Schüler von Deutschunterricht freut sich.
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+1 # Leander 2018-01-25 16:06
ich meinte natürlich 'Das Schül'. Mein Fehl, altes Gewohnheit.
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