Déjà-vu in Deutschlands Kinderzimmern: Die Bundesregierung tobt sich auf der Spielwiese aus und lässt die echten Alltagsprobleme nonchalant linksliegen. Stattdessen werden Frauen in die Rolle der karriereorientierten, kinderwerfenden Gebärmaschine gezwängt.

k7867ozhno80

„Laßt uns pflügen, laßt uns bauen
ernt und schafft wie nie zuvor
und der eignen Kraft vertrauend
steigt ein frei Geschlecht empor…“

- „Auferstanden aus Ruinen“, 3. Strophe, Nationalhymne der DDR

Wie damals wird überall von Fachkräftemangel gesprochen, Wohnungen werden hart erkämpft und Bildung wird als „die“ Allzweckwunderwaffe im Kampf gegen Armut angepriesen. Die SED ist hinterrücks wieder „auferstanden aus Ruinen“. Das Akronym steht aber nicht mehr für „Sozialistische Einheitspartei Deutschland“, sondern für „Sozialistischer Einheitsbrei Deutschlands“. Den rötlichen Brei bekommen schon die Kleinsten, wobei Hipp oder Alete nicht gemeint sind. Vielmehr geht es um die ausgelutschten Forderungen der letzten Jahre, die dem Zeitgeist entsprechend diskursiv und trendig zum „Smoothie“ püriert werden. Neben „Bildung für alle“ ist das die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Schön und gut. Dumm nur, dass im „Bildungssmoothie“ keine Bildung steckt.

Wohin uns etwa der hoch angepriesene Akademisierungswahn führte, sehen wir: Es gibt zu wenig junge Leute, die eine Ausbildung beginnen. Konsequenz: Leere Ausbildungsplätze und Fachkräftemangel. Umgekehrt gibt es immer weniger ihren Qualifikationen entsprechende Stellen für Akademiker. Die Bildungsinflation ist im vollen Gange. Stattdessen wird fleißig debattiert, ob nicht bald Kindergärtnerinnen einen universitären Abschluss benötigen. Ist es nur eine Frage der Zeit, wann es den Master of Science „Room Management“ - herzlichen Glückwunsch zur diplomierten Putzfrau! - geben wird? Hätte die Masterarbeit neben einem Theorieteil à la „Das konstitutive Verhältnis des putzenden Subjekts zum Objekt am Interface zwischen digitaler und analoger Lebenswelt“ auch eine praktische Übung wie „Anwendung gelernter Putztechniken im privaten Raum“, die selbstredend im Heim des Prüfers stattfände?

Fragen über Fragen, von denen man zu erschlagen droht. Aber die Verve für diese Thematik hat sich mittlerweile gelegt. Stattdessen liebäugeln unsere Geschmacksknospen mit den „Smoothies“ der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und der „geschlechtlichen Gleichstellung“. Bekanntlich lässt sich über den Geschmack nicht diskutieren. So werden im universitären Bereich bei der Einstellung Frauen systematisch gegenüber Männern bevorzugt. Die Zusage von Forschungsgeldern wird von der Anzahl der beteiligten Forscherinnen am beantragten Projekt abhängig gemacht. Je mehr Frauen in einer Forschergruppe oder nur eine weibliche Antragstellerin, desto besser sind die Chancen Forschungsgelder zu erhalten. Mit geschlechtlicher Gleichberechtigung hat das nicht viel zu tun. Nicht nur, weil offensichtlich Männer benachteiligt werden, sondern auch weil Frauen in das Korsett des Berufs und der Karriere geradewegs hineingezwängt werden. Ob sie hierbei vor Atemnot in Ohnmacht fallen, spielt keine Rolle.

Wer in erster Linie arbeitende Mutter und nicht gebärende Karrierefrau werden möchte, hat immer schlechter werdende Karten. Karriereorientierte, kinderwerfende Gebärmaschinen werden produziert, echte Mütter in die alleinige Mutterrolle gedrängt und im Fall der Fälle als alleinerziehende Mütter an die Ränder der Gesellschaft verbannt. Entscheidet man sich als Frau bewusst gegen das zu eng geschnürte Korsett der Arbeit peitscht einem eine pseudoemanzipierte, feministische Melange aus Mitleid und Hochmut entgegen. Voller Naivität stürze man sich in die klassische Ehe und mache sich somit abhängig - was einer Unterdrückung gleichkäme. Deswegen solle man emanzipiert sein, ein anderes Wort für arbeitswütig. Oder mütterlich-naiv formuliert: in einem Treueschwur mit seiner Arbeit leben, dafür aber mit salonfähigem Korsett.

Schaut man also genauer hin, zeigt sich in dieser diffusen Formel „Familie + Beruf = Vereinbarkeit“ ein verfeinertes Rezept realsozialistischen Gedankenguts, in der anscheinend die Zutat des Mutter- oder Vaterseins einen geschmacklichen Störfaktor darstellen. Augenscheinlich bedarf es nach heutigen Vorstellungen dieser Attribute nicht unbedingt für die freie Persönlichkeitsentwicklung. Stattdessen wird die staatliche Erziehung weiter ausgebaut. Die Kleinen kommen am besten so früh wie möglich in die Krippe, danach ganztags in die KiTa und abschließend in die Ganztagsschule. Gebärmaschine und Zündschlüssel erfüllen im wahrsten Sinne des Wortes ihre gesellschaftliche Funktion. Sie sollen Vollzeit arbeiten, ob sie es wollen oder nicht. Arbeitsstellen, die ein familienartiges Leben ermöglichen, sind Mangelware.

Dass diese neue aufoktroyierte Form staatlich organisierten Familienlebens massentauglich gemacht wird, bleibt außen vor. In einer Zeit, in der Flexibilität und Mobilität als das non plus ultra gelten, wird Vertrauen aber um so wichtiger. Zu sich, zu anderen und der Welt. Ohne sichere Bindung, ohne elterliches Urvertrauen können keine echten und tiefgründigen Beziehungen eingegangen werden. Schon jetzt sprechen wir von einer Narzissmusepidemie. Das mag für den ein oder anderen ein durchaus attraktiver Lebensentwurf sein. Aber im Zuge der individuellen Emanzipation sollte er eine mögliche unter mehreren Alternativen werden, für oder gegen die man sich bewusst und unabhängig vom Geldbeutel entscheiden kann. Erst das wäre tatsächlich gemeinte „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, erst das wäre echte weibliche und männliche Emanzipation. Der „Sozialistische Einheitsbrei Deutschlands“ will es aber anders.

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Kommentare  

0 # Amber 2018-04-07 05:25
What a data of un-ambiguity and preserveness of valuable experience
about unpredicted emotions.

Also visit my blog post: Marketing: https://www.erlebnispaedagogik-spiele.de/
Antworten
Weitere Beiträge

Lord Byron: Lebewohl


Dass die Leiden geschiedener Väter auch in der Vergangenheit nicht unbekannt waren, daran möge in der Woche der Frankfurter Buchmesse das folgende erschütternde Gedicht des englischen Romantikers George Gordon Noel, 6th Baron Byron, kurz Lord Byron genannt, in der Übersetzung von Heinrich Heine, erinnern. Er sandte es 1816 seiner Frau Annabella Milbanke, die nach kurzer Ehe mit der gemeinsamen...

Rezension: Jürgen Borchert, "Sozialstaatsdämmerung"


Borcherts Ausführungen haben Gewicht. Er war als Sachverständiger wesentlich am Zustandekommen des „Trümmerfrauenurteils“ 1992 und des Urteils zur Pflegeversicherung 2001 beteiligt. Als Vorsitzender Richter am Hessischen Landessozialgericht rief er erfolgreich das Bundesverfassungsgericht zur Überprüfung der Hartz IV-Gesetze an.
Gleich eingangs geißelt er den „semantischen Betrug“, indem durch...

Warum eine Frauenquote für Top-Positionen niemandem nützt – vor allem nicht den qualifizierten Frauen


Die vielzitierte „Gläserne Decke“, die besagt, dass Frauen auf ihrem Karriereweg (von Männern) behindert würden, ist ein Mythos – auch wenn deutlich weniger Frauen in Top-Positionen zu finden sind. Die Vorstellung von benachteiligten und unterdrückten Frauen einerseits und bestens verdienenden Männern, denen ein „roter Teppich“ für ihren Aufstieg an die Spitze gelegt wird, hält einer objektiven...

Menschenrechte in Beton

Zur Achtung der Menschenrechte in Deutschland. Update 2015
„Menschenrechte sind in der Bundesrepublik offenbar nur deklamatorischer Natur.“ Dieser Satz bezieht sich auf das deutsche Familienrecht und ist mehr als zwanzig Jahre alt. Er stammt aus dem Essay „Die Achtung der Menschenrechte in Deutschland – Anspruch und Wirklichkeit. Gedanken zum Jahr der Familie“, den Prof. Dr. Michael Reeken im Jahr...

Vietnam. Der Traum von der Familie


Es fängt gut an. Ich mag die Leute, die hier vorübergehen, sie sind mir auf Anhieb sympathisch. Ich sitze etwa eine Stunde lang in Hanoi auf einer Bank am Hoan-Kiem-See - dem See des zurückgegebenen Schwertes - und gucke sie mir einfach nur an: junge Familien, die heiter und entspannt wirken und sich zwanglos berühren.
Es liegt eine Stimmung in der Luft wie an einem Urlaubsort. Na, gut. Es ist...

Oliver Hunziker: „Alle grossen Medien berichteten über unser Thema“


Arne Hoffmann: Du bist der Präsident des Schweizer "Vereins verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter". Viele wesentliche Informationen über diesen Verein gehen aus eurer Website hervor, aber könntest du dich und den VeV trotzdem einmal zusammenfassend vorstellen? Welche Ziele habt ihr und welche Geschichte habt ihr auf dem Weg dorthin hinter euch?
Oliver Hunziker: Ich bin 46 Jahre alt,...

Britisches Familienrecht: Das Gemetzel kann beginnen


Britische Mütter müssen neuerdings mit drastischen Strafen rechnen, wenn Sie Vätern den Umgang mit den Kindern verweigern. Im schlimmsten Falle kann dies sogar mit einer Gefängnisstrafe enden.
"Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt", ließ uns der Feldherr Napoleon Bonaparte einst angedeihen. Und in der Tat sind sich die Liebe und der Krieg näher als uns lieb sein mag. Die Übergänge sind...

Manuela Schwesig unterminiert die Freiheit der Forschung

30. September 2016, von der Redaktion
Gerhard Amendt, Professor für Geschlechter- und Generationenforschung, hat einen offenen Brief an Manuela Schwesig geschrieben - der Vorwurf: Vereitelung von Forschung.
Doch zunächst die Vorgeschichte: Wenn Eltern sich trennen, stellt sich meist die Frage, wer die Kinder betreut. Viele Eltern möchten auch fortan gemeinsam für die Kinder sorgen, auch wenn Vater...