Über Weltverbesserer, Optimierer und Moralisierer

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"Weltverbesserer". Ein Wort, das so viel Hoffnung in sich birgt. Der Wunsch, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer wünscht sich das nicht? Gerade in diesen unsicheren Zeiten. Die Welt scheint so verletzlich zu sein. Terroranschläge erschüttern die Menschen rund um den Globus. Große Machthaber machen aus der Politik eine Art Monopoly-Spiel, schaut man sich beispielsweise das Handeln Donald Trumps oder die Ursachen des Brexits an.

Jene, die sich dieses Wort Weltverbesserer auf die Fahne schreiben, verfolgen ein ehrbares Ziel! Wenn jeder Einzelne etwas tut, ist der Schritt zu einer besseren Welt nicht mehr weit. Die Frage ist nur, ob die gestellten Forderungen dies tatsächlich bewirken können?!

Es ist zu einem Lebensgefühl geworden, dieses Weltverbessern. Von allen Seiten wird man dazu aufgefordert, ethisch zu denken und zu handeln. Der gute Zweck lockt von überall und ruft uns zu: Tust du etwas für andere, so tust du etwas für dich selbst! Wenn du weltoffen bist und dich um die Umwelt sorgst, so bist du ein besserer Mensch.

Aber nicht nur für andere soll man gut leben und handeln, auch für sich selbst wird die Art der Lebensweise immer wichtiger. "Lebe gesund" ist zur Verbindlichkeit geworden, denn Gesundheit ist schon lange keine reine Privatsache mehr. Nachdem das Rauchverbot, das 2008 erlassen wurde, einen so guten Verlauf genommen hat ( laut Statistik hat die Anzahl der Raucher in den letzten 10 Jahren stetig abgenommen ), sieht sich die Politik in der Verantwortung, auch weiterhin für das Wohl der Bürger einzutreten ( aktuell in der Diskussion um die die industrielle Beschränkung von Salz und Zucker ).

Optimiert Euch selbst und wenn ihr das nicht wollt, machen wir es per Gesetz(!) scheint die unterschwellige Botschaft zu sein.

Selbstoptimierung. Ethisch wie gesundheitlich. Super! Viele wollen genau das. Aber so viel man auch versucht um all das zu erlangen, wirklich zufrieden ist man nie. Zu groß sind die Ansprüche, die gestellt werden. Jeder weiß, dass er auch mit der größten Anstrengung kein klimaneutrales Leben leben kann. Auch kann er es nicht vermeiden, dass auf der Welt Menschen oder Tiere für das eigene Leben ausgebeutet werden. Und auch die gesunde Ernährung gelingt den allermeisten nicht genau so, wie es all die Ratgeber empfehlen. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen, "ich soll, aber ich kann nicht". Man kann sich dagegen wehren und es in sein Unbewusstes verschieben, aber doch ist es da und nagt eine tiefe Kerbe ins Gewissen.

Die ermahnenden Aufforderungen an ein ethisches Leben fallen auf fruchtbaren Boden. Unsicherheit ist schon lange ein stetiger Begleiter in der Gesellschaft. Aber diese Unsicherheit entstand nicht erst, nachdem der Grundsatz der Selbstoptimierung Einzug gehalten hat. Sie ist nur ein Resultat davon.

Wir leben in einer Wirrwarr-Welt (www), mitbegründet durch den rasanten Fortschritt der Globalisierung und des Internets. Vieles, was lange Bestand hatte, verliert seinen Wert. Traditionen haben ihren Sinn verloren, auch durch den schwindenden Einfluss des christlichen Glaubens. Das religiöse Gerüst, das Werte und Moral solange vorgegeben hat, zerbröselt wie ein alter Keks.

Was bleibt, ist ein Moralvakuum, das die Gesellschaft in eine große Unsicherheit stürzt. Woran können wir glauben? Was ist zu tun? Diese Fragen werden nun nicht mehr von einem allwissenden Übervater beantwortet, sondern stehen in einem leeren Raum. An wen können diese Fragen nun gerichtet werden?

Solange es keine allwissende Instanz gibt, die diese Fragen beantworten könnte, gibt es genügend Menschen, die sich dieser Aufgabe annehmen. Sie erklären sich selbst dazu, die Richtigen für diese Fragen zu sein. Grundlage ihrer Überzeugungen sind Glaubenssätze, die sie sich im Laufe der Zeit angeeignet haben. Sie verstehen diese Glaubenssätze als Ersatz für die verloren gegangen Werte und bauen sich daraus eine Moralkeule. Die schwingen sie um sich, sobald ein Thema aufkommt, das in ihren Augen moralisiert werden muss. Dabei kümmern sie sich nicht darum, dass Moral etwas ist, was über Jahrhunderte in einer Gesellschaft wachsen muss, bevor es als allgemeingültig anerkannt werden kann.

Wo es an einer gesunden Grundlage fehlt, wächst schnell allerlei Unkraut. Die modernen Moralisierer schießen aus der Erde wie Pilze im Regen. Eine bedenkenswerte Entwicklung? Keineswegs! Moralisieren ist in diesen Tagen über alle Zweifeln erhaben, geht es doch um die sehr ernste Sache diese Welt zu einer besseren zu machen. Wer will und kann da schon widersprechen wollen? Hermann Lübbes sagte dazu: "Moralismus ist der Triumph der guten Gesinnung über die Gesetze des Verstandes."

Da die Forderung auf Selbstoptimierung als selbstverständlich verstanden wird, gibt es für die Moralisierer keine Hemmungen, ihre Werte als ethische Standards zu betrachten und sie mit aller Härte zu verfolgen. Da diese Werte zu schnell gewachsen sind, entbehren sie einer stabilen Grundlage. So wird zur Sicherheit alles, was in irgendeiner Weise anstößig verstanden werden könnte, eliminiert und zensiert. Jeder Stein des Anstoßes soll verschwinden! Am besten sofort!

Die Schindluderin

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf Ilka Bühners Blog "Die Schindluderin"

Große Klassiker werden aus Museen entfernt, Kruzifixe müssen aus den Schulen weichen, der Weihnachtsmarkt heißt ab jetzt Lichterfest und der Weihnachtsmann sowie Knecht Ruprecht sind ja auch längst überholt. Solche furchteinflößenden Gestalten darf man Kindern doch nicht zumuten! Genauso die Pfeife des Weckmanns. Die Gefahr, diese Pfeife könnte Kinder schon frühzeitig zum Rauchen verleiten, erscheint auf einmal zu groß. Die Zustimmung aller anderen wird vorausgesetzt.

Aber worum geht es den Moralisierern? Was treibt sie zu so einem verbissenen Feldzug des Moralisierens? Reinhard K. Sprenger schreibt in einem Artikel der NZZ : "Genaugenommen geht es den Moralisierern um Interessen. Sie gießen ihre Interessen einfach in «Werte» um. Dadurch verschleiern sie persönliche Vorteile und veredeln ihre Sozial-Imperative mit dem Glanz allgemeiner Zustimmung."

Diese so entstehenden Werte sind erhaben über jeden Angriff, auch wenn sie völlig willkürlich sind. Das Argument der Willkür wird aber nicht akzeptiert, da es doch darum geht, das einzig Richtige zu tun. Sie handeln schließlich im Auftrag des Guten. Zweifler werden in die Ecke gestellt, da sie sich mit ihrem Widerspruch nur gegen die gute Seite stellen wollen.

Das Moralisieren beschränkt sich nicht mehr auf einige wenige Personen. Es ist zu einer Einstellung von vielen geworden. Alle folgen einem ähnlichen Muster, das man mit 6 Punkten zusammenfassen kann.

1. Ordnung: Das vordergründige Anliegen ist Ordnung zu schaffen, um das Moralvakuum zu überwinden. Der werteleere Raum, der in dieser globalisierten Gesellschaft entstanden ist, muss überwunden werden!

2. Abwertung anderer: Indem die eigenen Werte über die aller anderen gestellt werden, ergibt sich eine Abwertung aller anderen Vorstellungen. Das führt zu einer Erhöhung der eigenen Ansichten und somit zu einem Machtrausch, dem die Moralisierer erliegen. Sie sehen nicht nur das Recht auf ihrer Seite, sondern sie erfüllen, in ihren Augen, auch die Anforderungen, um als ein guter Mensch zu gelten. Also sind sie einfach die besseren Menschen. Dass sie damit das Recht auf Meinungsfreiheit aus hebeln, interessiert sie nicht.

3. Antidemokratisches Denken: Andere Meinungen als die eigenen zählen nicht. Sie werden nicht nur ignoriert und abgetan, sondern erfahren auch Abwertung und Verurteilung. Damit widersetzen sie sich den Grundwerten der Demokratie: Freiheit auf eine eigene Meinung, die Gleichheit aller und die Gerechtigkeit, die sich gegen jede Art der Diskriminierung ausspricht.

4. Führerkult: Ein wichtiger Bestandteil ist das Kollektivdenken hin zu einem Führer. Individuen gibt es nicht. Was zählt ist das Ziel der Gruppe, die selbsternannten Werte zu verbreiten und umzusetzen. Alle beugen sich dem Gebot des Führers, denn Führer ist die Sache selbst

5. Herrschsucht: Unter dem Begriff Herrschsucht lässt sich die Verfolgung der eigenen Ideologien und deren missionarischer Durchsetzung subsummieren. Der herrschende Grundgedanke manifestiert sich in dem Wunsch: Nur ich habe recht, weil ich das will, was wirklich für alle gut und richtig ist!

6. Aggressivität: Wer nicht hören will muss fühlen. Dieses Credo liegt in stärker oder schwächer ausgeprägter Form allen Moralisierern zu Grunde. Meist äußert sich dies als passiv-aggressives Verhalten. Der Gegner wird verachtet, beleidigt und angefeindet. Er ist prinzipiell schuld an den Zuständen, die der Moralisierer ablehnt. Jeder Versuch auf eine vernünftige Diskussion, wird ignoriert und endet im Streit.

Sucht man zusammenfassend für diese Punkte EINEN Begriff, landet man bei dem Wort Faschismus. All diese Attribute lassen sich auf eben das anwenden, was doch die Moralisierer so dringend zu verhindern suchen. Denn eines ihrer großen Feindbilder ist der Faschismus der Nazis. Nie wieder darf sich wiederholen, was nie hätte passieren dürfen. Dem kann ich nur zustimmen, aber ob es sinnvoll ist, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben?

So wird jeder, der sich tendenziell gegen eine große offene multi-kulti Gesellschaft ausspricht, quasi zum Vogelfreien erklärt. In den Augen der Moralfaschisten hat er damit jedes Recht auf ein soziales Leben verspielt und muss bekämpft werden. Auch Traditionalisten werden kategorisch in die Nazi-Schublade geschoben und verdienen es, angefeindet zu werden. Patriotismus, Tradition und das dritte Reich scheinen eine untrennbare Einheit zu sein und dürfen keinen Bestand haben.

Auch um die klassischen Geschlechterrollen wird viel gestritten. Die verstaubten und sexistischen Ansichten immer noch viel zu vieler fordern Erneuerung. Der Anspruch nach Gleichberechtigung aber hat orwellsche Züge angenommen. Alle sind gleich, aber manche sind gleicher. Der Neo-Feminismus schiebt sich nach vorne und beansprucht Alleinherrschaft. Männer sind prinzipiell verdächtig, haben sie doch Jahrtausende lang alles unterdrückt, was nicht eindeutig männlich ist. Für einige scheint das ein Freifahrtschein zu sein, nun die Männer dafür büßen zu lassen. Jedes Kompliment ist sexistisch, machistisches Verhalten wird öffentlich wochenlang angeprangert und besteht auch nur der leiseste Verdacht auf eine nicht einvernehmliche sexuelle Handlung, fühlen sich die Moralisierer dazu berufen diesen Menschen gesellschaftlich zu vernichten. Ursachenforschung, ob der gestellte Verdacht auch berechtigt ist, findet oft nicht statt. Zu schnell ist das Urteil gefällt und wird mit aller Härte verfolgt. Zeit sparen heißt Publikum gewinnen. Wer sein Urteil schneller fällt, kann eher damit beginnen die Zuhörer und Leser für sich zu gewinnen.

Weitere beliebte Themen, um die Moralkeule zu schwingen, sind der Umweltschutz sowie das Thema Ernährung. Der Schutz der Erde, der Tiere und der Menschen wird zum heiligen Gral erklärt. Dabei geht es vor allem um die Wehrlosen. Sie sind die dankbarsten Ziele, da sie nicht für ihre eigenen Interessen einstehen können. Also brauchen sie jemanden, der das für sie übernimmt. Da sich die Wehrlosen auch nicht gegen den selbsternannten Vormund wehren können, ist dieser vollkommen frei in seinen Entscheidungen.

Über allem steht der gute Zweck und die Forderung, nun endlich zu einer besseren Welt zu gelangen. Denn das ist das oberste Ziel. Zu lange musste die Welt unter der Schlechtigkeit der Menschen leiden. Nun soll alles besser werden. Die Erde haben wir doch nur von unseren Kindern geliehen und müssen alles daran setzen, dass wir sie für unsere Nachkommen erhalten, so der Grundtenor.

Da kommt ein Mädchen wie Greta Thunberg genau richtig. Sie prangert an, was alle längst wissen aber nicht ändern können. Sie verkörpert das leidenschaftliche Streben nach einer besseren Welt und unterstreicht das schlechtes Gewissen, was alle schon so lange mit sich herum tragen. Der Siegeszug der kleinen Greta liegt begründet in der Unsicherheit und dem damit verbundenen Gewissen der Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen als einen festen Rahmen, in den sie sich legen können, um endlich nicht mehr so verantwortlich zu sein. Da zeigt sie sich wieder, die Infantilität, die Sigmund Freud als Ursache für jeden Glauben gesehen hat. Der große Wunsch nach Trost und Hilfe von einem übermächtigen Vater, der die Geschicke der Welt leitet und lenkt und der die Verantwortung von den Menschen nimmt, damit sie niemals gänzlich die Schuld für all das Leid auf Erden tragen.

 

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Kommentare  

0 # Stefan Q. 2019-04-05 11:52
Sehr guter Artikel
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