Das Deutsche Historische Museum hat Cuncti unter dem Hashtag #DHMDemokratie zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema: Was bedeutet mir Demokratie.

epiktet freud 5667tg28rzg7

Meinungsfreiheit ist eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie. Durch freien Meinungsaustausch bildet sich die Demokratie erst heraus. Doch darf man in einer Demokratie alles sagen? Oder gibt es Grenzen der Meinungsfreiheit? Ich möchte hier zwei Argumente für die Meinungsfreiheit vorstellen; das eine entnehme ich der Psychoanalyse Sigmund Freuds; das andere der Philosophie des griechischen Stoikers Epiktet.

In einer psychoanalytischen Therapie soll der Patient über alles, also auch über seine intimsten Erlebnisse, über seine Vorurteile, Klischees und Ressentiments, völlig frei, offen und tabulos sprechen. Nur auf diese Weise kann er seine unbewussten, verdrängten Konflikte bewusst machen und sie gegebenenfalls lösen. Tut er das nicht, leben diese Konflikte im Unbewussten weiter und äußern sich irgendwann im krankhaften Verhalten des Patienten, etwa in Gewaltausbrüchen.

Diese psychotherapeutische Situation kann auf gesellschaftliche Phänomene übertragen werden. Demnach dürften auch die als radikal oder extremistisch bezeichneten politischen Meinungen öffentlich geäußert werden, weil man sich dann mit ihnen rational auseinandersetzen, sie widerlegen und gegebenenfalls aus der Welt schaffen kann. Die Auseinandersetzung mit solchen Äußerungen gehört zu einer demokratischen Debattenkultur.

Beispielsweise sollten Vorurteile, die Menschen gegenüber anderen Menschen oder Gruppen von Menschen haben, geäußert und genau thematisiert werden, ansonsten leben sie im gesellschaftlichen Unbewussten weiter und brechen irgendwann unkontrolliert auf. Meinungen zu tabuisieren, ist deshalb immer falsch. Und es ist schädlich für eine demokratische Debattenkultur.

Das zweite Argument für die Meinungsfreiheit möchte ich in Anlehnung an die Philosophie des Stoikers Epiktet formulieren. Es wird vermehrt gefordert, dass bestimmte Meinungen nicht geäußert werden dürfen, weil man mit ihnen andere Menschen oder Gruppen von Menschen beleidigen oder verletzen könnte.

Mit Epiktet kann behauptet werden, dass es von den Adressaten selbst abhängt, wie sie Meinungen auffassen und auf sie reagieren, das heißt, ob sie sich durch Meinungen verletzen oder beleidigen lassen. Wie der Mensch etwas auffasst, hängt alleine von ihm ab. Ob er eine Äußerung als eine Kränkung, Beleidigung oder harmlose Bemerkung auffasst, hängt alleine von seiner Haltung bzw. der Deutung der Äußerung ab.

Epiktet schreibt:

„Sei dir dessen bewusst, dass dich derjenige nicht verletzen kann, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung, dass diese Leute dich verletzen. Wenn dich also jemand reizt, dann wisse, dass es deine eigene Auffassung ist, die dich gereizt hat.“

Eine solche stoische – heute würde man sagen: lockere – Haltung zur sogenannten Hate Speech demonstriert in einem Video der Biologe und Religionskritiker Richard Dawkins. In den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter sowie in politischen Debatten agieren erwachsene Menschen. Erwachsene sollten auch mit Äußerungen, die unter die Gürtellinie gehen, umgehen können.

Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist für die Demokratie zu kostbar, um eingeschränkt zu werden. Meinungsfreiheit ist ein unveräußerliches und universales Gut, so der Schriftsteller Salman Rushdie in einer Rede auf der Frankfurter Buchmesse 2015. "Ohne Meinungsfreiheit gibt es keine anderen Rechte", betonte er. Über alles andere könne man gerne diskutieren, über die Meinungsfreiheit nicht.

Literatur:

Alexander Ulfig, Große Denker, Kindle Ausgabe.

Alexander Ulfig, Wege aus der Beliebigkeit, Baden-Baden 2016.

 

Weitere Beiträge

Die EU hat ein Demokratieproblem

In der EU herrscht eine unlegitimierte Elitenpolitik, die eine schrittweise Entdemokratisierung zur Folge hat.
Ausgehend von vorwiegend wirtschaftlichen Interessen und aufgrund der historischen Erfahrungen der hundert Jahre von 1850 – 1950 konnte sich unter dem westlichen US-Schirm der bipolaren Weltordnung – militärisch als Polarität zwischen NATO und Warschauer Pakt - in Westeuropa mit...

Geschlechterdebatte: Messen mit zweierlei Maß

Rezension zu Arne Hoffmanns "Not am Mann"
Moderne Gesellschaften weisen paradoxe Entwicklungen auf. Gemeint sind gesellschaftliche Prozesse, die sich gegenseitig widersprechen.
Als Paradebeispiele für diese Paradoxalität können Entwicklungen herangezogen werden, die man in den kommunistischen Staaten beobachten konnte. Paradox war dort erstens die Kluft zwischen der Politik sowie den Medien...

Allen Frauen Gutes tun - der Mutter zuliebe?

Kollektive Schuldgefühle gibt es nicht. Wer in der Debatte über die aktuellen wie historischen Arrangements von Männern und Frauen sich Gedanken über eine männliche Kollektivschuld macht, der sitzt im Boot der Feministen und Genderideologen.
Er hat sich nämlich die Ideologie angeeignet, nach der alle Männer Täter seien und alle Frauen Opfer. Nur mit dieser Annahme lässt sich die Vorstellung einer...

Peter Brandt über Willy Brandt

Im Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Nähe, Zeitzeugen und historischer Forschung
Peter Brandt, Historiker, Leiter des Lehrgebiets Neuere Deutsche und Europäische Geschichte und Direktor des Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften der Fernuniversität Hagen, ältester Sohn Willy Brandts, beschreibt und bewertet Person und Lebenswerk seines Vaters, indem er die einzelnen...

Lasst doch mal den Vati ran


In den Diskussionen um Familienpolitik gehen Väter meistens unter. Warum eigentlich?
Am Sonntag war es wieder so weit: Muttertag. Wir haben zwar nach wie vor nicht mehr Rente vom Staat, aber zumindest wieder Blumen von der Familie bekommen und Gebasteltes und kalten Kaffee ans Bett und wir haben uns gefreut.
 

Konkordanz: ein Weg zu Diversität und Massendemokratie - #DHMDemokratie

Das Deutsche Historische Museum hat Cuncti unter dem Hashtag #DHMDemokratie zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema: Was bedeutet mir Demokratie? In diesem Beitrag lege ich dar, wieso eine Konkordanzdemokratie am besten dazu geeignet ist, sozialen Ungleichheiten zu begegnen.
Ungleichheit hat einen Zweck: Arbeitsteilung Eine wesentliche Nebenwirkung des etablierten Bildungssystems ist bis heute darin zu...

Von müden Helden und unwichtigen Toten - eine Zeit-Kritik


Die Krise des Mannes wird nicht einfach nur übersehen. Die These, dass Männer Hilfe brauchen, wird schlicht bekämpft. Sie passt nicht in unser Bild von Frauen und Männern. Sie macht die Diskussion über Macht und Gerechtigkeit noch komplizierter, als sie schon ist.“
Anstatt einfache Zuschreibungen zu liefern, welches Geschlecht mächtig und welches hilfebedürftig – oder: der Hilfe wert – sei,...

Der Streik der Männer


"Wenn Sie ein Waschlappen sind, ist dieses Buch nichts für Sie." Mit diesen Worten beginnt "Men on Strike", der aktuelle Instant-Bestseller der renommierten US-amerikanischen Psychologin Dr. Helen Smith, die damit für einige mediale Aufmerksamkeit sorgte.
"Die Vorschläge, die ich in diesem Buch mache, sind schwierig und verlangen Opfer", setzt Smith ihre Begrüßung fort, "und wenn Sie als Mann...