Das Deutsche Historische Museum hat Cuncti unter dem Hashtag #DHMDemokratie zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema: Was bedeutet mir Demokratie? In diesem Beitrag lege ich dar, wieso eine Konkordanzdemokratie am besten dazu geeignet ist, sozialen Ungleichheiten zu begegnen.

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Ungleichheit hat einen Zweck: Arbeitsteilung

Eine wesentliche Nebenwirkung des etablierten Bildungssystems ist bis heute darin zu sehen, dass es inkompatibel zu einem Ideal ist, das gemeinhin mit dem Anglizismus “Diversity” bezeichnet wird. Massenedukation bedeutet, dass viele junge Menschen zur selben Zeit am selben Ort dasselbe zu dem selben Zweck lernen, sodann auf dieselbe Weise geprüft und bewertet werden. Für Diversität ist in einem solchen Bildungssystem denkbar wenig Platz. 

Eine Wesentlichkeit wird hierbei aber gerne übersehen: Die Aufgabe des Bildungssystems besteht nicht nur in der Massenedukation. Vielmehr liegt sein Zweck – so traurig das anklingt – auch in der Sortierung von Menschen. Das deutsche, dreigliedrige Schulsystem ist ein leidlicher Kompromiss, welcher in einer Einteilung in Leistungsklassen mündet. Diese Sortiererei erzeugt Ungleichheit, die – so ungern man sich auch dazu bekennt – mitsamt ihrer Ungerechtigkeit durchaus beabsichtigt ist. Unsere Ökonomie basiert auf dem Prinzip der Arbeitsteilung, die wiederum nur durch diese Ungleichheit möglich wird – eine Zwickmühle.

Wohin also mit der Arbeit, der Arbeitsteilung und all den Ungleichheiten, die daraus hervorgehen? Lässt sich die Arbeitsteilung nicht einfach abschaffen? Ein Weg dorthin wäre das bedingungslose Grundeinkommen, das jeden nach seiner Façon leben ließe. In einer Gesellschaft, in der kein Zwang zur Arbeit besteht, würde sich jedwede Arbeitsteilung langfristig auflösen. Doch die Folgen wären gravierend - gemeinschaftliche Wertschöpfung wäre nicht mehr möglich. Ein Professor wäre nicht mehr in der Lage seiner Forschung nachzugehen, da sich weit und breit keine Sekretärin und kein Hausmeister mehr blicken ließe, um jene Infrastruktur aufrecht zu erhalten, die der Wissenschaftler für seine Arbeit benötigt. Eine Managerin könnte kaum noch produktiv sein, wenn ihr der Chauffeur und die Tagesmutter den Dienst entsagen.

Man mag einwenden, dass der Preis – sprich das Gehalt – für einen Hausmeister, eine Sekretärin, eine Tagesmutter und einen Chauffeur gemäß dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage dann eben stiege. Doch das Prinzip der Arbeitsteilung fußt ebenso auf einer weiteren, häufig unbeachteten Voraussetzung: Tätigkeiten, die einem “Outsourcing” unterzogen werden, müssen zu niedrigeren Löhnen delegiert werden können. Deutlich wird dies am genannten Beispiel des Chauffeurs oder der Tagesmutter. Nur, wenn ihr Lohn deutlich unter dem der Managerin liegt, kann letztere diese Tätigkeiten an die ersteren abgeben. Ungleiche Bezahlung ermöglicht es geringer qualifizierten, überhaupt in Lohn und Brot zu kommen, während sie am höheren Ende Produktivität ermöglicht.

Wir müssen uns mit einer unbequemen Wahrheit arrangieren: Der Zwang, arbeiten zu müssen ist ebenso unerlässlich wie die Arbeitsteilung, auf welcher dieser Zwang beruht. Und damit geht notwendigerweise auch ein unüberwindbarer Grad an Ungleichheit und Hierarchien einher. Die tragende Frage ist, wie wir diese Ungleichheit am versöhnlichsten gestalten können.

Gleichberechtigung entsteht durch gegenseitige Abhängigkeit

Zunächst sollten wir uns mit den positiven Seiten der Arbeitsteilung anfreunden: Potentiell sind wir alle im selben Maße voneinander abhängig. Das schafft eine starke und angenehme Verwebung zwischen Oberen und Unteren, zwischen Stärkeren und Schwächeren. Der Schaden, den wir anderen zufügen können, wird auf natürlichem Wege begrenzt. Damit geht eine ganz eigene Form von Gleichberechtigung einher – begründet auf wechselseitiger Abhängigkeit. Statt Ungleichheiten zwanghaft ausmerzen zu wollen, können wir uns einem anderen Ziel zuwenden: können wir Gleichberechtigung durch totale gegenseitige Abhängigkeit erreichen? Welche Möglichkeiten bieten sich, diese Abhängigkeit zu maximieren?

In der Arbeitswelt kennen wir das Mittel der Arbeitnehmervertretung in Form von Betriebsräten sowie Gewerkschaften. Hier findet interessanterweise wesentlich mehr als nur reine Interessensvertreung statt. Vielmehr ergibt sich daraus sogar eine Interessensverwebung: die einen kommen an den anderen nicht vorbei – man ist im besten Sinne voneinander abhängig.

Das Prinzip der gegenseitigen Abhängigkeit lässt sich über die Arbeit hinaus verallgemeinern. Auch in einer Demokratie wie der unseren findet eine stetige Interessensverwebung statt, beispielsweise durch das Bilden von Koalitionen, den Föderalismus und das Subsidiaritätsprinzip. Solche Elemente gestalten Demokratie zu einem fortwährenden Prozess des Verhandelns. Wo mehrere Seiten sich einigen müssen, sind sie auch voneinander abhängig. Und wer von einem anderen abhängig ist, wird diesem auch zuhören – und nur wer zuhört, kann neue Perspektiven einnehmen – und nur, wer neue Perspektiven einnimmt, kann auch fortschrittlich sein.

Wir müssen Ungleichheiten tolerieren, aber wir müssen uns ihnen nicht ausliefern. Wir können sie so versöhnlich als nur irgend möglich gestalten, auf dass jeder für sich selbst die bestmöglichen Bedingungen vorfindet – ganz gleich wo er sich in Hierarchien wiederfindet, egal ob er einer Mehrheit oder Minderheit angehört – ungeachtet auch der Frage, ob seine Anliegen sich einem gerade beliebtem Mainstream anschmiegen oder nicht.

Aber wie gelingt uns das? Unsere Demokratie beruht auf Mehrheiten und mündet darum in eine Konkurrenzdemokratie. Eine solche Demokratieform birgt den Mangel, dass Minderheiten oder Interessen, die gerade schlicht nicht “trendy” sind, übergangen werden. Wer seine Privilegien auf einer stabilen Mehrheit ruhend weiß, muss Minderheiten oder Abweichenden nicht zuhören.

Es gibt eine erstrebenswerte Alternative zur Mehrheitsdemokratie: die Konkordanzdemokratie. In einer auf Konkordanz ausgerichteten Demokratie sind Mehrheiten und Konkurrenz nachrangig. Vielmehr wird ein einvernehmlicher, gütlicher Interessensausgleich insbesondere auch im Hinblick auf Minderheiten angestrebt. Dieses Ziel wird über aufwändige Verhandlungswege erreicht. Dabei gilt das Gebot, dass auch Minderheiten, respektive Vertretern unpopulärer und kontroverser Ansichten ebenbürtige Mitsprache- und Vetorechte zur Verfügung stehen.

Die Konkordanzdemokratie maximiert gegenseitige Abhängigkeit

Als Gewähr einer wirklichen Gleichberechtigung trotz gesellschaftlicher Ungleichheiten gilt die gegenseitige Abhängigkeit aller. Diese Abhängigkeit zu maximieren, sollte unser Ziel sein und eine Konkordanzdemokratie vermag genau dies. Doch eine Konkordanzdemokratie lässt sich nicht verordnen. Sie ist keine Staatsform. Sie ist eher das Produkt einer bestimmten Haltung und Diskussionskultur, die sich aus dem unbequemen Umstand ergibt, jederzeit jedermann zuhören zu müssen, egal wie irrelevant, dämlich oder ekelhaft uns seine Anliegen erscheinen.

Der Weg zur Konkordanz führt über Elemente der direkten Demokratie. Die konsequenteste Form hiervon ist die "Liquid Democracy". Diese beschreibt ein Demokratiemodell, in welchem jedem gewöhnlichen Individuum die Möglichkeit zusteht, jederzeit ein beliebiges Anliegen zur Abstimmung zu bringen. Um ein solches System nicht durch eine Flut von Abstimmungen zu lähmen, sollte eine gewisse Relevanzschwelle überschritten werden müssen. Diese Schwelle sollte so hoch wie nötig, jedoch so niedrig wie möglich sein, um Minderheiten oder unpopulären Meinungen das Überwinden dieser Schwelle zu ermöglichen.

Eine solche Relevanzschwelle kann durch ein vorgeschaltetes Voting erreicht werden - ähnlich wie man es von Unterschriftensammlungen für Petitionen oder Volksabstimmungen kennt. Wird hierbei ein Mindestquorum erreicht, so wird das Anliegen einer öffentlichen Debatte und anschließend einer Abstimmung zugeführt. Während der Debatte müssen ausreichend Zeit und Raum gegeben sein, um anderen die Diskussion, Stellungnahme, Kritik und eventuelle Vetorechte zu ermöglichen. Die Möglichkeit zur Teilnahme muss einfach und niederschwellig angelegt sein. Idealerweise sollte auch Anonymität gewährt werden.

Die so beschriebene Demokratieform kommt ohne Repräsentanz und ohne statische Mehrheiten aus. Sie maximiert die gegenseitige Abhängigkeit aller. Im denkbar extremsten Fall degradiert sie eine Regierung zum bloßen Verwalter, dessen direkter Vorgesetzter der Volkssouverän ist. Ferner lässt sich Liquid Democracy nicht nur für politische Entscheidungen nutzen. Sie ist in vielerlei Gestalt denkbar - wie etwa bei der Arbeitnehmervertretung, in der Gleichstellung oder im Diversity-Management.

Was der Konkordanzdemokratie bislang entgegen stand, ist der schiere Aufwand, den sie erfordert. Die Digitalisierung und das Internet ermöglichen es uns inzwischen jedoch, diesem Aufwand Herr zu werden. Die klassische Konkurrenzdemokratie ist somit dank Technik entbehrlich geworden. Heute ebnen digitale Technologien den Weg zu einer diversitätstauglichen Massendemokratie, die Ungleichheiten bestmöglich Rechnung trägt: Gleichberechtigung durch maximale gegenseitige Abhängigkeit wird nunmehr möglich.

 

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