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Weil Angst, zumindest nach Heidegger, eine „Grundempfindlichkeit“ darstellt, mit der es umzugehen gilt, erscheint diese in unterschiedlichen Formen: Angst vor dem Tod, Angst vor der Zukunft, oder ganz banal, Angst vor der Spinne. Eine weitere Form der Angst, nämlich eine durch die Gesellschaft evozierte, untersucht Rainer Mausfeld in seinem neuesten Buch „Angst und Macht – Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“.

Er möchte die zentralen Faktoren einer systematischen Angsterzeugung analysieren, stattdessen kreist er selbstvergessen um seine eigenen systemkritischen Überzeugungen. Der „schlaue“ Leser weiß sofort: Weil es dem Autor nicht primär um Erkenntnis geht, sondern um eine Stärkung der eigenen Weltsicht, geht die Reise mit großer Wahrscheinlichkeit in eine bestimmte Richtung.

Gedankliche Ungereimtheiten

Dementsprechend entsprechen Mausfelds Analysen zur Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien kaum, enttäuschen gar wegen ihres binsenbindenden Charakters, zu dem sich USA-Bashing, eine unbändige Neoliberalismus- sowie Kapitalismus-Kritik gesellen. Die Lektüre liest sich wie ein verbales Militärmanöver auf das gegenwärtige System, schmeckt wie die Früchte konzentrierter Destruktivität. Voller Pathos, voller Überzeugung, aber auch voller Blindheit auf dem liberalen Auge für die doch positiven Wirkungen dieses Systems: mehr Wohlstand, mehr Möglichkeiten, mehr Freiheit. Eine fundierte, an Erkenntnis interessierte Analyse hätte hierauf zurückgreifen, das Für und Wider abwägen müssen, egal wie sehr es den eigenen Ansichten trotzt.

Das bedeutet aber nicht, dass Mausfeld vollkommen unüberlegt, unstrukturiert, unbedarft die zentralen Faktoren einer systematischen Angsterzeugung behandelt. Nach einer gelungenen Begriffsklärung der Angst, widmet sich der Psychologe ausgiebig den gegenwärtigen Methoden der Angsterzeugung: (1) die Prekarisierung von Lohnarbeit, (2) die Propagierung eines „unternehmerischen Selbst“, (3) die Sicherung der neoliberalen Ordnung durch eine Refeudalisierung des Rechts und (4) das Erzeugen einer permanenten diffusen Bedrohung als Legitimation eines Sicherheits- und Überwachungsstaates.

Hierbei schwingt Mausfelds These mit, dass eine „kapitalistische Demokratie“ ein Widerspruch in sich sei; auch weil der „Kapitalismus […] wesenmäßig mit der Erzeugung von Angst verbunden [ist]“. Hierunter begreift er auch die Verwendung populistischer Rhetorik als Machttechniken, die sowohl Establishment als auch Opponenten verwenden. „Wer sich gegen das Establishment und die Machteliten richtet, neigt auch zu extremistischen Einstellungen, wenn nicht gar zum Rassismus, und steht somit außerhalb des demokratischen Diskurses“.

Doch trifft diese Logik nicht auf alle gesellschaftlichen Verhältnisse zu? Ist sie nicht vielmehr systemunabhängig mit Macht an sich verbunden? „Alle Macht korrumpiert; absolute Macht korrumpiert absolut“, sinnierte bereits Lord Acton.

Der Griff in die Klischee-Kiste

Trotz dieser gedanklichen Fragezeichen schließt sich Mausfelds Analyse eine ganze Kritik der neoliberalen Ideologie an, die sich wie aus der Klischee-Kiste gegriffen liest, sodass einem die typisch linken Parolen am Stammtisch nur so um die Ohren fliegen: Der Neoliberalismus sei undemokratisch, ungerecht, unmenschlich, letztendlich sei er allein für die gegenwärtige Misere verantwortlich. Zur Komplettierung dieses linken Stammtisches fehlen nur noch der Mann mit dem Bart und sein Genosse: Marx und Engels.

Ihre nicht vorhandene Präsenz versucht Mausfeld durch psychologische Erklärungen zu ersetzen, was ihm aber nicht wirklich gelingt. Zu oberflächlich kratzt er an einer Systemkritik. So versucht er die Aufrechterhaltung des neoliberal-kapitalistischen Systems psychologisch zu erfassen. Seiner Ansicht nach erzeugt die Prekarisierung reale Ängste, die in innere Ängste verwandelt werden. Diese wiederum erzeugen Gefühle der Überforderung und Ohnmacht, die eine Identifikation mit dem Aggressor, und die Situation als selbst verschuldet zu interpretieren erhöhen. „Die neoliberale Ideologie führt dazu, dass die Verlierer des Neoliberalismus Scham über ihre eigene Situation empfinden“. Gleichzeitig gilt jedoch für die politischen und ökonomischen Entscheidungsträger eine „Kultur der Verantwortungslosigkeit“ (C. Wright Mills). Wie genau diese Mechanismen ablaufen, lässt Mausfeld offen.

Fazit

Das was Mausfeld beschreibt, lässt sich überall dort beobachten, wo gesellschaftliche Auswüchse auftreten. Von ihm werden nicht spezifisch neoliberale Krankheiten beschrieben, auch wenn er diese so bezeichnet.

Die Quintessenz des Buches lautet: „Der Neoliberalismus produziert nicht nur systematisch den Rohstoff ‚Angst‘, sondern hat die Psychotechniken einer auf Angsterzeugung basierenden Sicherung seiner Stabilität zu Perfektion verfeinert“. Und in welchem System nicht? Gibt es Systeme ohne konforme Mitläufer?

Trotz gerechtfertigter Kritik an Kapitalismus und Neoliberalismus mindern Mausfelds fehlende analytische Prägnanz kombiniert mit einem ideologischen Ziel das Lesevergnügen erheblich, verwandeln die Lektüre in ein anti-intellektuelles Schlachtfeld und erwecken den Eindruck diese zwischen Tür und Angel verfasst zu haben. Und gerade diese schwer verdauliche Kost, weil zu leicht, oberflächlich und einfach, schürt Ängste. Angst vor Oberflächlichkeit, Angst vor Interessenvertretung und Angst vor Ideologie. Vergeblich sucht man nach neuartigen, auf das heutige System zugeschnittene Argumente. Gäbe es dieses Buch nicht, würde man es auch nicht vermissen.

 

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