Ein Aufruf zu unvoreingenommenem und kritischem Denken angesichts eines komplexen Themas

ausgrft5247go

Kein Mensch kommt ohne Makel zur Welt, und ebenso wenig stirbt irgendein Mensch ohne Makel, auch wenn das gegenwärtig herrschende kulturelle Milieu uns etwas anderes glauben lassen möchte. Wie der ehemalige US-Präsident Barack Obama kürzlich betonte, scheint kaum noch jemand davor gefeit zu sein, wegen seiner heutigen oder vergangenen Ansichten und Taten beschämt, beleidigt, gemobbt oder ausgegrenzt zu werden – insbesondere in der Online-Welt.

Diese Denkweise stützend lässt sich bei einigen dieser Online-Akteure die folgende übliche Argumentation beobachten: Ihrer Meinung nach sei es unerheblich, was ein Individuum tatsächlich denkt oder beabsichtigt. Entscheidend seien vielmehr die Auswirkungen seines Handelns. Sicherlich verdient diese Sichtweise eine gewisse Anerkennung, doch sie veranschaulicht auch die Heuchelei hinter unserem Zeitgeist. Es handelt sich sowohl um eine Halbwahrheit als auch um eine übermäßige Simplifizierung der Wirklichkeit, die soziale Konsequenzen zur Folge hat.

Im Gegenteil ist sehr wohl beides von Bedeutung: was eine Person denkt und was sie tut. Beide Wahrheiten koexistieren in einem bestimmten Kontext und müssen Berücksichtigung finden, sofern wir ein besseres Verständnis für eine Situation entwickeln möchten.

Natürlich sind auch die Auswirkungen einer Handlung von Belang, und rassistische, misogyne, homophobe, transphobe sowie andere sozial und moralisch inakzeptable Verhaltensweisen werden verdienterweise die eine oder andere Form sozialer oder moralischer Bestrafung nach sich ziehen. Doch wollen wir wirklich unbegrenzt, auf unbestimmte Zeit eine Person auf eine eingefrorene Teilmenge ihrer Ansichten oder Handlungen reduzieren und sie dafür verurteilen und mobben? Eine Ebene tiefer gedacht: wer von uns möge hier den ersten Stein werfen? Wer genau soll darüber richten, was als inakzeptable Ansichten und Verhaltensweisen zu gelten hat und welches Gericht soll über diese Verfehlungen urteilen?

Als klinischer Psychologe behandle ich nicht nur Missbrauchsopfer sondern ebenso Menschen, die gewalttätige, sexuelle Übergriffe und andere ungeheuerliche Taten begangen haben. Ich behandle auch Menschen, die in ihrer Agonie aus Sucht, Psychose und Depressionen andere mutwillig oder unabsichtlich verletzt haben. In der Tat begegnen mir Menschen in einer Therapie angesichts ihrer Vergangenheit oftmals mit Scham und Schuldgefühlen. Sie suchen nach Antworten und Wegen, sich zu ändern.

Nun stellen Sie sich vor, ich würde als klinischer Psychologe Menschen ohne Empathie, ohne Unvoreingenommenheit und ohne Neugier begegnen und somit die Komplexität dessen ignorieren, was sie zu Menschen macht. Stellen Sie sich vor ich würde statt dessen diese Menschen aus einer selbstgerechten Position heraus beschämen, sie als moralisch unzulänglich und hoffnungslose Fälle aburteilen und sie über nur ein einzelnes Bruchstück ihres Lebens definieren. Klinische Psychologen tun so etwas nicht, da Therapie per se auf der Vorstellung fußt, dass Veränderungen sowohl des Verhaltens als auch auf kognitiver Ebene möglich sind und dass Menschen mehr sind als die Summe ihrer Taten. Warum also wird in unserer Kultur ein derart kaltes, tribalistisches, simplifiziertes Denken zunehmend akzeptiert?

Niemand, am wenigsten ich selbst, entschuldigt rassistische, misogyne, homophobe, transphobe oder anderweitig sozial und moralisch verletzende Gesten und Handlungen, da sie reale, weitreichende und zerstörerische Auswirkungen auf Individuen und Gruppen haben können. Doch gleichzeitig zeugt es von einer erstaunlich ignoranten und naiven Haltung, sofern man glaubt, es könne je Menschen geben oder gegeben haben, die ohne Fehler sind. So funktioniert die menschliche Natur nun mal nicht.

Der schlichte Zweck dieses Beitrags ist die Ermutigung zu einer kritischen Sicht auf etwas, was sich als Ausgrenzungskultur, Empörungskultur oder Beschämungskultur bezeichnen lässt. Ich habe keine Antworten, doch ich schließe mich Obamas Empfindung an, dass scheinheiliges Steinewerfen gewiss keine solche Antwort ist.

Über den Autor

Jonathan N. Stea, Ph.D., R. Psych. ist praktizierender klinischer Psychologe und außerordentlicher Professor an der Universität Calgary in Kanada.

Der Beitrag erschien zuerst bei „Psychology Today″ - übersetzt aus dem Englischen von Kevin Fuchs

{jcomments off}

 

Weitere Beiträge

Hassrede ist freie Rede


Mit Netzsperren und öffentlichkeitswirksamen Kampagnen wird gegen sogenannte „Hate Speech“vorgegangen. Besser wäre es, rassistischen und anderen Vorurteilen sachliche Argumente entgegenzusetzen.
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Hate Speech. Im Englischen wird der Begriff benutzt, um herabsetzende sprachliche Äußerungen zu kennzeichnen, die vermeintlich Ausdruck von Hass sind....

Rot-grüner Beton


Vor der Abstimmung über die Frauenquote im Bundestag erregte sich Andrea Nahles über den CDU- Fraktionsvorsitzenden: „Unionsfraktionschef Volker Kauder hat die Frauen in der Union öffentlich aufgefordert, gegen ihr eigenes Gewissen zu stimmen.“
Tatsächlich wollten sich die Abgeordneten der Union, die mit dem Gedanken an eine Stimme für die Einführung von starren Frauenquoten in Unternehmen...

Darf man in einer Demokratie alles sagen? Große Denker über Meinungsfreiheit - #DHMDemokratie

Das Deutsche Historische Museum hat Cuncti unter dem Hashtag #DHMDemokratie zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema: Was bedeutet mir Demokratie.
Meinungsfreiheit ist eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie. Durch freien Meinungsaustausch bildet sich die Demokratie erst heraus. Doch darf man in einer Demokratie alles sagen? Oder gibt es Grenzen der Meinungsfreiheit? Ich...

Bundestagswahl 2013: Wahlkampf in Zeiten des Policy Mainstreamings


Es droht der wohl uninteressanteste Wahlkampf aller Zeiten. Mal wieder wird ein „Lagerwahlkampf“ inszeniert – doch die wichtigen Themen werden nicht diskutiert. Hier und in der aktuellen Novo-Printausgabe analysiert der Gesellschaftswissenschaftler Klaus Funken die Situation.
 
Die Niedersachsen-Wahl hat keinen Aufschluss über die Chancen der Parteien in der Bundestagswahl gegeben. Das von vielen erwartete...

Wie der Feminismus die freien Wahlen in Deutschland torpediert


In der Frankfurter Allgemeinen beschäftigt sich der Politikwissenschaftler Markus Linden mit der schleichenden Manipulation freier Wahlen durch die feministische Ideologie.
Leider verschwurbelt er das, worauf er aufmerksam machen möchte, in einem ebenso ausschweifenden wie ermüdenden Schreibstil, als ob er keine Zeitungsleser, sondern Studenten vor sich hätte. Aber man kann den Kern der Sache so...

Wider das Schubladendenken - Wikipedia revisited

28. März 2014, von Prof. Adorján Kovács
Mein Artikel zu den Aktivitäten der „Wikipedia-AufseherInnen“ hat gewisse Früchte getragen. Im Wikipedia-Artikel über Akif Pirinçci wurde der tendenziöse Eintrag zu seiner publizistischen Tätigkeit geändert.
Na also, geht doch! Es brauchte zwar eine lange Diskussion, bis sich die Wikipedianer zu dieser Korrektur entschließen konnten, aber insgesamt macht...