Gesellschaft

Ist dies der Anfang vom Ende der Frauenförderung?

18. Juni 2012, von Prof. Günter Buchholz

Politik fordert: Arbeiterkinder in die Hochschulen!

Taxifahrer oder Ingenieur?

Angesichts des herrschenden neoliberalen Zeitgeists, der nicht nur rechts von der Mitte weht, ist in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 13. 06. 2012 ein Artikel erschienen, der bemerkenswert ist und der wie folgt betitelt und eingeleitet wird:

„Arbeiterkinder in die Hochschulen - Wo die Eltern nicht zum Studium ermutigen, sollen die Studenten übernehmen / Uni und HAWK starten Projekte.

Nur bis zu zwölf Prozent der Studenten kommen aus den sogenannten ´bildungsfernen Schichten´ - das sind Arbeiter- und Handwerkerhaushalte,  in denen die Universitätsausbildung eher misstrauisch beäugt wird.

´Das ist im europäischen Vergleich zu wenig, wir müssen etwas daran ändern´, sagt Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU).

Ihr Ministerium finanziert bis Ende 2013 ein Modellprojekt mit einer Million Euro: Fünf Hochschulen versuchen, junge Leute aus ´bildungsfernen Schichten´ gezielt für ein Studium zu motivieren. Mit dabei sind die Universität Hildesheim und die Fachhochschule HAWK."

Im Folgenden werden zwei Probleme thematisiert: die Finanzierung und die sogenannten Schwellenängste. Letztere werde besonders betont:

„Die Gründe für die Schwellenängste sind im Detail zwar nicht erforscht, doch Wolf Dermann von der Organisation ´Arbeiterkind.de´ , die sich dieses Thema zur zentralen Aufgabe gemacht hat, sieht eine bestimmte Erfahrung: ´Immer dann, wenn jemand gegen Widerstände doch den Weg zum Studium beschritten hat, gibt es jemanden, der ihn an die Hand genommen und gefördert hat.´

Solche Vorbilder könnten etwa gleichaltrige Studenten sein. Daher komme es darauf an, sogenannte `Mentoren` in die Schulen zu schicken, deren Aufgabe es sein soll, Mut zum Studium zu machen.

Insgesamt hatten sich elf Hochschulen um die Förderung beworben. Ausgewählt wurden auch die Universitäten Göttingen und Oldenburg sowie die Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel."

Bemerkenswert ist dieser Artikel aus mehreren Gründen. Erstens wird damit ein wichtiges Thema der 68-Studentenbewegung aufgegriffen, die von unseren postmodernen Zeitgeistern üblicherweise gern diffamiert wird.

Zweitens fällt auf, dass es Frau Prof. Dr. Johanna Wanka (CDU) ist, die das Projekt präsentiert, auch wenn damit noch nicht gesagt ist, dass sie es konzipiert hat.

Drittens wird hier implizit von der "feministischen Dichotomie" Abschied genommen: es geht um Studenten, und nicht etwa nur um weibliche Studenten. Und es geht stattdessen wieder und völlig zu Recht um soziale Schichtung.

Viertens hindert das Frau Ministerin Professorin Dr. Johanna Wanka ansonsten nicht daran, sich dennoch der feministischen Sichtweise zuzuordnen.

Fünftens ist es kein Zufall, dass die nicht-monetären Möglichkeiten - insbesondere das aus der feministischen Politik entlehnte Mentoring - hervorgehoben werden. Denn in Zeiten der sogenannten Schuldenbremse und des Fiskalpakts sind zumindest die sozial- und bildungspolitischen Weichen nicht zuletzt von der CDU auf finanzielle Kürzung gestellt worden. Diese Austeritätspolitik ist aus theoretischer Sicht falsch, und sie ist praktisch zum Scheitern verurteilt; ein Blick auf die derzeitige europäische Entwicklung belegt das. Man vergleiche hierzu im Einzelnen die zahlreichen Beiträge mit Verweisen, die auf den Nachdenkseiten (www.Nachdenkseiten.de) erschienen sind.

Die Austeritätspolitik wirkt im Hinblick auf die Kapitalakkumulation (das sogenannte "Wachstum") als Bremse, und sie verhindert zum Beispiel die notwendigen Zukunftsinvestitionen von Bund, Ländern und Gemeinden. Im Widerspruch hierzu wäre mehr Geld nötig, um Kindern aus bildungsfernen Schichten die Aufnahme eines Studiums zu ermöglichen und zu erleichtern. Das heißt, Studiengebühren müssten abgeschafft und Stipendien (Bafög-Gesetz) müssten erhöht werden. Ersteres wäre Landes-, letzteres wäre Bundespolitik. Beide Veränderungen bleiben aber bis auf weiteres ideologisch, interessen-, finanz- und steuerpolitisch blockiert.

Die Lehre für und die Förderung von Studenten aus bildungsfernen Schichten (nicht zuletzt Migranten) ist für Fachhochschulen nichts Neues. Dieser Personenkreis hatte hier immer schon einen großen bis sehr großen Anteil. An den Universitäten dürfte sich das jedoch anders darstellen. Gesehen werden muss, dass die Hochschulen und die Hochschullehrer sich in besonderer Weise auf die Studenten einstellen müssen, weil die Studierfähigkeit nicht selten eben nicht einfach vorausgesetzt werden kann, sondern durch zusätzliche Lehrangebote und Trainings erst gezielt hergestellt werden muss. Denn Studenten aus bildungsfernen Schichten bringen kein familiengebundenes Wissen mit um das, was ein Studium eigentlich ist, nämlich ein prinzipiell selbstbestimmter, proaktiv zu gestaltender Bildungs- und nicht nur ein fremdbestimmter Ausbildungsprozess - und was es vom einzelnen fordert, aber in einer Lebensperspektive auch weit über das Ökonomische hinaus ermöglicht.

Werden solche Lücken erfolgreich geschlossen, dann können sich die Befähigungen der Studenten aus bildungsfernen Schichten voll entfalten. Das gilt jedenfalls, wenn der Zugang zum Studium nicht durch Studiengebühren oder unzureichende Stipendien erschwert wird. Ist dies jedoch – wie gegenwärtig - der Fall, dann resultiert ein Zwang, während des Studiums nicht nur nebenbei der Erwerbsarbeit nachzugehen.

Wenn wegen fehlender finanzieller Mittel der Herkunftsfamilie während einer Studienwoche mehrere Tage für Erwerbsarbeit genutzt werden müssen, dann verkürzt sich entsprechend die für das Studium zur Verfügung stehende Zeit. Aus dem offiziellen Vollzeitstudium wird inoffiziell ein faktisches Teilzeitstudium. Und das wird in der Regel zu einer quantitativ oder quantitativ verringerten Studienleistung führen. Deshalb genügt es nicht, durch Mentoring mehr potenzielle Studenten zum Studium zu motivieren, sondern es müssen von der Politik vor allem die finanziellen und die didaktischen und studienorganisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden, damit eine solche Werbung nicht zu Enttäuschungen auf allen Seiten führt.

Sechstens ist anzumerken, dass eine Quotenregelung für Arbeiterkinder, an die im Zeitalter der dritten Frauenbewegung leicht hätte gedacht werden können, etwa bei der Zulassung zum Studium, nicht hilfreich wäre, weil die soeben benannten realen Probleme dadurch gerade nicht gelöst würden. Sie wäre überdies schädlich, weil sie das Niveau des Studiums beeinträchtigen würde.

Erfreulicherweise scheint sie diesmal von der Politik nicht in Erwägung gezogen worden sein. Vielleicht - und das ist zu hoffen - ist damit das Ende der Quotenpolitik überhaupt in Sicht.

 

Weitere Beiträge
Gesellschaft

Ohne Kapitalismus kein Respekt

19. Mai 2012, von Michael Klein - zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Derzeit ist es en vogue, sich vom Kapitalismus zu distanzieren. “Die Krise heißt Kapitalismus” titelt die “Gruppe soziale Kämpfe” deren Ziel darin besteht, Re-Kommunalisierung und Verstaatlichung durchzusetzen, also Sozialismus einzuführen.
Eine andere Sektion der so genannten “Occupy Bewegung” ist gar der Ansicht “Echte Demokratie...

Geschlechterdebatte

Was will das Weib, was soll die Quote?

21. Juni 2012, von Dr. Cora Stephan, zuerst erschienen in derStandard.at
Warum die neuerdings wieder forcierte Debatte um die angebliche Dringlichkeit eines höheren Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorstandsgremien oder sonst wo an den tatsächlichen Problemen unserer Lebens- und Arbeitsrealität völlig vorbeigeht
Noch nie waren sie so wertvoll wie heute. Alle Welt möchte Frauen - vor allem in den...

Geschlechterdebatte

Family Tenure statt "Kaskadenmodell" - Sexistische Nebenwirkungen universitärer Frauenförderung

6. Januar 2013, von Prof. Stefan Hirschauer, zuerst erschienen in Forschung & Lehre
Warum führen viele weibliche Studierende nicht automatisch zu vielen Professorinnen? Wenn die Gründe dafür vor allem im Privatleben liegen, die Maßnahmen zur Frauenförderung aber auf universitäre Verfahren zielen, dann haben sie nur schwache, dafür aber schädliche Wirkungen.
An Universitäten herrscht seit langem...

Geschlechterdebatte

Master of Funds oder: Eine Hand wäscht die andere

30. Januar 2013, von Michael Klein, zuerst erschienen bei ScienceFiles.org
ScienceFiles bringt Licht in das Dunkel, das das Begutachtungsgremium des Professorinnenprogramms umgibt.
Das Professorinnenprogramm war auf ScienceFiles schon mehrfach Thema. 150 Millionen Euro gaben das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Kultusministerien der Länder im Zeitraum von 2008 bis 2012 aus, um...

Wissenschaft

Hätte Einstein heute in Deutschland eine Chance?

Die Exzellenzförderung führt mit Großprojekten vorwiegend zur Auswalzung bekannten Wissens, kaum zu wirklich neuartigen Erkenntnissen. Deren Entdeckung bleibt wie eh und je Individuen vorbehalten.
Von Prof. Adorján Kovács   20. April 2012
Entsprechend der als „Modernisierung“ verkauften ökonomischen Ausrichtung der Universitäten ist der heutige Wissenschaftsbetrieb eine stete Quelle...

Geschlechterdebatte

Occupy Feminism?

Von Arne Hoffmann   3. April 2012
Die internationale Occupy-Bewegung richtet sich vorrangig gegen soziale und wirtschaftliche Ungleichheit. An ihren Aktionen finden aber auch die unterschiedlichsten anderen Bürgerrechts- und Graswurzelaktivisten Anschluss. Gemeinsam ist ihnen ihr Protest gegen ein als unterdrückerisch empfundenes, aber mit den Machtstrukturen der Gesellschaft fest vernetztes System....

Geschlechterdebatte

Gleichstellungspolitik an Hochschulen

24. Juni 2012, von Prof. Günter Buchholz
In westlichen Regierungen wie auch in internationalen Organisationen hat sich zusehends ein Staatsfeminismus institutionalisiert, dessen Basis die abstrakte Vorstellung eines „Patriarchats“ bildet. Doch sowohl in theoretischer wie auch empirischer Hinsicht ist die These des „Patriarchats“ nicht haltbar.
1. Die allgemeine These der Frauendiskriminierung...

Wissenschaft

Schavanplag? Es gibt einen weit schlimmeren Skandal!

14. Februar 2013, von Prof. Adorján Kovács
Die Bundesministerin für Bildung und Forschung wird immer noch als eine in diesem Amt relativ erfolgreiche Politikerin bezeichnet. Jetzt wurde in den Medien erst groß berichtet über die Aberkennung ihres Doktortitels durch die Universität Düsseldorf, dann war ihr Rücktritt ein Titelthema.
Aber der eigentliche Skandal bei Annette Schavan ist doch nicht,...

Geschlechterdebatte

Können Jungen und Männer in unserer Gesellschaft benachteiligt werden?

19. Juni 2012, von Monika Ebeling
Vortrag an der Ohm Hochschule Nürnberg (30. April 2012)
„Jeder von uns muss noch ein bisschen was dazu lernen“ hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Das gilt auch für mich. Gern lasse ich mich durch gute Argumente in der Sache eines Besseren belehren. „Die Gedanken sind frei“. Das sind Worte aus einem alten Volkslied, welches ich als Schülerin lernte. Dieser Satz...

Geschlechterdebatte

Prof. Walter Hollstein: Über die (Selbst)Verdammung der Männer

Interview mit Prof. Dr. Walter Hollstein, Soziologe und Männerforscher
Von Dr. Alexander Ulfig   17. April 2012
 
Alexander Ulfig: Herr Professor Hollstein, Sie gelten als der führende Männerforscher im deutschsprachigen Raum. Was hat Ihr Interesse für dieses Thema geweckt? Gab es konkrete Erfahrungen oder Situationen?
Walter Hollstein:  Es hat über einen längeren Zeitraum  mehrere Anlässe und...

Geschlechterdebatte

Individuelle Leistung statt kollektive Quoten

16. Juni 2012, von Dr. Alexander UlfigNirgendwo werden Gehirnwäsche und mediale Manipulation so intensiv betrieben wie in der Debatte um die Frauenquote.
In bestehenden Unternehmen soll eine Frauenquote in den Vorstandsetagen eingeführt werden. Die Einführung der Fauenquote wird dabei als Gleichberechtigung deklariert. Frauen sind aber bereits gleichberechtigt. Bezogen auf die Wirtschaft...

Gesellschaft

Heuchler, Heuchelei und die Logik dahinter

Von Michael Klein, 30. April 2012Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Haben Sie auch ein Gefühl der Befremdung, wenn Sie Politiker den “Wählerauftrag” beschwören hören, nur um dann im nächsten Satz im Hinblick auf hehre Ziele wie “Solidarität” oder “soziale Gerechtigkeit” darüber belehrt zu werden, was gut für Sie ist bzw. was Sie und “die Menschen” “verstehen” oder “einsehen” müssen? Haben Sie...