Der von Ralph Bollmann und Inge Kloepfer geschriebene FAZ-Artikel „Chancengerechtigkeit – Die neue Klassengesellschaft“ greift aus empirischer Sicht zu Recht das Problem der vertikalen sozialen Mobilität – insbesondere die intergenerationelle Aufwärtsbewegung - auf.

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Positiv ist zu vermerken, dass der Blickwinkel zu Recht an der gesellschaftlichen Stratifizierung orientiert ist, denn es werden „Klassen“ oder „Schichten“ betrachtet und eben nicht, wie es gendermodisch - und falsch - nahe läge, das weibliche Geschlecht einerseits gegenüber dem männlichen Geschlecht andererseits, d. h., die „feministische Dichotomisierung“ wird implizit zurückgewiesen.

Allerdings werden diese soziologischen Begriffe nicht objektiv bestimmt, z. B. nicht anhand von Eigentums- und Vermögensverhältnissen. Daher kann sich nun jeder unter den jeweiligen Begriffen beliebiges vorstellen. Zum Beispiel: Was sind „alte“, was sind „neue Klassen“, und was mag die „Oberschicht“ sein? Im Grunde sind das begriffliche Mängel, weil hier mit soziologischen Begriffen bewusst oder unbewusst nur kokettiert wird. Mit nicht hinreichend bestimmten Begriffen lässt sich jedoch keine rationale Argumentation begründen, weil sich die Beliebigkeit der Autoren in der der Leser verdoppelt. Beliebigkeit ist allerdings das Gegenteil eines argumentativ gewonnenen Resultates. Unter dem Gesichtspunkt der sozialen Klassen ist ohnehin jedem halbwegs belesenen Menschen sofort klar, dass die sogenannte neue Klassengesellschaft weiter nichts als die alte ist.

Wen betrifft überhaupt die Aufwärtsmobilität? Die Antwort ergibt sich daraus, dass es Klassen und Schichten gibt, für die sie keine Rolle spielt. Für die besitzende Klasse (Besitzbürger; auch Adel) spielt Aufwärtsmobilität keine Rolle, weil sie bereits ganz oben sind. Für sie geht es daher darum, die Risiken einer Abstiegsmobilität zu minimieren, und das geschieht primär durch Vermögens- sowie Machtsicherung und sekundär durch Bildung.

Auf dem entgegengesetzten sozialen Pol finden sich die Schichten der Niedriglohnarbeiter, der Leiharbeiter und die Nicht-Arbeiter (Dauerarbeitslose, Rentner, und vom System nicht integrierte Jugendliche). Sie haben objektiv kaum eine Möglichkeit, ihre soziale Lage zu verbessern, und zwar höchstwahrscheinlich auch intergenerationell nicht. Das heißt, für diese Schichten spielt Aufwärtsmobilität keine relevante Rolle, was als Ausnahme individuell gelingende soziale Aufstiege nicht ausschließt.

Für die arbeitende Klasse (Arbeiter- und Angestelltenschaft) gibt es eine kleinere und eine größere Perspektive der Aufwärtsmobilität. Die kleinere ist mit der beruflichen Bildung und den mit ihr verbundenen theoretisch-praktischen Qualifikationsprozessen verbunden. Diese können z. B. zum Facharbeiter oder auch zum „Meister“ führen, und diese Qualifikation erlaubt ggf. sogar die selbständige Führung eines gewerblichen oder handwerklichen Betriebes, und somit eine klassische kleinbürgerliche Existenz: Und das ist durchaus eine Aufstiegsperspektive. Wenn ein solcher Betrieb bereits existiert, dann ist dieser Weg für den familiären Nachwuchs oft sogar recht attraktiv.

Oder es wird ein höherer schulisch-akademischer Qualifikationsweg – ein Hochschulstudium - gewählt, der dann mit erheblichen Erwartungen eines nachfolgenden sozioökonomischen Aufstiegs, der zumeist – in der Form der Lohnarbeit – im Management, oder, viel seltener, mit einer Gründungsperspektive, also einer selbständigen ökonomischen Existenz, verbunden ist. Hier treten dann tatsächlich die beschriebenen damit verbundenen Erscheinungen, z. B. der Entfremdung von der Herkunftsfamilie, auf.

Anders verhält es sich in der Schicht der selbständigen Freiberufler, dem akademischen Kleinbürgertum („Bildungsbürgertum“), in dem die akademische Qualifikation in Verbindung mit der Bewährung in der beruflichen Praxis konstitutiv für das Einkommen und den sozialen Status ist. Für diese Schicht ist die akademische Orientierung deshalb sehr ausgeprägt, und dasselbe trifft mehr oder weniger wohl auch für die Schicht der mittleren und höheren Beamten zu. Aus diesen Gründen ist das Gymnasium für die Familien dieser Schichten die zentrale Institution.

Bollmann und Kloepfer referieren im Grunde nichts weiter als Ergebnisse einer Untersuchung der im Zeitablauf veränderten Aufwärtsmobilität innerhalb dieser sozialen Schichten. Wegen der bekannten Spreizung der Einkommen und wegen der ebenso bekannten jahrzehntelangen Umverteilung der Vermögen von unten nach oben ist es nicht überraschend, dass sich am unteren Ende die Aufstiegschancen verringert haben. Wie könnte es anders sein? Bemerkenswert erscheint allerdings, dass nicht nach den objektiven Chancen, sondern nach der subjektiven Wahrnehmung der Veränderung dieser Chancen gefragt wurde:

„Das Institut für Demoskopie Allensbach hat über Jahrzehnte immer wieder ermittelt, ob Aufstieg durch Leistung nach Ansicht der Befragten in Deutschland möglich ist, ob jeder seines eigenen Glückes Schmied sein könne. Dabei zeigt sich: Das Vertrauen in das Aufstiegsversprechen erreichte zwischen 1963 und 1975 seinen Höhepunkt. Danach fiel es deutlich ab. Vor allem die Jüngeren aus den unteren Schichten sind entmutigt.“

Die subjektiven Bewertungen folgen hier zwar nicht überraschend den objektiven Möglichkeiten,  aber interessant dabei ist für die Interviewer nur, ob sich darin eine wachsende Unzufriedenheit mit dem gesellschaftlichen System spiegelt: nach dieser wird eigentlich gefragt. Steigt sie nämlich aus diesen (und genügend anderen Gründen) an, dann ist das für die besitzenden Klassen ein Grund zur Beunruhigung: Es geht ihnen um Herrschaftssicherung, nicht etwa um Gerechtigkeit.

Die soziohistorischen Bedingungen für eine mögliche Aufwärtsmobilität sind in den großen Linien von den Autoren zutreffend beschrieben worden. Ich habe das selbst als Betroffener miterlebt. Die Zugänge zu Gymnasien und Hochschulen waren bis ca. 1970 sehr eng, und sie wurden von den daran interessierten Schichten sozial wirksam  kontrolliert. Es folgte eine Phase der Kapazitätserweiterung des Bildungssystems und zugleich eine Inklusion der zuvor ausgeschlossenen Talente aus anderen sozialen Schichten:

„Dabei zeigte die Bildungsexpansion der sechziger Jahre durchaus Wirkung, als überall neue Universitäten gegründet wurden und sich der Anteil der Abiturienten innerhalb weniger Jahre vervielfachte.´Zwischen den 1930 Geborenen und den in den fünfziger Jahren Geborenen nimmt der Zusammenhang von Herkunft und eigener Position deutlich ab`, sagt Reinhard Pollak, Leiter des nationalen Bildungspanels am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Die Gesellschaft habe sich in dieser Zeit merklich geöffnet.“

Mit der zunehmenden Hegemonie einer neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik (ab ca. 1980) wurden die Zugänge wieder erschwert, z. B. durch eine Rücknahme im Bereich der Stipendien, was auf die weniger begüterten Schichten abschreckend wirkte - und so wirken sollte. Exklusion statt Inklusion, sowie weniger statt mehr Wettbewerb auf dem akademischen Arbeitsmarkt.

„Das große Versprechen der Bundesrepublik, dass es hier jeder nach oben schaffen kann, wenn er sich nur ordentlich anstrengt, gilt längst nicht mehr uneingeschränkt. Wissenschaftliche Studien weisen allesamt in dieselbe Richtung, auch wenn sie je nach Methode zu etwas unterschiedlichen Zahlen kommen: Die Chancen, als Kind bildungsferner Eltern eine große Karriere zu starten, sind in Deutschland geringer als in den Jahren des Wirtschaftswunders, und sie sind geringer als in vielen anderen Ländern.
Nach dem neuesten Bildungsbericht der OECD erreichen nur 20 Prozent der Jüngeren einen höheren Abschluss als die Eltern. Im europäischen Durchschnitt sind es fast doppelt so viele. ´Es ist in den letzten 20 Jahren schwerer geworden, aus Einkommensarmut oder weniger privilegierten Lebenslagen herauszukommen`, sagt auch Gert G. Wagner, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die mangelnde Durchlässigkeit sei eines der größten Probleme unserer Gesellschaft.
In der Tendenz trifft diese Entwicklung die meisten westlichen Industriegesellschaften. Auch in Amerika ist der Glaube geschwunden, jeder könne es vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen. ´Der sicherste Weg, ein Mitglied der sozioökonomischen Elite zu werden, besteht darin, sich die richtigen Eltern auszusuchen`, spottet der Autor Brink Lindsey.“

Das Motiv hinter der Rücknahme der Bildungsinklusionspolitik der 70er Jahre dürfte gewesen sein, das Risiko der Abwärtsmobilität für Nachkommen aus akademisch etablierten Schichten zu verringern. Dasselbe Motiv dürfte nach wie vor maßgeblich sein für den Kampf gegen das Konzept der Gesamtschule und zugunsten des Gymnasiums.

„Wer in Deutschland heute nach oben will, hat es schwerer als früher. Die Bildungsbürger leben in Angst vor dem Absturz und separieren sich. Dadurch fehlen den Bildungsfernen überzeugende Vorbilder dafür, dass Leistung sich lohnt.“

Ich hoffe, ich habe erläutern können, was mit diesen einleitenden Sätzen eigentlich gemeint ist.

 

 

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