Gesellschaft:

Wider das Schubladendenken - Wikipedia revisited

28. März 2014, von Prof. Adorján Kovács

Mein Artikel zu den Aktivitäten der „Wikipedia-AufseherInnen“ hat gewisse Früchte getragen. Im Wikipedia-Artikel über Akif Pirinçci wurde der tendenziöse Eintrag zu seiner publizistischen Tätigkeit geändert.

Schubladen-klbz6718

Na also, geht doch! Es brauchte zwar eine lange Diskussion, bis sich die Wikipedianer zu dieser Korrektur entschließen konnten, aber insgesamt macht die Diskussion einen recht guten Eindruck.

Der oder die pseudonyme JosFritz meinte sogar, dass man mit ihm oder ihr reden könne. Das ist sehr gut. (Wie es nach Erscheinen von Pirinçcis Buch “Deutschland von Sinnen” weitergeht, sei dahingestellt.)

Die andere Frucht meiner Kritik an bestimmten Einseitigkeiten der Wikipedianer war natürlich, dass sie sich schon vier Tage nach Erscheinen meines Artikels (!) den Wikipedia-Artikel zu meiner Person angesehen und Änderungen in ihm vorgenommen haben. Leider wieder tendenziös. Meine Mitarbeit bei diversen Internetzeitschriften wurde mit Wikipedia-Artikeln über diese Zeitschriften oder deren Herausgeber verlinkt, obwohl allgemein bekannt ist, dass Wikipedia-Artikel nicht zitierfähig sind. Ein Link auf die jeweiligen Autorenlisten der Zeitschriften hätte vollkommen für den Nachweis der Mitarbeit genügt. Ich habe das entsprechend geändert.

Die Wikipedianer wollen, dass ein Autor mit der Zeitschrift, in deren Rahmen er publiziert, gleichgesetzt wird. Sie kennen diese Schubladen wohl von den althergebrachten Medien her, wo an den Meinungen von Heraus- und Geldgebern nicht vorbeigeschrieben werden darf. Sie wollen offenbar nicht wahrhaben, was im Impressum all dieser Internet-Zeitschriften steht: „Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung des Anbieters wieder.“ Das gilt natürlich auch umgekehrt. Es ist ja gerade dies die Freiheit in einer Internet-Zeitschrift im Gegensatz zu der verkrusteten „Linie“, die Journalisten in den Leitmedien beachten müssen.

Leider ist das Ideal der Diskursethik von Jürgen Habermas (erklärt z. B. in seinen „Erläuterungen zur Diskursethik“von 1991) vollkommen in Vergessenheit geraten. Der „zwanglose Zwang des besseren Arguments “ scheint heute in den Leitmedien ebenso wenig zu wirken wie „das Motiv der kooperativen Wahrheitssuche“ tatsächlich noch das Movens hinter den journalistischen Aktivitäten ist. Heute scheint es eher zu interessieren, wer schreibt, wo (d. h. in welchem Medium oder welcher Zeitschrift) er oder sie schreibt und welcher gesellschaftlichen Gruppe jemand angehört. Das sollte aber nicht wichtig sein; entscheidend sollte sein, was jemand schreibt, welche Argumente er oder sie gebraucht.

Die Freiheit von Schubladen macht den großen Vorteil des Internets aus, noch, muss man sagen. Auch wenn die Wikipedianer es so haben wollen, sie werden mich und viele andere, die in der Freien Welt schreiben, nicht auf eine Richtung festlegen können. Bei der “taz” mag ideologisch alles eindeutig sein, hier nicht. Wollen wir alle dafür sorgen, dass nicht auch noch das Internet „auf Linie“ gebracht wird!

 

Weitere Beiträge
Gesellschaft

Gezeitenwechsel


Ich hätte nie gedacht, dass es mir mal so gehen würde. Eigentlich bin ich ein optimistischer Mensch. Noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten, uns zu entfalten, wie heute. Jeder kann leben, wie er es für richtig hält. Geschichte vollzieht sich in Pendelbewegungen, doch unterm Strich wird das Leben besser. Von alledem bin ich noch immer überzeugt. Aber im letzten Jahr hat sich etwas in mir...

Geschlechterdebatte

Für eine ausgewogene Berichterstattung zur Gleichstellungspolitik

Offener Brief an den Deutschen Presserat 09. Januar 2014
Wir, die Unterzeichner des Offenen Briefes, wenden uns an Sie, weil wir über die Berichterstattung der deutschen Leitmedien zur Gleichstellungspolitik besorgt sind.
Seit Jahren werden wir fast täglich mit Artikeln konfrontiert, die sehr einseitig über die Gleichstellunspolitik, insbesondere über die Frauenquote, berichten. Wir beobachten mit...

Politik

Wenn man politischen Gegnern das Menschsein abspricht


Jemand schreibt einen unverzeihlichen Blödsinn und erhält dann auch noch Publicity. Da muss man nicht mitmachen. Lassen wir also Namen beiseite und konzentrieren wir uns auf Fakten. Und nein, ich meine nicht Sarrazin, dessen Bücher und Thesen mir ziemlich gleichgültig sind. Aber er hat den Anlass geliefert.
Eine Journalistin schreibt u. a. Kolumnen bei der FR und bei der „Berliner Zeitung“. Seit...

Gesellschaft

Pirinçci-Debatte: Jedes Wunder dauert nur drei Tage

16. Mai 2014 von Prof. Adorján F. Kovács
Wie der Ablauf in einem auf Sensationen getrimmten Medienzirkus nun einmal so ist, wird es um Akif Pirinçcis Buch „Deutschland von Sinnen“ langsam ruhiger. Dies kann man auch der Webseite entnehmen, die dem Buch selbst gewidmet ist (die 200 Zuhörer bei der Bonner Autorenlesung waren vielleicht auch nicht der erwartete Andrang).
Es lief insgesamt wieder...

Politik

Neue EU-„Studie“: Der frei flottierende Wahnsinn


Man mag das Wort “Studie” gar nicht mehr in den Mund nehmen bzw. die Buchstaben auf der Tastatur so aneinanderreihen, dass dabei “Studie” herauskommt.
Seit sich Institutionen, Ministerien, die EU, die Gewerkschaften, Parteien und sonstige Organisationen, denen nichts an Wissenschaft, aber viel an Gefälligkeitsstudien liegt, der “Studien” bemächtigt haben, und immer neue “Studien”...

Geschlechterdebatte

Studenten oder Kader? Was wird in Berlin eigentlich an Universitäten ausgebildet?


Arne Hoffmann hat bereits ausführlich über die geplatzte Podiumsdiskussion zum Thema “Zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei – brauchen wir eine gesetzliche Frauenquote?” berichtet, die die Fachschaft der TU Berlin gemeinsam mit der Fakultät für Wirtschaft und Management gestern hatte ausrichten wollen.
Die Fachschaft selbst hat die Absage der Podiumsdiskussion wie folgt begründet:...

Gesellschaft

Paternalismus: Wissenschaftlich gelenkte Individuen


Mit Hilfe der modernen Verhaltensforschung will der „libertäre Paternalismus“ Menschen vor „schlechten“ Entscheidungen bewahren – ohne offenen Zwang, dafür aber durch subtile Beeinflussungsversuche. Aus philosophischer Perspektive ist das entmündigend, meint Julian Mintert.
Haben Sie sich jemals über Fliegen auf Urinalen in öffentlichen Toiletten gewundert? Sie sind nicht nur eine Verzierung,...

Geschlechterdebatte

Von Monstern und Papageien - Die EU-Studie zur Gewalt gegen Frauen


Es sind erschreckende Einblicke in die Lebenswirklichkeit von Frauen in Europa.“ So beginnt Benjamin Knaack bei Spiegel-Online seinen Bericht über die EU-Studie „Gewalt gegen Frauen: eine europaweite Erhebung“.
Da das möglicherweise noch nicht deutlich genug war, schreibt er im Text weiter, dass die Studie „erschreckende Ergebnisse“ liefere und „einen detaillierten und erschreckenden...

Geschlechterdebatte

Wie uns die „Zeit“ wieder mal davonlief


Ich schaue ja immer gerne nach, wo Artikel des man tau-Blogs verlinkt worden sind. Als ich heute Abend nach Hause kam, fand ich in meinen Statistiken beispielsweise Besuche von der Seite der Zeit – dort hatte der Leser gran_torino77 einen Text von mir im Kommentarbereich verlinkt.
Vielen Dank dafür! Am selben Tag wurde mir noch ein weiterer Link aus der Zeit angezeigt, aus deren mit Abstand...

Geschlechterdebatte

Gender Mainstreaming. Der Zahn der Zeit


Gestern schickt mir ein Freund den Link zu einem Artikel im FOCUS. Ein 560 000 Jahre alter Zahn ist gefunden worden, geschätzte 100 000 Jahre älter als der 1971 gefundene "Mensch von Tautavel", in der "Höhle von Arago", nahe Tautavel, bei Perpignan. Selbstverständlich steht darüber schon ein Artikel im Lokalblatt L'Indépendant, und so weiß ich das längst. Wer den Zahn Arago Nr. 149 gefunden hat, steht...

Geschlechterdebatte

Wer braucht Feminismus? Na, wir!


Jasmin Mittag war in den USA und hat von dort etwas mitgebracht. Sie stellt beunruhigt fest, dass der Feminismus diejenige soziale Bewegung mit dem schlechtesten Image sei: „Sich für Umweltschutz, Tierrechte oder Frieden einzusetzen, ist zum Beispiel wesentlich angesehener“.
Natürlich ist es ein Mysterium, warum viele Menschen eine halbwegs intakte Umwelt oder die Vermeidung von Atomkriegen für...