Eine Satire der Satire.

Sigmund Freud

Die Kommentare der „taz“ sind eigentlich immer doppelbödig. Der unvoreingenommene Leser glaubt jedesmal eine Satire zu lesen. Aber vielleicht meinen die „taz“-Kommentatoren ihre Texte ernst? Zur Zeit feiert die stereotype Masche linker Argumentation fröhliche Urständ, in Kommentaren ebenso wie in der Berichterstattung. Die „taz“ hat wieder einmal zugeschlagen. Nehmen wir an, es handelt sich um eine Satire.

„Taz“-Autor Ambros Waibel kommentiert also einen Mord (oder Totschlag) in Kreuzberg: „Ehemann köpft Ehefrau“. Er beginnt aber mit dem Hinweis auf ein Ereignis, von ihm verächtlich „event“ genannt, das mit dem Mord (oder Totschlag) nicht das Geringste zu tun hat: „Papst Benedikt [predigte] am vergangenen Sonntag vor fast einer Million Gläubigen in Mailand. Anlass: Das Weltfamilientreffen der katholischen Kirche. Das [...] Oberhaupt pries dabei die auf der Ehe von Mann und Frau gegründete Familie.“ Wie im Ostblock einstens in jedem Artikel und Buch Marx und Lenin erwähnt werden mussten, auch wenn kein thematischer Zusammenhang erkennbar war, folgt Waibel hier der linken Zwangsneurose durch die pflichtschuldige Verdammung der Katholischen Kirche.

Dann erst kommt Waibel auf die Tat zu sprechen. Ein gewisser Hassan A. (oder heißt der mutmaßliche Totschläger Orhan S.?) habe seine Ehefrau Semanur S. durch Enthauptung umgebracht. Damit das nicht so isoliert stehen bleibt (denn auch Linke merken, dass der Papst auf Hassan A. oder Orhan S. wenig Einfluss hat), fügt Waibel einen bayerischen Mordfall hinzu: „Ziemlich genau zwei Jahre zuvor, am 13. 7. 2010, titelt der Münchner Merkur auf seiner Webseite: ,Familiendrama in Viechtach: Mann erschießt Ehefrau‘ “.

Mein alter Chef hätte nach 40-jähriger Berufspraxis eine ganz einfache Begründung für solche Taten gehabt. Es gebe drei (eigentlich zwei) Hauptmotivantien für Menschen: Pimmel, Punz und Portemonnaie. Aber das war natürlich nicht durch Hunderte von soziologischen Studien abgesichert. Dennoch hat diese zugegeben simplistische Begründung den Vorteil, Männlein und Weiblein ebenbürtig zu behandeln und neben der sexuellen auch noch die ökonomische Komponente zu berücksichtigen. Mal schauen, ob die „taz“ dieses Niveau noch unterbietet.

Aber locker! Aus diesen zwei Beispielen von durch Ehemännern an ihren Ehefrauen verübten Morden zieht Waibel folgende Konsequenz: „Nach der grausigen Tötung in Berlin-Kreuzberg kann man über männliche Gewalt, Muslime oder sonst was diskutieren. Wie wär's mit der Institution Familie?“ (Er ist dabei mit drei Ursachenvorschlägen noch vergleichsweise differenziert: Simone Schmollack faselt in ihrem zweifelsfrei bierernsten Kommentar zur Sache ausschliesslich vom „Sicherheitsrisiko Ehemann“).

Man ist erstaunt, wie weit die linke „taz“ satirisch (?) hinter die Aufklärung zurückfallen kann. Ich habe noch gelernt, dass bei einem Mord vor allem das schuldige Individuum zur Verantwortung gezogen werden muss. Also darf man weder über männliche Gewalt noch über Muslime diskutieren, denn verantwortlich für die Tat sind nicht „die (Ehe-)Männer“ und nicht „die Muslime“. Ich zum Beispiel war zum Tatzeitpunkt gar nicht in Berlin und mein Ex-Kommilitone Melih auch nicht. Es handelt sich also darum, dass hier (Ehe-)Männer und Muslime in eine Art Sippenhaft genommen werden. Scheinheilig tut Waibel so, als wolle er das nicht: „Wer diesem Phänomen sarrazinesk begegnen, also männlich-genetische oder kulturelle (Migranten, Muslime, Niederbayern) Gründe in Feld führen möchte – nur zu.“ Der Name musste ja kommen. Ein Reflex?

In Wirklichkeit begegnet Waibel dem Phänomen ebenso verallgemeinernd, aber auf die gute alte linke Art: Erstens hat letztlich alles ökonomische Gründe. (Das ist naturgemäß eher Marx als dem obigen Zitat verpflichtet, zeigt aber, wie progressiv „Sprüche der Väter“ sein können.) „Ehen [...] sind immer Zwangsgemeinschaften, die insbesondere unter ökonomischem Druck regelmäßig zu Tötungsgemeinschaften werden.“ Aha: alles immer Zwangsehen also. Das war mir neu. Und wer tötet? Natürlich doch: nur die Männer. Denn zweitens sind immer die Männer schuld. „Einen gefährlicheren Ort für eine Frau als den allein mit ,ihrem‘ Mann in der gemeinsamen Wohnung gibt es nicht – vor allem, wenn sie ihm dort mitteilt, dass sie die Absicht hat, sich von ihm zu ,trennen‘ “. Und drittens stört Waibel sich an der Ehe. Das ist der eigentliche Clou seiner Argumentation. „Niemand gehört irgendwem“, gibt er sich freiheitlich, obwohl auch Frauen hin und wieder von „ihrem“ Mann reden, was manche Menschen noch mit Vertrautheit (und nicht Eigentum) verbinden können. Und schlägt am Ende die Volte, die der Leser bereits gelangweilt erwartet: „Die katholische, die klassische, die Kleinfamilie ist schon lange tot.“ Die Großfamilie sowieso. Waibels Ideal dürfte also die völlig verantwortungsfreie, zeitlich begrenzte Lustgemeinschaft zweier Menschen welchen Geschlechts auch immer sein, die am besten über ein identisches Einkommen verfügen. Nur keine, auch keine emotionalen Abhängigkeiten! Ah, die linken Träume Clara Zetkins!

Allerdings ist es so, dass derlei Vorstellungen, weltweit betrachtet, kaum Bedeutung mehr haben. Keine Milliarde Menschen leben im westlichen Raum (USA, Europa). Zumeist dürften sie nicht Waibels Meinung sein. Im deutlich größeren und immer selbstbewusster werdenden Rest der Welt spielen Männer noch eine Rolle und die Ehe hat ihren festen Platz in der Gesellschaft. Aber die deutschen Linken halten sich immer noch für die Avantgarde, die anderen Völkern die Richtung vorgibt. Das ist selbstverständlich eine Sache des höheren Bewußtseins. Wer sind nochmal die Kulturimperialisten?

Bildnachweis: Sigmund Freud

 

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