Meinungsfreiheit ist ein kostbares Gut. Sollte man ihr Grenzen setzen? Oder lassen sich Argumente für uneingeschränkte Meinungsfreiheit finden?

epiktet-freud-5667tg28rzg7

Zur Meinungsfreiheit gehören zwei Seiten: derjenige, der eine Meinung äußert, der Adressant, und derjenige, der eine Meinung empfängt, der Adressat. Wenden wir uns zunächst dem Adressanten zu. Die Psychoanalyse fordert, dass ein Patient über alles frei, offen und somit tabulos sprechen soll. Nur so kann er seine unbewussten, verdrängten Probleme bewusst machen und sie gegebenenfalls lösen. Tut er das nicht, leben diese Konflikte im Unbewussten weiter und äußern sich irgendwann im Verhalten des Patienten, etwa in Gewaltausbrüchen.

Diese Erkenntnis kann man auf soziale Sachverhalte übertragen. Vorurteile, die Menschen gegenüber anderen Menschen oder Gruppen von Menschen haben, sollten geäußert und genau thematisiert werden, ansonsten leben sie im gesellschaftlichen Unbewussten weiter und brechen irgendwann unkontrolliert auf. Demnach dürften auch die als extremistisch bezeichneten politischen Meinungen öffentlich geäußert werden, weil man sich dann mit ihnen rational auseinandersetzen und sie widerlegen kann. Meinungen zu tabuisieren, ist deshalb immer falsch.

Betrachten wir die andere Seite: den Adressaten einer Meinung. Man sagt, dass bestimmte Meinungen nicht geäußert werden dürfen, weil man mit ihnen andere Menschen oder Gruppen von Menschen beleidigen oder verletzen könnte. Dagegen kann behauptet werden, dass es von den Adressaten selbst abhängt, wie sie Meinungen auffassen und auf sie reagieren, das heißt, ob sie sich durch Meinungen verletzen oder beleidigen lassen.

Der griechische Philosoph Epiktet unterscheidet zwischen Dingen und den Vorstellungen von den Dingen. Nicht die Dinge selbst sind es, die die Menschen affizieren (auf sie einwirken), sondern die Vorstellungen von den Dingen. So ist beispielsweise der Tod nichts Schreckliches, sondern unsere Vorstellung, er sei etwas Schreckliches, ist das Schreckliche. Wie der Mensch etwas auffasst, hängt alleine von ihm ab. Ob er z.B. eine Äußerung als eine Känkung, Beleidigung oder harmlose Bemerkung auffasst, hängt alleine von seiner Haltung bzw. der Deutung der Äußerung ab. Es hängt auch alleine von ihm ab, wie er auf eine Äußerung reagiert.

Epiktet schreibt: „Sei dir dessen bewusst, dass dich derjenige nicht verletzen kann, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung, dass diese Leute dich verletzen. Wenn dich also jemand reizt, dann wisse, dass es deine eigene Auffassung ist, die dich gereizt hat.“

Wenn sich jemand abwertend über andere Menschen, Einzelmenschen oder Gruppen von Menschen, äußert, müssen sich die Adressaten deswegen nicht gleich beleidigt fühlen und Redeverbote fordern. Es ist viel sinnvoller, sich mit solchen Äußerungen, auch wenn sie extremistisch sind, auseinanderzusetzen und sie zu widerlegen. Und es ist die Aufgabe aller an einem rationalen Diskurs Interessierten, auf solche Äußerungen immer wieder einzugehen und sie zu entkräften. Das Recht auf Meinungsfreiheit ist zu kostbar, um eingeschränkt zu werden.

 

 

Weitere Beiträge

Bundestagswahl 2013: Wahlkampf in Zeiten des Policy Mainstreamings


Es droht der wohl uninteressanteste Wahlkampf aller Zeiten. Mal wieder wird ein „Lagerwahlkampf“ inszeniert – doch die wichtigen Themen werden nicht diskutiert. Hier und in der aktuellen Novo-Printausgabe analysiert der Gesellschaftswissenschaftler Klaus Funken die Situation.
 
Die Niedersachsen-Wahl hat keinen Aufschluss über die Chancen der Parteien in der Bundestagswahl gegeben. Das von vielen erwartete...

Frommer Selbstbetrug: 30 Jahre Frauenquote in der SPD


Am 30. August diesen Jahres gilt es sich eines denkwürdigen Ereignisses zu erinnern. Zumindest für Sozialdemokraten. Dann genau vor 30 Jahren beschloss die SPD auf ihrem Bundesparteitag in Münster mit großer Mehrheit die in den Parteistatuten verankerte und damit verbindliche Quote zugunsten von Frauen. Das heißt die Begünstigung von weiblichen Mitgliedern bei der Vergabe von Spitzenämtern in der Partei...

Hatr.org: „Antifeministische hate speech“ unter der Lupe



In letzter Zeit wurde Feminismuskritikern immer wieder der Vorwurf der "hate speech" gemacht. Dabei handelt es sich einer Definition der Wikipedia zufolge um "sprachliche Ausdrucksweisen, die zur Ausgrenzung oder Benachteiligung von bestimmten Personen oder Personengruppen, oder sogar zur Gewalt gegen diese, anreizen sollen". Eine bekannte Website, auf der Feministinnen derartige Fälle von...

Abweichende Meinungen? Nicht unbedingt.


Wer es wagt, eine zur gesellschaftlichen Doktrin erhobene Weltanschauung öffentlichkeitswirksam zu kritisieren, muss mit starkem Gegenwind rechnen.
Zielt die Kritik auf eine der erfolgreichsten Missionsbewegungen des 20. Jahrhunderts, ist besonderer Mut gefragt. Schnell gelangt der freie Diskurs an seine Grenzen und der Kritiker in die Defensive.
 

„Gender“-Theorie?


In der österrechichen Zeitung „Der Standard“ gelangt man, wenn man in der Suchfunktion „gender“ eingibt, auf eine feministische Seite, die sich „Die Standard“ nennt.
So wird man gleich eingestimmt auf das Niveau, das einen hier erwartet. Ich greife unter den verschiedenen Beiträgen den von Sonja Fercher mit dem Titel „Der Kampf gegen das ´andere Geschlecht´“ heraus.
 

Was alle angeht, sollten auch alle entscheiden dürfen - #DHMDemokratie

Das Deutsche Historische Museum hat Cuncti und viele andere Blogger unter dem Hashtag #DHMDemokratie zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema: Was bedeutet mir Demokratie? Lesen Sie heute Gedanken unserer Autorin Ilka Bühner.

Demokratie - altgriechisch δημοκρατία für ‚Herrschaft des Staatsvolkes‘.
Im Ursprung des Wortes ist noch erkennbar, wofür diese Herrschaftsform steht, nämlich das Macht und...

Netzfundstück: "Vom Verlust der Freiheit"

Gunnar Kaiser interviewt Raymond Unger, Autor von "Vom Verlust der Freiheit", über transgenerationale Kriegstraumata und die Einschränkung der Meinungsfreiheit in Deutschland, insbesondere im Hinblick auf Themen wie Klimawandel, Migration und Corona.
Das Video auf Youtube ansehen