Ich habe getan, was ein Mann von Zeit zu Zeit tun muss – und wofür es den ganzen Mann braucht.

Ich habe mich in einer Bibliothek als Leser angemeldet. Weil ich auch unterwegs und auswärts Sorge dafür trage, Zugang zu einschlägiger Literatur, Juris Datenbanken usw. zu haben. Unterschätzt das nicht. Das Anmelden in einer Bibliothek kann ein Abenteuer sein, gegen das sich Indiana Jones im Tempel des Todes wie das Sandmännchen ausnimmt.

Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe mich im Laufe meines ereignisreichen Lebens sicherlich in weit mehr als zwei Dutzend Bibliotheken von der Gemeindebibliothek Unterföhring bis hin zum Bundesgerichtshof sowie in diversen Ländern und Spitzenuniversitäten wie Harvard, MIT, Stanford herumgetrieben. Und überall ist das irgendwie alles anders, überall gibt es andere Sitten, Gebräuche und Verhaltensweisen, die man mit noch so viel Erfahrung nicht vorhersehen kann und die den jeweiligen Bibliothekarinnen (aus irgendwelchen Gründen immer Frauen) stets ermöglichen, den Neuankömmling von oben herab wie einen törichten Dumpfling zu belehren. Schon die Arten des Zugangs, der Ausleihe und der Rückgabe unterliegen einem erstaunlichen Variantenreichtum. Eine Vereinheitlichung ist offenbar nicht gewollt.

Heute nun betrieb ich das Unterfangen, eine weitere Bibliothek meinem Erfahrungsschatz zuzuführen.

frauenquote-danischBereits am Schließfach für die Klamotten kam ich ins Straucheln. Das übliche Fach in der üblichen Größe mit dem üblichen Schloss für das übliche 1-Euro-Pfand mit dem üblichen kleinen schwarzen vierkantigen Schlüssel vom üblichen Hersteller. Gerade noch rechtzeitig fiel mir die Abweichung vom Üblichen auf: Normalerweise steht die Schließfachnummer auf dem Schlüssel, damit man das Fach wiederfindet, in dem man sein Hab und Gut hinterlegt hat. Bei diesem Schlüssel stand auf jeder der vier Seiten ein Nummer, manche graviert, manche eingepresst, manche eingekratzt. Auf jeder Seite eine andere Nummer, und keine stimmte. Ein Gefühl wie Indiana Jones nach Bestehen der ersten Prüfung. Ich überlegte, ob ich nicht meinen Hut wieder aus dem Schließfach nehmen und mitnehmen sollte. Eine Peitschenapp müsste es eigentlich für’s iPad geben.

Am Eingang zur eigentlichen Bibliothek, da wo man an der Buchkontrolle vorbei muss, ein Drehkreuz. Und das ist zu. Man kommt nicht durch. Gut, sowas kenne ich schon, es gibt eine Bibliothek, in der man erst von oben bis unten gemustert wird, ob man auch nichts unerlaubtes dabei hat (Tüten, Taschen, weite Mäntel), bevor sie einen reinlassen. Außerdem hat’s da Sensoren im Boden, die per RFID erkennen, ob man Bücher mit sich herumschleppt, die nicht als ausgeliehen registriert sind. Und erst wenn man diese Doppelprüfung bestanden hat, geht das Kreuz auf.

Hier aber nicht. Das geschulte Sicherheitsauge erkennt, dass da ein Kartenleser dran ist, und man offenbar eine Karte dranhalten muss, um Einlass zu erhalten. Hinter dem Kreuz sitzt am Tresen der Buchrückgabedrachen und mustert mich geringschätzig, als wollte sie mich jeden Augenblick durch Feuerspucken töten. Wie ich gerade das Wort erheben und fragen wollte, woher man eine geeignete Karte bekommt, werde ich herablassend und wortabschneidend belehrt, dass ich die Karte davorzuhalten hätte.

Ich suche die verwundbare Stelle des Drachens und stoße wie Siegfried zu: Ich teile dem Drachen in gestelztem Ton mit, dass ich es als unhöflich empfinde, unterbrochen zu werden. Ich könne keine Karte „davorhalten”, weil ich nicht im Besitz einer solchen Karte sei. Ich begehrte den Erwerb einer solchen Karte und würde daher um Auskunft über die örtlichen Erwerbsmodalitäten ersuchen, fügte ich erläuternd hinzu. Etwas irritiert antwortet sie, dass man aus Sicherheitsgründen ohne Karte nicht hineinkäme.

Verstehe.

Dies sei aber noch keine Antwort auf die Frage, wo man eine solche Karte bekommen könnte. „Drinnen!” knurrte der Drachen und zeigte auf einen abgetrennten Bereich, eben drinnen, also da, wo man nur mit Karte hinkommt.

Verstehe, sag ich. Also bekomme man sie gar nicht. Dies stünde in krassem Widerspruch zur öffentlichen Natur und Widmung jener Bibliothek und würde ihren Bildungsauftrag geradezu konterkarrieren. Nachdem zufällig gerade Leute herauskamen, setzte ich mit der Frage nach, wie die es denn da hineingeschafft hätten.

Der Drache merkte, dass etwas schief läuft. Als sei ich der erste, der da eine Karte haben will.

Der Drache erklärte, dass ich „ausnahmsweise” zur Anmeldung dürfe. Ich dankte. Aber das iPad müsste ich dalassen, fauchte der Drache. War doch klar, dass es nicht so einfach werden würde, einfach zur Anmeldung gehen zu können. Ich lehnte jedoch ab, diesen Wegezoll empfände ich als unangemessen hoch. Nein, sie wolle es ja nicht für sich behalten, sondern man brauche in dieser Bibliothek einen Begleitzettel für Computer und dergleichen. Weil soviel geklaut würde.

Verstehe.

Wer aus dieser Bibliothek einen Computer heraustragen will muss einen Zettel zeigen, dass er auch einen hereingetragen hat. (Ich überlege, wieviele iPads wohl in ein leeres Notebook-Gehäuse eines typischen Notebooks von ca. 1998 passen würden…). Nun, sage ich, dann möge sie mir doch einfach einen solchen Zettel geben. Geht nicht. Wieso nicht? Weil man dazu einen Benutzerausweis braucht. Aus Sicherheitsgründen.

Verstehe. Wir drehen uns im Kreis. Der Tanz mit dem Drachen, ein Walzer.

Ich versuche die Taktik der Verwirrung. Ich verweise darauf, dass ich schließlich nichts zu schreiben dabei hätte und mir ob des trügerischen Schließfachschlüssels die Schließfachnummer auf dem iPad notieren musste, was schlussendlich dazu führte, dass ich mein Schließfach einschließlich des einzuschließenden iPads folglich niemals mehr wiederfinden würde, schlösse ich selbiges iPad nunmehr in besagtem Schließfach ein.

Die Taktik wirkt. Der Drache bescheidet – in dem erkennbaren Drang, mich endlich loszuwerden – dass ich doppelausnahmsweise mein iPad mit mir führen dürfe, aber nur bis zur Anmeldung.

Wo ein Drache ist, ist auch eine Prinzessin. (Märchenhaarspalter mögen jetzt die Klappe halten, im Zeitalter der Frauenquote hocken auch Drachinnen vor Prinzessinnen.) Die fand sich in Form einer nunmehr sehr netten und freundlichen Dame an der Anmeldung. Dort bekam ich meinen Ausweis und klagte ihr mein Leid, dass alles in jeder Bibliothek anders sei und es wohl sehr schwierig sei, Bibliotheken zu vereinheitlichen. Sie antwortete, indem sie mir ein noch viel größeres Leid klagte, es sei nämlich alles noch viel, viel schlimmer, als ich es mir ausmalen würde. Sie studiere Bibliothekswesen und sie könne mir versichern, dass die Besonderheiten und Individualitäten noch viel weitreichender und folgenschwerer seien, als ich als Nutzer es mir vorstellen könne. Grausam. Dafür bekomme ich meinen Ausweis.

Mein erster Bibliotheksausweis mit Foto. Aus Sicherheitsgründen.

Ich dachte, ich hätte noch einen nützlichen Hinweis und bringe die Sprache auf die irreführende Beschriftung des Schließfachschlüssels. Das sei Absicht, entgegnete sie trocken. Aus Sicherheitsgründen.

Verstehe ich nicht. Wieso denn das?

Nun, es käme so oft vor, dass Leute ihre Schlüssel verlören und andere Leute die Schlüssel finden und sogleich die Fächer ausräumen. Deshalb habe man absichtlich dafür gesorgt, dass falsche Zahlen draufstehen. (Was übrigens kryptographisch auch erst funktioniert, solange man deutlich mehr als 5 Schließfächer hat, aber sie haben ziemlich viele.) Meine Rückfrage, ob dann an den Schließfächern mehr Diebe oder mehr befugte Fachinhaber auf der Suche nach dem richtigen Fach die Schlösser durchprobieren würden, quittierte sie grinsend mit dem Hinweis, dass man schon gewissen Ansprüche an die intellektuellen Fähigkeiten der Benutzer stelle. Ich beschließe, den Umstand, dass ich mir die Fachnummer auf dem iPad notierte, hier nicht erneut zu erwähnen, es würde den Eindruck der Denkprothese doch zu sehr verfestigen.

Später überlege ich, warum es nicht einfach auch ein unbeschrifteter Schlüssel tun würde. Weil dann die Nutzer die richtige Zahl einritzen würden. Der Schlüssel muss voller falscher Zahlen sein um jeden Versuch, ihn mit der richtigen Zahl zu versehen, schon im Keim zu ersticken.

Leute, lernt von ihnen. Das ist teuflische Sicherheit.

Nachdem ich nun die Nutzerkarte bekommen und mir beim Drachen einen Laufzettel für mein iPad abgeholt habe, nehme ich die Bibliothek in ersten Augenschein.

Ich komme an der Kopier- und Scanstation vorbei. Sowas gibt’s mittlerweile in vielen Bibliotheken. Auch mit den bücherschonenderen Kamerascannern, bei denen man das Buch nur aufschlägt und die Seiten von oben abfotografiert werden. So weit, so üblich. Mir fällt aber ein Hinweis auf, dass man Bücher, die mit „Kopierverbot” gekennzeichnet sind, hier nicht scannen dürfe. Das ist ungewöhnlich. Ich wittere fragwürdige Urheber-Flüche und frage nach.

Nein, sagen sie. Das habe nichts mit Urheberschutz zu tun, sondern mit Bestandsschutz. Bücher von vor 1920 und Bücher mit brüchigem Papier dürften nur kostenpflichtig von erfahrenem Fachpersonal gescannt werden, damit sie nicht kaputtgehen. Aus Sicherheitsgründen.

Verstehe.

Noch eine Ungewöhnlichkeit fällt mir auf: Wie in nahezu jeder anderen Bibliothek kann man dort auch Wertkarten für Kopierer und Scanner kaufen bzw. aufladen. Das haben sie fast alle.Hier aber kann man auch die benötigten USB-Sticks kaufen.

Liegt wohl daran, dass da so viele USB-Sticks geklaut werden?

PS: Kennt jemand ne gute Drachentöter-App?

 

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