Ich reibe mir die Augen. Da fordert der Arbeitgeberverband (BDA) und sein Präsident Dieter Hundt eine Verkürzung der Elternzeit auf ein Jahr und erklärt die Kleinkind-Betreuung zur „Kernaufgabe des Staates“. Warum? Um der Wirtschaft möglichst viele Arbeitskräfte zuzuführen, was die Lohndrückung erleichtert?

Die Wirtschaft hat sich an die angebliche „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ gewöhnt, die Eltern ins Hamsterrad und Kleinkinder in die Krippen treibt. Dass immer mehr Eltern im „Burn-out“ landen, interessiert die Wirtschaftsbosse ebensowenig wie der Stress, dem die Kinder in der Krippe und durch ihre ebenfalls gestressten Eltern ausgesetzt sind.

Eltern gelten als „Arbeitsmaterial“ und Kinder als lästiges Beiwerk, für das wie bei einer Krankheit für ein Jahr „Verdienstausfall“ gezahlt wird, schönfärberisch „Elterngeld“ genannt. Ein Eigenwert wird der Kindererziehung nicht mehr zuerkannt. Wer trotzdem seine Kinder selbst erziehen will, dem wird die Gleichberechtigung abgesprochen, da nur noch die Gleichschaltung im Erwerbsleben zählt.

Das erinnert an den Frühkapitalismus. Nachdem die „Diktatur des Proletariats“ gescheitert ist, kommen wir der „Diktatur des Kapitals“ immer näher. Diese kommt nicht mit Polizeigewalt daher. Die Wirtschaft hat andere Mittel. Sie arbeitet mit Geld. Den Eltern werden nicht die eisernen, sondern die finanziellen Daumenschrauben angezogen bis sie parieren. Diese Diktatur kommt auf leisen Sohlen durch die Hintertür.

Inzwischen hat die Wirtschaft nicht nur die Politik, sondern auch die Sozialwissenschaft unterwandert. Vorbei sind die Zeiten einer unabhängigen Kritik wie noch im 5. Familienbericht. Der 7. und 8. Bericht wurde zur Hofberichterstattung für die wirtschaftshörigen Regierungen rot-grüner, schwarz-roter und schwarz-gelber Färbung. 

Um glaubwürdig zu erscheinen, wird nach pseudowissenschaftlichen Mäntelchen gesucht, die Otto Normalbürger nicht gleich durchschaut. So erstellt etwa ein mächtiger Wirtschafts- und Medien-Konzern obskure „Studien“ z. B. mit dem Ergebnis, der Aufenthalt in einer Krippe führe später zu einem um 40% häufigeren Besuch eines Gymnasiums. Flugs wird noch ein „Netto-Nutzen“ in Milliardenhöhe errechnet, der bei Erhöhung der Krippenquote eintrete. Das verbreitet der Konzern dann über die eigenen Medien, gedankenlos nachgeplappert von ARD und ZDF. 

Würde das stimmen, wäre die DDR wissenschaftlich und wirtschaftlich erfolgreicher als der Westen gewesen. War sie das? Ich spare mir die Antwort. Die Schüler/innen, die dort fast alle in der Krippe waren, hatten bei PISA 2000 keine besseren Ergebnisse. Aber sie zeigten bei der „sozialen Kompetenz“ in allen neuen Bundesländern durchweg schlechtere Werte als in den alten. Das stimmt mit großen Untersuchungen in den USA überein, die deutlich höhere Risiken für die spätere soziale Entwicklung bei früher Krippenbetreuung zeigten. 

Warum bleibt das in unseren Massenmedien unbeachtet?  Die Antwort ist traurig: Der Inhalt einer Nachricht spielt keine Rolle mehr. Was nicht zum „Mainstream“ passt, wird ignoriert; was passt, wird dagegen großartig hinausposaunt, auch wenn es noch so unsinnig ist. - Als ehemaliger DDR-Bürger habe ich immer häufiger ein Déjà-vu.

Der Beitrag ist erstmals am 26.11. 2012 in der Mittelbayerischen Zeitung erschienen. 

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Weitere Beiträge

Wettbewerb für Kinderbuch: "Wenn Wurzeln Flügel tragen"


Die geschlechterpolitische Initiative Gleichmaß e.V. veranstaltet den nachfolgend beschriebenen Wettbewerb für Kinder.
Die Anthologie “Wenn Wurzeln Flügel tragen” gehört zu einem unserer seit Langem geplanten Projekte. Wir würden uns sehr freuen, wenn nachfolgende Meldung auch virtuell eine möglichst große Weiterverbreitung findet; Teilen, Rebloggen und Weitermailen in die eigenen...

Konsequenter Verfassungsbruch

Deutsche Richter und die Gleichheit der Geschlechter vor dem Gesetz
Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Hannah Arendt wird zugeschrieben, im Zusammenhang mit der Frage, wie der Nationalsozialismus möglich gewesen ist, von der Trivialität des Bösen, der Faschisierung in kleinen Schritten gesprochen zu haben. Gemeint hat sie damit wohl die stetige und inkrementelle Aufweichung...

Sollten Roboter unsere Arbeit übernehmen?


Die Vision, menschliche Arbeit könnte weitgehend von Robotern übernommen werden, sollte angesichts des Geburtenrückgangs zum Gegenstand einer politischen Debatte werden. Und nicht nur angesichts des Geburtenrückgangs.
Als ich ein kleiner Junge war – das war Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts -, sah ich einen Fernsehbericht und traute nicht meinen Augen: Roboter haben Autos...

Weiblicher Narzissmus, Männerhass und Frauenpolitik


Für den Narzissten zählen nur seine Gefühle, Wünsche und Interessen. Werden die Erwartungen, die er an andere Menschen stellt, nicht erfüllt, so fühlt er sich gekränkt. Er reagiert auf die anderen mit Wut und nicht selten mit Hass.
Übertragen auf das Verhältnis der Geschlechter heißt es: Erfüllen Männer nicht die Erwartungen von narzisstischen Frauen, Erwartungen, die oft dem traditionellen...

Qualifikation statt Quote

Ralf E. Geiling interviewt Günter Buchholz
Prof. Buchholz, halten Sie eine gesetzlich geregelte Frauenquote für sinnvoll?
Was ist eine Frauenquote?
Eine Frauenquote ist nicht Ausdruck des Leistungsprinzips, sondern Ausdruck des konkurrierenden Proporzprinzips, das beispielsweise in der Parteipolitik weithin üblich ist. Stellen oder Positionen werden bei Anwendung des Proporzprinzips nicht nach den...

Immigration: Aufklärung statt Diffamierung


Eine ausgewogene Debatte über Immigration scheint derzeit kaum möglich. Dabei spielte sie eine zentrale Rolle für die Zukunft unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses.
Wie ist ein vernünftiger Umgang mit dem Thema Immigration möglich? Die Antwort, die hier gegeben wird lautet: indem zunächst alle Aspekte in gleicher Weise aufgegriffen und in ihrer Widersprüchlichkeit dargestellt und...

Frauenpolitik 2015 – wohin geht der Weg?


Manuela Schwesig bezeichnet sich gerne als Bundesfrauenministerin. Dafür ist ihr der solidarische Zuspruch der Hälfte der deutschen Wählerschaft schon mal sicher. Die andere Hälfte der Bevölkerung - die männliche - könnte dabei jedoch Irritationen verspüren.
Es ist bekannt: Die große Mehrheit der Männer unterstützt staatliche Frauenförderung und steht zum Teil selbst für erhebliche...

Vietnam. Der Traum von der Familie


Es fängt gut an. Ich mag die Leute, die hier vorübergehen, sie sind mir auf Anhieb sympathisch. Ich sitze etwa eine Stunde lang in Hanoi auf einer Bank am Hoan-Kiem-See - dem See des zurückgegebenen Schwertes - und gucke sie mir einfach nur an: junge Familien, die heiter und entspannt wirken und sich zwanglos berühren.
Es liegt eine Stimmung in der Luft wie an einem Urlaubsort. Na, gut. Es ist...