Wer schon einmal mit dem Flugzeug in London-Heathrow gelandet ist, der hat einen Eindruck davon erhalten, wie eine integrierte Gesellschaft aussieht.

Die Passkontrolle führt ein Brite durch, der offensichtlich afrikanische Vorfahren hat, ein Brite mit offensichtlich asiatischen Vorfahren kümmert sich um die Touristen vom Kontinent, die auf der Suche nach der Tube (U-Bahn) verloren gegangen sind, und ein Polizeibeamter mit klar erkennbarem osteuropäischem Akzent nimmt sich derer an, die nicht verloren gingen, sondern verloren haben, was auch immer.

Damit nicht genug: Der Tierarzt ist in Zimbabwe geboren, die Eltern des Augenarztes kommen aus Indien, der Postbote hat in seiner Kindheit noch ein paar Eindrücke in Guinea-Bissau mitbekommen, die Fragen, die Selbständige im Zusammenhang mit ihrer Steuererklärung haben, beantwortet ein offensichtlich aus Pakistan stammender Civil Servant, und wem dies alles noch nicht reicht, der kann in Job Centern unter den dort Beschäftigen einen Eindruck davon gewinnen, wie viel unterschiedliche Länder diese Erde doch hat. Anders formuliert: Die Gesellschaft des Vereinigten Königreiches ist das, was Migrationsforscher eine integrierte Gesellschaft nennen. Geht es um den Arbeitsplatz, dann zählen Qualifikation und Motivation – und nicht die Abstammung.

In Deutschland ist das anders. Hier gilt und europäisch einmalig, das ius sanguinis, das Blutrecht. “Deutsch”, so wird angenommen, ist eine mystische Eigenschaft, die sich über das Blut vererbt, als bislang unentdeckter Genzusatz zum Beispiel. Und dieser Zusatz zeichnet seine Träger vor allen aus, die nicht mit der Gnade des hämoglobinen Deutschtums ausgestattet sind. Dass diese Abstammungslehre die gleiche Abstammungslehre ist, die bereits die Nationalsozialisten angewendet haben, um Arier von Nicht-Ariern zu unterscheiden, sei hier nur angemerkt. Die mystische Kraft des Blutes ist jedenfalls so stark, dass sie über Generationen fortlebt, sich von Generation zu Generation quasi vererbt, und letztlich dazu führt, dass Migranten, die vor nunmehr mehr als 50 Jahren nach Deutschland eingewandert sind, immer noch als Fremde angesehen werden, als “Blutsfremde”. Das ist ein wissenschaftliches Rätsel.

Als die illegalen Methoden vornehmlich deutscher Bauern, die in den 1950er Jahre Erntehelfer als Touristen getarnt nach Deutschland eingeschleust haben, durch Anwerbeabkommen mit Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei und Portugal im Verlauf der 1960er Jahre legalisiert wurden, um letztlich den im Deutschland des Wirtschaftswunders grassierenden Arbeitskräftemangel zu beseitigen, erhöhte sich der Anteil der nicht-deutschen Erwerbstätigen unter allen Erwerbstätigen auf 11,9%, 11.9%, die am deutschen Wirtschaftswunder mitgearbeitet haben und, die mit zunehmender Dauer des Aufenthalts, immer weniger an eine Rückkehr in ihre Heimatländer dachten – was rein menschlich betrachtet, kein Wundern ist.

Aber: Menschlichkeit hört bekanntlich da auf, wie uns die Genderisten und die Linken so gerne lehren, wo die Ökonomie anfängt, und insbesondere in Zeiten wirtschatflicher Rezession, wie sie 1973 mit der ersten Ölkrise eingeläutet wurden, muss dann jeder selbst sehen, wo er bleibt. Daher wurde der “Zuzug von Gastarbeitern” (ein Euphemismus übelster Sorte, wenn man bedenkt, dass die entsprechenden Gastarbeiter in ihren Heimatländern angeworben wurden) im Jahre 1973 durch ein Aktionsprogramm zunächst begrenzt, um dann in einen Anwerbestopp zu münden. Fortan erfolgt Einwanderung nach Deutschland hauptsächlich als Nachzug Familienangehöriger, ein Nachzug, den eine Gesellschaft, die um den Zentralmythos von Verwandtschaft kraft Blut und Abstammung gebaut ist, Fremden, mit zwar anderer “Abstammungslinie”, aber doch vergleichbaren Befürfnissen des Blutes kaum verweigern kann.

Entsprechend wurde der Familiennachzug zähneknirschend ermöglicht, und gleichzeitig mit einer Reihe von Anreizen versucht, diejenigen, von denen zu erwarten war, dass sie ihre Familien nachholen, zur freiwilligen “Heimreise” zu bewegen, z.B. durch das Gesetz zur Förderung der Rückkehrbereitschaft von Ausländern aus dem Jahre 1983. Parallel zur Förderung der Rückkehrbereitschaft von Fremden nicht deutschen Blutes, die in manchen Fällen mehr als 20 Jahre in Deutschland gelebt, gearbeitet und Steuern bezahlt hatten, erfolge eine neue Einreisewelle, dieses Mal von deutschblütigen in der 5+ten Generation, die aus den verlorenen Ostgebieten und dem zerbrochenen Großreich der Sowjets zurückgeholt wurden. Und obgleich diese Migranten doch die deutsche Blutslinie teilen, jedenfalls dann, wenn man die Blutslinie von z.B. Wolhyniendeutschen, die sich im 19. Jahrhundert in der Westukraine angesiedelt haben, trotz aller zwangsläufig erfolgten Vermengungen des deutschen Urblutes mit slavischen Einflüssen als fortbestehend ansehen will, waren und blieben sie – wie die ursprünglichen Migraten – Fremde in deutschen Landen.

 

 

Das zeigt eine bemerkenswerte Untersuchung, die Albrecht Glitz (2012) durchgeführt hat. Albrecht Glitz hat ein wahres El-Dorado von Daten, auf die er seine Untersuchung gründen kann: Für den Zeitraum von 1975 bis 2008 kann er auf Daten für alle in diesen Zeitraum sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, insgesamt auf rund 26 Millionen Versicherte für z.B. das Jahr 2008 zurückgreifen. Für alle im Zeitraum von 1980 bis 2008 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat er zudem Angaben über den Bildungsabschluss, die Beschäftigung, die Branche, in der sie beschäftigt sind, und Angaben zur Staatsbürgerschaft.  Auf Basis dieser Informationen berechnet Glitz zwei Indizes für Segregagtion, wobei der erste der beiden Indizes den Anteil von ausländischen Arbeitnehmern pro Unternehmen mit dem entsprechenden Anteil deutscher Arbeitnehmer ins Verhältnis setzt (Basis ist der jeweilige Anteil von Migranten oder deutschen Arbeitnehmern in einer Branche), während der zweite Index die Wahrscheinlichkeit für Migranten angibt, eher mit anderen Migranten als mit deutschen Arbeitskollegen zusammenzuarbeiten. Ein gutes Forschungsdesign, das bestehende Segregation als Abweichung von zufällig zu erwartetender Segregation ausweist, führt Glitz dann im Hinblick auf Segregation am Arbeitsplatz zu den folgenden Ergebnissen:

  • Zwischen deutschen und “fremden” Erwerbstätigen findet eine erhebliche Segregation am Arbeistplatz statt.
  • Die Segregation deutscher von “fremden” Erwerbstätigen ist seit 1980 nahezu konstant gelieben.
  • Die Segregation ist für so genannte Spätaussiedler höher als für Migranten der ersten Migrantengeneration (aus den 1960er Jahren).
  • Die Segregation lässt sich nicht über eine geringere formale Bildung von Migranten erklären.
  • Die Segregation lässt sich auch nicht über die Beschäftigungsart/-branche erklären.
  • Die Segregation ist am deutlichsten ausgeprägt für Asiaten, Türken, Afrikaner, Polen und Spätaussiedler (Table 3).

Leider endet die Arbeit von Glitz mit diesen deskriptiven Ergebnissen. Glitz versucht nicht, seine Ergebnisse, die allem widersprechen, was uns Politiker glauben machen wollen, z.B. dass Fremde sich nicht integrieren wollen oder sich aufgrund von Sprach- und Bildungsdefiziten nicht integrieren können, zu erklären. Das ist schade, geben seine Ergebnisse doch genügend Ansatzpunkte, um die offizielle Geschichte über den Umgang der deutschen Mehrheitskultur mit Fremden zu hinterfragen, und sie zeigen ganz deutlich, woran Integration bislang nicht scheitert: nicht am Bildungsniveau und nicht am von  Migranten ausgeübten Beruf. Und weil die Erklärung im Beitrag von Glitz fehlt, holen wir sie nun – soweit das Möglich ist – nach:

Auch nach rund 50 Jahren Migrationsgeschichte ist es in Deutschland nicht gelungen, eine Segregation zwischen Deutschen und “Fremden” am Arbeitsplatz zu beseitigen. Auch 50 Jahre nachdem die ersten Italiener, die ersten Griechen oder die ersten Türken nach Deutschland gekommen sind, finden sich offensichtlich subtile oder weniger subtile Strukturen am Werk, die z.B. Türken daran hindern, Finanz- oder Polizeibeamter, Zahn- oder Augenarzt zu werden. Die entsprechenden Strukturen können nichts mit dem Bildungsniveau der entsprechenden Deutschen mit Migrationshintergrund zu tun haben, wie die Analyse von Glitz zeigt und wie ein sich langsam zum Massenexodus auswachsender Brain-Drain zeigt, den Yalcin Yildiz (2012) für hochgebildete Türken beschreibt, die nach Abschluss ihrer schulischen und universitären Bildung in die Türkei gehen, um dort zu arbeiten und zu leben. Die Dramatik dieser Entwicklung kann man gar nicht hoch genug bewerten, handelt es sich bei diesen Deutschen türkischer Abstammung doch um Menschen, die in Deutschland geboren und zur Schule gegangen sind, die in Deutschland ihre Berufs- oder universitäre Ausbildung häufig in Bereichen abgeschlossen haben, in denen Arbeitgeber händerringend nach qualifizierten Arbeitskräften suchen (z.B. Maschinenbau oder IT). Was also steht dem Eintritt der entsprechenden hochgebildeten Deutschen “fremder Abstammung” in den Arbeitsmarkt entgegen? Ist es dasselbe, was dazu geführt hat, dass der Versuch, hochqualifizierte IT-Spezialisten mit der sogenannten Green Card nach Deutschland zu locken, gescheitert ist, weil gerade einmal 14.873 Spezialisten überhaupt in Erwägung gezogen haben, nach Deutschland zu kommen?

Wenn zwischen beiden sozialen Phänomenen eine Gemeinsamkeit besteht, wenn beide eine gemeinsame Erklärung haben, dann muss diese Erklärung mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Erklärung sein, die sich auf den Umgang mit “Fremden”, die Aufnahme von Fremden in die Mehrheitskultur, wie es Migrationsforscher gerne in kaum zu überbietendem Euphemismus bezeichnen, bezieht. Tatsächlich müsste man wohl eher von einer Ausgrenzung, von einem nicht-Mitmachen-Lassen sprechen als von einer Aufnahme, und insofern gehen Diskussionen über eine Parallelgesellschaft und hektische Integrationsgipfel, die dem Ziel dienen, Integrationswilligkeit bei Migranten (also mehrheitlich in Deutschland Geborenen) zu wecken, am Punkt vorbei. Nicht die Integrationswilligkeit von Migranten scheint generell das Problem zu sein, sondern die Aufnahmebereitschaft, die Akzeptanz und Toleranz der deutschen Mehrheitskultur, die sich durch ein Minarett in Köln Zollstock gefährdet sieht und jede Form der Abweichung als Fremdheit bewertet, gegen die man, vielleicht aus eigener Unsicherheit über das, was außer Blut die eigene kulturelle Zusammengehörigkeit ausmachen könnte, nur abwehrend und abweisend sein kann. Wobei noch zu klären wäre, nach welchen Kriterien “Fremdheit” bestimmt wird, also: Was macht ein Minarett “fremder” als die Arche von McDonalds? Bis zur Klärung dieser spannenden Fragen, die bislang, wie könnte es anders sein, in Deutschland unter Sozialwissenschaftlern eher nicht gestellt werden, muss daher festgehalten werden, dass  Briten ganz offensichtlich selbstbewusster sind als Deutsche, wenn es um die eigene kulturelle Zugehörigkeit geht, so selbstbewusst, dass sie es sogar ertragen können, von einem Briten asiatischer Abstammung ihr Steuersystem erklärt zu bekommen.

Literatur

  • Glitz, Albrecht (2012). Ethnic Segregation in Germany. Bonn: Institute for the Study of Labour.
  • Yildiz, Yalcin (2012). Abitur + Diplom + Doktor = Hartz IV? Der Massen-Exodus bildungserfolgreicher Deutsch-Türkinnen in die Türkei. In: Fereidooni, Karim (Hrsg.). Das interkulturelle Lehrerzimmer. Perspektiven neuer deutscher Lehrkräfte auf den Bildungs- und Integrationsdiskurs. Wiesbaden: SpringerVS, S.51-60.

 

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