Gesellschaft:

Kollektive Jagd auf einen vermeintlichen Kinderschänder

Was weibliche Wichtigtuerei anrichten kann

Wie fühlt es sich an, wenn man zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird? Dieser Frage hat sich der dänische Regisseur Thomas Vinterberg mit seinem neuen Epos „Die Jagd“ gestellt.

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Ich halte den Film, der seit 28.03.13 in den deutschen Kinos läuft, für einen Meilenstein, nicht nur weil er perfekt gemacht und spannend wie ein Hitchcock-Psychodrama ist. Auch nicht, weil nur eine Handvoll Verletzter und ein toter Hund zu beklagen sind. Nein, hier wird vielleicht zum ersten Mal die weibliche Schlüsselfigur weder als Opfer noch als omnipotente Kommissarin dargestellt, sondern als gründlich danebenliegende Profi-Pädagogin, die durch ihren Irrtum zum ursächlichen Problem, zur unfreiwilligen Täterin wurde.

Obwohl auch Männer involviert sind, zeigt Filmemacher und Drehbuchautor Vinterberg in erster Linie, was weibliche Panikmache anrichten kann, wenn sie mit Schaudern und mit Freude an der Kriminologie als Hobby gepaart ist.

die-jagd-cover-3456723446Lucas (Mads Mikkelsen) ist der einzige männliche Erzieher im Kindergarten seines dänischen Heimatdorfes. Die fünfjährige Klara, Tochter seines besten Freundes, erzählt der Kindergartenleiterin eines Tages eine Lüge, zu der sie durch ein Pornobild inspiriert wurde, das sie zufälligerweise zu Gesicht bekam. Sie habe den Kindergärtner nackt gesehen, sein Penis habe nach oben gezeigt. Am nächsten Tag befragt sie das Kind zusammen mit einem befreundeten Lehrer zu dem angeblichen Vorfall. Jetzt aber ist das Mädchen wenig gesprächig. Sie sagt, es sei nichts gewesen, oder kann sich nicht mehr erinnern. Doch die beiden Hobbypsychologen setzen das Kind unter Druck und legen ihr den schlimmen Verdacht quasi in den Mund. Leiterin Grethe weiß zwar, dass die Kleine eine blühende Phantasie hat, kann sich jedoch nicht vorstellen, dass sie es sich nur ausgedacht hat.

Die Chefin stellt Lukas zur Rede, sagt ihm aber nicht, um welches Kind es geht, auch nicht was genau passiert sein soll. Nach und nach verständigt die Leiterin des Kindergartens ihre Mitarbeiterinnen, die Eltern Klaras und alle anderen angeblich Betroffenen beim schon länger geplanten Elternabend. Sogar Lukas' Exfrau wird informiert, die daraufhin den Umzug des gemeinsamen Sohnes zu Lukas verhindern will. Anfangs weiß Lukas nicht einmal genau, was ihm vorgeworfen wird. Keiner klärt ihn auf, kaum jemand will überhaupt mit ihm reden, alle schicken ihn nur angeekelt weg. Die Unschuldsvermutung ist außer Kraft gesetzt. Der Inhaber des Supermarktes erklärt Lukas' heranwachsendem Sohn, dass er und sein Vater nicht mehr bei ihm einkaufen dürfen. Als der Gejagte einige Tage später dennoch dort Besorgungen machen will, wird er vom Metzger nicht bedient. Stattdessen kriegt er einen Faustschlag ins Gesicht, wird verprügelt und rausgeschmissen.

Es ist alles so lebensecht geschildert, dass einem das Popcorn im Hals stecken bleibt: Die Wichtigtuerei der Erzieherinnen im Kampf um die Unschuld der ihnen anvertrauten Kinder. Die Selbstgerechtigkeit, mit der sie ihren Kollegen anschweigen, als er in eine Besprechung platzt. Die weitgehende Kritiklosigkeit, mit der sich fast alle Dorfbewohner die Vorverurteilung durch die Kindergärtnerinnen zu Eigen machen. Das Entsetzten, mit dem nun auch die Eltern anderer Kinder die „typischen Missbrauchssymptome“ wie Kopfschmerzen und Alpträume bei ihren Kinder bestätigt sehen. Wenn an der sozialen Kompetenz etwas dran sein sollte, mit der die Frauen ganz im Gegensatz zu den Männern so überreich gesegnet sein sollen, dann hat sie in diesem Falle kläglich versagt. Das Kollektiv der Erzieherinnen und Klaras Mutter schaffen es binnen kürzester Zeit, die Atmosphäre im Dorf zu vergiften und alle Beteiligten einschließlich des vermeintlichen Opfers in tiefe Verzweiflung zu stürzen. Hass und Aggressivität breiten sich aus.

Als Lukas dann doch Besuch von seinem Sohn Marcus bekommt, wirft ein Unbekannter mit einem schweren Kieselstein die Fensterscheibe ein. Auch wird Lukas' Hund umgebracht. Der angebliche Kinderschänder wird alsbald von der Polizei abgeführt und nun zu einer ganzen Serie von eingebildeten Missbrauchsfällen befragt. Auch der Vater des angeblichen Opfers glaubt nicht seinem besten Freund, er glaubt der Kindergartenleiterin. Seine Tochter Klara habe doch noch nie gelogen. Erst viel später dämmert es ihm, und er entschuldigt sich bei Lukas. Bei mehreren Gelegenheiten sagt das Mädchen nämlich, dass es ihr leid tut, was sie angerichtet hat. Sie habe etwas Dummes gesagt, Lukas habe nichts Schlimmes getan. Doch alle, die es hören, folgern nun messerscharf: Verdrängung! Die Mutter klärt ihre Tochter sogar auf: "Es ist aber passiert, und es war gut, dass Du es uns erzählt hast". Wie gesagt, ein Psychothriller.

Das eilfertige Vorgehen der Kindergärtnerinnen hat ein Kind traumatisiert, und zwar aus heiterem Himmel und völlig unnötig. Die Kleine musste zusehen, wie durch ihre kindliche Lüge ein ganzes Dorf verrücktspielte, dass alle sie nur mitleidig ansahen oder fest im Arm hielten, ihr aber niemand richtig zuhörte. Selbst wenn das Kind wirklich missbraucht worden wäre, wäre der ganze Zinnober kontraproduktiv gewesen. Der vermeintliche Täter wurde von jetzt auf wie der letzte Dreck behandelt, selbst einem Massenmörder, einem Terroristen würde man mehr Achtung entgegenbringen, einem Tier sowieso. Zeit-Redakteurin Sabine Rückert hat 2007 ein Buch über die Missbrauchshysterie geschrieben, die in Deutschland Anfang der 90er Jahren einsetzte: „Unrecht im Namen des Volkes: Ein Justizirrtum und seine Folgen“. Es handelt sich praktisch um das Buch zum Film. Man fühlt sich an den Hexenwahn der frühen Neuzeit erinnert, wo die angeklagten Frauen und Männer häufig auch keine Möglichkeit hatten, sich zu wehren. Denn alles, was sie sagten, konnte gegen sie verwendet werden. Als ich auf den Streifen durch eine Filmkritik im Fernsehen aufmerksam wurde, sagte ein Experte, rund 30 Prozent der Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs stellten sich als unbegründet heraus.

Ich tippe mal, dass praktisch nur Männer unschuldig in den Verdacht des Kindesmissbrauchs kommen, die längst offene Männerfeindlichkeit unserer Gesellschaft macht es möglich. Auf der anderen Seite bleiben viele solcher Straftaten ungesühnt, weil sich die öffentliche Meinung trotz sich häufender Presseberichte noch immer nicht vorstellen kann, dass auch Vertreterinnen des weiblichen Geschlecht dazu fähig sind, Schutzbefohlene für sexuelle Handlungen zu benutzen. Oder wenn, dann wird es als wenig schwerwiegend angesehen und recht milde bestraft, etwa mit einer Haftstrafe auf Bewährung. Den Mann hingegen stellen die Medien immer öfter als potentiellen Lüstling hin, so dass alle Vertreter des starken Geschlechts jederzeit Opfer einer solchen Kampagne werden können, was sie trotz offensichtlicher Unschuld für viele Jahre hinter Gitter bringen kann, wie die Journalistin Sabine Rückert dokumentierte. Gerade erst wurde in der Presse ein junger Erzieher als pädophiler Täter bezeichnet, obwohl bisher nur Anzeigen vorliegen, also keine gerichtliche Verurteilung erfolgte. Der Fall hat große Ähnlichkeiten mit dem im Film (Welt vom 11. April 2013: "Wieso tut der das? Wieso fasst der mein Kind an?").

Wenn ein Mann zum Kinderschänder wird, dann ist das prinzipiell auch nicht schlimmer, als wenn eine Frau zur Kinderschänderin wird. Kann man sich einen größeren Vertrauensbruch vorstellen, als dass eine Mutter sich an ihrem Kind vergreift? Dies geschieht immer wieder, wird aber tabuisiert und verharmlost. Verharmlost wird außerdem, dass nicht selten Mütter über Jahre billigend in Kauf nehmen, dass ihr Kind von ihrem Ehemann missbraucht wird. Für ihr Bedürfnis nach Versorgung und Sicherheit ist so manche Frau bereit, den Nachwuchs zu opfern und dem Gatten die Türen zu einer langjährigen Kinderschänder-Karriere zu öffnen. Doch anstatt sie als Mittäter zu identifizieren, werden sie im Fernsehen sogar noch als Leidtragende vorgestellt und voller Mitgefühl befragt.

Allerdings ist unsere Gesellschaft auch bei der Gruppe der Männer zu erstaunlicher Differenzierung fähig. Während katholische Priester besonders gefährdet sind, sind die Gallionsfiguren der Grünen wie Volker Beck offensichtlich immun gegen moderne Hexenjagden. Der schwule Bundestagsabgeordnete war 1988 in seinem Buch „Der pädosexuelle Komplex“ für eine Entkriminalisierung der Pädophilen eingetreten, wovon er heute vermutlich nichts mehr wissen will. Und in der Tat, wir sollten nicht in Moralismus verfallen: Erstens darf Missbrauch nicht so massiv bestraft und geächtet werden, dass die Täter ihre Opfer nach der Tat umbringen, um sie zu vertuschen! Zweitens müssen wir berücksichtigen, dass ein großer Teil der Täter als Kinder selbst Opfer war. Und drittens hatte der grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit, der 1975 in einem Buch und 1982 in einer Fernsehdiskussion ganz offen über seine sexuellen Abenteuer mit Kindern berichtete, in einem Recht: Kinder sind nicht asexuell, sie haben eine kindliche Sexualität, wie auch in dem Film „Die Jagd“ am Anfang deutlich wird. Das Mädchen war nämlich sauer auf den Kindergärtner, weil sie sich von ihm zurückgewiesen fühlte, nachdem sie ihm einen Kuss auf den Mund gegeben hatte.

Man darf die kindliche Sexualität nicht für die eigene Befriedigung ausnutzen. Doch um sich an diese Norm zu halten, ist eine gewisse Persönlichkeitsstärke nötig, die insbesondere junge Männer und Frauen oftmals erst entwickeln müssen. Deswegen sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Kindesmissbrauch ist schlimm. Doch schlimmer sind Mord, Todschlag und schwere Körperverletzung, um Beispiele zu nennen. Bedenken sollte man außerdem, dass wir mit aufgeregten Diskursen rund um den Kindesmissbrauch das objektive Trauma der Opfer noch verstärken und verlängern. Professionelle Aufklärerinnen und Helferinnen sind immer in der Gefahr, die Geschehnisse unnötig zu dramatisieren anstatt sie aufzuarbeiten, woran sie übrigens auch ein wirtschaftliches Interesse haben. Im Übrigen bringt es nichts, wenn wir unseren Nachwuchs im Kindergartenalter überbehüten und (wie die Frauen) in den Himmel heben, um sie dann als Schüler und Teenager sich selbst zu überlassen! Denn auch dann sind sie noch lange nicht über das Gröbste hinaus. Und eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Je mehr die bürgerliche Familie zerfällt, je mehr Alleinerziehende und wechselnde Partnerschaften es gibt, desto mehr Fälle von Kindesmissbrauch wird es geben.

 

 

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