Die nachfolgenden Ausführungen sind eine Zusammenfassung der Überlegungen einiger namhafter Denker, die sich vehement für die Berücksichtigung der Belange nichtmenschlicher Tiere(1) eingesetzt haben bzw. einsetzen.

kuh-labg7024

An dieser Stelle sind insbesondere Gary L. Francione, Mark Rowlands, James Rachels, Richard D. Ryder, Peter Singer, Tom Regan oder Jean-Claude Wolf zu nennen. Das heißt, die im weiteren Verlauf vorgetragenen Argumente (und in Ansätzen auch manches Beispiel) sind bereits seit längerer Zeit bekannt und von besagten Denkern vorgestellt sowie ausführlich diskutiert worden.

Die Bücher, welchen die Argumente entnommen sind, werden im Anhang dieses Aufsatzes noch einmal eigens aufgeführt, ebenso wie im Text selbst einige Zitate daraus untergebracht worden sind. Indes erwuchs die Zusammenstellung der Argumente bzw. die Gestaltung des „roten Fadens“ aus den Überlegungen des Verfassers.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Rassismus, Sexismus und Speziesismus

Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Hautfarbe, ihrer Haarfarbe, ihrer Körpergröße, aufgrund ihres Geschlechtes oder aufgrund irgendeiner anderen biologischen Eigenart gering zu schätzen, zu diskriminieren, ist falsch. Rassismus oder Sexismus sind innerhalb einer aufgeklärten menschlichen Gesellschaft in keiner Weise zu tolerieren. Diese Auffassung dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit von der Mehrheit aller Menschen dieses Landes geteilt werden. Denn weshalb sollte es etwa erlaubt sein, einen Menschen ohne ersichtlichen Grund schlechter zu behandeln, als dies gemäß der in der Gesellschaft geltenden Moral(2) als angängig erachtet wird?

In der Tat lässt sich für eine solche Andersbehandlung keine vernünftige Rechtfertigung anführen, da natürliche Eigenschaften wie Hautfarbe oder Geschlecht an sich keinerlei moralischen Wert haben(3) und weil es keine vernünftigen Gründe gibt, derentwegen diesen Eigenschaften eine Relevanz bei der moralischen Beurteilung eines Menschen zukommen sollte. Nun gibt es zwar in punkto Rassismus und Sexismus einen gesellschaftlichen Konsens, dass Menschen nicht aufgrund natürlicher Eigenschaften diskriminiert, also im Rahmen der Abwägung ihrer und anderer Interessen abgesondert bzw. benachteiligt werden dürfen, da diesen Eigenschaften nicht automatisch bestimmte moralische Werte anhängen. Doch ist es ebenfalls gesellschaftlicher Konsens, dass andere Tiere als der Mensch nicht in dieser Weise vor Diskriminierung geschützt werden können bzw. geschützt werden sollen und zwar anscheinend gerade aufgrund der Tatsache, dass sie sich vom Menschen in erster Linie durch eine natürliche Eigenschaft unterscheiden – sie sind eben keine Menschen.

An dieser Stelle mag dem einen oder anderen Leser etwas mulmig zumute sein. Diskriminierung von Menschen ist moralisch nicht in Ordnung, so viel steht fest, es lässt sich ja in diesem Falle auch verstehen, was der Begriff der „Diskriminierung“ im Zusammenhang mit menschlichem Handeln zu bedeuten hat, schließlich haben alle Menschen ähnliche Grundbedürfnisse und Interessen, deren Schutz entsprechend garantiert werden sollte – und zwar unabhängig von Unterschieden hinsichtlich ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe oder Geschlecht. Aber eine Diskriminierung von Tieren? Kann es so etwas überhaupt geben? Durch welche Eigenarten soll sich eine derartige Diskriminierung auszeichnen? Ist das etwa schon wieder eine Spinnerei völlig weltfremder „Gutmenschen“, die zeigt, wie sehr moralinsaure Geister den Bezug zur Lebenswelt verloren haben? So könnten spontan formulierte Rückfragen an die Person lauten, welche etwas derart „Unsinniges“ zur Diskussion stellt und es wäre durchaus ein Stück weit nachvollziehbar, dass die Idee einer möglichen Diskriminierung von Tieren als reichlich weit hergeholt erscheint, denn schließlich hat noch niemand ernsthaft so etwas behauptet – oder etwa doch?

In der Tat wurde eine schlechte Behandlung nichtmenschlicher Tiere im Laufe der Geschichte der abendländischen Philosophie von den meisten namhaften Denkern als moralisch schlecht eingeschätzt. Zugespitzt hat diese Einschätzung dann schließlich der britische Psychologe Richard D. Ryder im Jahre 1970, als er in Anlehnung an die Begriffe des „Rassismus“ und „Sexismus“ den Begriff des „Speziesismus“ ersonnen hat, um dem massiven Missverhältnis, welches zwischen Menschen und anderen Tieren allenthalben besteht, einen Namen zu geben. Für all diejenigen, welche das Verhältnis des Menschen gegenüber anderen Tieren als ungetrübt und weitgehend gut erachten, sodass sie am liebsten sofort die Idee eines ubiquitären Speziesismus verwerfen möchten, sei zur Erinnerung gesagt, dass es Menschen überall auf der Welt (mit einigen kleineren Einschränkungen hier und dort) gestattet ist, Tiere zu züchten, um sie zu essen, sie zu Kleidung zu verarbeiten, mit ihnen verschiedenste Experimente durchzuführen oder einfach mit ihnen Spaß zu haben, wobei „Spaß“ in diesem Zusammenhang ein sehr dehnbarer Begriff ist, der zwar sowohl so etwas wie Haustierhaltung, aber eben auch so etwas wie die Jagd oder solch „sportliche“ Betätigungen wie den Stierkampf beinhaltet.

Im Rahmen dieses Umgangs des Menschen mit anderen Tieren, den sogenannten „Nutztieren“, sterben nach Schätzung der Food and Agriculture Organization oft the United Nations (FAO) jährlich zwischen 50 und 60 Milliarden (!!) Tiere weltweit allein nur zu Nahrungszwecken(4), wobei aus dieser Schätzung Fische herausgenommen wurden, da Fische nicht nach Stückzahl, sondern nach Fanggewicht erfasst werden; die geschätzte Zahl der jährlich weltweit gefangenen Fischindividuen beläuft sich schätzungsweise auf eine Zahl größer als eine Billion.(5) Millionen von Tieren sterben weltweit in sogenannten Tierversuchen, Millionen von Tieren werden weltweit im Rahmen der Ausübung des „edlen“ Waidmannshandwerks getötet.

Doch trotz dieser unvorstellbaren Zahlen muss freilich die kritische Rückfrage gestattet sein, ob es nicht vielleicht vernünftige Gründe geben könnte, welche eine solche Behandlung nichtmenschlicher Tiere durch des Menschen Hand als moralisch angängig ausweisen und die die Vorstellung einer Speziesdiskriminierung ad absurdum führen. Sollte es gelingen, solche Gründe zu finden, wären die zuvor angeführten Opferzahlen „menschlichen“ Umgangs mit anderen Tieren zwar womöglich etwas irritierend, aber letztlich von nur nachgeordnetem moralischen Interesse; schließlich haben die Menschen der Gegenwart wichtigere Probleme zu lösen, als den Tod nichtmenschlicher Tiere zu beklagen. Oder etwa nicht?

Auf diese Rückfrage so knapp und präzise als möglich zu antworten und die Behauptung, dass es einen weltweit praktizierten, als völlig normal erachteten Speziesismus gebe, zu verteidigen sowie die sich aus diesem Missstand ergebenden moralischen Konsequenzen für das Handeln des Menschen aufzuzeigen, ist die Aufgabe der folgenden Ausführungen. Zu diesem Zwecke ist es zunächst notwendig, den Begriff des „Speziesismus“ inhaltlich etwas anzureichern, d.h. zu zeigen, worin genau die behauptete Diskriminierung nichtmenschlicher Tiere besteht. Um dies besser zu verstehen, ist es sinnvoll, sich ein wenig Klarheit darüber zu verschaffen, wann im zwischenmenschlichen Miteinander von diskriminierendem Verhalten gesprochen werden kann. Es geht hier freilich nicht um die Herausarbeitung sämtlicher Feinheiten dieses Begriffs, sondern vielmehr darum, wesentliche Merkmale von Handlungen, die als diskriminierend angesehen werden, herauszustellen.

Wenn man behauptet, dass Menschen Opfer von Diskriminierung sind, behauptet man in erster Linie, dass die Interessen dieser Menschen aufgrund moralisch irrelevanter Eigenarten (Hautfarbe, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit etc.) systematisch geringgeschätzt oder gar vollständig missachtet werden. So ist die Behandlung der aus Afrika entführten Menschen, die in Amerika oder Europa als Sklaven behandelt worden sind, ein Exempel drastischer Diskriminierung, denn elementare Interessen dieser Menschen – etwa ein freies Leben führen sowie körperlich unversehrt bleiben zu können – wurden unter anderem aufgrund der Tatsache, dass sie eine andere Hautfarbe als der typische Europäer oder Nordamerikaner hatten, systematisch missachtet, obschon die Hautfarbe als Kriterium für die moralische Berücksichtigung von Interessen eines Individuums keinerlei Relevanz besitzt. Denn was soll die Hautfarbe eines Menschen mit dem Interesse desselben Menschen an einem selbstbestimmten und freien Leben zu tun haben?

Die Antwort auf diese Frage ist schnell gegeben: Hautfarbe und Freiheitsinteresse haben, moralisch betrachtet, nicht das Geringste miteinander zu tun. Das Interesse, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, ist definitiv als stärker einzuschätzen als das Interesse eines Rassisten, Menschen anderer ethnischer Zugehörigkeit oder anderer Hautfarbe als sein Eigentum behandeln zu dürfen. Zum einen ist dieses Freiheitsinteresse elementar für einen Menschen, d.h. die Erfüllung desselben ist für die Realisierung eines angemessenen menschlichen Lebens notwendig, im Unterschied zur Erfüllung des rassistischen Interesses, Menschen anderer ethnischer Zugehörigkeit oder Menschen mit anderer Hautfarbe als Eigentum besitzen zu können. Zum anderen würde die Behandlung eines Menschen als Eigentum bedeuten, dass die Interessen dieses Eigentums gar nichts mehr wert sind, da Eigentum qua Definition keine Interessen hat, welche prinzipiell stärker sein könnten als die Nutzungsinteressen des Eigentümers.(6)

Wenn nun der Kern diskriminierenden Verhaltens im zwischenmenschlichen Miteinander in der unangemessenen Vernachlässigung elementarer Interessen eines Menschen besteht, dann ist zu überlegen, ob es eine solche Vernachlässigung elementarer Interessen nicht auch im Verhältnis des Menschen gegenüber nichtmenschlichen Tieren geben könnte. Und tatsächlich gibt es genügend Lebewesen, welche elementare Interessen – wie etwa das Interesse, frei und körperlich unversehrt zu sein – in ähnlicher Weise haben, wie Menschen auch, nämlich all die Lebewesen, welche Bewusstsein haben und elementare Empfindungen wie Schmerz oder Freude zu empfinden imstande sind; denn aufgrund dieser bewussten Empfindungsfähigkeit haben nämliche Lebewesen mindestens das elementare Interesse daran, keine unnötigen Schmerzen empfinden zu müssen und womöglich gar das Interesse, nicht zu sterben.(7)

In jedem Falle gehören die Tiere, welche weltweit zahlenmäßig am häufigsten zu Nahrungszwecken getötet werden (z.B. Hühner, Schweine, Kühe) in die Gruppe der Lebewesen, die solche elementaren Interessen haben können. Auf der Basis dieser Tatsache lässt sich nun konstatieren, dass die Menschen, betrachtet man die oben skizzierte Umgangspraxis, welche sie mit anderen Tieren „pflegen“, vergleichbare elementare Interessen von Menschen und anderen Tieren (Freiheit, körperliche Unversehrtheit etc.) ungleich behandeln bzw. berücksichtigen – und zwar zu Ungunsten der Nichtmenschen –, weil diese anderen Tiere keine Menschen sind. Auf diese Weise begehen die Menschen, welche nichtmenschliche Tiere für ihre Zwecke nutzen, d.h. sie als ihr Eigentum behandeln, denselben moralischen Denkfehler, welcher zuvor bereits dem Rassisten unterlaufen ist. Dieser Fehler besteht in beiden Fällen darin, eine ungleiche Behandlung von prinzipiell vergleichbaren oder gar gleichen elementaren Interessen vorzunehmen.(8) Und eben das ist es auch, was der bekannte Philosoph Peter Singer unter dem Begriff des „Speziesismus“ versteht, wie folgendes Zitat belegt:

Die Rassisten verletzen das Prinzip der Gleichheit, indem sie in Interessenkonflikten zwischen Mitgliedern der eigenen und einer anderen Rasse die Interessen der Mitglieder ihrer eigenen Rasse stärker gewichten. Sexisten verletzen das Prinzip der Gleichheit, indem sie die Interessen des eigenen Geschlechts bevorzugen. Und genauso räumen Speziesisten den Interessen der eigenen Spezies Vorrang ein vor den stärkeren Interessen von Mitgliedern anderer Spezies. Das Muster ist in jedem dieser Fälle dasselbe.“(9)

Nun mag an dieser Stelle vonseiten des ein oder anderen Skeptikers nachgehakt werden: Weshalb bitte soll denn die unterschiedliche moralische Bewertung ähnlicher oder gleicher elementarer, lebensnotwendiger Interessen so schlimm sein? Auch auf diese Frage lässt sich jedoch eine angemessene Antwort formulieren. Indem nämlich jemand eine unterschiedliche moralische Bewertung bzw. Behandlung gleicher oder ähnlicher elementarer Interessen vornimmt, und diese unterschiedliche Behandlung durch das Vorhandensein weiterer, moralisch relevanter Eigenschaften nicht legitimieren kann, so verstößt diese Person gegen ein fundamentales, in seiner Bedeutung kaum zu unterschätzendes Moralprinzip, das von den meisten Denkern, die je über Moral nachgedacht haben, als unumstrittenes Kriterium für den moralisch richtigen Umgang mit anderen Menschen angesehen wurde(10); kurz, die betreffende Person verstößt gegen das sogenannte Gleichheitsprinzip.

Das Gleichheitsprinzip und seine Anwendung

Dieses Prinzip besagt im Wesentlichen, dass eine unterschiedliche Behandlung von Interessen nur dann legitim ist, wenn es moralisch relevante Unterschiede zwischen den Trägern der zur Debatte stehenden Interessen gibt, wobei die besagten Unterschiede auch in direktem Bezug zu den Interessen stehen müssen. Der Philosoph James Rachels drückt dies wie folgt aus:

Individuen sind in derselben Weise zu behandeln, es sei denn, es gibt relevante Unterschiede zwischen ihnen, die eine unterschiedliche Behandlung rechtfertigen.“(11) (Übersetzung vom Verfasser)

Ein Beispiel mag das eben Angeführte verdeutlichen:

Man stelle sich vor, es gilt abzuwägen, ob es wohl moralisch erlaubt sei, eine Kuh zu töten, weil ein Mensch Lust darauf hat, ihr Fleisch zu essen. Auf der einen Seite steht das Interesse des Menschen, Fleisch zu essen, weil es ihm schmeckt. Um des Beispiels willen nehme man an, die vorgestellte Person lebe in einer der modernen Industrienationen, wo es mannigfache Möglichkeiten gibt, sich fleischlos zu ernähren.(12) Da für diesen so vorgestellten Menschen also keine Lebens-Notwendigkeit besteht, die Kuh zu töten, um Teile ihres Leichnams zu essen, ist der einzige Rechtfertigungsgrund für die Tötung der Kuh die Lust am Verzehr bzw. am Geschmack ihrer Leichenteile; das dahinter stehende Interesse, sich mit dem Fleisch der Kuh zu ernähren, wäre also ein Luxusinteresse, welches auch durch den Verzehr von pflanzlichen Nahrungsmitteln ausreichend befriedigt werden könnte. Die Kuh müsste also mitnichten sterben, da das Leben des Menschen nicht ernsthaft durch den Hungertod bedroht wäre. Auf der anderen Seite stehen die Interessen der Kuh, am Leben zu bleiben und keine unnötigen Schmerzen zu empfinden. Diese Interessen sind elementar, d.h. sie betreffen das Leben der Kuh in ganz grundlegender Weise – werden also diese Interessen der Kuh nicht erfüllt, verlöre die Kuh ihr Leben oder müsste selbiges unter oftmals unzumutbaren Bedingungen fristen.

Bereits diese Gegenüberstellung der Interessen von Mensch und Kuh zeigt, dass hier Luxusinteressen auf der einen gegen elementare Interessen auf der anderen Seite abgewogen werden müssen und schon an dieser Stelle des Gedankengangs drängt sich der Verdacht auf, dass die Erfüllung von Luxusinteressen des Menschen als moralisch weniger relevant eingestuft werden müsste als die Erfüllung der elementaren Interessen der Kuh. Dieser Verdacht lässt sich noch erhärten, wenn man bedenkt, dass die elementaren Interessen zu leben und körperlich unversehrt zu sein zu den stärksten moralischen Interessen des Menschen gehören, welche für gewöhnlich im Bereich der zwischenmenschlichen Interessenabwägung immer höher gewichtet werden als etwaige Luxusinteressen anderer Menschen, deren Erfüllung die elementaren Interessen eines jeden Menschen massiv negativ beeinträchtigen würden.

Wendet man nun das Gleichheitsprinzip auf diese hypothetische Situation an, so zeigt sich, dass gleich gewichtige Interessen des Menschen und der Kuh – nämlich zu leben und verschont zu werden von unnötigem Schmerz – genau dann unterschiedlich behandelt werden, wenn man diese Interessen im Falle eines zwischenmenschlichen Interessenkonflikts (also gleichsam Mensch gegen Mensch) stärker als dagegenstehende Luxusinteressen gewichtet, im Falle eines Interessenkonflikts zwischen Menschen und empfindungsfähigen nichtmenschlichen Tieren (also Mensch gegen Tier) jedoch als weniger relevant bewertet als die dagegenstehenden Luxusinteressen. Will man konsequent bleiben, dann müsste man nun entweder gutheißen, dass elementare Interessen des Menschen schwächer gewichtet werden als Luxusinteressen einiger anderer Menschen – das möchte freilich niemand – oder man müsste zugestehen, dass die elementaren Interessen nichtmenschlicher Tiere (sofern sie mit den entsprechenden elementaren Interessen auf menschlicher Seite vergleichbar sind, wie beispielsweise das Interesse, nicht unnötig Schmerzen empfinden zu müssen) in der Weise berücksichtigt und gewichtet werden, als wären es menschliche Interessen.

Der einzige erkennbare Unterschied zwischen den im vorangegangenen Beispiel genannten Individuen, deren Interessen abgewogen werden sollten, besteht darin, dass ein Individuum ein Mensch, das andere Individuum eine Kuh ist. Die abzuwägenden Interessen jedoch waren bei beiden Individuen dieselben. In Ansehung des Gleichheitsprinzips müssen gleiche oder ähnliche Interessen gleich oder ähnlich berücksichtigt werden, es sei denn, es gäbe einen moralisch relevanten Unterschied, der eine unterschiedliche Behandlung der Interessen der Individuen rechtfertigen könnte. Wie gesehen wäre die einzige Eigenschaft, welche einen moralischen Unterschied markieren könnte, der wiederum eine unterschiedliche Bewertung der Interessen von Mensch und Kuh zuließe, die Spezieszugehörigkeit. Diese aber ist an sich als bloßes biologisches Faktum ebenso wenig moralisch bedeutsam wie andere biologische Eigenarten (Hautfarbe, Geschlecht etc.). Daraus wiederum folgt, dass wenn man etwa das elementare Interesse des Menschen, nicht unnötig Schmerzen empfinden zu müssen, so stark berücksichtigt, dass es gegenüber schwächeren Interessen anderer Menschen in nahezu jeder Abwägung siegreich bliebe, man auch die hinsichtlich ihrer Wichtigkeit vergleichbaren Interessen nichtmenschlicher Tiere in eben solcher Weise zu berücksichtigen hätte. Und aus dieser Feststellung folgt jetzt, dass die Kuh in dem oben skizzierten Beispiel nicht getötet werden dürfte, um das Luxusinteresse des Menschen (Geschmack des Fleisches bereitet Lust) zu befriedigen.

Die Tötung der Kuh (und damit die Geringschätzung ihrer elementaren Interessen) wäre allenfalls dann gerechtfertigt, wenn das Leben des Menschen akut gefährdet wäre und er ohne diese Tötung womöglich verhungern könnte. In einem solchen Falle aber handelt es sich um eine Notsituation, welche nicht als Beispiel für das alltägliche Handeln des Menschen herangezogen werden darf, da sie als Notsituation eben eine Ausnahme darstellt, im Rahmen derer unter anderem auch im zwischenmenschlichen Bereich Interessen auf gegebenenfalls ungewöhnliche Art und Weise abgewogen werden.(13)

Der eben dargelegte Gedankengang zeigt, dass die ungleiche Behandlung von prinzipiell vergleichbaren elementaren Interessen von Menschen und anderen Tieren, mit der Begründung, es handle sich bei den geringer gewichteten Interessen um nichtmenschliche Interessen, tatsächlich eine Diskriminierung nichtmenschlicher Tiere darstellt und zu Recht als Ausdruck des Speziesismus angesehen werden darf.

Ende des ersten Teils

Anmerkungen

(1) Im weiteren Verlauf wird, so möglich und passend, der Ausdruck „nichtmenschliche Tiere“ anstelle des Begriffs „Tier“ verwendet. Damit soll in Erinnerung gerufen werden, dass der Mensch biologisch betrachtet auch ein Tier ist, das mit vielen anderen Tieren mehr Gemeinsamkeiten teilt, als es ihm womöglich bewusst ist. Die in der Umgangssprache übliche Redeweise von „dem Menschen“ und „den Tieren“ ist nicht nur unpräzise – immerhin werden unter dem Begriff „Tier“ so unterschiedliche Spezies wie Wale, Menschenaffen oder Elefanten auf der einen und Schnecken, Würmer oder Wanzen auf der anderen Seite subsumiert –, sondern überdies auch noch insofern problematisch, als dass dadurch auf subtile, kaum merkliche Weise nahegelegt wird, dass es hinsichtlich der Behandlung von Menschen und anderen Tieren fundamentale Wertunterschiede geben müsse, die wiederum eine unterschiedliche Behandlung grundsätzlich erforderlich machen.
(2) Unter dem Begriff der „Moral“ werden in der Folge die in einer Gesellschaft geltenden Normen und Werte verstanden, die ein Mensch realisieren sollte, möchte er ein nach Maßgabe kritisch-vernünftigen Denkens guter Mensch sein. Moral regelt demnach das Zusammenleben von Menschen, indem sie vorgibt, was richtig bzw. wichtig im Sinne der Verwirklichung von Menschlichkeit ist. Auf dieser Weise bilden moralische Regeln und Wertvorstellungen auch die Basis einer Gesetzgebung.
(3) Es stellt mithin kein Verdienst dar, Mann oder Frau zu sein bzw. eine helle oder eine dunkle Hautfarbe zu haben.
(4) Die entsprechenden Zahlen sind den Statistiken der Food and Agriculture Organization oft he United Nations zu entnehmen, man sehe dazu folgende Internetpräsenz der FAO – http://kids.fao.org/glipha/
(5) Man sehe dazu insbesondere auf folgender Internetpräsenz nach – http://fishcount.org.uk/fish-count-estimates#farmedestimate
(6) Der amerikanische Tierrechtsadvokat Gary L. Francione hebt hervor, dass insbesondere der Eigentumsstatus eines Lebewesens dazu führt, dass dessen Interessen nicht mehr angemessen beachtet und in der Regel stets weniger berücksichtigt werden als die Interessen des Eigentümers an der Nutzung seines Eigentums. Man sehe hierzu beispielsweise Franciones Buch Animals as Persons – Essays on the Abolition of Animal Exploitation, S. 46 ff. Weiter unten im Text wird diese Idee Franciones noch einmal etwas genauer betrachtet. Auf die Nähe von Sklaverei und Speziesismus hat neben Gary L. Francione unter anderem auch der amerikanische Jurist und Tierrechtler Steven M. Wise mehrfach hingewiesen, man sehe hierzu etwa dessen Buch Drawing the Line – Science and the Case for Animal Rights, Kapitel 2.    
(7) Denn selbst wenn viele Tiere nicht verstehen können, was der Tod für sie bedeutet und sie deshalb ihr Leben nicht in der Weise wertschätzen können, wie dies viele Menschen vermögen, so könnte auf zweierlei verwiesen werden: Zum einen gibt es auch Menschen, die über kein Verständnis des Todes verfügen – kleine Säuglinge sind beispielsweise an dieser Stelle zu nennen – bezüglich deren jedoch kaum jemand zu behaupten bereit wäre, dass man sie deshalb bedenkenlos töten dürfte. Zum anderen könnte man mit dem Philosophen Jean-Claude Wolf sagen, dass es gar nicht notwendig sei, zu verstehen, was der Tod für das Leben eines Individuums bedeute, sondern dass es ausreiche, wenn ein Lebewesen einen Bewusstseinsstrom habe, welcher durch den Tod unterbrochen würde. (Man sehe dafür Jean-Claude Wolf: Tierethik, S. 76 f.) Sobald ein Lebewesen lebt, ist das Am-Leben-bleiben Bedingung der Möglichkeit dafür, Dinge zu erleben, Interessen zu entwickeln etc. Mit dem Tod verschwindet diese Bedingung und mit ihr alles, was in irgendeiner Form wertgeschätzt werden kann, sodass der Tod eines Lebewesen, das sich der Bedeutung des Todes bewusst ist und der Tod eines Lebewesens, das sich dieser Bedeutung nicht bewusst ist, insofern gleicht, als beide Wesen alles verlieren, was in irgendeiner Weise von Wert für sie war. Wer stirbt, verliert alles und es gibt keine qualitative Feinunterscheidung dieses „Alles“, welche es erlauben würde, zu sagen, dass ein Lebewesen, das ein Verständnis des Todes hat, mehr verlieren würde als ein Lebewesen, das dieses Verständnis nicht hat.   
(8) In der Geschichte der abendländischen Philosophie gab es zwar einige Denker – allen voran ist hier der berühmte Philosoph René Descartes zu nennen –, welche nichtmenschlichen Tieren die Fähigkeit abgesprochen haben, überhaupt etwas bewusst zu empfinden, was es ihnen erlaubte, zu behaupten, diese Lebewesen hätten gar keine Interessen, welche man als Mensch verletzen könnte, weshalb die Nutzung anderer Tiere zu allen nur denkbaren Zwecken moralisch völlig unproblematisch wäre. Gemäß dieser Annahme würde selbst der schlimmste Sadist beispielsweise einem Hund moralisch kein Unrecht tun, wenn er ihn quälte und misshandelte, da dieser Hund, unbeschadet seines Gebells, ja gar nichts bewusst empfinden und somit kein Interesse an Schmerzfreiheit anmelden könnte. Diese Sicht Descartes‘ lässt sich glücklicherweise mit Verweis auf die mannigfachen Ähnlichkeiten zwischen Menschen und anderen Tieren hinsichtlich ihrer Physiologie, ihrer Genetik sowie ihres Verhaltens in bedrohlichen Situationen recht gut entkräften.
(9) Peter Singer: Animal Liberation – Die Befreiung der Tiere, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 38.
(10) Mark Rowlands führt die Gründe hierfür detaillierter in seinem Buch Animals like us aus; man sehe dort etwa S. 34 ff.
(11) James Rachels: Created from Animals – The Moral Implications from Darwinism, S. 176.
(12) Mittlerweile bestätigen auch immer mehr Ernährungswissenschaftler, dass eine ausgewogene vegetarische und vegane Ernährung für die Gesunderhaltung des menschlichen Organismus in jedem Lebensstadium eine angemessene Variante der Nährstoffversorgung ist. Mit anderen Worten: Als Vegetarier oder als Veganer kann der Mensch, vor allem dann, wenn er in den modernen Industrienationen lebt, sich problemlos gesund ernähren. Man sehe dazu beispielsweise das Positionspapier der American Dietetic Association (dies ist die weltweit größte Gesellschaft von Ernährungswissenschaftlern) aus dem Jahre 2003 (Neuauflage aus dem Jahre 2009): http://www.vebu.de/files/ADA_position_paper_2009.pdf
(13) Ein typisches Beispiel wäre etwa die unterschiedliche Behandlung von Männern auf der einen sowie Frauen und Kindern auf der anderen Seite im Falle eines Schiffsunglücks. Frauen und Kinder würden in einer solchen Ausnahmesituation sicherlich bevorzugt Plätze in den zur Verfügung stehenden Rettungsbooten bekommen, zumindest müssten Männer länger auf die Besetzung der Rettungsboote warten. Auf der Basis dieser Ausnahmesituation lässt sich jedoch nicht rechtfertigen, dass Männer im Alltag gegenüber Frauen und Kindern benachteiligt werden dürften.

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Weitere Beiträge

WHO: Gesundheitsprävention auf Abwegen


Die Weltgesundheitsorganisation will Alkohol, Fastfood oder Süßwaren nun ähnlich zu Leibe rücken wie dem Tabak. Der Präventionsexperte und Medizinprofessor Romano Grieshaber kritisiert dies als freiheitsfeindlichen Irrweg und plädiert für rationale Gesundheitsförderung.
Die WHO hat das Kriegsbeil nun auch gegen die Nahrungs- und Genussmittelindustrie ausgegraben. So sagte Margaret Chan,...

Hatr.org: „Antifeministische hate speech“ unter der Lupe



In letzter Zeit wurde Feminismuskritikern immer wieder der Vorwurf der "hate speech" gemacht. Dabei handelt es sich einer Definition der Wikipedia zufolge um "sprachliche Ausdrucksweisen, die zur Ausgrenzung oder Benachteiligung von bestimmten Personen oder Personengruppen, oder sogar zur Gewalt gegen diese, anreizen sollen". Eine bekannte Website, auf der Feministinnen derartige Fälle von...

Prostitution: Ein Beruf wie jeder andere


In der Kontroverse um eine Verschärfung des Prostitutionsgesetzes werden Sexarbeiterinnen mit fragwürdigen Argumenten pauschal als Opfer abstempelt. Novo-Redaktionsleiter Johannes Richardt fordert stattdessen, die Prostitution konsequent zu legalisieren.
Der Konflikt um die Prostitution ist wohl so alt wie das Gewerbe selbst. In ihm spiegeln sich gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen...

Beschneidung von Jungen: Fragen und Antworten zu einem politischen Tabuthema


Im Jahr 2010 wurde ein Gesetzentwurf zur härteren Bestrafung der Beschneidung von Mädchen im Bundestag beraten. Dies war Anlass für Personen und Organisationen, die sich ernsthaft für die Interessen und Anliegen von Jungen einsetzen, Petitionen einzureichen, die die Beschneidung von Jungen thematisierten.
Die Antworten der Bundesregierung zeigten eine erschreckende Ignoranz gegenüber den Fakten zur...

„Gender“-Theorie?


In der österrechichen Zeitung „Der Standard“ gelangt man, wenn man in der Suchfunktion „gender“ eingibt, auf eine feministische Seite, die sich „Die Standard“ nennt.
So wird man gleich eingestimmt auf das Niveau, das einen hier erwartet. Ich greife unter den verschiedenen Beiträgen den von Sonja Fercher mit dem Titel „Der Kampf gegen das ´andere Geschlecht´“ heraus.
 

Pirinçci-Debatte: Jedes Wunder dauert nur drei Tage

16. Mai 2014 von Prof. Adorján F. Kovács
Wie der Ablauf in einem auf Sensationen getrimmten Medienzirkus nun einmal so ist, wird es um Akif Pirinçcis Buch „Deutschland von Sinnen“ langsam ruhiger. Dies kann man auch der Webseite entnehmen, die dem Buch selbst gewidmet ist (die 200 Zuhörer bei der Bonner Autorenlesung waren vielleicht auch nicht der erwartete Andrang).
Es lief insgesamt wieder...

Politische Sprachkorrektheit: Krieg der Sterne in Kanada


Was ist passiert? Ein Professor in Toronto, der sich weigert, gendergerechte Pronomen zu verwenden, wurde von Google und von Youtube gesperrt. So berichtet es ‚The Daily Caller'. Professor Jordan B. Peterson - um ihn geht es - dachte zunächst, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Keineswegs. Es war kein Versehen. Nun war es passiert: Das Imperium hatte zurückgeschlagen. Wir befinden uns...