16. Mai 2014 von Prof. Adorján F. Kovács

Wie der Ablauf in einem auf Sensationen getrimmten Medienzirkus nun einmal so ist, wird es um Akif Pirinçcis Buch „Deutschland von Sinnen“ langsam ruhiger. Dies kann man auch der Webseite entnehmen, die dem Buch selbst gewidmet ist (die 200 Zuhörer bei der Bonner Autorenlesung waren vielleicht auch nicht der erwartete Andrang).

pirincci-cqbn98xq8xqp

Es lief insgesamt wieder einmal so wie immer: Nach einer wie abgesprochen in aller Kürze durchgezogenen konzertierten Verurteilung durch die sogenannten „Leitmedien“, natürlich ohne auch nur ansatzweise auf den Inhalt des Werks einzugehen oder ihn gar zu diskutieren, folgt jetzt Stufe zwei: das komplette Verschweigen.

Die Einhelligkeit und Undifferenziertheit der „Besprechungen“ waren eine glänzende Bestätigung für Pirinçcis These von der „links-grün versifften“ Medienlandschaft. Der Übergang zur Tagesordnung bedeutete typischerweise eine weitere Bestätigung, in diesem Fall des Untertitels von Pirinçcis Buch, nämlich des „Kults“ um eine Minderheit mit der medialen Feier des Siegs der bärtigen Dragqueen Conchita Wurst alias Thomas Neuwirth beim ESC. Interessant in diesem Zusammenhang ist nicht der Erfolg des gut gesungenen Titels, sondern die Tatsache, dass die musikalische Leistung vollkommen nebensächlich war, obwohl sie die Hauptsache bei einem Liederwettbewerb sein sollte. Jedenfalls ist medial von nichts Anderem als von „Toleranz“ und „Antidiskriminierung“ die Rede; dabei ist speziell der künstlerische Sektor seit jeher bekannt für seine Offenheit – insofern ist der Auftritt gerade in dieser Hinsicht nichts Besonderes. Jede Kirmes-, Varieté- und Tingeltangelveranstaltung war da schon weiter. Der Unterschied ist rein quantitativ.

deutsche-befindlichkeiten Das alles deckt sich mit anderen Befunden. So ist ein deutscher „Tatort“-Krimi schon längst nicht mehr in erster Linie eine spannende Kriminalgeschichte, sondern eine der Volksbelehrung (vulgo Propaganda) dienende Sendung, wie u. a. die am Ende jeweils eingeblendeten „Diskussionsangebote“ zeigen. Oft kommt Günther Jauch direkt danach mit einer Runde exakt zum Thema des „Tatorts“. Information? Für diesen edlen Begriff sind die Sendungen meist zu einseitig. Wie auch immer: Diese Instrumentalisierung ist natürlich der Tod jeder Kunst. Aber die „Kunstschaffenden“, in diesem Fall Herr Neuwirth und die Drehbuchautoren und Regisseure der „Tatort“-Krimis, haben offensichtlich keinen diesbezüglichen Ehrgeiz mehr. Kann es sein, dass bei dieser Selbstaufgabe der nimmer endende Geldfluss aus den öffentlichen Fördertöpfen eine Rolle spielt, wie Pirinçci vermutet?

Ein ungarisches Sprichwort sagt: Jedes Wunder dauert nur drei Tage. Mit dieser gewissermaßen naturgemäßen und heute zudem noch politisch verstärkten Lethargie rechnen diejenigen, die jede Kritik ihres Kurses als „reaktionär“ beschimpfen, obwohl es in Wahrheit um eine Änderung der Vorwärts-Richtung geht. Das musste man den Linken immer schon lassen: Mit Agitation und Propaganda kennen sie sich aus. Was kann unter diesen Umständen der subkutane Effekt, die Langzeit- und Tiefenwirkung eines Buchs wie „Deutschland von Sinnen“ sein? Der Autor bezeichnet es ja als Sachbuch und hat sicherlich eine aufrüttelnde Wirkung beabsichtigt. Kann ein Buch politisch etwas ändern? Das soll schon vorgekommen sein und dieses  steht ja nicht allein. An Publikationen, die auf eine ruhigere Weise in eine ähnliche Richtung argumentieren, fehlt es nicht, doch auch sie konnten nur für eine kurze Zeit die Aufmerksamkeit binden. Dann versanken sie in der Flut der Neuerscheinungen.

Was fehlt, ist eine organisatorische Bündelung der Interessen. Hatte Lenin recht, als er davon sprach, dass die “Masse” kein “Bewußtsein” hat und nur eine “Avantgardepartei” in Vertretung der “bewußtlosen Masse” handeln kann? So sicher nicht, den in einer Demokratie muss eine Partei, um handeln zu können, erst gewählt werden. In Ungarn ist das geschehen: Eine von kommunistischen Wendehälsen und Cliquen scheinbar hoffnungslos durchsetzte Presse, Verwaltung und Justiz konnte reformiert werden. Ob dabei über das Ziel hinausgeschossen wurde, wird die Zukunft zeigen. Wenigstens eines hat die erneute Wahl des Fidesz und Orbáns gebracht: Die Linke hat endlich in weiser Selbsterkenntnis begriffen, dass vor allem sie selbst an ihrem Desaster schuld hat. Deutschland ist noch weit davon entfernt, dass auch hierzulande die linke Selbstkritik ein solches Niveau erreicht. Akif Pirinçcis Buch wird wie seine Vorgänger folgenlos bleiben, wenn nicht bei Wahlen an scheinbar unveränderlichen Mehrheiten gerüttelt wird.

 

Weitere Beiträge

Neues Antimännerlied von Udo Jürgens in „Wetten, dass...?“


Er wolle Kritik am eigenen Geschlecht üben, rechtfertigt Udo Jürgens sein neuestes Männer-sind-Schuld-Lied, das er in der „Wetten, dass…?“-Sendung aus Düsseldorf vom 22. Februar darbot.
Bundesarchiv, Bild 183-1987-0302-032 / CC-BY-SA 3.0
Da aber Udo Jürgens ein alter Hase im Showbiz ist, weiß er vor allem, wie man Profit macht. Mit „Der Mann ist das Problem – er ist der Fehler im System“ biedert er...

Medien, Zensur und Manipulation 2020

Ein Blick zurück im Zorn
Demokratie und Meinungsfreiheit sind in Gefahr wie nie zuvor. Aktivisten und Lobbygruppen, Politiker und Journalisten versuchten auch im vergangenen Jahr wieder, die Deutungshoheit zu erringen und Kritiker mundtot zu machen.
 

Sind Meinungsfreiheit und Debattenkultur an deutschen Hochschulen gefährdet?

Der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt wurde von der Uni Frankfurt als Redner ein- und wieder ausgeladen, weil er nicht ins politisch-korrekte Weltbild passte. Wendt ist kein Einzelfall - wie steht es um die Demokratie an deutschen Hochschulen? Diese Frage stellte auch 3-Sat Kulturzeit am 23. Januar. 
Ich bin nach meiner Abberufung als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar von einigen...

Offener Brief an Cordt Schnibben, DER SPIEGEL


Einige meiner Leser haben die Bitte des SPIEGEL-Redakteurs Cordt Schnibben, ihnen über ihre Erfahrungen mit dem Niedergang des deutschen Journalismus zu schreiben, nicht nur erfüllt, sondern auch mich ins CC gesetzt. Einen dieser Briefe veröffentliche ich nach Rücksprache mit dem Verfasser gerne hier als Offenen Brief an den SPIEGEL.
Dass immer mehr Journalisten zu Ideologen werden und ihnen dabei...

Wie unsere Presse zum korrupten Desinformationsorgan verkommt


Presse und Rundfunk erleiden gerade einen dramatischen Qualitätssturz.
Es gab mal eine Zeit, in der verstanden sich Journalisten als welche, die untersuchen, aufdecken, konfrontieren, überprüfen. Die nichts glauben, die nichts abschreiben, sondern der Sache auf den Grund gehen. Diese Journalisten gibt es (fast) nicht mehr.
Immer stärker werden die Medien von einem neuen Typus von Journalisten...

Moralfaschismus als Zeichen der Unsicherheit

Über Weltverbesserer, Optimierer und Moralisierer
"Weltverbesserer". Ein Wort, das so viel Hoffnung in sich birgt. Der Wunsch, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer wünscht sich das nicht? Gerade in diesen unsicheren Zeiten. Die Welt scheint so verletzlich zu sein. Terroranschläge erschüttern die Menschen rund um den Globus. Große Machthaber machen aus der Politik eine Art...

Sexismus: Die Lobby der jammernden Talkshowfeministinnen


In Zeiten des politisch-korrekten Puritanismus kommen Männer schon in Teufels Küche, wenn sie über Frauenkörper nur sprechen. Der unklare Begriff der sexuellen Belästigung und Harmonie um jeden Preis führen zu einer Kultur des Jammerns, meint Sabine Beppler-Spahl.
„Einmal war ich mit einer fanatischen Frauenrechtlerin im Fernsehen. Sie sagte, wie schrecklich es sei, dass Frauen Sexobjekte sind. Ich...

Wenn man politischen Gegnern das Menschsein abspricht


Jemand schreibt einen unverzeihlichen Blödsinn und erhält dann auch noch Publicity. Da muss man nicht mitmachen. Lassen wir also Namen beiseite und konzentrieren wir uns auf Fakten. Und nein, ich meine nicht Sarrazin, dessen Bücher und Thesen mir ziemlich gleichgültig sind. Aber er hat den Anlass geliefert.
Eine Journalistin schreibt u. a. Kolumnen bei der FR und bei der „Berliner Zeitung“. Seit...