Facetten der Selbsttötung

Es ist schon eine Weile her. Eigentlich schon ziemlich lange sogar. Unter dem Titel „Abschied aus Einsicht“ – damals ohne Fragezeichen – veröffentlichte die „Basler Zeitung“ am 18. Oktober 1980 einen Artikel von mir zur Fragestellung von Selbsttötung/Freitod/Selbstmord.

Verzweiflung-lopn7863 Der Text erschien noch vor dem Zeitalter der Digitalisierung, ist also nicht im Internet nachzulesen; insofern zunächst einmal die Fakten. Anlass zu diesem Text damals war eine Häufung von Selbsttötungen in meiner Nähe:

Ein Freund in Paris, mit dem ich ein Buch publiziert hatte; ein Kollege aus Berlin, in der 68er Bewegung aktiv; ein weiterer Kollege aus Paris – er stieg mit all seinen Werken, die er in seinem vierzigjährigen Leben verfasst hatte auf ein Hochhaus und stürzte sich, die Bücher vor sein Herz gepresst, hinunter; eine Studentin aus meinem Lieblingsseminar, ein Freund aus der Romandie. Es war wie eine Epidemie, und es unterschied sich von Suiziden, wie ich sie bis anhin wahr genommen hatte. Ich schrieb damals:

„Im Falle meiner Bekannten und Freunde irritiert mich (...) eine Dimension (...), die mir zunehmend neu erscheint. Keiner von ihnen war in besonderem Masse neurotisch, keiner auch nur im Ansatz psychotisch oder depressiv; keine der Etiketten und Stigmata der Psychiatrie passte auf sie. Keiner von ihnen war existenz-untüchtig im Sinne, dass er/sie in diesem Leben nichts erreicht oder gemacht hätte; keiner, von dem ich sagen könnte, dass er an diesem Leben keinen Spass gehabt hätte (...). Keiner von ihnen war kontaktunfähig; im Gegenteil. (...) Keiner war krank“.

Was war es also? Das hat mich damals sehr beschäftigt. Vielleicht muss man eine solche Verkettung von Ereignissen einfach akzeptieren - als zum Leben gehörend. Dazu fehlten mir seinerzeit Nachsicht und Milde. Wahrscheinlich hat mich auch die Angst bewegt, ich könnte selber in eine Grenzsituation geraten, in der die Frage nach dem Leben mit der Entscheidung zum Tod beantwortet wird. Ich suchte also Antworten und fand einen gemeinsamen Nenner: „Diese phantastischen Menschen haben es in der Gesellschaft, unter uns, nicht mehr ausgehalten“. Die Gründe waren vielfältig: vergeblicher Pazifismus, verlorener Kampf gegen den Rassismus, hilflose Sozialarbeit undsoweiter.

Die These war also, dass es neben ich-pathologischen Gründen, die zum Suizid führen, auch sozio-pathologische gibt. In der Sprache von damals:

„Die Gesellschaft, die sie verbessern wollten, liess ihre Hoffnungen und Aktivitäten brutal scheitern, erwies sich als der heisse Stein, den kein verändernder Tropfen wirklich abzukühlen vermag. Ihr Kampf erschien ihnen dann plötzlich aussichtslos und mit der Konsequenz, die ihrem ganzen Leben eigen war, setzten sie den Schlusspunkt: ein Abschied aus Einsicht“.

Anfangs der achtziger Jahre galt dies als doppelter Tabubruch. Über dem Suizid im allgemeinen lag gesellschaftliches Schweigen, und, wenn er denn thematisiert wurde - so etwa in der Fachliteratur - war der Suizidant selber schuld an seinem Schicksal. Das mag zu einem Teil erklären, warum im Herbst 1980 eine riesige Debatte in der „Basler Zeitung“ entstand, die die Redaktion dann am 20. Dezember abbrach – aus Rücksicht darauf, dass Weihnachtszeit und Jahreswechsel Hochzeiten von Selbsttötungen sind. Ganze Zeitungsseiten von Leserbriefen wurden veröffentlicht, die Prominenz der Basler Intelligentsia äusserte sich – Hans Saner etwa, August E. Hohler, Arnold Künzli. Öffentliche Veranstaltungen wurden durchgeführt. Schliesslich griff die Diskussion auf die ganze Schweiz über, und auch das „Magazin“ in Zürich – damals noch gesellschaftliche Trends setzend – publizierte einen langen Essai zum Thema. Offenbar schwelte etwas im seelischen Untergrund, was eben nur einen Auslöser benötigte, um sich endlich verbal Luft zu verschaffen; Verschwiegenes, Verdrängtes, leidvoll Erfahrenes, was man für sich behalten musste, explodierten plötzlich.

Es gab viel Zustimmung, nicht zuletzt von betroffenen Angehörigen; aber es gab auch massiv Widerspruch. Während sich die akademischen Psychiater der Universität „vornehm“ zurück hielten, meldeten sich viele Therapeuten zu Wort. Stellvertretend für sie insistierte August E. Hohler, dass die Gründe für einen Suizid immer in der defizitären Psyche des Suizidanten lägen: zu wenig Resistenz, zu viel Neurose. Das war damals das gängige Verständnis. Akademisch hat sich daran wenig geändert. Die Psychiatrie „versteht“ die Selbsttötung nach wie vor als Endstufe einer psychischen Störung; der Suizidant wird mit den Etiketten der Depression, Schizophrenie oder bipolaren Störung in den Tod entlassen. Die Psychoanalyse – im Regelfall tiefer und differenzierter als die Psychiatrie – zeigt sich ebenfalls unnachgiebig und deutet den Suizid dogmatisch als Ausdruck einer narzisstischen Störung. Auch da hat sich nichts geändert.

Alles andere war eben Tabubruch, und ist es noch heute. Dabei will ich letzteren nicht historisch für mich reklamieren. Ich habe damals vornehmlich emotional auf sehr emotionale Geschehnisse reagiert und mich erst später mit der Suizidologie und der Literatur dazu beschäftigt. Dabei wurde klar, dass meine Sichtweise von 1980 schon einige Jahre vorher, 1971, vom englischen Schriftsteller A. Alvarez in seinem Buch „The Savage God“ (deutsche Übersetzung 1974: „Der grausame Gott“) vorweg genommen worden war. 1976 erschien dann der sehr persönliche Diskurs über den Freitod von Jean Amery unter dem Titel „Hand an sich legen“. Amery, der sich später auch selber freiwillig dem Leben entzog, notierte dezidiert: „Wer abspringt, ist nicht unbedingt dem Wahnsinn verfallen, ist nicht einmal unter allen Umständen ‚gestört‘ oder ‚verstört‘. Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muss wie von den Masern … Der Freitod ist ein Privileg des Humanen.“

Wie nichts anders zu erwarten, tat die akademische Psychiatrie diese Sichtweise als „Rationalisierung“ ab, also als verstandesmässige Rechtfertigung eines in Wirklichkeit eben doch pathologischen Zustandes. Solcherlei war sicher einfacher als sich mit den Argumenten von Amery auseinandersetzen zu müssen. Unter anderem wies Amery daraufhin, dass sich Psychiatrie und Suizidologie bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht mit dem beschäftigt hatten, was er eindrücklich die Konstellation „vor dem Absprung“ nannte – ins Unermessliche laufende Verzweiflung, nicht mehr auszuhaltender Schmerz, dann wohl irgendwann auch eiskalte Ruhe vor dem Endgültigen. Tatsächlich fehlt es bis heute an einer Hermeneutik der Selbsttötung.

In Biographien und Selbstzeugnissen ist dazu sehr viel mehr zu finden als in wissenschaftlichen Werken. Ein aktuelles Beispiel wäre das „Berliner Journal“ von Max Frisch und seine Gefühlslage, die ihn über einen Suizid nachdenken lässt: „Das Bewusstsein, allem nicht mehr gewachsen zu sein, fast täglich das Erwachen in diesem Bewusstsein“. „Nachlassen der Erfindungskraft“, „Es gelingt mir fast gar nichts“. Das wäre die Facette, wie weit ein Freitod würdiger zu sein vermag als der sukzessive Abschied, bei dem zunächst die körperlichen Kräfte weniger werden, bis – mit ja keiner geringen Wahrscheinlichkeit – die Entpersönlichung im Pflegeheim droht.

Solche Überlegung ist in der Schweiz besonders aktuell geworden, seit im vergangenen Mai die Sterbehilfeorganisation „Exit“ sich ganz explizit für den Altersfreitod ausgesprochen hat. Aber so einfach, wie „Exit“ es sich gemacht hat, ist es auch wiederum nicht. Dererlei „technische“ Lösungen bergen schreckliche Gefahren in sich wie zum Beispiel, unser Problem der zunehmenden Überalterung mit einer Art „demographischer Euthanasie“ lösen zu wollen.

Es bleibt wohl nur eine Reflexion über den Freitod, die sich von aller Pragmatik frei macht und sich ins Lebensphilosophische wagt. Da lassen sich vorerst nur Fragen stellen. Ist der „Entschluss zur Selbsttötung nach reiflicher Überlegung und aus innerer Ruhe und Freiheit heraus“ ein menschliches Grundrecht? So hat es der Philosoph Wilhelm Kamlah in seiner Rezension von Amerys Buch in der NZZ notiert. Oder eher nicht? Gehört Leiden so sehr zu uns, das wir es aushalten müssen? Hat Meister Eckhart vielleicht recht, das niemand von uns „mehr Seligkeit genisset , als wer mit Christus in der tiefsten Bitternis steht“? Geben wir im hedonistischen Zeitalter zu schnell auf und zu schnell nach? Darf sich für immer verabschieden, wer sich als weltgesättigt fühlt? Oder kann es beim Freitod auch um eine „metaphysische“ Unversehrtheit gehen? Mein alter Berliner Freund Richard Hey hat einst in seinem ausgezeichneten Kriminalroman „Ohne Geld singt der Blinde nicht“ geschrieben:

„Nun, wer sind die Leute, die ganz klar sehen, mein Kind? Die Verrückten und die Selbstmörder. Die einen verlassen die Mechanik in Richtung Wahnsinn, um am Leben zu bleiben, die andern, nun die andern eben in Richtung Tod. Um am Leben zu bleiben, vermutlich“.

Der Artikel erschien zuerst in der Basler Zeitung.

 

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