Dieser Tage veröffentlichen viele Medien Artikel zum zwanzigsten Jahrestag des Massakers von Srebrenica. Mit den geschlechterpolitisch relevanten Aspekten dieses Massenmords habe ich mich in meinem Buch Plädoyer für eine linke Männerpolitik beschäftigt:

So stürmte im Juni 1995 die serbische Armee die Stadt Srebrenica im Osten Bosnien-Herzegowinas und schlachtete fast 8000 Männer und ältere Jungen systematisch ab und war damit für das schlimmste Massaker seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verantwortlich. Zwei Jahre vor diesem Massaker hatte der Hohe Flüchtlingsrat der Vereinten Nationen mehrere tausend Zivilisten aus der belagerten Stadt evakuiert.

Plaedoyer für eine linke Maennerpolitik Cover tuiuhlnFrauen, Kinder und Senioren war die Flucht über die UN-Konvois gestattet worden; erwachsene Männern aus der Zivilbevölkerung hatte man in der Stadt belassen – dies obwohl den Verantwortlichen der Vereinten Nationen bekannt war, dass in solchen Fällen fast routinemäßig vor allem die männliche Bevölkerung massenweise umgebracht wird. Männer im Alter zwischen 15 und 60 Jahren, die versucht hatten, sich unter den Scharen der Flüchtlinge zu verbergen, wurden von Verantwortlichen des UNHCR entfernt, die sich weigerten, für deren Schutz die Verantwortung zu übernehmen.

Vier Jahre nach dem Massaker, im Jahr 1999, traf sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, um über den Schutz der Zivilbevölkerung in Kriegsgebieten zu diskutieren. Während im Kosovo erneut vor allem männliche Zivilisten massakriert wurden, einigten sich die Delegierten darauf, dass Frauen und Kinder ein besonderes Recht auf humanitäre Unterstützung haben. Eine Studie der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch über 3453 Hinrichtungen im Rahmen des Kosovo-Konflikts führte zu dem Ergebnis, dass 92 Prozent aller Opfer, von denen man das Geschlecht kannte, männlich waren. Zu anderen Menschenrechtsverletzungen, von denen weit überwiegend Männer betroffen waren, zählten Gefangennahme und schwere Folter. Dies bestätigen auch Berichte anderer Organisationen zur Menschenrechtslage im Kosovo. Ein Helfer, der in den zurückgebliebenen Dörfern tätig war, sprach von einem "Planeten ohne Männer", einer Welt, in der es nur noch Frauen und Kinder gab. Die Männer waren verschleppt oder umgebracht worden.

Als der Genderzid-Experte Professor Adam Jones während des Kosovokonflikts seine Sorge über die mit dem Tode bedrohten Männer der Region dem Präsidenten des dafür zuständigen Menschenrechts-Zentrums der Vereinten Nationen mitteilte, erhielt er als Antwort drei Sätze eines Assistenten, der Jones dankte, aber erklärte, derartige Fragen seien nicht Teil des UN-Mandats. Die Frauen wurden in Sicherheit gebracht, reagierten aber sichtlich verzweifelt darüber, dass sie ihre Männer in einer Situation zurücklassen mussten, wo diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit der Tod drohte. "Es war nicht leicht dabei zuzusehen, wie Frauen und Kinder von ihren Männern fortgeführt wurden", zitiert Adam Jones die Reaktion eines holländischen Mitglieds der UN-Friedenstruppen im Kosovo und ergänzt: "Dieses Statement fasst die vorherrschende Einstellung gut zusammen." Bedauert wurden die verzweifelten Frauen, nicht die dem sich ankündigenden Massenmord ausgelieferten Männer. Acht Monate später fand das Massaker von Srebrenica statt. Ein Jahr danach gründete die von Jones angeschriebene Institution der UN eine Internationale Koalition zum Schutz der Menschenrechte von Frauen in Konfliktsituationen.

Die Expertin für internationale Beziehungen Paula Drummond untersuchte in einem Aufsatz über "unsichtbare Männer" speziell die Gender-Mainstreaming-Politik der Vereinten Nationen im Zusammenhang mit dem Völkermord im Kongo, dem Männer so stark zum Opfer fielen, dass in manchen Regionen die Überlebenden zu achtzig Prozent aus Frauen und Kindern bestehen. Das Ergebnis von Drummonds Analyse: Grundlage der UN-Politik ist die Übernahme des sogenannten Gender-Mainstreaming-Prinzips, das der offiziellen Definition zufolge den Bedürfnissen beider Geschlechter zugutekommen soll, de facto aber fast ausschließlich zugunsten von Frauen eingesetzt wird. Obwohl die Vereinten Nationen beispielsweise in Ruanda und dem früheren Jugoslawien immer wieder Zeuge davon wurden, wie sich geschlechtspezifische Gewalt vor allem gegen Männer und Jungen richtete, besteht für sie "Geschlechterpolitik" darin, Frauen und Mädchen zu schützen.

Drummond zeigt auf, dass, wenn beispielsweise Jungen und Männer durch Morddrohungen gezwungen werden, eigene Familienmitglieder zu vergewaltigen, Hilfe der UN danach lediglich den vergewaltigten Frauen zuteilwird. Wenn das massenhafte Abschlachten von Männern überhaupt in einen Bericht der UN Eingang findet, dann nur, weil die daraus "resultierende Unterrepräsentation von Männern dazu führt, dass Familien mit nur noch einer Frau als Haushaltsvorstand weniger sicher sind" – also weil tote Männer das Leben von Frauen beeinträchtigen. Entgegen sämtlicher vorliegender Erkenntnisse wird immer wieder betont, dass Frauen und Kinder in den geschilderten Konflikten besonders gefährdet gewesen seien. Generell sei bei der Beschäftigung mit dem Konflikt im Kongo insofern eine feministische Perspektive vorherrschend, die Drummond aber als nicht zu Ende gedacht betrachtet, da die Marginalisierung männlicher Opfer das Klischee von Frauen als verwundbar und kontinuierlich hilfsbedürftig verstärke.

Wären die Genderstudien tatsächlich ein seriöses akademisches Fach, müssten diese Aspekte dort zu den zentralen Inhalten von Forschung und Lehre gehören. Stattdessen werden sie von den Anliegen eines einzigen Geschlechtes beherrscht. Für Wissenschaftler in anderen Fachbereichen gilt zum Beispiel Professor Adam Jones als einer der international führenden Experten beim Thema Völkermord, aus Sicht der Genderstudien ist er offenbar ein nicht zitierenswürdiger "alter weißer Mann".

Aggressiver geht man in diesem Lager gegen Menschenrechtler vor, die das Leiden auch von Männern auf die politische Tagesordnung setzen möchten: Solche Aktivisten werden von den Ausputzern der Genderszene als "Rechte" diffamiert, weil sie eine Opferideologie wie die Nationalsozialisten betrieben (die tatsächlich einseitige feministische Opferideologie hinterfragt man im Gender-Lager nicht). Man solle mit diesen Menschenrechtlern gar nicht erst sprechen, forderte etwa Thomas Gesterkamp, sondern um sie einen "Cordon Sanitaire" ziehen. Öffentlich-rechtliche Journalisten wie Ralf Homann und Nina Marie Bust-Bartels verbreiten diesen Hass gerne. Und auch sie scheinen für dezidiert an Männern begangene Massenmorde kaum einen Gedanken übrig zu haben.

So wird auch das nächste Massaker dieser Art ungehindert über die Bühne gehen können. Denn die Grundlage dafür findet man nicht nur in anderen Kulturen, sie ruht auch tief im Herz der westlichen Gesellschaft: Es ist die Überzeugung, dass nur das Leden von Frauen zählt und derjenige, der über das Leiden von Männern spricht, zur Unperson gemacht und auf sozialer Ebene hingerichtet werden muss.

Die Denkweise, dass selbst der Tod vieler Menschen wenig gilt und das Durchsetzen des eigenen politischen Lagers alles, kennen wir bereits von mehreren Ideologien, denen auch Intellektuelle des linken und rechten Randes gefrönt haben: dem Nationalsozialismus, dem Stalinismus, dem Maoismus und jetzt eben Feminismus und Gender. Diese Denkweise kehrt wieder und wieder zurück, und trotzdem sollten wir alles dafür tun, sie endlich zu überwinden. Selbst wenn uns das nur um so mehr zur Zielscheibe des Hasses macht.

Grotesk ist es, wenn bei derlei Abscheulichkeiten von uns gefordert wird, emotional vollkommen gleichgültig und unbeteiligt zu bleiben. Andernfalls wird man als ein "angry white man" diffamiert, und die eigene Meinung ist keinen Pfifferling wert. Andererseits funktioniert dieser Mechanismus nur im Kopf der Ideologen. Ich persönlich bin in diesem Zusammenhang eher für Wut. Besser als Depression ist Wut allemal.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf "Genderama"

 

Weitere Beiträge

Double Bind im Kontext psychischer Männergesundheit

Diese zwei widersprüchlichen, aber beharrlichen Botschaften können der seelischen Gesundheit von Männern schaden.
In der vergangenen Woche fand in Kanada ein alljährliches Ereignis statt. Es war die  "Mens' Mental Health Week", die sich der seelischen Männergesundheit widmete. Sie wurde von Senator Bob Dole initiiert, um die seelische Gesundheit von Männern in den Blickpunkt zu rücken - ein gern...

Wider den Gleichstellungswahn


Kommentar eines Studenten zum FAZ-Artikel „Lauter verlorene Männer“ (02.06.12)
Die Grundstimmung, in der wir sozialisiert worden sind, und die Gesellschaft, in die wir nun, als jüngere Generation, hineinwachsen, ist ausgesprochen männerfeindlich, und zwar mit einer Intensität und gleichzeitig einer alltäglichen Selbstverständlichkeit, dass wir dies gar nicht mehr wahrnehmen bzw. bewusst...

Die Diskriminierung von Jungen im Gesundheitssystem

Zur Zukunft der Gleichstellungspolitik
Der Medizinjournalist Lajos Schöne hat in dem Artikel „Die Gesundheit von Jungen wird vernachlässigt“ auf die Benachteiligungen von Jungen im bundesrepublikanischen Gesundheitssystem hingewiesen.
Jungen sind häufiger krank als Mädchen. Chronische Krankheiten treten bei Jungen doppelt so oft auf wie bei Mädchen. Jungen leiden häufiger unter Bronchitis,...

Das Große Spiel – Geopolitische Strukturen und Entwicklungen


Das „Große Spiel“ meint bezüglich der Geopolitik eine theoretisch-strategische Sichtweise von Konflikten, die von John von Neumann und Oskar Morgenstern im innovativen Ansatz der Spieltheorie formuliert und formalisiert worden ist. Strategisch ist diese theoretische Perspektive, weil sie die Entscheidungen und Verhaltensweisen des einen von den erwarteten Entscheidungen und Verhaltensweisen der anderen...

Plädoyer für eine zivile Debatte - ein offener Brief an den SWR

An den Rundfunkrat des SWR sowie an Herrn Peter Boudgoust (Intendant des SWR) und Herrn Gerold Hug (Hörfunkdirektor des SWR) 01. März 2015
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir schreiben Ihnen anlässlich der Sendung „Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf“, die in diesen Tagen bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird.
Mit einem überraschend konsequenten Freund-Feind-Denken und vielen offenbar bewusst...

Brecht das Schweigen: Männergesundheit an Universitäten

Männliche Studenten sind in den USA und Kanada eine vergessene demografische Gruppe – besonders wenn es um ihre gesundheitlichen und seelischen Bedürfnisse geht.
Wenn Millionen junger Menschen ihr Universitätsstudium beginnen, erwartet sie eine Zeit voller Hoffnung, Möglichkeiten und Spannung. Dennoch gibt es einige Studenten, die mit besonderen Problemen zu kämpfen haben, was auch mit...

Allen Frauen Gutes tun - der Mutter zuliebe?

Kollektive Schuldgefühle gibt es nicht. Wer in der Debatte über die aktuellen wie historischen Arrangements von Männern und Frauen sich Gedanken über eine männliche Kollektivschuld macht, der sitzt im Boot der Feministen und Genderideologen.
Er hat sich nämlich die Ideologie angeeignet, nach der alle Männer Täter seien und alle Frauen Opfer. Nur mit dieser Annahme lässt sich die Vorstellung einer...

Rezension: un-heil – ein Buch zur Beschneidung von Jungen


Mit „un-heil“ liefert der Autor Mario Lichtenheldt ein Buch, das vorrangig Jungen und deren Eltern ansprechen, sie über das Thema Phimose und Beschneidung informieren und sie über ihre Rechte und Möglichkeiten aufklären will.
Darüber hinaus möchte es natürlich auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ein Thema lenken, das bislang gesellschaftlich und politisch völlig ignoriert wird....