Der Berliner Senat war gut beraten, den 44. Berlin Marathon am 24. September nicht abzusagen. Bedenken, das Laufspektakel könne die gleichzeitig stattfindende Bundestagswahl stören und die Aufmerksamkeit der Wähler unnötig ablenken, waren unbegründet. Eine Beeinträchtigung der Wahl ist nicht zu befürchten. Im Gegenteil: Das sportliche Großereignis kann den einen oder anderen wahlmüden Zuschauer vor oder nach dem Lauf doch noch ins Wahllokal locken. Damit könnte die allgemein erwartete geringe Wahlbeteiligung zumindest noch etwas aufgehübscht werden.

Weder der Berliner Marathon noch die Bundestagswahl sind für eine Überraschung gut. Dem Marathon kann zumindest zugutegehalten werden, dass zuvor niemand voraussehen kann, welcher Kenianer diesmal gewinnen wird. Die Bundestagswahl kann dagegen heute bereits als abgehakt gelten. Überraschung ausgeschlossen. Unverbesserliche Pessimisten befürchten deshalb, dass uns in den nächsten Wochen der fadeste Wahlkampf seit Einführung des allgemeinen Wahlrechts blüht.

Für die meisten steht fest: Angela Merkel wird das Rennen machen. Martin Schulz bleibt chancenlos zurück - wie seine Vorgänger Peer Steinbrück 2013 und Frank Walter Steinmeier 2009. Das liegt nicht nur an den vom Unvermögen und Missgeschick verfolgten Kandidaten.

Der tiefere Grund für die Langeweile im Wahlkampf liegt woanders: Angela Merkels Machtinstinkt, der der Devise folgt, „Rechts blinken, links abbiegen“ hat die Linke in der Bundesrepublik sediert und schließlich über weite Strecken sprachlos gemacht. Die Kanzlerin hat alles getan, um ihren Koalitionspartner zufrieden zu stellen und selbst die Opposition bei Laune zu halten. Das zahlt sich jetzt aus. Die Unionsparteien lassen Merkel die schleichende Sozialdemokratisierung ihrer Partei durchgehen, solange sie erfolgreich ist und genügend Wählerstimmen einfährt.

So treten in diesem Wahlkampf gleich vier Parteien mit mehr oder weniger sozialdemokratischer Programmatik gegeneinander an: Die von Merkel sozialdemokratisch gewendete ehemals christliche Union, die demoralisierten, zuletzt glücklosen Traditionssozis um Martin Schulz, die angejahrte grüne Müsli-Partei, die endlich mal wieder an die Fleischtöpfe will, und die weichgespülte SED-Nachfolgepartei. Bei so viel Gleichklang kann einfach keine Wahlkampfstimmung aufkommen.

Programmatische Unterschiede zwischen den vier Parteien sind kaum noch auszumachen:

Alle vier wollen den gleichzeitigen Ausstieg aus Kernenergie und Kohle. Wie dabei die Stromversorgung gesichert werden kann, weiß niemand von ihnen zu sagen.

Alle vier Parteien wollen die Euro-Rettung um jeden Preis, koste es, was es wolle. Wie teuer das den deutschen Sparer und Steuerzahler schließlich zu stehen kommt, wird sorgfältig verschwiegen. Eine Diskussion darüber ist in allen vier Parteien unerwünscht.

Alle vier wollen den baldigen Ausstieg aus der Automobilindustrie, so wie wir sie kennen. Ob der Umstieg auf alternative Antriebsmotoren gelingt, kann freilich niemand sagen. Ob und wie der Industriestandort Deutschland bei einem ungeklärten, zudem noch forcierten Umstieg überleben kann, ist eine weitere offene Frage.

Alle vier Parteien wenden sich gegen ein wirksames Grenzregime und lehnen eine jährliche Obergrenze für die Einwanderung ab. Wie der zu erwartende nächste Ansturm von Flüchtlingen auf Deutschland abgewehrt werden kann, ist somit vollkommen ungewiss. Es ist vielmehr zu befürchten, dass die Bundeskanzlerin, wie schon im Sommer 2015, die Grenzen wieder weit aufmacht und alle rein winkt, die rein wollen.

Alle vier Parteien erklären die traditionelle Familie für ein Auslaufmodell. Dem Projekt „Ehe für alle“  ist ja noch längst nicht Genüge getan. Schon werden in den einschlägigen Medien die Vorzüge der Vielweiberei (Polygynie), die Vorteile der Vielmännerei (Polyandrie) und die Segnungen der Gruppenehe (Polygynandrie) bejubelt. Ersteres würde zumindest die Integration unserer muslimischen Mitbürger erleichtern. Der bekennenden Wagnerianerin Merkel wird die Geschwisterehe besonders am Herzen liegen. Die Diskussion über die „Ehe für alle“ hat deshalb gerade erst begonnen und wird in der nächsten Legislaturperiode weiter an Fahrt aufgenehmen. So steht wohl demnächst die Aufhebung des § 1306 BGB an, der das Eingehen einer zweiten Ehe (Bigamie) für unzulässig erklärt und einen Verstoß mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren belegt. Ein solcher Paragraph passt freilich nicht mehr in unsere Welt und sollte abgeschafft werden.

Bei so viel Gleichklang ist es nur natürlich, dass der Wahlkampf wohltuend unaufgeregt und angenehm gesittet geführt wird. Das kommt der geistig moralischen Stimmungslage der Deutschen sehr entgegen. Während bei unseren Nachbarn in Wahlauseinandersetzungen die Fetzen fliegen, können wir uns über einen gepflegten Kuschelwahlkampf ums Kleingedruckte der Politik freuen und uns bei Bedarf über Petitessen echauffieren wie die alle bewegende Frage, ob ein gescheiterter ehemaliger Bundeskanzler beim starken Mann im Kreml anheuern und damit sein kärgliches Alterseinkommen aufbessern darf.

Mit den Großbaustellen deutscher Politik - Eurokrise, Flüchtlingskrise, Energiewende - will die Bundeskanzlerin im Wahlkampf niemanden belämmern. Sie verlangt von den Wählern nur einen Blankoscheck, der ihr in den nächsten vier Jahren wieder freie Hand lässt. Warum sich vorher festlegen? Damit hat die Bundeskanzlerin doch nur schlechte Erfahrungen gemacht. Merkels Wahlprogramm heißt Angela Merkel („Sie kennen mich“). Das reicht. Mehr braucht der Wähler nicht zu wissen.

Kein Wunder, dass in der postpolitischen Welt Merkel - Deutschlands die wenigsten die Qual der Wahl haben.

 

Weitere Beiträge

Regierungs-Chaos: „Nu da machd doch eiern Drägg alleene!“

Der Wahlkampf der SPD war komplett falsch angelegt. Martin Schulz der ungeeignete, völlig überforderte Kandidat.
Was ist bloß los mit den Parteien? Hat es das denn schon mal gegeben? In der deutschen Nachkriegsgeschichte zumindest noch nicht. Da weigern sich gleich zwei - sollte man sagen - ehemals staatstragende Parteien, in eine Regierung einzutreten und Verantwortung für das Land und seine...

Die politische Linke und der Feminismus

Interview mit Professor Günter Buchholz
Alexander Ulfig: Herr Professor Buchholz, Sie verstehen sich selbst als Linken. Was heißt für Sie links?
Günter Buchholz: In der bürgerlichen Gesellschaft steht politisch links, wer innerhalb der objektiven gesellschaftlichen und ökonomischen Herrschaftsverhältnisse für eine wirtschaftliche, soziale, rechtliche und politische Besserstellung der...

Frommer Selbstbetrug: 30 Jahre Frauenquote in der SPD


Am 30. August diesen Jahres gilt es sich eines denkwürdigen Ereignisses zu erinnern. Zumindest für Sozialdemokraten. Dann genau vor 30 Jahren beschloss die SPD auf ihrem Bundesparteitag in Münster mit großer Mehrheit die in den Parteistatuten verankerte und damit verbindliche Quote zugunsten von Frauen. Das heißt die Begünstigung von weiblichen Mitgliedern bei der Vergabe von Spitzenämtern in der Partei...

Warum Linke die Männerrechtler brauchen (aber Männerrechtler die Linken nicht)


„Vor allem die linken Parteien schrecken inzwischen immer mehr Männer ab, die eigentlich für die Anliegen dieses Lagers mehr als aufgeschlossen wären“, schreibt Arne Hoffmann in seinem gerade erschienenen „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“. (S. 19)
Der Text listet viele Beispiele panischer Abgrenzungen und Feindseligkeiten irgendwie linker Parteien gegenüber Männerrechtlern auf:
...

Sind Männer Menschen? (fragt die SPD)


Meine Eltern sind Bildungsaufsteiger, kommen aus typischen Arbeiterberufen und gehören so zu den Menschen, die der deutschen Sozialdemokratie besonders viel zu verdanken haben. Sie sind beide seit Jahrzehnten Mitglieder der SPD, haben über lange Zeit nie etwas anderes gewählt – so wie ich auch lange ausschließlich für Rot-Grün gestimmt habe.
In den letzten Jahren hat sich das geändert – durch meine...

Julia Korbik und die Liberalen Männer in der FDP


Nach der taz und Edition F . hat nun ebenfalls der Vorwärts den Programmentwurf zur Gleichberechtigung der „Liberalen Männer" in der FDP aufgegriffen und macht ein Problem der Männerrechtler aus, das weit über die FDP hinausgeht.
Der böse Wolf und die 7 unschuldigen Geißlein Offenbar wittern gewisse Damen in den feministischen Leitmedien Gefahr, und es glühen bereits die roten Lampen auf, die...

Menschlichkeit zum halben Preis


Andrea Nahles folgt, wie sie in ihrem Buch Frau, gläubig, links: Was mir wichtig ist selbstbewusst verkündet, der Weisung: „Mach’s wie Gott: werde Mensch“! Doch wie hält es die SPD mit Menschen, die keine Frauen sind?
„Wer die menschliche Gesellschaft will...“, heißt es ihrem Parteiprogramm – nun, das will jeder! Ich kenne keinen, der etwas dagegen hätte (außerdem ist es „alternativlos“, wie...

„Mehr Demokratie wagen!“


Die Mitgliederbefragung der SPD zum Koalitionsvertrag hat sich für die Partei bezahlt gemacht. Und das gleich mehrfach.
Nach dem erneuten Wahldesaster bei der Bundestagswahl 2013 riss die Befragung die Partei aus der Lethargie heraus, in die sie unvermeidlich gefallen wäre. Eine aufrüttelnde Parteitagsrede wie nach dem Wahlschock 2009 reicht einfach nicht aus, um der gelähmten Partei neues Leben...