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Die Antike gilt als Wiege der Demokratie, doch einer ihrer prominentesten Denker stand dieser Staatsform mit Vorbehalten gegenüber. Aristoteles zählte die Demokratie zu den schlechten Verfassungen und würde er heute leben, so sähe er wahrscheinlich ausgerechnet in Kevin Kühnert seine Bedenken bestätigt.

Wie schon sein Lehrer Platon und dessen Lehrer Sokrates befasste sich Aristoteles mit der Frage, welche Verfassung die beste sei. Wer sollte in einer Gesellschaft mitbestimmen dürfen und wie sollte die jeweilige Mitbestimmung ausgeübt werden? Welche Verfassung dient am ehesten dem Wohle aller und ist gleichsam beständig?

Ein wesentlicher Angelpunkt war hierbei auch die Frage, welche Verfassung einen guten Ausgleich zwischen Arm und Reich schafft. Allerdings darf dies nicht im Licht heutiger Debatten verstanden werden. Die Frage nach der sogenannten "sozialen Gerechtigkeit" existierte in dieser Form zu Aristoteles' Zeit noch nicht. Es geht hier vielmehr um einen Ausgleich an Interessen und nicht um die Umverteilung von Wohlstand.

Wie also würde Aristoteles wohl über die Verhältnisse zwischen Armen und Reichen in unserer Zeit denken? Wie stände er zu Kevin Kühnerts Idee, Immobilienbesitzer oder BMW-Aktionäre zu enteignen? Wie würde Aristoteles sich zu Kühnerts Demokratieverständnis äußern? Betrachten wir zunächst Aristoteles' Ansichten zur Demokratie.

Gute und schlechte Verfassungen nach Aristoteles

Aristoteles unterschied zunächst zwischen guten, legitimen Verfassungen einerseits und solchen, die er andererseits für illegitime Entartungen hielt. Erstere - die legitimen Verfassungen - sind demgemäß solche, die dem Wohle aller dienen. Hierzu zählte er die Monarchie, die Aristokratie und die Politie.

Die Monarchie ist in diesem Sinne die wohlwollende Herrschaft eines einzelnen. Die Aristokratie ist die Regierung durch eine erlesene Auswahl der Besten und Würdigsten. Die Politie beschreibt schließlich die durch das Volk legitimierte Regierung im Sinne einer Mehrheitsherrschaft.

Jede dieser Verfassungen kann nach Aristoteles korrumpieren, verderben und dergestalt entarten, dass sie nicht mehr dem Wohle aller sondern allein zum Vorteil der Herrschenden auf Kosten anderer dient. Daraus leitet Aristoteles die schlechten Verfassungen ab: die Tyrannis als Entartung der Monarchie, die Oligarchie als die Gemeinwohl-schädliche Variante der Aristokratie und schließlich die Demokratie als verdorbene Form der Politie.

In der Tyrannis bereichert sich ein Alleinherrscher auf Kosten aller. In der Oligarchie beuten die Reichen die Armen aus und in einer Demokratie unterdrücken die Armen die Reichen. Letzteres klingt erst einmal erheiternd. Wie kann es sein, dass die Armen die Reichen unterdrücken und was soll daran schlecht sein?

Zunächst muss man korrigierend erwähnen, dass unsere heutige sogenannte "Demokratie" nicht ganz dem entspricht, was Aristoteles mit diesem Begriff hier meint. Unsere Verfassung ist vielmehr ein Mischwesen aus Demokratie, Aristokratie und Monarchie. Die Wahl des Parlaments entspricht dem demokratischen Element. Die Parlamentarier können als gewählte Aristokraten angesehen werden und der Kanzler ist schließlich eine Art Monarch, der wiederum von den Parlaments-Aristokraten gewählt wird.

Doch wie gelangte Aristoteles zu der Ansicht, dass in einer Demokratie die Armen über die Reichen herrschen und sie darum eine schlechte Verfassung sei?

Wenn die Armen die Reichen unterdrücken

In Deutschland ist es theoretisch möglich, dass die Armen die Reichen beherrschen. Nach unserer Verfassung gilt das schlichte Prinzip der Mehrheit - wir leben demzufolge in einer buchstäblichen "Mehrheitsdemokratie". Für gewöhnlich sind Reiche in einer deutlichen Minderheit und können somit problemlos von der ärmeren Masse überstimmt werden. In unserer Demokratie liegt die Macht also bei den Armen - sofern sie davon Gebrauch machen und zur Wahl gehen - was sie häufig jedoch nicht tun.

Kevin Kühnert fordert, größere Immobilienbesitzer ebenso zu enteignen wie die Aktionäre von Unternehmen. Und siehe da - genau so sieht es aus, wenn die Armen die Reichen unterdrücken. Aber lustig ist das keineswegs, denn am Beispiel Kevin Kühnerts bewahrheitet sich eine weitere Aristotelische Befürchtung: Aristoteles vertrat die These, dass das einfache Volk sich allzu schnell und leicht von Affekten treiben lasse und darum anfällig sei, sich aufhetzen zu lassen. In ihrer extremsten Form sah er die Demokratie nicht mehr dem Gesetz sondern dem Wankelmut des Volkes und damit der Willkür von Demagogen ausgeliefert. In der Folge würde das Volk zu radikalen Entscheidungen getrieben, die kurzfristig populär erscheinen aber langfristig dem Wohle aller schaden.

Kevin Kühnert tut genau dies: er stimuliert mit radikalen, simplen Phrasen die Affekte der durchschnittlichen Bevölkerung und provoziert damit einen langfristigen und nachhaltigen Schaden am Gemeinwohl. Immobilien- und Aktienbesitz sind in unserer Zeit treffliche Beispiele.

Ein Herz für Reiche?

In öffentlichen Debatten wird es dem Volk gerne als Ungerechtigkeit verkauft, wenn Aktionäre hohe Dividenden beziehen, während der einfache Bürger kaum noch Zinsen auf sein Sparbuch erhält. Doch das Gegenteil ist wahr! Wer Aktien erwirbt, beteiligt sich nicht nur am Gewinn sondern ebenso am Risiko des Unternehmens. Das Kapital des Aktionärs steht dabei dem Unternehmen zur Verfügung, welches wiederum Arbeitsplätze schafft, von denen wiederum andere leben können. Das Vermögen des Aktionärs skaliert somit in der Breite der Gesellschaft.

Drohende Enteignungen von Unternehmen würden Vermögende davon abhalten, in Beteiligungen zu investieren. In der Folge würden Arbeitsplätze verloren gehen oder gar nicht erst entstehen.

Analoges gilt für Immobilien - wo Enteignungen drohen, wird kaum noch Wohnraum geschaffen und der Staat hat sich in der Vergangenheit als überaus schlechter Baumeister erwiesen. Den Schaden tragen am Ende alle.

Wer Reiche hasst, liebt nicht zwangsläufig die Armen

Förderlich ist hingegen ein ordnender Rahmen, der Reiche ohne Zwang motiviert, sich aus eigenem Antrieb und durchaus auch zum eigenen Vorteil an Unternehmen, Immobilien, Infrastruktur sowie an gemeinnützigen Gütern und Einrichtungen zu beteiligen. Kühnerts Enteignungsfantasien sind hingegen nicht am Gemeinwohl orientiert - sie nutzen nicht einmal den Schwachen. Dass jemand Reiche hasst, bedeutet nicht zwangsläufig, dass er die Armen liebt.

So lässt sich die Aristotelische Vorstellung von der Herrschaft der Armen über die Reichen auf unsere heutige Zeit übertragen. Ebenso wird seine Befürchtung bestätigt, dass daraus eine Affekt-getriebene Politik entstehen kann, die dem Wohle aller zuwiderläuft.

Ist die Demokratie nach Aristoteles also eine schlechte Staatsform? Mündet sie in eine Art Kühnertsche Tyrannei? Wohlgemerkt nein! Man darf nicht vergessen, dass Aristoteles sie als die schlecht geratene Abart einer besseren Form sah - der Politie. Die Politie empfahl Aristoteles als Mischverfassung, in der per Wahl die Macht an Amtsträger delegiert wird. So herrscht zwar nicht das Volk direkt, doch das Volk legitimiert die Herrschenden, was unserer heutigen Verfassung ausgesprochen nahe kommt. Auf diesem Wege wird die Politik auch professionalisiert und somit von niederen Affekten entkoppelt, was die Möglichkeit eröffnet, Kühnerts Manien das Prinzip der Vernunft entgegenzusetzen.

 

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