Wie ich durch Joseph Beuys eine neue Beziehung zum Demokratiebegriff erhielt

joseph beuys tte2536

Demokratie? Ganz früher war das ein Wort, das mir bestenfalls zum Gähnen Anlaß bot. Eines der vielen langweiligen, leblosen Worte, wie Tarifvertrag, Gewerkschaftsversammlung, Parteiausschuß und andere, bei denen mir auch jetzt noch ganz staubig zu Mute wird und gleichsam die Augen zufallen, wenn der Nachrichtensprecher sie sagt. Aber mit dem Demokratiebegriff wurde es irgendwann anders.

Auf einmal verwandelte er sich in einen solchen, bei dem ich freudig erregt wurde, in ein Lauschen oder Aufmerken geriet, der mir also etwas sagte, statt ein staubiges Gefühl zwischen den Zähnen zu hinterlassen. Wie war das geschehen?

Schuld an dieser Verwandlung, an dieser neuen Aufladung des Demokratiebegriffs, war Joseph Beuys. Nun ist auch das schon wieder recht lang her, sodaß ich ein wenig innerlich, und auch äußerlich, nachkramen muß. Die Beschäftigung mit Joseph Beuys geschah in einer Lebensphase, in der vieles sich erneuerte und in der ich mir die Kunst zu eigen zu machen begann, und sie war eine Offenbarung. Alles, was Beuys benutzte, ob eine Taschenlampe oder ein Begriff, erfuhr eine neue Aufladung, wurde in einen neuen, ungewohnten Bedeutungszusammenhang gesetzt, mit einer neuen Tiefe verbunden. Einem Zusammenhang, der mir neue Erkenntnisse bescherte, zugleich aber die nicht völlig rational aufzulösende Aura der Kunst, beziehungsweise des Lebendigen trug. Ähnlich wie es übrigens Heidegger in Bezug auf die Sprache getan hat. Auch bei ihm erfuhren viele ganz alltägliche Worte gleichsam eine innere Neugeburt, durch neues und erst wirkliches Verstehen.

Bei Beuys nun begegnete mir der Demokratiebegriff nicht im Zusammenhang mit Tarifverträgen und Parteiausschüssen, sondern mit Begriffen wie dem Sonnenstaat, der Wärmefähre und der Sozialen Plastik. Begriffe die, wie auch viele Gegenstände in seinen Aktionen, ein Geheimnis, einen Zauber um sich hatten, die auf den ersten Blick ziemlich verrückt waren, daher eine von mir sehr erwünschte Abfuhren darstellten gegenüber dem grauen und ach so vernünftigen Gewebe der Kultur und ihrer hohlen Worte, die aber dennoch mit dem Denken zu erfassen waren, wenn auch mit einem Denken mit erweitertem Radius. Ja, die im Grunde mit dem Denken viel besser zu erfassen waren, als die Pseudovernunft, in der wir uns vielfach eingerichtet haben.

Ich lernte die Demokratie also im Zusammenhang mit der Kunst kennen (erster Schritt). Kunst versteht Beuys ja gewissermaßen als angewandte Kreativität und bezieht dies auf alle Ebenen des menschlichen Daseins. Und das, also das kreative, künstlerische Vermögen des Menschen ist bei ihm übrigens das Kapital. Noch so ein Begriff, den er neu und sachgemäß definiert hat; der „Beuyssche Kapitalbegriff“. Die Demokratie rückte also durch die Beschäftigung mit Beuys in den Bereich der Kunst ein. Kunst ist für ihn freie Gestaltung. Die kann man erstmal im eigenen Leben und Schaffen verortet sehen.

Der zweite Schritt war für ihn die Kunstakademie, an der er lehrte. Er fragte sich, wenn sie die Kunst und damit die freie eigene Gestaltung vertritt, warum kann sie sich dann nicht ihre Statuten selbst geben, sondern wird von staatlichen Vorgaben reguliert? Er erlebte darin einen Widerspruch zum Prinzip, das diese vertrat. Dies führte dann ja zu gewissen Maßnahmen seinerseits und das wiederum zu seinem Rauswurf durch den damaligen Kultusminister Nordrhein-Westfalens, Johannes Rau. Die Kunst und das heißt die freie (Selbst)-Gestaltung war für ihn das Zentrum seines Kulturverständnisses für die Gegenwart. Er sah darin die zentrale Forderung, von deren Erfüllung die weitere Entwicklung der Menschheit abhing. Darin konnte und kann ich ihm folgen, sodaß ich mir seine Denkungsart völlig zu eigen machen konnte.

Der nächste Schritt nach der Kunstakademie war die Gesellschaft insgesamt. Wie konnte das Kunstprinzip sich in ihr Geltung verschaffen? Seine Antwort war die Demokratie. Sie war ihm das Mittel, durch das die freie Selbstgestaltung, mithin die Kunst in einem erweiterten Sinne, auf der gesellschaftlichen Ebene verwirklicht werden könnte. Allerdings sah er von Anfang an die repräsentative Demokratie als ein hierfür ungenügendes Mittel an, bestenfalls als einen demokratischen Anfang, der weitereintwickelt werden müsse. Heute ist es im Übrigen so, daß dieser demokratische Anfang, der mit gutem Willen nach dem ersten und  nach dem zweiten Weltkrieg getan wurde, zurückentwickelt wird, statt weiterentwickelt zu werden. Siehe hierzu den zweiten Teil meines Beitrags.

Erst die direkte Demokratie, bei der die Menschen über konkrete Fragen abstimmen könnten, würde die Gesellschaft auf den Weg zur „Sozialen Plastik“ bringen können.  So hieß bei ihm das Kunstwerk, das aus der Gesellschaft werden könnte, wenn im größtmöglichen Maße, und da wo sie am Platze ist, die Freiheit verwirklicht würde. Die gesamte in diesem Sinne gestaltete Menschheit wäre dann der Sonnenstaat.

Das Hochutopistische, aber ganz konkret Gemeinte, Idealistische, auf das Gute und Freie im Menschen Bauende, das ein wenig Verrückte und durchaus Humoristische, das Rationale und zugleich geheimnisvoll-Künstlerische an diesem Beuysschen Denken war der Beginn meiner neuen und positiven Beziehung zum Demokratiebegriff. Seitdem ist die Demokratie ein Begriff und ein Wert, der mich inspiriert und für den ich eintrete. 

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Kommentare  

0 # Andi 2019-07-26 12:28
Leider wurde der Begriff Sonnenstaat ja bereits auch von den größten Antidemokraten gekapert, die sich im Web überhaupt finden lassen und sich im Namen derer Homepage wiederfinden, die Sonnenstaatland genannt wird.
Die Betreiber dieser Sonnenstaatland Seite sind allerdings, meiner Meinung nach, Faschisten und Totalitaristen in Reinform.
Antworten
Weitere Beiträge

Regierungs-Chaos: „Nu da machd doch eiern Drägg alleene!“

Der Wahlkampf der SPD war komplett falsch angelegt. Martin Schulz der ungeeignete, völlig überforderte Kandidat.
Was ist bloß los mit den Parteien? Hat es das denn schon mal gegeben? In der deutschen Nachkriegsgeschichte zumindest noch nicht. Da weigern sich gleich zwei - sollte man sagen - ehemals staatstragende Parteien, in eine Regierung einzutreten und Verantwortung für das Land und seine...

Umgekehrter Rassismus? Sexismus?


Das Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main (ohne Bindestrich offiziell so falsch geschrieben) zeigt derzeit eine Ausstellung namens „TRADING STYLE – Weltmode im Dialog“, mit den Modelabels A Kind of Guise (Deutschland), Buki Akib (Nigeria), CassettePlaya (Großbritannien), P.A.M. (Australien) und historischen Objekten aus der Sammlung des Weltkulturen Museums.
 

Wie der Feminismus die freien Wahlen in Deutschland torpediert


In der Frankfurter Allgemeinen beschäftigt sich der Politikwissenschaftler Markus Linden mit der schleichenden Manipulation freier Wahlen durch die feministische Ideologie.
Leider verschwurbelt er das, worauf er aufmerksam machen möchte, in einem ebenso ausschweifenden wie ermüdenden Schreibstil, als ob er keine Zeitungsleser, sondern Studenten vor sich hätte. Aber man kann den Kern der Sache so...

Die Zukunft der Demokratie


Deutschland (und mit ihm vermutlich ganz Westeuropa) wird sich (…) der Auseinandersetzung mit der Frage 'Wie hältst du´s mit dem Kapital?' demnächst stellen müssen.
— Rainer Rotermund 1997
1   Herrschaft des Volkes ? Die moderne Demokratie ist jung; entstanden erst zur Zeit der einsetzenden Industriellen Revolution durch den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und durch die Französische...

Abweichende Meinungen? Nicht unbedingt.


Wer es wagt, eine zur gesellschaftlichen Doktrin erhobene Weltanschauung öffentlichkeitswirksam zu kritisieren, muss mit starkem Gegenwind rechnen.
Zielt die Kritik auf eine der erfolgreichsten Missionsbewegungen des 20. Jahrhunderts, ist besonderer Mut gefragt. Schnell gelangt der freie Diskurs an seine Grenzen und der Kritiker in die Defensive.
 

Der EU-Kommission wird alles zugetraut


Was trauen Sie der EU-Kommission alles zu? So haben wir unsere Leser gefragt und fünf Maßnahmen zur Auswahl gestellt, fünf Maßnahmen, unter die wir eine geschmuggelt haben, die selbst den Bürokraten-Profis in Brüssel, denen doch ziemlich viele, sagen wir: seltsame Maßnahmen einfallen, (bislang) nicht eingefallen ist.
Die Aufgabe für unsere Leser und gleichzeitig ein Maß dafür, was der...

Wie können wir die innerparteiliche Demokratie stärken? - #DHMDemokratie

Das Deutsche Historische Museum hat Cuncti unter dem Hashtag #DHMDemokratie zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema: Was bedeutet mir Demokratie?

Demokratie ist ein hohes Gut. Sie ist in der heutigen Form eine wichtige Errungenschaft der Aufklärung und der Emanzipationsbestrebungen mit ihren Forderungen nach Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichheit und Brüderlichkeit. Eigentlich kann sie als eine...

Demokratie heißt Zuhören - auch dann, wenn es nicht gefällt

Über undemokratische Tendenzen inmitten unserer Politik und Gesellschaft der letzten zwanzig Jahre 
Wie begegnet man antidemokratischen Strömungen? Diese Frage stellte kürzlich das Deutsche Historische Museum im Rahmen einer Blogparade zum Thema „Was bedeutet mir die Demokratie?“, womit sicher auf die bösen neuen Parteien angespielt wird, die ihre schlimmen populistischen (das heißt, dem „dummen“ Volk...