Hamburg, 12.09.2013: Jungenleseförderung wird es nach dem Willen der Bundesregierung nicht geben. Das hat eine Anfrage der geschlechterpolitischen Initiative MANNdat bei der Bundesjugendministerin Schröder ergeben.

Die Regierungsfraktion aus CDU/CSU und FDP hat 2011 selbst den Antrag Drs. 17/5494 zur Jungenförderung, der noch im gleichen Jahr vom Bundestag angenommen wurde, eingereicht. Darin hieß es u.a.:

Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel auf,…sich bei den Bundesländern dafür einzusetzen, dass diese geeignete Maßnahmen ergreifen, um die Lesekompetenz der Jungen zu stärken und ihr Leseengagement weiter zu erhöhen.

Diesem vom Bundestag erteilten Auftrag, den zudem Ministerin Schröder sogar mit initiiert hat, will die Ministerin nun nicht nachkommen.

Schon in der PISA-Studie 2000 hat die OECD die größten geschlechterspezifischen Leistungsunterschiede im Lesen zuungunsten der Jungen festgestellt und Jungenleseförderung als große bildungspolitische Herausforderung formuliert. Eine Herausforderung, der sich die schwarz-gelb Bundesregierung aber nicht stellen will. Als Begründung für die Weigerung der Umsetzung des Antrages antwortet Frau Dr. Icken, Leiterin des Referats für Jungen- und Männerpolitik im Frauenministerium, dass keine relevanten geschlechterspezifischen Unterschiede im Lesen vorhanden seien, die eine spezielle Jungenleseförderung sinnvoll erscheinen lassen würde.

Damit ignoriert die Bundesregierung die Meinung von Fachleuten im Bereich der geschlechterspezifischen Leseförderung, z.B. Prof. Christine Grabe von der Universität Köln, die im Handbuch für Jungenpädagogik vom Beltz-Verlag aus 2012 darlegt:

Alle Studien der letzten Jahrzehnte zu Leseverhalten und Mediennutzung verweisen darauf, dass die Unterschiede in puncto Lesen zwischen Mädchen und Jungen, Frauen und Männern erheblich sind.

Die Bundesregierung wolle im Sinne einer „Bildungsgerechtigkeit für Jungen und Mädchen“ nicht speziell Jungen, sondern allgemein leseschwache Kinder fördern, heißt es in der Antwort des Ministeriums, das umgekehrt im MINT-Bereich (Mathematik, IT, Naturwissenschaften und Technik) nicht generell MINT-schwache Kinder, sondern speziell Mädchen fördert.

Damit blendet die Bundesregierung, die sonst außerordentlich akribisch auf Gender, also geschlechterspezifische Nachteile und deren Beseitigung, achtet, Geschlecht ausschließlich und ausgerechnet dort aus, wo die größten Geschlechterunterschiede vorhanden sind – und wo ausgerechnet die Jungen von entsprechenden Maßnahmen profitieren würden. Dort, wo Jungen schlechter stehen, ist die Genderwelt nach geschlechterpolitischer Doktrin offenbar in bester Ordnung.

Zudem könne die Bundesregierung, die sich sehr stark im Bereich der Mädchenbildungsförderung im MINT-Bereich engagiert und dort massiv Einfluss nimmt, auf Jungenbildungsförderung „keinen direkten Einfluss“ nehmen, da man für Schulbildung nicht zuständig sei, schrieb Frau Dr. Icken.

Die Antwort im Namen der Jugendministerin bestätigt damit eine Studie von MANNdat zum Stand der Jungenleseförderung vom November 2012, der eine Vernachlässigung von Jungenbildungsförderung – auch durch die Bundesregierung - ergab. Über 50% höhere Schulabrecherquoten und über 20% geringere Abiturabschlüsse bei den Jungen gegenüber den Mädchen zeigen ein deutliches geschlechterspezifisches Bildungsgefälle zuungunsten der Jungen.

Dies verwundert nicht, stehen doch etwa 100 reinen MINT-Mädchenförderprojekten von Bund und Ländern bislang lediglich vier Jungenleseförderprojekte gegenüber. Die sonst so quotenorientierte Politik sieht im Gender-Education-Gap nicht etwa einen geschlechterpolitischen Handlungsbedarf, sondern eine positive Rückmeldung einer Geschlechterpolitik, die sich auch heute noch ausschließlich auf die Frauenquote beschränkt.

MANNdat e.V. ist ein bundesweit tätiger Verein und eine unabhängige Interessenvertretung für Jungen und Männer, dessen Ziel es ist, Benachteiligungen von Jungen und Männern bekannt zu machen und zu beseitigen. MANNdat e.V. bietet auf seiner Internetpräsenz umfassendes Informationsmaterial und detailliertes Hintergrundwissen zu jungen- und männerpolitischen Themen wie Jungenarbeit, Jungenförderung, "Väter und Beruf" oder Männergesundheit. MANNdat e.V. erkämpfte die gleichberechtigte gesetzliche Hautkrebsfrüherkennung für Frauen und Männer!

 

Weitere Beiträge

Gleichberechtigung durch Bevorzugung? Das Professorinnenprogramm ist ein eklatanter Bruch mit dem Grundgesetz

10. Januar 2013, von Michael Klein, zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Eckhard Kuhla, erster Vorsitzender von Agens e.V., kommt das Verdienst zu, im European auf das Professorinnenprogramm aufmerksam gemacht zu haben, das seit 2007 und “fast unbemerkt von der Öffentlichkeit” vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und den Kultusministerien der Ländern konspirativ betrieben wird. 
Ziel...

Gibt es einen Krieg gegen die Jungen?


Spezifische Schwierigkeiten, mit denen Jungen in der Schule konfrontiert sind, werden von Erwachsenen noch immer umdefiniert - Jungen hätten keine Probleme, sondern wären ein Problem. Ein aktuelles Beispiel dafür liefert der Spiegel. Angesichts solcher Umdeutungen werden wir als Erwachsene unserer Verantwortung gegenüber Kindern schon lange nicht mehr gerecht.
Mit Verlaub, aber selten hat mir...

Bildung und Chancengleichheit


Wie die Situation von Studenten aus bildungsfernen Schichten und migrantischen Studenten verbessert werden kann
Das früher extern staatlich und intern partizipatorisch gelenkte Hochschulsystem ist seit einem Jahrzehnt unter den vorherrschenden Einfluss von Kapitalinteressen geraten. Das zeigt sich an den Landeshochschulgesetzen und an der Bologna-Reform. Die Lehre ist vereinheitlicht strukturiert...

Sind Meinungsfreiheit und Debattenkultur an deutschen Hochschulen gefährdet?

Der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt wurde von der Uni Frankfurt als Redner ein- und wieder ausgeladen, weil er nicht ins politisch-korrekte Weltbild passte. Wendt ist kein Einzelfall - wie steht es um die Demokratie an deutschen Hochschulen? Diese Frage stellte auch 3-Sat Kulturzeit am 23. Januar. 
Ich bin nach meiner Abberufung als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar von einigen...

Schavanplag? Es gibt einen weit schlimmeren Skandal!


Die Bundesministerin für Bildung und Forschung wird immer noch als eine in diesem Amt relativ erfolgreiche Politikerin bezeichnet. Jetzt wurde in den Medien erst groß berichtet über die Aberkennung ihres Doktortitels durch die Universität Düsseldorf, dann war ihr Rücktritt ein Titelthema.
Aber der eigentliche Skandal bei Annette Schavan ist doch nicht, dass sie vor 33 Jahren in ihrer...

Rezension: un-heil – ein Buch zur Beschneidung von Jungen


Mit „un-heil“ liefert der Autor Mario Lichtenheldt ein Buch, das vorrangig Jungen und deren Eltern ansprechen, sie über das Thema Phimose und Beschneidung informieren und sie über ihre Rechte und Möglichkeiten aufklären will.
Darüber hinaus möchte es natürlich auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ein Thema lenken, das bislang gesellschaftlich und politisch völlig ignoriert wird....

Warum sorgen entführte Mädchen für internationale Aufmerksamkeit - und brennende Jungen nicht?


"Since the Nigerian Islamic radical group Boko Haram kidnapped over 100 schoolgirls in mid-April, the media and the American government have been up in arms over this outrage. With over 200 girls in captivity, Boko Haram warned that they may sell the children into slavery."
"Beginning the night of the kidnappings on April 16 and continuing ever since, the press has devoted relentless focus to the...

Pädosexualität: Wie die Grünen Jungen opferten


Ein Rückblick auf ein Ereignis des Jahres, dessen Bedeutung wohl unterschätzt worden ist: Im Frühjahr erschien der Bericht der grünen „Kommission zur Aufarbeitung der Haltung des Landesverbandes Berlin von Bündnis 90/ DIE GRÜNEN zu Pädophilie und sexualisierter Gewalt gegen Kinder“.
Er machte – vielleicht gegen die Absicht der Autoren – deutlich, dass die grüne Unterstützung für sexuelle Gewalt...