Die folgende Sequenz aus der Plenardebatte vom Freitag im Deutschen Bundestag hat mir Andreas Rheinhardt zugeschickt, dem ich hiermit ausdrücklich meine Bewunderung dafür ausdrücke, dass er sich offensichtlich durch die Protokolle von Plenarsitzungen liest – eine schlimmere Form der geistigen Folter kann ich mir kaum vorstellen.

Juergen Trittin

Apropos vorstellen, zuweilen stellen wir uns beim Frühstück vor, was wohl Wissenschaftler in, sagen wir 500 Jahren, sagen, wenn sie z.B. durch Zufall über Protokolle aus dem Deutschen Bundestag stolpern. Wenn diese Wissenschaftler mit dem folgenden Beleg einer – mir fallen einfach keine Worte ein, die dem angemessen Rechnung tragen, deshalb belasse ich es bei: eher dem geistigen Horizont eines (nach eigener Einschätzung) weniger Begabten entsprechenden Äußerungen konfrontiert werden, dann streiten sie vermutlich darüber, ob das Dokument echt ist.

Wenn es echt ist, ob man dann die 2000er Jahre als dunkles Zeitalter für Rationalität ansehen muss und darüber, ob Demokratie zwangsläufig in ein geistiges race to the bottom münden muss. Aber, das ist Musik von morgen, heute will ich die Leser nicht länger auf die Folter spannen, und sie mit dem traktieren, was mir Andreas Rheinhardt gestern zugeschickt hat. Es folgt ein Protokoll aus der Plenarsitzung vom Freitag, den 9. November 2012.

vorläufiges Stenoprotokoll: Videoaufzeichnung (ab 58:00).


Es spricht Jürgen Trittin BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Es herrscht in Deutschland Fachkräftemangel. Was tun Sie? Sie schaffen einen ökonomischen Anreiz, gut ausgebildete Frauen vom Arbeitsmarkt fernzuhalten.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Mädchen sind besser in der Schule.
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

Frauen haben die besseren Abschlüsse.
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

Die Merkel-Koalition will, dass diese Frauen zu Hause bleiben.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Sie, Frau Merkel, wollen doch den Skandal fortsetzen: Sie wollen, dass das begabtere Geschlecht weiterhin ein Viertel weniger verdient als wir Männer. Das ist fatal. [...]

Kathrin Vogler (DIE LINKE):
Herr Trittin, Sie haben mich und meine Geschlechtsgenossinnen unumwunden als das begabtere Geschlecht bezeichnet. Ich wüsste sehr gerne, welchen Begabungsbegriff Sie zugrunde legen und ob Sie Männer tatsächlich für weniger lern- und bildungsfähig halten als Frauen und Mädchen. (Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Michael Grosse-Brömer (CDU/CSU): Das ist eine interessante Frage! – Volker Kauder (CDU/CSU): Das ist doch ein Macho, der Trittin! Der übertrifft sogar noch Peer Steinbrück!)

Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Liebe Kollegin, der Empirie, die ich hier zitiert habe, muss man sich stellen. Die Wahrheit ist, dass im statistischen Durchschnitt junge Mädchen besser in der Schule sind als Jungen, dass sie die besseren Schulabschlüsse und auch die besseren Universitätsabschlüsse haben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der als Konsens gilt – nicht nur bei der FDP -, dass sich Leistung lohnen soll.

Wie, so habe ich mich gefragt, geht man mit einem solchen Unsinn um, wie stellt man sicher, dass auch der Urheber, obwohl nach eigener Ansicht, wenig begabt oder weniger begabt, das ist hier egal, versteht, welchen Unsinn er geredet hat? Nun, ich habe mich nach einiger Überlegung dazu entschlossen, das alte Lernkonzept der Linken auszupacken, das auf der Idee basiert, dass jeder von Natur aus genug (nicht gleich viel!) Fähigkeiten und “Begabung” mitbringt, um zu lernen und zu verstehen, wenn man es ihm nur didaktisch ausgefeilt darbietet. Entsprechend halte ich zunächst eine Rede:

Michael Klein, Fraktion “sane”:

Deutschland ist eine erfolgreiche Ökonomie!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Deutschland ist Exportweltmeister!
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

Die deutsche Wirtschaft wurde kompetent durch die Wirren der Finanzkrise gesteuert!
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

Dass die deutsche Wirtschaft kompetent durch die Finanzkrise gesteuert wurde, hat sie den Wirtschaftskapitänen am Ruder zu verdanken, denen, die rechtzeitig in Innovationen investieren, neue Märkte erschließen und neue Arbeitsplätze schaffen.
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

Diese erfolgreichen Wirtschaftskapitäne, und ich beziehe mich hier auf die Zahlen der verehrten EU-Kollegin Viviane Reding,
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

diese erfolgreichen Wirtschaftskapitäne, liebe Kollegen, sind zu 86,3% Männer, unterstützt von 77% Männern in den Aufsichtsräten der erfolgreichen Unternehmen.
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Nein!)

Und was wollen Sie, verehrte Kollegen? Sie wollen eine Frauenquote einführen. Sie wollen das Schiff der deutschen Wirtschaft auf Grund fahren. Sie wollen ein erfolgreiches Team durch den Import von weniger begabtem Humankapital zerstören. Das ist fahrlässig, schädlich und – schlimmer noch – mit Blick auf unsere Kinder, Kindeskinder und Kinder der Kindeskinder nicht zu rechtfertigen.

Mit Sicherheit, ist Jürgen Trittin nicht mit dem einvestanden, was ich da gesagt habe. Mit Sicherheit wird er darauf verweisen, dass es Strukturen in Unternehmen gibt, die nach seiner Ansicht Frauen davon abhalten, in Führungspositionen zu gelangen. Vielleicht wird er die zwischenzeitlich kaum mehr zu ertragende Mähr der Männerbünde, wie sie Feministen gerne bemühen, auftischen, vielleicht mit der längst widerlegten Behauptung, es gebe eine gläserne Decke, in jedem Fall wird er Variablen bemühen, die nach seiner Ansicht dafür verantwortlich sind, dass Frauen in Unternehmen nicht das Potential entfalten können, das er ihnen zuschreibt und von dem er nicht nur ausgeht, dass sie es haben, sondern dass sie es auch einsetzen wollen.

Im Hinblick auf Bildungsabschlüsse ist das für Trittin aber anders. Hier spiegelt die Verteilung der Abschlüsse keine Probleme der Struktur des Bildungssystems wider. Hier kommt plötzlich die Begabung ins Spiel, zu der ich mich weiter unten noch äußern werde. Schulen, so denkt Trittin ganz offensichtlich, sind Begabungs-Durchlauferhitzer. Die Schüler kommen mit 6 Jahren an den Toren von Schulen an und verlassen dieselben, ihrer Begabung entsprechend, mit 16 bis 18 Jahren, nachdem sie das in Schulen bereitgestellte Wissen willentlich aufgesogen haben. In Schulen gibt es keine Selektionsprozesse, wie sie von Bildungsforschern seit mittlerweile einem Jahrhundert beschrieben werden, es gibt keine Diskriminierung von Schülern, wie sie zwischenzeitlich fast regelmässig belegt wird, es gibt keine Mechanismen, sich missliebige Schüler durch Verweis auf Sonderschulen vom Hals zu schaffen. In Schulen herrscht die Trittinsche heile Welt, die es den Begabten erlaubt, ihre Begabung frei zu entfalten und sich von den weniger Begabten abzusetzen.

Wenn nun aber, wie Trittin so klassisch induktiv aus einer empirischen Verteilung ablesen zu können glaubt, allein die Begabung über den Erfolg im Bildungssystem entscheidet und wenn, darüber hinaus, wie Trittin vermutlich aus eigener Anschauung weiss, Begabung an das weibliche Geschlecht gekoppelt ist, vermutlich durch eine deterministische Verbindung des “Trittinschen-Begabungsgens” mit homozygoten Chromosomenpaaren, dann stellt sich die Frage, wieso die begabteren Schülerinnen erst seit rund 15 bis 20 Jahren die weniger begabten Schüler mit Blick auf die Bildungsabschlüsse überholt haben. Das Bildungssystem, Herr Trittin, kann hier keine Rolle spielen, das haben Sie ausgeschlossen. Entsprechend muss in den letzten Jahren eine Talent-Mutation stattgefunden haben, die den begabten weiblichen Schüler/Studenten an die Stelle des unbegabten weiblichen Schüler/Studenten gesetzt hat. Obwohl man Mutationen nicht ausschließen soll, und man sich bei manchen Personen des öffentlichen Lebens fragt, auf welcher Stufe der menschlichen Entwicklung sie anzusiedeln sind, kann man, glaube ich, den rustikalen Biologismus von Jürgen Trittin hier ausschließen, denn der schulische Erfolg ist ein soziales Faktum: Es sind Menschen, die die schulischen Leistungen von Menschen in von Menschen geschaffenen Institutionen bewerten. Damit menschelt es zu viel, als dass man sinnvoll annehmen könnte, hier seien ausschließlich biologische Determinanten am Werk.

Und noch ein Wort zur Begabung. Die biologische Fundierung von sozialen Zuschreibungen (und Bildungserfolg ist eine soziale Zuschreibung, ähnlich der Kriminalität, die auch eine soziale Zuschreibung und nichts Inhärentes, Angeborenes, Vererbtes darstellt) hat nach ihrer tausendjährigen Überhöhung zwischen 1933 und 1945 in Deutschland, insbesondere unter Linken keine weite Verbreitung gefunden. Dass sie nunmehr in Form einer höheren Begabung von Frauen wiederkommt, ist in einer staatlich feminisierten Gesellschaft nicht weiter verwunderlich, wenngleich es verwundert, dass ausgerechnet Linke in erster Reihe  stehen, um diesen Unsinn zu vertreten. Dies ist vor allem verwunderlich vor dem Hintergrund, dass es Linke, Arbeitervertreter waren, die für Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung und gegen Eliteschulen, die auf der Annahme, unterschiedlicher Begabung basieren, gekämpft haben (zumindest Frau Vogler erinnert sich noch daran). Aber so ist das im Leben, was die Arbeiter-Väter erkämpft haben, wird von den Mittelschichts-Söhnen aufgegeben, weil sie zum einen keine wirklichen Probleme im Leben kennen, die es zu beseitigen gilt, und weil sie zum anderen gerade auf einem Feldzug für das feministische Gute sind und dabei nicht von der Realität gestört werden wollen. Man könnte auch sagen, sie wissen nicht, wovon sie reden, und so gesehen, ist eingeschränkt richtig, was Jürgen Trittin behauptet: Manche Menschen sind weniger begabt als andere und in der Folge weniger intelligent, aber die Unterschiede machen nicht an Geschlechtergrenzen halt, wie abermals das Protokoll der Plenarsitzung belegt.

Epilog

Bislang tappen Bildungsforscher, wenn es darum geht, die schulischen Nachteile von Jungen zu erklären, weitgehend im Dunklen. Die wenigen Untersuchungen, die es in diesem Zusammenhang gibt, wie z.B. die Lau-Studie, deuten zwar auf eine aktive Benachteiligung von Jungen im deutschen Schulsystem hin, bedürfen aber, was die Mechanismen der Benachteiligung angeht, weiterer Forschung. Diese Forschung ist, nachdem uns Herr Trittin mit seiner höchst persönlichen Erkenntnis und noch dazu ungebeten beglückt hat, dringlicher denn je.

Es ist erfreulich, dass auch Grüne der Ansicht sind, in Deutschland herrsche das Leistungsprinzip. Das steht zwar in direkten Widerspruch zu den Quoten, nach denen die Grünen ihre (Vorstands-)Posten besetzen, aber was sind schon Widersprüche anderes als rationale Einsprengsel im Meer des affektiven Wahnsinns?

Bildnachweis: Jürgen Trittin

 

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