Man mag das Wort “Studie” gar nicht mehr in den Mund nehmen bzw. die Buchstaben auf der Tastatur so aneinanderreihen, dass dabei “Studie” herauskommt.

Wahnsinn-xvyb6839

Seit sich Institutionen, Ministerien, die EU, die Gewerkschaften, Parteien und sonstige Organisationen, denen nichts an Wissenschaft, aber viel an Gefälligkeitsstudien liegt, der “Studien” bemächtigt haben, und immer neue “Studien” veröffentlichen, in denen anscheinend wissenschaftlich akkurat ein bestimmtes Thema aufgearbeitet wurde, hat für uns “Studie” einen negativen Beigeschmack.

“Studie”, das ist das, bei dem man sich regelmäßig an den Kopf greift. Bei “Studien” kann man ziemlich sicher sein, dass die Methodologie, das wissenschaftliche Denken und vor allem die wissenschaftliche Lauterkeit auf der Strecke geblieben sind. Und zuweilen ist “Studie” etwas, bei dem man denkt, der Verstand der Verfasser ist auch auf der Strecke geblieben, so es ihn überhaupt und jemals gegeben haben sollte.

Eine solche “Studie” hat die EU gerade präsentiert und auf so mancher Seite hat die entsprechende “Studie” bereits Widerhall gefunden. Die EU-Kommission vermarktet die vermeintliche Studie wie folgt:

Digital Agenda: Bringing more women into EU digital sector would bring €9 billion annual GDP boost, EU study shows

Und natürlich ist der vermeintliche Nutzen von 9 Milliarden Euro, den die vermeintliche Studie vorhersagt, und zwar für den Fall, dass “more women” im digitalen Bereich, also im Bereich von Informations- und Kommunikationstechnologien arbeiten, die Grundlage dafür, dass besonders studiengeile die “Studien-Ergebnisse” zum Anlass nehmen, um eine “Frauenquote” zu fordern, um die 9 Milliarden Euro auch zu ernten, jährlich versteht sich.

Die “Studie”, in der die 9 Milliarden Euro ausgerechnet wurden, stammt aus Spanien, quasi als eine Form der Strukturhilfe für das von der Finanzkrise gebeutelte Land hat die EU-Kommission Iclaves S.L. in Madrid damit beauftragt, diese wichtige “Studie” zu erstellen. Iclaves ist eines der Institute, die auf der Gehaltsliste der EU-Kommission stehen und sich bereits in anderen Zusammenhängen nicht nur als Nutznießer der EU-Kommission, sondern auch als williger Zuträger von durch die EU-Kommission vermarktbaren Ergebnissen präsentiert haben.

Nun also, hat Iclaves ausgerechnet, dass dann, wenn “more women” im Sektor der Informations- und Kommunikationstechnologien arbeiten würden, 9 Milliarden Euro mehr umgesetzt werden würden. Und alle haben dieses Ergebnis der “Studie” so hingenommen, und kaum jemand hat sich gefragt, wie kommt man eigentlich auf ein derartiges Ergebnis?

Nun, in der Executive Summary, die die EU-Kommission wohl zur Grundlage ihrer Pressemeldung und aller nachfolgender Forderungen nach Frauenquote und …, der übliche Unsinn halt, genutzt hat, steht Folgendes:

“Meanwhile economic arguments for increased female participation in the sector abound. If women held digital jobs as frequently as men, the gain for the European GDP each year would be around 9 bn EUR (this translates into 1.3 times Malta’s GDP!)”3.

Einmal davon abgesehen, dass hier eine unbelegte Behauptung als Gemeingut verkauft werden soll, so als gäbe es auch nur ein einziges ökonomisches Argument, das eine Frauenquote stützen würde, einmal davon abgesehen, dass hier die Malteser diskriminiert und als Loser dargestellt werden, die man mit ein paar Frauen mehr im Informations- und Kommunikationstechnologie-Sektor in den Schatten stellen kann, ist das Wichtigste am zitierten Absatz die 3 am Ende des Absatzes. Die 3 verweist auf eine Fussnote, in der man Folgendes findet:

“Data elaborated for this study based on the European Labour Force Survey (2011). For a detailed description of the methodology used please refer to the section “Description of the Problem” of this document.”

Natürlich ist “Descripton of the Problem” in der “Executive Summary” nicht enthalten, und deshalb muss man sich den kompletten Bericht herunterladen, um darin auf Seite 33 tatsächlich eine Beschreibung dessen, was da gemacht wurde, zu finden, und zwar in Fußnote 34. Wer sich für die ausführliche Variante des Unsinns, den Iclaves zusammengerechnet hat, interessiert, der möge die Abbildung anklicken. Für alle anderen hier die Kurzvariante: 20,67% der europäischen Männer, die an Universitäten ein Fach der Informations- oder Kommunikationstechnologie (IKT) studiert haben, arbeiten später im IKT-Sektor, aber nur 10,76% der Frauen. Gut 60% der IKT-Studenten, ob männlich oder weiblich, arbeiten in anderen Sektoren der Wirtschaft (23% der weiblichen und 15% der männlichen IKT-Studenten arbeiten gar nicht). Wenn nun 8% der Frauen, die in einem anderen Sektor als dem IKT-Sektor arbeiten, im IKT-Sektor arbeiten, dann wären dies rund 115.000 Frauen. Die durchschnittliche Produktivität im IKT-Sektor berträgt 78.000 Euro, und 78.000 Euro multipliziert mit 115.000 Frauen ergibt rund 9 Milliarden Euro. Eh voilá, so einfach kann man die EU-Kommission mit Zahlen versorgen, die manchem Kommissar den Speichel aus dem Mund fließen lassen.

Aber was ist von dieser Rechnung zu halten?

Zunächst ist es immer wieder verblüffend, wie fixiert die Frauenförderer auf Männer sind. Wenn rund 20% der männlichen IKT-Studenten im IKT-Sektor arbeiten, dann ist das Gottes Gesetz. Rund 20% ist die göttliche Zahl, die es für Frauen zu erreichen gilt. Zu einem anderen Gedanken sind die Frauenförderer nicht fähig, ihr Gehirn ist auf Geschlechtsteile und auf eine Gleichheit programmiert, so dass man wohl langsam, aber sicher von einer geistigen Fehlfunktion ausgehen muss. Denn: Wenn man 8% der männlichen Absolventen eines IKT-Studiums, die nicht im IKT-Sektor arbeiten, dazu bringen könnte, im IKT-Sektor zu arbeiten, die 9 Milliarden wären auch das rechnerische Ergebnis, und man hätte es ganz ohne weibliche IKT-Studenten erreicht, könnte die 8% mehr weiblichen Studenten, die es nach dem Studium vorziehen, nicht zu arbeiten als Männer, also in ihrer Arbeitslosigkeit belassen.

Aber die Rechnung geht nur auf, wenn man davon ausgeht, dass alle IKT-Studenten gleich gut sind, dass man den einen nehmen kann und mit dem anderen ersetzen, dass man ein paar weibliche Studenten dazu tut und die entsprechenden weiblichen IKT-Studenten sich gar nicht auf die durchschnittliche Produktivität im IKT-Sektor auswirken, weder positiv noch negativ. Und die Rechnung geht nur dann auf, wenn man vergisst, dass der Abzug von 115.000 weiblichen oder männlichen IKT-Studenten aus anderen Bereichen der Wirtschaft dort Kosten verursacht, was wiederum die 9 Milliarden Euro deutlich abschmelzen dürfte, auf was auch immer. Tatsächlich haben die 9 Milliarden mehr, die man im IKT-Sektor umsetzen könnte, also gar nichts mit Frauen zu tun. Tatsächlich erweist sich die gesamte hanebüchene Rechnung als absurder Unsinn, von dem man sich als normaler Mensch fragen muss, wie man darauf kommen kann. Und tatsächlich basiert die Berechnung auf der Prämisse, dass weibliche IKT-Studenten in anderen Wirtschaftsbereichen als dem IKT-Sektor nichts zur Produktivität beitragen und deshalb problemlos abgezogen werden können.

Derzeit werden bei der EU monatliche Grundgehälter von 2.300 Euro bis 16.000 Euro bezahlt. Die EU beschäftigt zur Zeit 12.578 Frauen und 11.290 Männer in ihrer Bürokratie. Im Jahr 2012 hat die EU-Kommission für Angestellte und Pensionszahlungen ehemaliger Angestellter 5,786 Milliarden Euro ausgegeben. Bei 33.868 Beschäftigten betragen die durchschnittlichen Jahresbezüge entsprechend 170.789 Euro. Die Kosten für Angestellte in Administrationen in China variieren zwischen 180,75 Euro (1.500 Reminbi) bis 2771,45 Euro (23.000 Reminbi). Ersetzte man die 33.868 Angestellten der Europäischen Kommission durch billigere und vermutlich effizientere Fachkräfte in China, so könnte man eine jährliche Einsparung von 84% der Personalkosten erzielen, was einer jährlichen Einsparung von 4.86 Milliarden Euro entspricht.

Eigentlich kann die EU-Kommission nichts gegen diesen Vorschlag einzuwenden haben. Er enstpricht völlig der Argumentation, wie sie die EU-Kommissare derzeit benutzen, um z.B. eine Frauenquote im IKT-Sektor zu fordern. Zudem hätte der Vorschlag eine Reihe von Wohltaten für die Bürger, die über die finanzielle Einsparung hinausgehen. Man würde in Zukunft nicht nur von unsinnigen “Studien” verschont bleiben, die Geld kosten und die Intelligenz jeden Normalbürgers beleidigen, man bliebe darüber hinaus von den EU-Kommissaren verschont, deren Intelligenz offensichtlich nicht das Maß eines Normalbürgers erreicht, und die sich nicht scheuen, hanebüchene Forderungen auf die Grundlage unsinniger “Studien” zu stellen.

Der Artikel erschien zuerst auf Sciencefiles.

 

Weitere Beiträge

Prostitution: Ein Beruf wie jeder andere


In der Kontroverse um eine Verschärfung des Prostitutionsgesetzes werden Sexarbeiterinnen mit fragwürdigen Argumenten pauschal als Opfer abstempelt. Novo-Redaktionsleiter Johannes Richardt fordert stattdessen, die Prostitution konsequent zu legalisieren.
Der Konflikt um die Prostitution ist wohl so alt wie das Gewerbe selbst. In ihm spiegeln sich gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen...

Ach Mädchen ...


Wladimir Putin, Barbie, Heidi Klum, Markus Lanz, nun also auch Kardinal Meisner. Die Femen kommen weit rum. Soll mal einer sagen, Frauen wüssten ihren Körper nicht einzusetzen.
Josephine Witt hat sich ausgezogen. Auf dem Altar des Kölner Doms. In der Weihnachtsmesse am 25. Dezember. Wir feiern die Geburt Jesu. Es war zudem der Geburtstag von Kardinal Meisner, der die Messe zelebrierte. Es sollte wohl ein...

Gezeitenwechsel


Ich hätte nie gedacht, dass es mir mal so gehen würde. Eigentlich bin ich ein optimistischer Mensch. Noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten, uns zu entfalten, wie heute. Jeder kann leben, wie er es für richtig hält. Geschichte vollzieht sich in Pendelbewegungen, doch unterm Strich wird das Leben besser. Von alledem bin ich noch immer überzeugt. Aber im letzten Jahr hat sich etwas in mir...

Mit innerparteilicher Demokratie gegen Lobby- und Klientelpolitik

Your browser does not support the audio element.
Der postmoderne Relativismus zeichnet sich durch die Ablehnung von festen Grundsätzen aus. Er durchdringt alle Bereiche unserer Gesellschaft. In der Politik führt er zu Verstößen gegen fundamentale Prinzipien der Demokratie und öffnet Tür und Tor der Lobby- und Klientelpolitik. Nur durch die Stärkung von festen Grundsätzen in der Politik,...

Die feministischen AufseherInnen von Wikipedia


Grundsätzlich ist die Internet-Enzyklopädie Wikipedia eine begrüßenswerte Einrichtung. Demokratisch verfasstes und verfügbares Wissen, eine tolle Sache. Nun gab es immer schon sachliche Kritik an inhaltlichen Fehlern der Beiträge und auch absurde Beispiele für die Unflexibilität der Plattform.
So wird von dem amerikanischen Schriftsteller Philip Roth berichtet, er habe eine falsche Information...

Wie wir zur Zensurgesellschaft werden


Ich sag’s ja immer: Bei uns ist der größte, schärfste und gefährlichste Zensor nicht der Staat, sondern die Gesellschaft selbst.
Und gerade der Feminismus betreibt das immer schlimmer, etabliert bei uns die Zensur immer stärker.
 

NovoArgumente: Dossier „Genderdebatte“

23. August 2013
Staatliche Gleichstellungspolitik wird zunehmend zu einem Problem für Frauen und Männer. Nicht Emanzipation, sondern Regulierung, Volkserziehung und Gleichmacherei stehen im Vordergrund.
Inwieweit müssen Frauen wirklich vor Übergriffen durch das andere Geschlecht geschützt werden? Warum ist es politisch und moralisch geboten Frauen im Beruf zu bevorzugen? Und wieso haben es...