Der Rücktritt der ehemaligen Zeit-Journalistin Susanne Gaschke vom Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Kiel ist nicht nur bemerkenswert wegen seiner mit Entsetzen angereicherten Emotionalität, sondern besonders wegen der mitgelieferten Begründung.

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Sie sagte laut und vernehmlich, dass sie es nicht mehr aushalte,  dass ihre „Qualifikation bezweifelt“ werde, die Stadt zu führen. Darüber hinaus machte sie „Testosteron gesteuerte Machos in den Medien und den Parteien“ als Strippenzieher aus, die ihr unerträgliches Leid zufügten.

Wer Kämpfe um Macht als schlichte Abkömmlinge von Qualifikationen und nicht von Dominanzstreben versteht, der hat das Wesen von Macht nicht verstanden. Das sollte gerade einer Anhängerin der Frauenquote und gängiger Männerkritik geläufig sein.

Aber nicht nur das: Ihre eigene Qualifikation wird von ihr für so umwälzungsfähig gehalten, dass die bedrückenden Machtspiele der Bösen eigentlich wie Eis in der Sonne zerrinnen und als Niederschlag ihrer Qualifikation sich eine Kultur gesitteter Politik in Kiel auftun sollte. Das ist nicht nur ein beiläufig mitgeschlepptes, sondern zugleich ein realitätsfernes Bekenntnis. Wahrscheinlich konnte sich das nur in „dem linken liberalen Klima“ der ZEIT-Redaktion entwickeln. Susanne Gaschke tut so, als müsse das Richtige, nämlich eine Neue Politikkultur, nur formuliert werden und dann ginge alles ganz schnell in lichte Höhen. Strukturveränderung träte dann gleich einer Erlösung von Oben ein. Aus dieser Selbstgewissheit muss blankes Entsetzen folgen, wenn ihre Qualifikation angezweifelt wird.

Ihre Selbstgewissheit ist aber an eine Besonderheit geknüpft, die bislang übersehen wurde. Höchste Ansprüchlichkeit an sie selber ist daraus entstanden, die über das hinausgeht, was wir im Alltag als Qualifikation bezeichnen. Vielmehr treffen wir auf ein einzigartiges Amalgam aus besserem Wissen, guter Absicht mit persönlicher Verkörperung des Besseren. Qualifikationgewissheit paart sich mit Erlösungsphantasien. Das ist kein Zufall, sondern verweist auf die Konstellation, die uns das Geschlechterarrangement zumeist als Freund-Feind-Verhältnis präsentiert. Die Verkörperung des Verheißungsvollen drückt sich als etwas „Mitgebrachtes“ und nicht als lebensgeschichtlich Erworbenes aus. Was mitgebracht wird, kann nur Biologisches sein – nämlich eine Frau zu sein. Die Humanisierung des Kieler Politbiotops sollte deshalb aus einer essentialistischen Qualifikation einer Frau entspringen. Das macht die hör- und sichtbare Kränkung begreiflich, weil das weibliche Wesen in Frage gestellt scheint, nachdem Frauen Dinge tun können, die Männer unmöglich sind. Oder: Das „Östrogen“ ist dem „Testosteron“ überlegen.

Folgt man diesem Gedanken, dann rührt die tiefe Kränkung aus einer narzisstischen Wesensverletzung: Weil sie eine Frau ist, hätte ihr die Kultivierung der Kieler Parteienszene „natürlich“ gelingen müssen. Darin nur persönliches Sendungsbewusstsein zu sehen, das sich mit Anmaßung, Hochmut oder Trotz abzutun lässt, verfehlt den Kern der Niederlage. Denn Susanne Gaschkes Entsetzen scheint sich weniger am Zweifel an ihrer Qualifikation als allein an dem erschütterten Sendungsbewusstsein entzündet zu haben. Als Neuling Fehler einzuräumen, war ihr deshalb nicht möglich. Sie sah ihre politische Vorstellung vom heilenden „Wesen der Weiblichkeit“ in Frage gestellt, das als Biologismus, eben Essentialistisches mitschwingt. Der Feminismus hat solchen Essentialismus strikt bekämpft, und mit Simone de Beauvoir das Weibliche als „Gemachtes“ deklariert. Das wurde in Kiel rückgängig gemacht und in die remythologisierende Wiederauferstehung gezwungen.

Damit bewegt sich Susanne Gaschke in der Tradition jener mächtigen Strömung des Feminismus,  die besagt: Entweder die Frauen erlösen die Gesellschaft von allem Übel oder die Gesellschaft geht zugrunde. Denn: „Die Zukunft ist weiblich.“ Dabei wird sie sich auf den Programmsatz ihrer Partei, die SPD, berufen können. Denn dort heißt es wörtlich: Wer die menschliche Gesellschaft will, der muss die männliche überwinden. Deshalb hat sie die CDU-Frauen während ihrer atemlosen Rede zum Wechseln auf die Seite der Zukunftsträchtigen zu ziehen versucht. Sie wollte zur Erlöserin Kiels von einer rüden Funktionärskultur werden. Wer das Schwert der Aufklärung und lebensweltlichen Kultivierung so heftig schwingt, der muss im Scheitern sein Selbst- und Sendungsbewusstsein heftig kränken. Diesem Eindruck kann sich niemand entziehen, der ihre Rede gehört hat.

Die harte Landung nach dem „linden Klima“ in der ZEIT-Redaktion steht in der Tradition einer eher gehässigen und besserwisserischen Debatte über Geschlechterbeziehungen. Nur werden die in der Zeit von vielen Männern geschluckt oder zähneknirschend hingenommen. Allein das trug dazu bei, dass sich die Illusion eines milden Klimas einstellen konnte. Und abermals zeigt sich,  dass Sprachlosigkeit wie vielberedtes Schweigen von Männern nicht mit schweigender Zustimmung verwechselt werden sollte. Die Illusion des milden Klimas basierte nämlich auf der Nichtanerkennung von Vorstellungen der Männer über Geschlechterarrangements.

Wer Susanne Gaschkes zurückliegende Äußerungen zur Frauenquote heranzieht, aber nicht nur die, der stößt stets darauf, dass sie Männern Qualifikationen abspricht und ihnen stattdessen Testosteron gesteuerte Motive unterstellt. Und die seien nun alle gegen Frauen gerichtet. Sie spricht Männern damit zweckrationales Handeln ab, das die Grundlage unserer gesellschaftlichen Produktivität und unseres Wohlstands ist. Denn wäre die Welt frei von „Testosteron“, dann gäbe es keinen technischen Fortschritt. Testosterone zerstören nach Gaschke die Welt. Sie tut Männern in härtester Form an, was ihr in Kiel zugefügt wurde. Während Männer in der Zeit dazu schweigen, nur Vereinzeltes dringt etwas nach Draußen, empört sie sich lautstark und gibt das Opfer. Was sie als „lindes Klima“ ausgibt, hat sie den Gegenwind nicht spüren lassen, der zeitlich verzögert als Orkan über sie hereinbrach. Und genau das könnte zum Modell für anstehende Geschlechterkonflikte werden. Obwohl die meisten Männer zu der sie umgebende Vorwurfskultur schweigen, so bewahrheitet sich, dass ihr Schweigen nur über ihre Kränkungen und ihren Ärger hinwegtäuscht.

Bilderbuchartig wie Forschungsergebnisse hat Susanne Gaschke kein Gefühl für die Verletzungen, die sie austeilt, sondern nur für die, die sie selber einstecken muss. Die Illusion des milden Klimas besteht heute an vielen Orten, nämlich in Verwaltungen, Medien, Schulen, Justizwesen und den Bildungsinstitutionen. Männer schweigen und niemand will sehen, was sich da zusammenbraut. Susanne Gaschke ist nicht an hochgesteckten Zielen gescheitert, sondern an der feministischen Erlöserutopie, die sie realitätsblind für den Sturm auch innerhalb ihrer eigenen Partei gemacht hat. Geschlechterarrangements lassen sich solange nicht gemeinsam gestalten, wie Männer entwertet und beschämt werden und entweder gegen ihre Interesen zu Frauenverstehern mutieren, die als die ewigen Schuldigen sich der Erlöserutopie der Frauen unterwerfen oder den Sturm losbrechen lassen.

Hier die Rede von Susanne Gaschke im Text und als Video.

Mitte November erscheint: Gerhard Amendt: Höllenhunde und Himmelswesen. Plädoyer für eine neue Geschlechter-Debatte, Ikaru Verlag ISBN 978-3-927076-67-9

Der Artikel erschien zuerst auf Agens.

 

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