Lange gab es kaum Begehrlichkeiten in Zusammenhang mit dem „Ewigen Eis“. Doch der Klimawandel, welcher arktische Ressourcen zugänglich macht, das rasante globale Bevölkerungswachstum und die damit einhergehende höhere Nachfrage nach Energiequellen haben dies erheblich verändert. Auch in Deutschland wächst das Interesse an der Arktis.

Arktis-xysa3124 Zusammen mit Partnern wurden seitens der Bundesregierung Positionspapiere entwickelt, sogar Leitlinien für die deutsche Außenpolitik zu diesem Thema erlassen (vgl. hierzu die Masterarbeit von Frank Warmbrodt, Oslo, aus dem Frühjahr 2010). Die Politik berief international besetzte Konferenzen ein und hielt wissenschaftliche Tagungen ab, berichtet Stefan Steinicke. Auf der Ebene der Europäischen Union (EU) sei ebenfalls ein zunehmendes Interesse zu konstatieren, obschon die EU noch kein starker Arktisakteur ist. Ursache dessen ist nicht zuletzt ihre Vielstimmigkeit.

Ein stärkerer Akteur im Hohen Norden ist Dänemark: Das kleine Land leitet seine Ansprüche vor allem von der politischen Zugehörigkeit Grönlands, der größten Insel der Erde, zu ihm ab. Jedoch richten sich die dänischen Blicke inzwischen auch darüber hinaus. Daher haben die Skandinavier einen „Claim“ bei den Vereinten Nationen eingereicht, mit dem sie offiziell Anspruch auf weite Teile des Kontinentalsockels nördlich von Grönland und damit auch auf dort vermutete Rohstoffe erheben, so Tobias Etzold, der das Forschungsprojekt „Research Centre Norden“ (RENOR) zu deutsch-nordischen Beziehungen sowie nordischer Zusammenarbeit leitet.

Lange gab es kaum Begehrlichkeiten in Zusammenhang mit dem „Ewigen Eis“. Doch der Klimawandel, welcher arktische Ressourcen zugänglich macht, das rasante globale Bevölkerungswachstum  und die damit einhergehende höhere Nachfrage nach Energiequellen hätten dies erheblich verändert, so sein Kollege an der SWP, Stefan Steinicke.

Als das Interesse befördernd wirke der Energiehunger Asiens im Allgemeinen und Chinas im Besonderen (vgl. Xuewu Gus Publikation aus dem Jahr 2007 zu Mythos und Realität des chinesischen Energiehungers). Eine weitere Motivation sind mögliche Schifffahrtsrouten, die bislang klimatisch bedingt unmöglich erschienen und kürzere Seewege zwischen Europa und Asien versprechen, im Vergleich zu den traditionellen Routen durch den Panama- und Suezkanal.

Einen „Hype“ um die Arktis gab es ab Mitte der 2000er Jahre, also vor etwa einer Dekade, wegen des damaligen Ölpreisbooms, konstatiert Steinicke. Ab etwa 100 US-Dollar (derzeit knapp 90 Euro) pro Barrel (159 Liter) lohne sich eine Förderung von Öl aus der Arktis. Jedoch sind die Schiefergasressourcen anderer Erdteile heute kostengünstiger. Japan importiert zudem Flüssiggas aus der Barentsee. Etwa zehn bis fünfzehn Prozent der weltweit vermuteten aber noch nicht gefundenen Energievorkommen sollen sich in der Arktis befinden. „Eine Prognose für Zukunftsszenarien gestaltet sich sehr schwierig, zumal die Welt immer komplexer wird“, betonen die beiden SWPler mehrfach unisono.
Die politischen Entwicklungen seien dennoch unabsehbar, zumal Russlands eigene Quellen in den traditionellen Fördergebieten zunehmend versiegen. Noch im Herbst 2014 wurde die Offshore-Anlage Prirazlomnoye in Betrieb genommen, von welcher Öl nach Europa geliefert wird.

Durch die westlichen Sanktionen auf Hochtechnologieprodukte ist der weitere Ausbau der russischen offshore-Produktion jedoch gefährdet (die deutsch-russische Kooperation in der maritimen Wirtschaft ist bedeutsam). Doch Nutzungen der nordischen Rohstoffe gestalten sich oft auch auf lange Sicht als außerordentlich schwierig bzw. problem- und herausforderungsbehaftet: Das Eis bildet sich nach wie vor nur in den Sommermonaten zurück (vgl. Arktis und die Antarktis im Klimawandel). Ein dänischer und ein französischer Mineralölkonzern gaben sogar ihre Lizenzen für Probebohrungen vor Westgrönland zurück: „Auf absehbare Zeit wird sich an dieser Tendenz wenig ändern“, erwartet Etzold, der zum nordischen Raum, aber auch zur Zusammenarbeit in der Ostseeregion publiziert. Der norwegische Konzern Statoil arbeitet hingegen weiter in der Arktis und auch russische Unternehmen sind weiter aktiv.

Es ist auch unter Experten – wie den Volkswirten der Großbanken und ihren Vertretern an den Börsen – unklar, wie lange der Ölpreis noch sinkt bzw. ob die jüngste Steigerung sich fortsetzt (Mitte Februar gab es z. T. ein Plus von über drei Euro pro Barrel gegenüber dem Vortag, heran an die 60 Euro-Marke). Die meisten Analysten erwarten, dass Öl rasch noch teurer wird und sich der Barrelpreis zwischen 60 und 80 US-Dollar einpendelt, was in Deutschland – inklusive der erhobenen Steuern, die die Mehrheit der Kosten für den Verbraucher ausmachen – zu Benzinpreisen von etwa 1,40 Euro pro Liter führen könnte.

Bereits zu Zeiten des Kalten Krieges haben neben den USA und der Sowjetunion auch Großbritannien und Frankreich ihre mit Atomwaffen bestückten U-Boote in der Arktis patrouillieren lassen. Die „Grande Nation“ arbeitet derzeit noch an einer Arktisstrategie, die das Vereinigte Königreich bereits besitzt. Allerdings ist die völkerrechtliche Situation eindeutig und sind der größte Teil des gesamten Gebiets – wie ihre Ressourcen – staatlich klar zuzuordnen, referiert Forscher Steinicke: „Militärische Auseinandersetzungen zwischen den Arktis-Anrainerstaaten um Grenzverläufe sind daher nicht zu erwarten.“

Außer den USA unterzeichneten alle Anrainerstaaten die UN-Seerechtskonvention (der 1996 gegründete internationale Seegerichtshof, International Tribunal for the Law of the Sea (ITLOS), sitzt in Hamburg). Auf der Münchner Sicherheitskonferenz war die Lage in der Arktis (auch) bei ihrer 51. Ausgabe Anfang Februar 2015 kein Thema. Denn es liegt keine akute Krise vor, kein Leidensdruck eines Akteurs, der heftig genug wäre. Eine Gefahr könnten jedoch zu befürchtende „spill over“-Effekte darstellen, insbesondere angesichts der gegenwärtigen Ukraine-Krise. Damit ist gemeint, dass die Konfliktlage im Kriegsgebiet Donbass im Osten des Landes die Stimmung zwischen dem Westen und Russland grundsätzlich vergiftet. Das im Zuge der Ukraine-Krise aufkommende Misstrauen zwischen dem Westen und Russland übertrüge sich bei diesem Szenario auf den Hohen Norden und könnte sich negativ auf die bisher kooperative Situation auswirken. Deshalb, so warnen nicht nur Steinicke und Etzold, sollten die Anrainerstaaten auf keinen Fall eine „Trennlinie“ zwischen den westlichen Anrainerstaaten und Russland ziehen: „Kooperationen müssen aufrechterhalten und fortentwickelt werden, um dem weiteren Export von Misstrauen, z. B. in die Arktis, vorzubeugen.“

Hintergrund:
Die Berliner Politikwissenschaftler Stefan Steinicke und Tobias Etzold forschten an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) über die Arktis. Der Beitrag entstand aufgrund eines Gesprächs mit ihnen über das Potenzial der Arktis, die politische Situation – und die Schwierigkeit, Prognosen abzugeben.

 

Weitere Beiträge

Wie man böse Kerle zu netten Jungs umbaut - Progressive Mädchenpädagogik und die „Nice Guys Engine“


Der folgende Text ist ein Beitrag zur Blogparade des Monats Februar, die Geschlechterrollen zum Thema hat. Alle Ähnlichkeiten zu einer Satire sind unbeabsichtigt und ungewollt, aber unglücklicherweise unvermeidbar.
Ein Partnertest. Nicht etwa in der Bravo oder auf einer wenig vertrauenswürdigen Internet-Seite, sondern in einem wissenschaftlichen Angebot für Schulen, erstellt in Zusammenarbeit...

Das neoklassische Monopol und seine Konkurrenten

15. Mai 2014, von Prof. Günter Buchholz
Ein Aufstand (welch ein Wort!) der Wirtschaftsstudenten ist es zwar nicht, der von den in der „Gesellschaft für Plurale Ökonomik“ organisierten Studenten ausgeht, aber ein kräftiger Hinweis auf einen bedenklichen Missstand ist es sehr wohl.
Eingefordert wird mit Blick auf Wirtschaftstheorien: Vielfalt statt Einfalt!  Konkurrenz statt Monopol! Das ist ein...

Nach 25 Jahren: Die DDR lebt


Heute, am Tag der Berliner Jubelfeiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, schreibt Harald Martenstein im „Tagesspiegel“ einen grandiosen Beitrag, der zusammenfasst, was viele Leser fühlen.
„Die DDR lebt. Zumindest zum Teil. In einigen Bereichen nähert sich das vereinigte Deutschland immer mehr dem Zustand an, in dem die DDR gewesen ist.“
 

Der radikale Biologismus des Gender-Mainstreamings


Bei der Frauenquotenpolitik geht es darum, ein Mittel zu finden, um sich auf dem Arbeitsmarkt und in den Personalhierarchien privater Unternehmungen und öffentlicher Organisationen in der subjektiv als übermächtig erlebten Konkurrenz gegenüber Männern Sondervorteile zu verschaffen.
In der Durchsetzung dieser Interessen gibt es bis hin zum offenen Verfassungsbruch kaum Hemmungen. Allerdings muss...

Vergesst die Rechten!

Um von Anfang an Missverständnisse zu vermeiden: Ich arbeite mit Personen aus dem konservativen Lager immer wieder gerne für eine lohnende Angelegenheit zusammen. Gelegenheit dazu habe ich beispielsweise bei AGENS, einer die verschiedenen Lager überbrückenden geschlechterpolitischen Initiative, genauso wie bei den bürgerlich Liberalen von "eigentümlich frei" und Co. Allerdings musste ich im...

Die Frauenquote und ihr Rattenschwanz


Die Beseitigung der Benachteiligung aufgrund des Geschlechtes am Arbeitsplatz war eine der Hauptforderungen der Frauenpolitik vor 30 Jahren. Jetzt setzt die gleiche Frauenpolitik durch, dass die Benachteiligung aufgrund des Geschlechtes in immer mehr Bereichen gesetzlich festgelegt wird: Per Frauenquote.
Dabei wird es nicht nur Dax-Unternehmen treffen, sondern weitgehende negative Veränderungen...

Härtetest für die Demokratie: Warum Gefühle unsere Gesellschaft gefährden - #DHMDemokratie

Das Deutsche Historische Museum hat Cuncti unter dem Hashtag #DHMDemokratie zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema: Was bedeutet mir Demokratie? Wir starten heute mit einem Beitrag unserer Autorin Deborah Ryszka.

Im öffentlichen Diskurs dominieren persönliche Animositäten, die maßgeblich die Wahrnehmung von Argumenten beeinflussen. Das gefährdet zunehmend die Demokratie.
Je nach Zeitalter und...