Was geschieht, wenn Kritisierte ihre Kritiker erforschen und dabei aus öffentlichen Geldern gefördert werden? Prof. Gerhard Amendt stellt sich in einem offenen Brief gegen "kriminaltechnisches Profiling" von Kritikern und ein neues Phobieetikett.

Gleichstellung und Gender Studies haben eines gemeinsam: beide stehen seit geraumer Zeit in der Kritik und geraten unter Rechtfertigungszwang. Der Gleichstellungspolitik wird der Umstand zum Vorwurf gemacht, dass sie bis heute reine Frauenpolitik geblieben ist, Männer diskriminiert und tradierte Geschlechterrollen eher fortsetzt. Den Gender Studies wird vorgeworfen, unwissenschaftlich und ideologisiert zu sein. Ihnen wird vorgehalten, im Sinne eines übertriebenen Soziologismus gesicherte Erkenntnisse der Bio- und Neurowissenschaften zu ignorieren. Der Vorwurf lautet weiter, dass die Gender Studies ein auf maßgeblich philosophischen Quellen gebautes Theoriegebäude als Wissens- und Forschungsstand ausgeben, eine empirische Beweisführung aber schuldig bleiben.

Die so Kritisierten meinen, die zunehmende Missbilligung von Gleichstellung und den Gender Studies gefährde den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Darum unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit knapp einer Million Euro ein Projekt für die Erforschung antifeministischer Diskurse. Zuwendungsempfänger ist das Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung der Philipps-Universität Marburg. Die geäußerte Kritik mag man mögen oder nicht - fraglos ist sie diskussionswürdig. Was aber passiert, wenn - wie im Falle des genannten Forschungsprojekts - die Kritisierten ihre eigenen Kritiker "erforschen"?

Prof. Gerhard Amendt - ehemals Leiter des Instituts für Geschlechter- und Generationenforschung der Universität Bremen - ist einer dieser Kritiker. Er wurde von einer Mitarbeiterin des Forschungsprojekts um ein Interview gebeten. In einem offenen Brief erklärt Gerhard Amendt, warum er sich an einem "kriminaltechnischen Profiling" von Kritikern nicht beteiligt. Seinen offenen Brief an die Leiterin des Forschungsprojekts veröffentlichen wir nachfolgend:

OFFENER BRIEF

Phillips-Universität Marburg

Gender Studies und feministische Zukunftsforschung (ZGS )

Sehr geehrte Frau Professor Dr. Henninger,

eine Ihrer Mitarbeiterinnen hat mich um ein Interview zu Ihrem Projekt „Anti-‚ genderistische' Argumentationen in akademischen Kontexten " gebeten. Verstehe ich das richtig, dass Sie auf der Suche nach dem Anti-Genderistischen sind und mich als Teil einer Feindsymptomatik wahrnehmen und deshalb(!) „konturierend Hintergründiges" von mir erwarten?

Anti-‚genderistische' Argumentationen" sind für Sie wohl alles, was Ihrer Ideologie von bösen Männern mit Allmacht und guten Frauen mit Ohnmacht sich widersetzt. Sie bewegen sich im Umkreis klassischer Polarisierung, die nur Freund und Feind kennt und letztlich an gelösten Konflikten wenig interessiert ist. Genderstudies sind deshalb das Problem und niemals die Lösung von Konflikten.

Ihr Projekt zielt demnach auf Zweierlei. Sie wollen ein neues Phobieetikett aus der Taufe heben: das der Genderstudiesphobie. Sie wollen sich als Psychiater betätigen, obwohl Sie auch davon keine Ahnung haben.

Nun lässt sich nicht leugnen, dass das Etikett Phobie zum politischen Kampfmittel aller Argumentationsunwilligen geworden ist. Mit Wissenschaft hat das aber nichts zu tun. Das Diagnostizieren von psychischen Krankheiten sollte Fachleuten überlassen bleiben und nicht Genderideologen und Politikern. Die Angst, die vor allem jüngerer Wissenschaftler vor den Genderstudies-Politik haben, trägt keine phobischen Züge, sondern ist Ausdruck realer Bedrohung, die von Netzwerken der Genderstudies ausgehen und Karrieren zerstörend vor allem gegen Männer eingesetzt werden. (Die Präsidentin der Goethe-Universität, Prof. Wolf, meint wohl genau das, wenn sie von „Stammtischniveau" spricht.)

Offenbar soll ich dabei mitwirken, antigenderistische Wissenschaftler„auf biographische Faktoren und Vernetzungen zu konturieren". Man kann das getrost als das genderpolitische Äquivalent zum kriminaltechnischen Profiling beschreiben.

Ihr Projekt ist eingemauert in die Gender-Ideologie und durch Gleichgesinntheit mit den Bundesministerien für Erziehung und Wissenschaft verbunden. Letztlich geht es um ein Umerziehungsprogramm, mit dem die Genderideologie in der Kindererziehung, Sexualpädagogik, unter Jugendlichen sowie Institutionen der Weiterbildung, der Parteien, Gewerkschaften und Kirchen verbreitet werden soll. Im geschichtsvergessenen Jargon der SPD: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden!".

Das Problem ist weiterhin, mein Kollege Prof. Jost Halfmann hat darauf hingewiesen, dass Genderstudies erst dann zur Wissenschaft werden könnten, wenn Sie sich auf das System der Wissenschaft, deren Regelwerke, Methoden und Kommunikationsformen einlassen. Also das Gegenteil der Selbstghettoisierung von Frauen unter den Dächern der Universitäten. Die staatlich finanzierte Isolation begünstigt den sprachlos aggressiven Fremdkörper innerhalb der Universitäten. So lassen sich im Rahmen von parteilicher Forschung - Advocacy Research - politische Erwartungen für sympathisierende Gruppen herstellen.

Ihr Projekt erinnert an Feindaufklärung im zweiten Weltkrieg. Deren Informationen sollten verstanden werden, damit die Bevölkerung ihr keinen Glauben schenkt und die eigene Schlagkraft dadurch geschwächt wird. Das ist nicht nur leicht durchschaubar, es liefert Außenstehenden einen Einblick in die Feindseligkeit, die für Genderstudies wesensbestimmend ist. Sie wollen die Feindaufklärung nur gründlicher als die Heinrich-Böll-Stiftung und vereinzelte Journalisten betreiben.

Das Projekt bestätigt, dass Genderstudies sich als Ideologie und Diskurs zerstörendes Social Engineering präsentieren und nicht als Wissenschaft!

Gerhard Amendt

18/07/2018

 

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