Rezension zu „Die freie Gesellschaft und ihre Feinde“

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Wir leben in Zeiten, in denen zentrale Ideale unserer Zivilisation verletzt und ihre Errungenschaften rückgängig gemacht werde. Zu diesen Idealen gehört vor allem die Freiheit, genauer: die Meinungsfreiheit. Ihre Verletzung findet in vielen relevanten Bereichen unserer Gesellschaft statt, z.B. in der Wissenschaft. Der Physiker Ralf B. Bergmann analysiert den Verlust der Freiheit und zeigt Wege auf, wie die Freiheit wiedererlangt werden kann.

Zunächst muss jedoch die Frage beantwortet werden, warum ausgerechnet ein Physiker, der offensichtlich nicht so stark wie Wissenschaftler aus sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern von Verletzungen der Wissenschaftsfreiheit betroffen ist, den Verlust der Freiheit, insbesondere der Wissenschaftsfreiheit anprangert. Das hat verschiedene Gründe.

Physiker sind gegenüber ideologisch motiviertem Druck unbefangener und unabhängiger. Physiker und andere Naturwissenschaftler sind in ihrer Forschung empirisch ausgerichtet, d.h., ihre Thesen müssen empirisch überprüft werden. Sie sind ferner darauf ausgerichtet, klar und systematisch zu denken sowie rational zu argumentieren. Und nicht zuletzt sind sie wissenschaftlichen Idealen wie Ergebnisoffenheit und Objektivität verpflichtet.

Der Autor beginnt seine Analyse mit einigen Beobachtungen. An den deutschen Universitäten werden gegenwärtig immer mehr Veranstaltungen aus ideologisch-politischen Gründen gestört. Oft wird bereits im Vorfeld von Veranstaltungen gedroht, die entsprechenden Veranstaltungen zu stören. Unter diesem ideologisch-politischen Druck werden diese Veranstaltungen abgesagt. Unliebsame Wissenschaftler werden darüber hinaus in anonymen Schmähschriften diffamiert, verfemt und nicht selten bedroht.

Die Positionen der angegriffenen Wissenschaftler widersprechen den heute herrschenden Ideologien wie Politischer Korrektheit, Gender, Diversität bzw. den herrschenden Auffassungen über Klimawandel, Migration und Geschlechterverhältnisse. Als „Ideologie“ bezeichnet der Autor alle Konzepte, die sich nicht an der Empirie und der rationalen Argumentation orientieren.

Der Autor analysiert in einem ersten systematischen Schritt die Entwicklungen, die zu der heute grassierenden Zerstörung einer freien Debattenkultur geführt haben (im Kapitel „Kampf der Weltanschauungen“). Er sieht in den „sozialistisch geprägten Weltanschauungen“ bzw. in der „linken Ideologie“ den Hauptgrund für die Entstehung der heutigen Situation:

„Während rechtsextremistische Tendenzen aber aufgrund ihrer Bereitschaft zu brutaler Gewalt, einschließlich Mord, und ihrer schlichten Ideologie verhältnismäßig leicht zu erkennen sind, wirkt linke Ideologie meist wesentlich subtiler und positiver. ´Linke` Ideologie ist in ihrer Eigensicht progressiv, d.h. fortschrittlich, frei von ´überkommenen` Vorstellungen, pluralistisch und vielfältig. Sie gibt vor, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen und wirkt intellektuell anspruchsvoller.“

Ich möchte noch hinzufügen: Während es eine Vergangenheitsbewältigung bezüglich des rechten Totalitarismus (Faschismus, Nationalsozialismus, Rassismus) gab und völlig zurecht immer noch gibt, gab es nichts Entsprechendes bezüglich des linken Totalitarismus. Das merkt man deutlich im heutigen Deutschland. Die Verbrechen des Sozialismus/Kommunismus werden verharmlost, linksradikale Konzepte positiv konnotiert und sozialistische Modelle wie die Enteignung propagiert. Dass der Sozialismus/Kommunismus weltweit 100 Millionen Tote auf dem Gewissen hat, ist den meisten Deutschen, hauptsächlichen jungen Menschen offensichtlich nicht bekannt.

Aber was bedeutet „linke Ideologie“? Der Autor unterscheidet zwischen dem Klassischen Marxismus, dem Neomarxismus und der post-marxistischen Linken. Konzentrieren wir uns auf die letzte Strömung, denn sie ist für den heutigen Zustand der Unfreiheit weitgehend verantwortlich.

Zu dieser Strömung gehören Konzepte wie die Politische Korrektheit, die Gender-Ideologie und die mit ihr verbundene Politik des Gender-Mainstreamings, das Konzept der Diversität (Vielfalt), der Anti-Rassismus usw. Die politische Seite dieser Strömung wird auch als „Identitätspolitik“ bezeichnet, wobei die Identität nicht über das Individuum bzw. die Individualität von Menschen, sondern über die Zugehörigkeit zu Gruppen/Kollektiven (Geschlecht, Rasse, sexuelle Orientierung) bestimmt wird.

Somit wird das individuelle Leistungsprinzip aufgehoben und das Proporzprinzip eingeführt. Bestimmte Gruppen werden dabei als „diskriminiert“ bezeichnet und es wird gefordert, wegen dieser „Diskriminierung“ die entsprechenden Gruppen besonders zu behandeln, sie z.B. rechtlich zu bevorzugen (siehe die Frauenquote).

All den oben genannten Konzepten liegt der Sozialkonstruktivismus zugrunde. Alles, auch raum-zeitliche, materielle Dinge sind soziale Konstruktionen. So ist z.B. für die Gender-Konstruktivistin Judith Butler auch das biologische Geschlecht eine soziale Konstruktion. Es wird in der Sprache, „diskursiv“ erzeugt.

Alles, was konstruiert wurde, kann auch dekonstruiert werden. Diese Sichtweise widerspricht völlig den empirisch vorgehenden Wissenschaften. Für den Sozialkonstruktivismus gibt es keine Tatsachen, die empirisch festgestellt und überprüft werden könnten, sondern nur in „Diskursen“ ausgehandelte Konstruktionen.

Das soziale Konstruieren ist in erster Linie keine kognitive Tätigkeit. Gefühle spielen im Konstruktionsprozess eine zentrale Rolle. Richtig ist das, was das Gefühl sagt. Ich bin das, was das Gefühl sagt. Meine Identität wird dadurch bestimmt, wie ich mich fühle. Fühle ich mich wie eine Frau, dann bin ich auch eine Frau. Auch dieser Irrationalismus widerspricht völlig der wissenschaftlichen Methodologie.

Außerdem ist für die vom Sozialkonstruktivismus bestimmte Identitätspolitik die wissenschaftliche Forschung von vornherein und durchgehend politisch. Die Wissenschaft soll ausdrücklich politischen Zielen dienen, einen Beitrag zur „Emanzipation“ bestimmter Gruppen leisten. Der Autor betont, dass Sachargumente „jederzeit durch den Verweis auf politische bzw. ´moralische` Korrektheit diskreditiert werden“ können.

Als Kritik bleibt anzumerken, dass sein Begriff „post-marxistische Linke“ für die Bezeichnung der oben genannten Konzepte nicht glücklich gewählt ist. Ich möchte vorschlagen, bezüglich der hier genannten Konzepte von postmoderner Ideologie bzw. vom Postmodernismus zu sprechen. Es sind die Postmodernisten wie Jean-François Lyotard, Michel Foucault oder Jacques Derrida, die die Weichen für den Sozialkonstruktivismus und die mit ihm einhergehende Identitätspolitik gestellt haben. Diese Denker als „links“ zu bezeichnen, ist falsch.

Doch was sind die Mechanismen, die die Zerstörung der freiheitlichen Debattenkultur begünstigen? Der Autor analysiert sie im Kapitel „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Er erklärt zunächst, was ein rationales Argument ist, zeigt sodann die Mechanismen der Manipulation und der Propaganda, die zu einer weitreichenden Umgestaltung der Gesellschaft führen. Sein Augenmerk richtet sich dabei – wie eingangs erwähnt wurde – auf die Wissenschaft. Sie leidet besonders unter dem postmodernen – in Autors Terminologie „linken“ – „Aufstand gegen die Vernunft“. In der Kritik dieses Aufstands beruft er sich immer wieder auf Karl Popper, den bekannten Wissenschaftstheoretiker, der daran glaubte, Vernunft im Sinne des rationalen Argumentierens mit empirischer, auf Beobachtung basierender Vorgehensweise verbinden zu können. Poppers Wissenschaftstheorie stellt ein Gegengewicht zum Irrationalismus der Identitätspolitik dar.

Mit welchen weiteren Instrumenten – außer der Wissenschaftstheorie Poppers – möchte uns der Autor aus der gegenwärtigen Krise hinausführen? In dem Kapitel „Der Freiheit zum (Über-)Leben verhelfen“ schildert er solche Instrumente. Entscheidend ist für ihn nicht nur das Selberdenken, sondern auch die Kommunikation und darin das rationale Argumentieren. „Wenn wir innere gedankliche Freiheit gewonnen haben, ist das noch keine Garantie dafür, dass das auch nach außen sichtbar wird.“

Der Einzelne kann mit dem Mut, unangenehme Fragen zu stellen und unkonventionelle Denkansätze zu vertreten, eine wichtigen Beitrag zur Förderung einer freiheitlichen Debattenkultur leisten. Er kann ein „Türöffner“ für viele andere Menschen sein. Er kann sie dazu bewegen, ihre Meinungen in Frage zu stellen und sie gegebenenfalls zu ändern.

Weitere Instrumente sind: handeln zum Besten der Gesellschaft, reden über das, was uns bewegt, schreiben, kommunizieren mit Politikern, sich über aktuelle politische Themen informieren, Politiker beobachten, sich in der Politik engagieren und die Gesellschaft durchdringen.

Für den Autor bildet das Christentum, genauer: die christliche Ethik das Fundament für das Funktionieren einer Gesellschaft. Nur mit Hilfe des Christentums können die oben genannten Probleme gelöst werden. Das Christentum soll in den Augen des Autors sozusagen ein Garant für Freiheit, gegenseitigen Respekt und Toleranz sein, ein Garant für das Funktionieren einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. Diese These ist sehr problematisch, besonders für den Rezensenten, der eine dezidiert atheistische, sich an die Tradition der Aufklärung anlehnende Position vertritt.

Der Autor fragt: „Warum kann man das gleiche nicht einfach durch ´die allgemeinen Menschenrechte` (also ohne Religion, A.U.) erreichen?“. Und er antwortet:

„Weil sie letztlich im Wandel gesellschaftlicher Vorstellungen zur Disposition stehen. Sollten die Lehren aus den Grauen des Nationalsozialismus oder des Kommunismus verblassen, ist es durchaus denkbar, dass grundlegende Menschenrechte zur Diskussion stehen oder auch ohne Diskussion abgeschafft werden.“

Dabei nimmt der Autor an, dass die Botschaft des Christentums nicht zur Disposition steht. Das setzt wiederum ein Glaubensbekenntnis voraus, das von vielen Menschen (den meisten?) in der heutigen Gesellschaft, hauptsächlich von wissenschaftlich gebildeten, nicht geteilt wird.

Eine genaue systematische Fundierung der hier genannten Ideale in der christlichen Ethik wird vom Autor meines Erachtens nicht geleistet. Es bleibt nur bei Hinweisen und Andeutungen. Auch eine Fundierung der wissenschaftlichen Ideale bzw. der „Logik der Forschung“, also der wissenschaftlichen Methodologie in der christlichen Ethik wird von ihm nicht durchgeführt – und es bleibt zu fragen, ob sie überhaupt durchführbar ist.

Das Buch von Ralf Bergmann ist durchgehend klar und verständlich geschrieben. Es schildert eindrucksvoll die gegenwärtige Krise unserer Gesellschaft, vor allem den in ihr stattfindenden Verlust der Freiheit. Es beschreibt die geistesgeschichtlichen Gründe für diese Krise und analysiert die Mechanismen, die sie hervorrufen und verstärken. Schließlich zeigt es Wege auf, die Krise zu bewältigen, Wege, die in der Herausbildung einer kritischen Haltung und in der Kommunikation zu finden sind. Die Antwort auf die Frage, ob dabei das Christentum eine zentrale Rolle – ja überhaupt eine Rolle – spielen kann, überlasse ich dem Leser.

Ralf B. Bergmann, Die freie Gesellschaft und ihre Feinde, Verlag des ProfessorenforumsStuttgart 2021.

 

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