Das Wort „Führungsposition“ hat sich in allen relevanten Bereichen unserer Gesellschaft fest etabliert. Überall ist von „Führungspositionen“ als dem höchsten Ziel der beruflichen Karriere die Rede.

crown

Feministinnen und Frauenpolitikerinnen sehen im Erlangen von „Führungspositionen“ durch Frauen die Vollendung von Emanzipation und Gleichstellung. Auch die Wissenschaft folgt diesem Trend. Es entsteht der Eindruck, eine „Führungsposition“ sei das Wichtigste in der Wissenschaft, das höchste Ziel des Wissenschaftlers.

Natürlich braucht man in der Wissenschaft Menschen, die andere Menschen leiten. Professoren leiten Studenten an. Es gibt Fachbereichs- und Institutsleiter. Andere Wissenschaftler leiten Forschungsteams, wiederum andere stehen an der Spitze von wissenschaftspolitischen Organisationen. Ob die Letzteren in der genannten Funktion noch Wissenschaftler sind, ist fraglich. Sie sind eher Wissenschaftspolitiker oder – falls sie über Gelder entscheiden – Wissenschaftsmanager.

frauenquotenquotenfrauen„Führung“ ist aber für einen echten Wissenschaftler etwas völlig Nebensächliches, eine Aufgabe, die er noch neben seiner eigentlichen Tätigkeit übernehmen kann, ein notwendiges Übel, das ihn von seiner eigentlichen Aufgabe eher ablenkt. In der Wissenschaft geht es nämlich nicht um Führungspositionen, sondern um Ideen, Erkenntnisse, Entdeckungen und Forschung.

Das Wort „Führungsposition“ ist in der Wissenschaft ein Unwort. Es spiegelt einen dort gegenwärtig herrschenden Ungeist wider. Für viele Wissenschaftler dreht sich nämlich alles darum, eine „Führungsposition“ zu erlangen. Ihr Lebensziel ist die Führungsposition „Professur“. Karrieremachen steht für sie über allem. Haben sie eine Führungsposition erlangt, können sie dann in akademischen Gremien vertreten sein, wo Gelder und andere Privilegien verteilt werden. Gegen diese Zweckentfremdung und Instrumentalisierung der Wissenschaft regt sich kaum Widerstand.

Es ist erstaunlich, dass sich ausgerechnet Verantwortliche aus dem linken politischen Spektrum, die früher Hierarchien, Autoritäten, Machtstrukturen und „instrumentelle Vernunft“ bekämpften, an dieser Entwicklung beteiligen. Sie verwenden das Wort „Führungsposition“, das hierarchische Machtstrukturen impliziert, völlig unreflektiert und unkritisch. Politikerinnen der „Grünen“, der „Linke“ und der SPD fordern im Einklang „mehr Frauen in Führungspositionen“, und zwar nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in anderen relevanten Bereichen, wie der Wirtschaft.

Ähnliches gilt für die Propagierung des Lebenskonzepts "Karriere" durch die Linken. Während noch in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Linken dieses Lebenskonzept völlig abgelehnt haben (es galt als das Gegenkonzept zu linken bzw. linksalternativen Lebenskonzepten), wird es gegenwärtig von linken Journalistinnen wie Bascha Mika oder Heide Oestreich völlig unreflektiert und unkritisch propagiert - offensichtlich aber nur dann, wenn es um Frauen geht. 

Als Gegenbild zu dem gegenwärtig in der Wissenschaft herrschenden Ungeist möchte ich die Haltung des russisch-jüdischen Mathematikers Grigori Perelman schildern.

perelman-big

Perelman hat ein mathematisches Jahrtausend-Problem gelöst: die Poincaré-Vermutung. Er publizierte im Jahre 2002 die Lösung des Problems nicht in einer Fachzeitschrift, wie es die Zunft verlangt, sondern im Internet. Perelman lehnte 2006 die ihm dafür verliehene Fields-Medaille, eine der höchsten Auszeichnungen in der Mathematik, ab. Auch den mit einer Million Dollar dotierten Millenium-Preis des US-amerikanischen Clay-Instituts lehnte er 2010 ab. Zur Begründung gab er an, ein amerikanischer Kollege hätte genauso viel zur Lösung des Problems beigetragen.

Perelman lebt zur Zeit bei seiner Mutter in Sankt Petersburg und ist arbeitslos. Er weigert sich, an akademischen Initiationsritualen wie der Verteidigung einer Habilitation teilzunehmen, lehnt Privilegien und Geld ab. Er möchte keine Karriere machen und keine Professur haben. Perelman pfeift auf Führungspositionen.

Dieser Beitrag ist eine erweiterte Fassung eines auf ef-online erschienenen Textes.

 

Weitere Beiträge

Rezension: “Frauenquoten – Quotenfrauen” von G. Amendt


Das Thema „Frauenquote“ ist ein Dauerbrenner. Es wird von der Politik immer wieder auf die Tagesordnung gebracht. In den Mainstreammedien wird eine Hurra-Propaganda für die Frauenquote betrieben, wobei gebetsmühlenartig immer wieder dieselben Parolen und Forderungen vorgetragen werden. Kritische Beiträge zur Frauenquote werden äußerst selten veröffentlicht. Umso erfreulicher und für die...

Aufsichtsrat: Kein Experimentierfeld für Gesellschaftspolitik


Bevor man sich über die Frauenquote unterhält muss man sich über einige grundlegende Fragen Klarheit verschaffen. Die erste Frage lautet, wem gehört ein Unternehmen. Im Sozialismus gehört ein Unternehmen dem Staat. Wenn der Staat das Unternehmen führt, dann ist es klar, dass der Staat auch die Personalpolitik bestimmt. In einer Marktwirtschaft gehört ein Unternehmen dem Privateigentümer.
Die Eigentümer...

Qualifikation statt Quote

Ralf E. Geiling interviewt Günter Buchholz
Prof. Buchholz, halten Sie eine gesetzlich geregelte Frauenquote für sinnvoll?
Was ist eine Frauenquote?
Eine Frauenquote ist nicht Ausdruck des Leistungsprinzips, sondern Ausdruck des konkurrierenden Proporzprinzips, das beispielsweise in der Parteipolitik weithin üblich ist. Stellen oder Positionen werden bei Anwendung des Proporzprinzips nicht nach den...

Weiter auf dem Holzweg


Die Zahlen über die Mitgliedschaft von Frauen in der SPD, die der Landesverband Berlin kürzlich veröffentlicht hat, sind in der Tat erschreckend. Der Frauenanteil in der SPD stagniert seit Jahren bei unter einem Drittel. Bei den neu eintretenden Mitgliedern liegt er sogar deutlich darunter. Im Jahr 2011 waren gerade einmal 28% der neu in die Partei eintretenden Mitglieder Frauen. Ein höchst...

Zur Evaluation der Gender Studies

{jcomments off}
Offener Brief an den Wissenschaftsrat  
Die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank hat die Evaluation der „Gender Studies“ durch den Wissenschaftsrat beantragt. Doch wird die Evaluation sachgerecht durchgeführt und welches Gewicht werden dabei kritische Argumente haben?
 

Ein Gespräch über Freiheit und Demokratie - #DHMDemokratie

Das Deutsche Historische Museum hat Cuncti unter dem Hashtag #DHMDemokratie zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema: Was bedeutet mir Demokratie.
 
Neulich kam ich in einem Café zufällig mit einem älteren Mann ins Gespräch. Irgendwann im Laufe des Gesprächs fingen wir an, über Freiheit und Demokratie in Deutschland zu diskutieren.
...

Hätte Einstein heute in Deutschland eine Chance?

Die Exzellenzförderung führt mit Großprojekten vorwiegend zur Auswalzung bekannten Wissens, kaum zu wirklich neuartigen Erkenntnissen. Deren Entdeckung bleibt wie eh und je Individuen vorbehalten.

Entsprechend der als „Modernisierung“ verkauften ökonomischen Ausrichtung der Universitäten ist der heutige Wissenschaftsbetrieb eine stete Quelle propagandistisch wiederholter, in die Köpfe...

Individuelle Leistung statt kollektive Quoten

Nirgendwo werden Gehirnwäsche und mediale Manipulation so intensiv betrieben wie in der Debatte um die Frauenquote.
In bestehenden Unternehmen soll eine Frauenquote in den Vorstandsetagen eingeführt werden. Die Einführung der Fauenquote wird dabei als Gleichberechtigung deklariert. Frauen sind aber bereits gleichberechtigt. Bezogen auf die Wirtschaft bedeutet es, dass jede Frau wie auch jeder...